„…den Entschluss zu fassen, die Freiheit zu denken“

Eine Hommage an Simone Weil

von Seepferd

Angeblich war sie das alles gleichzeitig: Anarchistin, Marxistin, scharfe Kritikerin von Marxismus und Anarchismus, politische Philosophin, Mittelschichtstochter, ungelernte Arbeiterin, Jüdin, Skeptikerin, katholische Mystikerin, Feministin, Pazifistin und militante Antifaschistin. Vermutlich konnte sie das alles sein – und zwar gleichzeitig –, weil sie nichts davon sein wollte. Nichts ausschließlich. Das muss man sich trauen. Vermutlich ist das auch der Grund, warum so wenige mit ihr was anfangen können. Die KatholikInnen zerren sie auf ihre Seite, die AnarchistInnen beanspruchen sie für sich. Die einen meinen, irgendwo in ihrem recht kurzen Lebenslauf „Brüche“ ausmachen zu können, wo und aus welchen Gründen sie sich vom sozial-revolutionären Engagement in die religiöse Kontemplation zurückgezogen hätte; die anderen betonen vielmehr die „Kontinuitäten“: die Rückbesinnung auf christliche Ethik würde dem Engagement für alle Unterdrückten dieser Erde nicht widersprechen. Das Bildungsbürgertum gedenkt ihrer in periodischen Abständen: Es ist ja längst kein Tabu mehr, ein wenig (selbst)ironisch über tote Revolutionäre und andere Verrückte zu sprechen. (1) Man (ge)braucht sie, ähnlich wie Albert Camus, zur Selbstvergewisserung, ohne angeben zu können, wessen man sich eigentlich vergewissert und wie ernst es gemeint ist. (2) Eine Kuriosität also, „rote Jungfrau“, weiblicher Nietzsche, durchgeknallt und letztlich für nichts nütze. Ich persönlich trage das Interesse an der Person Weil schon lange mit mir herum, es hätte womöglich ein Vortrag in den Räumen am Josef-Stangl-Platz in Würzburg werden können, doch dazu kam es nicht. Und das ist vielleicht besser so. Nun scheint es mir abseits von runden Daten und irgendwelchen Jubiläen angebracht, bei einer dermaßen unpraktisch veranlagten Person nach gesellschaftlicher Praxis nachzufragen.

Jedes noch so dünnes Büchlein über sie bzw. von ihr ist, wie z.B. „Anmerkungen zur generellen Abschaffung der politischen Parteien“, mit einer kleinen biographischen Notiz versehen. Es ist also bei ausreichendem Interesse nicht schwer, Simone Weil historisch und ideengeschichtlich einzuordnen. In aller Kürze also, obwohl ich es nicht schaffe, das unterhaltsamer als Antje Schrupp 2009 (3) oder Heinz Abosch 1990.

Simone Weil wurde 1909 in einem guten bürgerlichen Haus in Paris geboren, hatte jüdische Wurzeln, genoss gute Ausbildung und wurde schließlich Lehrerin für Philosophie. Interessierte sich für Politik und soziale Kämpfe, zeigte sich solidarisch mit Arbeitern und Arbeitslosen, was ihr den Ruf der „roten Jungfrau“ einbrachte. Sie trat anarchistischen Zirkeln und revolutionär-syndikalistischen Gewerkschaften bei und las kommunistische Zeitungen, stritt sich mit Trotzki und de Beauvoir. „Die Erfahrung hat gezeigt, dass eine revolutionäre Partei sich wohl, nach einer Formel von Marx, des bürokratischen und militärischen Apparats bemächtigen kann, aber sie kann diesen nicht brechen. Damit die Macht wirklich an die Arbeiter übergeht, müssen diese sich vereinigen, nicht nur entlang illusionärer Verbindungen, die von einer Ansammlung gleicher Meinungen ausgehen, sondern entlang wirklicher Verbindungen einer Gemeinschaft, die auf derselben Funktion im Produktionsprozess basiert“, schreibt sie Anfang 1930er gegen die Bestrebungen des Komintern, Gewerkschaften anzuführen. (zit. nach Jacquier 2006, S. 86) Gleichzeitig aber zutiefst individualistisch: „Denken wir daran, dass wir dem Individuum, nicht dem Kollektiv den höchsten Wert beimessen. (…) Nur im Menschen als Individuum finden wir Voraussicht und Willenskraft, die einzigen Quellen einer effizienten Aktion. Aber die Individuen können ihre Anstrengungen vereinigen, ohne dabei ihre Unabhängigkeit zu verlieren“. (zit. nach Jacquier 2006, S. 104) Continue reading “„…den Entschluss zu fassen, die Freiheit zu denken“”

Meinst du, der Feind meines Feindes ist mein Freund?

(in der Mai-Ausgabe des Conne Island Newsletters, CEEIEH #257 erschienen. – liberadio)

Buchrezension von Jörg Kronauers »Meinst du, die Russen wollen Krieg? Russland, der Westen und der zweite Kalte Krieg«

Eines der wenigen Dinge, an die ich mich, ehrlich gesagt, überhaupt noch aus meinem Studium der Politikwissenschaft erinnere, ist, dass es immer die Dümmsten waren, die nach morgendlicher Spiegel Online-Lektüre in den Seminaren zu den Internationalen Beziehungen am lautesten über die sog. Außenpolitik schwadronierten. Der Maßstab des Themas korrespondiert nicht unbedingt mit der Größe der Erkenntnis. Und wenn doch, dann meistens umgekehrt proportional. Es lässt sich bekanntlich am bequemsten – vorzugsweise von expertenhaften Gesichtsausdrücken und Gesten begleitet – fachmännisch, äquidistant, wissenschaftlich eben über das ›Weltwetter‹ schwadronieren, wenn man/frau eh nichts fürs ›Wetter‹ kann. Da sah man/frau beides bereits in ein und derselben Gestalt: Die politisch interessierten BürgerInnen am Frühstückstisch und den PolitikexpertInnen vom Frühstücksfernsehen, die sich beim Käffchen in die Rolle mal der einen, mal der anderen Regionalmacht unverbindlich einfühlen.

Dem konkret-Autoren und Redakteur von german-foreign-policy.com Jörg Kronauer wird man mit so was natürlich nicht gerecht. Trotz des pathetischen Jewtuschenko-Zitats im Titel und des Verweises auf einen angeblichen »Kalten Weltkrieg«, ist das Buch voll mit wertvollen Hinweisen rund um den Konflikt Russland vs. die NATO bzw. ›der Westen‹ gespickt.

Im Schnelldurchlauf und dennoch faktenreich skizziert er die historische Entwicklung und die Grundlinien der aktuellen Russlandpolitik Deutschlands und der USA. Alles wertvolle Hinweise, die öfters in der Debatte fehlen und die vorschnell zur Dämonisierung Russlands verleiten. Was die deutsche Ostpolitik angeht, fängt Kronauer merkwürdigerweise erst in der Weimarer Zeit an, als sich Teile der deutschen Bourgeoisie mit dem jungen sozialistischen Russland arrangieren mussten, weil ihnen ihre Geschäftsbeziehungen aus der Zarenzeit drohten flöten zu gehen. Das ist eben die Konfliktlinie zwischen verschiedenen Bourgeoisiefraktionen, die sich durch die gesamte Geschichte der deutschen Russlandbeziehungen zieht und manchmal abenteuerliche ideologische Formen annimmt: Mit dem ›Westen‹ zusammen den ›wilden Osten‹ kolonisieren, mit Russland gegen den verhassten Rest von Europa oder gar im Alleingang gegen den Rest der Welt Mist an allen Fronten bauen? Selbst nach dem desaströsen Ausgang des Zweiten Weltkrieges,, formierten sich mit der Gründung der BRD in den 1950er Jahren wirtschaftliche Interessengruppen im sog. Ost-Ausschuss, die Handelsbeziehungen mit dem sog.sozialistischen Ostblock anstrebten. Dabei unterstützte man immer gerne nationalistische Zentrifugalkräfte wie z.B. den ukrainischen Nationalismus bzw. die exilierten Überreste der »Ukrainischen Befreiungsarmee«, der faschistischen Kollaborateurentruppe OUN-UPA. Wie diese politische Unterstützung mit der Arbeit des Ost-Ausschusses konkret zusammenhing, verrät uns Kronauer nicht. Er schildert aber deutsche Versuche, die kollabierte wirtschaftliche und die geschwächte außenpolitische Lage der zerfallenen Sowjetunion auszunutzen und ehemalige Teile davon in den eigenen Einflussbereich hineinzuziehen – wie es z.B im Fall der Ukraine trotz florierender wirtschaftlicher Zusammenarbeit mit Russland 2014 passierte. Continue reading “Meinst du, der Feind meines Feindes ist mein Freund?”

Aus: Simone Weil, “Über die Ursachen von Freiheit und gesellschaftlicher Unterdrückung”, Zürich, 2012

(Reflexions sur les causes de la liberte et de l’oppression sociale, 1934)

 

Tatsächlich erklärt Marx ausgezeichnet den Mechanismus kapitalistischer Unterdrückung; er erklärt ihn aber so gut, dass man sich kaum vorstellen kann, wie er aufhören könnte zu funktionieren. S. 12

Die Arbeiterbewegung konnte die Illusion der Macht erwecken, solange sie dazu beitrug, die Reste des Feudalismus zu beseitigen oder die kapitalistische Herrschaft zu errichten, sei es in Form des privaten Kapitalismus oder in der des Staatskapitalismus, wie dies in Russland geschah; jetzt wo sie auf diesem Gebiet ihre Funktion erfüllt hat und von der Krise vor das Problem der wirklichen Machtergreifung durch die Arbeitermassen gestellt wird, zerfällt sie mit einer Schnelligkeit, die alle, die an sie geglaubt hatten, mutlos macht. Auf ihren Trümmern spielen sich endlose Kontroversen ab, die sich nur durch die zweideutigen Formeln befrieden lassen, weil unter all denen, die immer noch von Revolution sprechen, kaum zwei mit diesem Begriff dasselbe verbinden. Revolution ist ein Wort, für das getötet wird, für das gestorben wird, für das die Volksmassen in den Tod geschickt werden, das aber keinen Inhalt hat. S 30f

Ganz allgemein haben die Blinden, die wir heute sind, kaum eine andere Wahl als die zwischen Abenteuern und Kapitulation. S. 38

Der Herr muss den Knecht gerade deshalb das Fürchten lehren, weil er von ihm gefürchtet wird, und umgekehrt; das gilt auch für rivalisierende Mächte. S 43 Continue reading “Aus: Simone Weil, “Über die Ursachen von Freiheit und gesellschaftlicher Unterdrückung”, Zürich, 2012″

Zwei Audiomitschnitte für zwischendurch

Der eine ist etwas älter: April 2016, ein Vortrag über Gustav Landauer und den Geist der Revolution beim Radio Corax aus Halle.

Hier ist der Ankündigungstext: “Es hat in Deutschland in der Zeit seiner größtem Gottferne einen Mann gegeben, der wie kein anderer Mensch dieses Landes und dieser Stunde zur Umkehr aufrief. Um einer kommenden Menschheit willen, die seine Seele schaute und begehrte, stritt er gegen die Unmenschheit, in der er leben musste“, – so schrieb der chassidische Philosoph Martin Buber 1919 über seinen Freund, Publizisten und Volksbeauftragten der Bayerischen Räterepublik Gustav Landauer (1870 – 1919). Dieser gilt als einer der bekanntesten deutschsprachigen Anarchisten. Der Vortrag versucht, nicht nur an den Menschen Landauer zu erinnern, sondern auch sein umfangreiches Werk kritisch zu würdigen. Diese Aufgabe nehmen wir außerdem zum Anlass, das theoretische und praktische Erbe des „klassischen“ (also „Vorkriegs“-) Anarchismus zu reflektieren”.

MP3 hier (59,09 Mb)

Der zweite ist eine ordentlich Portion “Russophobie”, 2018 ebenfalls in Halle gehalten. Der Ankündigungstext dazu beim Grossen Thier: “Die ukrainische Krise 2014 und der darauf folgende Krieg im Osten des Landes scheinen die europäische Linke nicht weniger zu überfordern als z.B. der Krieg in Syrien. Den Krieg in der Ukraine auf die Regiemekrise in Russland von 2011 zurückzuführen, würde einen viel radikaleren Begriff von der Politik erfordern, als linke Freunde des Politikmachens ihn haben könnten. In diesem Krieg würde – je nach dem Maß der Ignoranz linker Betrachter – entweder eine bedrängte antifaschistische Schutzmacht gegen die Vortrupps der NATO und der USA oder zwei gleichwertige Faschismen gegeneinander kämpfen. In Wirklichkeit vielmehr, kämpfen zwei verbrüderte Faschismen Seite an Seite gegen etwas, wovon der europäischen (und nicht nur dieser) Linken anscheinend der Begriff abhanden gekommen ist. (Damit ist nicht gesagt, dass das russische oder ukrainische Regime direkt faschistisch wären). Nicht nur wurden die Marionettenregimes der sog. Volksrepubliken etabliert, damit alles bleibe, wie es ist, auch im Inneren der Ukraine wirken Kräfte, die mehr mit Russland zu tun haben, als es auf den ersten Blick scheinen kann”.

MP3 hier (110,8 Mb)

Покойся в мире, “борец за мир”

[По традиции невовремя. Ссать в сапоги левым антисионистам liberadio начало ещё давно, вот, например, заметка из бородатого 2011-го года “о том, но не о том”. Тоже традиция. – liberadio]

Двадцатого августа умер выдающийся борец за всё хорошее против всего плохого, правозащитник и радикальный противник военщины. Я не о Захарченко, я о фиговом листке любого антисионистского движа, человеке поддерживавшем антисемитские убийства и ручкавшегося с самим Яссиром Арафатом – об Ури Анвери.

Анвери родился в Германии, в городе Бекум в 1923-м году и выехал вместе с родителями в 1933-м в Палестину. Был участником вооружённой террористической группы “Иргун”, сотрудничал с правыми, служил в армии, сиживал в израильском парламенте в 60х-70х годах. Выступал за арабско-еврейскую федерацию, потом за “решение двух-государств”. Жизненный опыт привёл его к политическому активизму за мир между израилсьским и арабским народами. Оно было бы правильно, если бы Анвери не обьяснял свой активизм в 2005-м следующим образом: “За последние 71 год я не пережил ни одного дня мира”. Вот так, нацистская Германия, коллективно впавшая в антисемитский психоз, и с самого своего основания обороняющийся от дружественных соседей Израиль – всё один хрен, ночь тотальной абстракции, в которой все кошки серы. Разницы между сионистами и антисеитами нет практически никакой, и те и те хотели отправить евреев куда подальше в “ад и Израиль”. Continue reading “Покойся в мире, “борец за мир””

Насилие и общество

[В преддверии предстоящих пьянок с мордобоем и драматичными разборками мы представляем относительно старый (1997), но довольно интересный текст австрийского коммуниста Шандла. Судя по тексту, поводом была некая вспышка политического насилия и последовавшая за ним реакция общественности. Что конкретно это было, быстро выяснить нам не удалось и мы забили на это дело. Напоминает дикие дискуссии по поводу насилия во время саммита G20 этим летом в Гамбурге. Капитализм и государственные аппараты угнетения калечат неисчислимые человеческие жизни, калечат планету, но общественность больше интересует, как можно было вообще додуматься жечь автомобили и тырить смартфоны и бухло из магазинов. И вообще всё вот это вот, это всё ВАШЕ НАСИЛИЕ, мы-то демократы, значит у нас-то его нет вовсе, ща позвоню в полицию, шоб она вас всех сначала расстреляла, а потом на урановые рудники отправила… Некоторым людям можно помочь только порцией целебного насилия. Этого мнения предерживается и liberadio.]

 

Неоднозначные размышления по поводу распространённого недопонимания

Франц Шандл

I.

Насилие служит «решением» для конфликтов в их чистейшей, начальной и конечной форме: для открытой конфронтации. Вся история человечества с точки зрения феноменологии является началом и завершением насилия. За всеми по-настоящему важными событиями оно скрывается в виде движущей силы. Насилие, таким образом, хотя и не является мотором истории, но вполне служит самым заметным моментом реализации общественного развития.

«Всякое государство основано на насилии» (Троцкий). Актуальная (Австрийская) республика, например, является выражением австрийской революции 1918-го года, а также входа союзных войск в 1945-м году. Оба события — события полные насилия. Насилия, таким образом, признание которого предшествовало данному государственному образованию. Вне сомнений: насилия прогрессивного, если сравнивать его с тем, что оно разрушило и окончило – собственно, реакционное насилие Третьего Рейха и Габсбургской монархии. Т.е. кто признаёт это государство или хотя бы видит в нём исторический прогресс, признаёт тем самым и то насилие, которое это государство породило. Короче: одобрение республики и демократии является одобрением определённых насильственных актов.

Любая государственная власть довольно грубо сменила свою предшественницу. Как говорил Карл Реннер, которого нельзя заподозрить в чём-либо дурном: «Сегодняшнее государство является переходным явлением общественного развития». Это касается и актуальной государственности. Насилие, таким образом, всегда предшествует существованию государства и является одним из условий его существования. Даже если оно не особо бросается в глаза и не выходит из берегов, оно всегда тут. То, что разрешение данного состояния должно произойти в какой-то иной форме, едва ли реалистично. Пока мы живём в предыстории человечества, верно высказывание: «Насилие есть повивальная бабка всякого старого общества, беременного новым» (Карл Маркс). Continue reading “Насилие и общество”

Emma Goldman: “A shrewd Asiatic, this Lenin…”

[Setzen wir doch unsere Zitirerei fort. Sie ist u.A. eine Art Ablage, und wird noch in woanders – wenn sich dafür Zeit und Kraft fänden – verwurstet. Solange aber sind das hier nur ein paar Auszüge aus einer der frühesten und eindrucksvollsten Bolschewismus-Kritiken, die jemals geschrieben wurden. Das hier nimmt einem oder einer die Beschäftigung mit dem Buch nicht ab, genauso wenig befreit es von der Auseinandersetzung mit Volins “Unbekannte Revolution”, mit Bettelheims “Die Klassenkämpfe in der UdSSR, Bd. 3-4”, mit Ciligas “Im land der verwirrenden Lüge”, mit Berkmanns, Makhnos, Serges und Arschinows Erinnerungen, mit Panekoeks, Weils und Rühles Kritiken und selbstverständlich auch nicht mit Lenin und Trotzky selbst und allen Märchen, welche sich Trotz-Kisten und andere Autoritären immer noch über die Revolution in Russland erzählen. – liberadio]

Excerpts from Emma Goldman’s, “My Desillusionment in Russia”, The C. W. Daniel Company, London 1925

(S. xii) By a strange coincidence a volume of letters written during the French Revolution, and compiled by the able German anarchist publicist, Gustav Landauer, came into my hands during the most critical period of my Russian experience. I was actually reading them while hearing the Bolshevik artillery begin the bombardment of the Kronstadt rebels. Those letters gave me a most vivid insight into the events of the French Revolution. As never before they brought home to me the realization that the Bolshevik regime in Russia was, on the whole, a significant replica of what had happened in France more than a century before.

(S. xv) The Russian Revolution is a miracle in more than one respect. Among other extraordinary paradoxes it presents the phenomenon of the Marxian Social Democrats, Lenin and Trotsky, adopting Anarchist revolutionary tactics, while the Anarchists Kropotkin, Tcherkessov, Tchaikovsky are denying these tactics and falling into Marxian reasoning, which they had all their lives repudiated as “German metaphysics”. The Bolsheviki of 1903, though revolutionists, adhered to the Marxian doctrine concerning the industrialization of Russia and the historic mission of the bourgeoisie as a necessary evolutionary process before the Russian masses could come into their own. The Bolsheviki of 1917 no longer believe in the predestined function of the bourgeoisie. They have been swept forward on the waves of the Revolution to the point of view held by the Anarchists since Bakunin; namely, that once the masses become conscious of their economic power, they make their own history and need not be bound by traditions and processes of a dead past which, like secret treaties, are made at a round table and are not dictated by the life itself.

(S. xxiv) My critic further charged me with believing that “had the Russians made the Revolution a la Bakunin instead of a la Marx” the result would have been different and more satisfactory. I plead guilty to the charge. In truth, I not only believe so; I am certain of it. The Russian Revolution – more correctly, Bolshevik methods – conclusively demonstrated how a revolution should not be made. The Russian experiment has proven the fatality of a political party usurping the functions of the revolutionary people, of an omnipotent State seeking to impose its will upon the country, of a dictatorship attempting to “organize” the new life. Continue reading “Emma Goldman: “A shrewd Asiatic, this Lenin…””

«Wir sind Russen, Gott ist mit uns», Teil 2

Ӝ Ӝ

von Ndejra

Je älter die Ansichten und die sie predigenden Menschen

sind, desto näher liegen sie für ihn in der Zeit, wo die

Religion „geoffenbart“ wurde, desto zuverlässiger erscheinen

sie ihm also. Dazu kommt, dass der Mensch sich immer an etwas

Konkretes, Wahrnehmbares halten muss, weshalb er den

Respekt vor dem Göttlichen auch auf dessen Diener und

Stellvertreter aller Sorten ausdehnt. Da nun letztere

Seinesgleichen sind, so gerät er in den komischen Widerspruch,

seinesgleichen für gescheiter und vertrauenswerter zu

halten als sich selbst. So wuchert die Herrschaft des

Menschen über den Menschen, die Autorität in jeder Form

und damit die Grundbedingung aller Knechtschaft und

Vormundschaft empor! Aberglaube für die Ansichten der

Eltern, der Lehrer, der Pfaffen auf Kanzel und Katheder,

der Fürsten und der Beamten, das alles sind Früchte des

religiösen Giftbaumes! (…) Wie wäre es sonst möglich, dass

bei sogenannten Religionslosen noch Autoritätsglaube und

Staatskultus in Hülle und Fülle anzutreffen sind, obwohl solche

Narrheiten auf der Voraussetzung, dass es zwei Intelligenzen

in der belebten Welt gebe, beruhen, und daher nur im

religiösen Wahn ihre Existenzberechtigung suchen können?

Johann Most, „Früchte des Gottesglaubens“

Die Seele Russlands ist eine Christin,

das Volk aber ist Stalinist.

Alexander Prochanow1

 

Die orthodoxe Kirche, die weltweite christliche Orthodoxie ist eine Gemeinschaft von einzelnen Landeskirchen, die dem Glaubenssymbol von Nikäa anhängen und miteinander eucharistisch (d.h. Priester zweier verschiedener Kirchen können zusammen eine Messe abhalten) verkehren. Die christlichen Orthodoxen halten sich für die einzig wahren Nachfolgen der Kirche Jesu und somit für die einzig wahren Katholiken (und die Katholizität bedeutet nichts anderes, als dass die Kirche für sich eine räumliche und zeitliche Einheit beansprucht, d.h. es wird nicht nur eine weltweite Einheitlichkeit postuliert, sondern auch eine direkte Verbundenheit mit den historischen urchristlichen Gemeinden). Der größte und bedeutendste Verband der Kirchen, die sich um die Konstantinopeler Kirche gruppieren besteht z.Z aus 15 autokephalen Kirchen: Continue reading “«Wir sind Russen, Gott ist mit uns», Teil 2”

«Wir sind Russen, Gott ist mit uns», Teil 1

von Ndejra

Ӝ

Zeigt uns übrigens nicht die Geschichte, dass die Priester

aller Religionen, ausgenommen die der verfolgten Kulte,

immer die Verbündeten der Tyrannei waren? Und gewöhnten

nicht selbst die Letzteren, während sie die ihnen feindlichen

Mächte bekämpften und verfluchten, ihre eigenen Gläubigen

an Gehorsam gegenüber einer neuen Tyrannei? Die geistige

Sklaverei, welcher Natur sie auch sein mag, wird immer die

politische und soziale nach sich ziehen. Heute stellt das Christentum

in all seinen Erscheinungsformen mitsamt der doktrinären,

deistischen oder pantheistischen Metaphysik, die nichts anderes

ist als eine schlecht verbrämte Theologie, das größte Hindernis

für die Befreiung der Gesellschaft dar; der Beweis hierfür ist,

dass alle Regierungen, alle Staatsmänner, alle, die sich, offiziell

oder inoffiziell, als Hirten der Volkes betrachten und in ihrer

großen Mehrzahl heute zweifellos weder Christen noch Deisten,

sondern Agnostiker sind, die (…) weder an Gott noch an den

Teufel glauben, aber nichtsdestoweniger mit sichtlichem

Interesse alle Religionen förderten, vorausgesetzt, dass sie

Geduld, Entsagung und Unterwerfung predigten, was sie

übrigens alle tun.

Michail Bakunin, „Die philosophischen Betrachtungen…“

Der Kapitalismus hat sich – wie nicht allein am Calvinismus,

sondern auch an den übrigen orthodoxen christlichen Richtungen

zu erweisen sein muss – auf dem Christentum parasitär entwickelt,

dergestalt, dass zuletzt im wesentlichen seine Geschichte die

seines Parasiten, des Kapitalismus ist.

Walter Benjamin, „Kapitalismus als Religion“

Die Idee, mich näher mit dem östlichen Christentum und in erster Linie mit der Russischen Christlich-Orthodoxen Kirche (im Weiteren ROK genannt) auseinanderzusetzen, kam mir in den Sinn, ehrlich gesagt, erst im Zuge des russischen hybriden Kriegs im Osten der Ukraine. Wer das Geschehen in Russland über die Jahre verfolgt hat, wird schon längst die schleichende Klerikalisierung des Landes, die vielem Immobilien- und Korruptionsskandale, in die die größte Landeskirche verwickelt war, bemerkt haben. Dass aber der multiethnische und folglich multikonfessionelle Staat, der qua Verfassung ein säkularer ist und keine offizielle Religion hat, in der letzten Zeit den christlich-orthodoxen Glauben beim Export und der Verfestigung der politischen Reaktion im Inneren immer öfter ins Feld bringt, das ist eine relativ neue Entwicklung. Das geschieht natürlich zuallererst zur Legitimation solch militärischer Auslandseinsätze wie der Annexion der Krim, in der Ostukraine oder letztens in Syrien bei der eigenen Bevölkerung. Wir werden allerdings sehen, dass Russland die ROK auch im Ausland zu legitimatorischen, imageverbessernden und diplomatischen Zwecken einsetzt. Continue reading “«Wir sind Russen, Gott ist mit uns», Teil 1”

Р. Рокер: «Реформация и новое государство»

Глава VI из книги «Национализм и культура»

 

Реформация и социальные народные движения Средневековья. Церковный раскол и княжеские интересы. Отношение Лютера к государству. Протестантство как помощник княжеского абсолютизма. Религия и государственные интересы. Дословность и внутреннее порабощение. Крестьянское восстание. Уиклиф и реформация в Англии. Движение гусситов, каликситов и таборитов. Война как источник деспотизма. Хельчицкий, противник церкви и государства. Протестантство в Швеции. Экспроприация церкви. Кальвинизм. Учение о предначертании. Террористический режим в Женеве. Протестантство и наука.  

 

 

 

 

В реформационном движении стран Севера, отличающемся уже своим религиозным содержанием от Ренессанса латинских народов с его явным языческим окрасом, необходимо чётко различать две тенденции: народную революцию крестьян и низших слоёв городского населения и так называемый протестантизм, который как в Богемии, так и в Англии, как в Германии, так и в скандинавских странах стремился лишь к отделению церкви от государства и, прежде всего, к концентрации всей власти в руках государственных учреждений. Память о народной революции, утопленной в крови зарождавшимся протестантизмом и его княжескими и церковными представителями, была позже оклеветана и унижена победителями, как оно обычно и происходит; и поскольку в общепринятой историографии издавна успех и крах какого-либо дела служили важнейшими критериями, то не могло и быть иначе, чем в позднее в реформации не видели ничего, кроме движения самого протестантизма.

Революционные устремления масс были направлены не только против римского папизма, но и в куда большей мере – против общественного неравенства и привилегий богачей и власть имущих. Протагонисты народного движения воспринимали эти различия как насмешку над чистым учением Христа, основанном на равенстве всех людей. Даже когда церковь достигла наивысшего пика своего могущества, заветы народной церкви с её общинным образом жизни и духом братства ещё не совсем угасли в народе. Они продолжали существовать у гностиков и манихейцев первых столетий и в еретических сектах Средневековья, достигавших поразительного количества. Да и происхождение монастырей восходит к этим тенденциям. Из этого духа родился хилиазм, вера в грядущее тысячелетнее царство мира, свободы и общественного владения собственностью, нашедшая своё отражения в учениях Иоахима Флорского и Амальриха Бенского.

Эти традиции были живы у богомилов в Болгарии, Боснии и Сербии, а также у катарцев в латинских странах. Они разжигали мужество веры в вальденсах и еретических сектах Лангедока и наполняли гумилиатов и апостольских братьев Северной Италии внутренним светом. Мы обнаруживаем их у бегинь и бегардов во Фландрии, у анабаптистов Голландии и Швейцарии, у лоллардов в Англии. Они жили в революционных движениях Богемии и в заговорах немецких крестьян, объединившихся под символами крестьянского башмака и «Бедного Конрада» с целью преодолеть феодальный гнёт. И это был дух тех же традиций, который снизошёл на «цвиккауских пророков» и придал столь мощный импульс  революционным действиям Томаса Мюнцера.

Против некоторых из этих движений церковь при помощи мирских властителей организовывала целые крестовые походы, как, например, против богомилов и альбигойцев, из-за чего целые страны наполнялись на столетия пожарами и убийствами, погибали многие тысячи людей. Но эти жестокие преследования привели лишь к тому, что эти движения обосновались в других странах. Тысячи беженцев шли из страны в страну и разносили свои учения. То, что большинство еретических сект Средневековья поддерживали отношения через границы, было безупречно подтверждено научными исследованиями. Такие отношения можно обнаружить между богомилами и некоторыми сектами в России и Северной Италии, между вальденсами и сектантами в Германии и Богемии, между анабаптистами Голландии, Англии, Германии и Швейцарии. Continue reading “Р. Рокер: «Реформация и новое государство»”