Fritz Linow wirbt für Das grosse Thier #15

“Die zentralen oder reformistischen Gewerkschaften sind ideallos. Sie kennen nur die jetzige Gesellschaft und streben in ihr einen Ausgleich zwischen den Gesellschaftsklassen und –gruppen an. Sie glauben einen solchen Ausgleich ermöglichen zu können durch Änderungen im geltenden Recht. Aus diesem Grunde fordern sie einen ständigen Ausbau der Sozialgesetzgebung. Sozialgesetzgebung ist für sie der Inbegriff alles Erstrebenswerten, weil sie eine Aussöhnung der sich feindlich gegenüberstehenden Klassen und Gesellschaftsgruppen wünschen. Sie sehen in der Sozialgesetzgebung auch einen Faktor von hohem moralischen Wert, dem ihrer Meinung nach die Aufgabe zufällt, bestehende Schranken zwischen Klassen und Gruppen zu Fall zu bringen und allen Gesellschaftsmitgliedern die Möglichkeit zu verschaffen, Dienst an der „Wirtschaft“ und Dienst am „Staate“ zu verrichten. Der Glaube hat sich in diesen Organisationen breitgemacht, dass Dienst am Staate und Dienst an der Wirtschaft unerlässliche Voraussetzungen für die Veränderung der gesellschaftlichen Stellung des Arbeiters sind. …

Der Tarifvertrag ist zu einer Einrichtung geworden, die der Wirtschaft den Arbeitsfrieden sichert und Gleichgewichtsstörungen auf ein Minimum reduziert. Die reformistischen Gewerkschaften aber zerfließen fast, in Ehrfurcht vor der Heiligkeit und Unantastbarkeit eines Tarifvertrags, der sich streng genommen nichts anderes darstellt als einen Vertrag, durch den der betroffene Arbeiter seine Ausbeutung für einen Rechtszustand erklärt und freiwillig Verzicht leistet auf den Kampf um die Änderung der ökonomischen Ordnung. Die Tarifvertragspolitik, die durch die Verordnung über Tarifverträge zu einem hervorragenden Bestandteil der kapitalistischen Wirtschaftsführung geworden ist, beschränkt durch das geltende Tarifrecht die gewerkschaftliche Aktionsfreiheit so stark, dass kaum noch von einem Klassenkampf gesprochen werden kann. Voraussetzung jeder auf Klassenkampf eingestellten Handlung ist, dass sie unter Außerauchtlassung der Interessen des Gegners rücksichtslos die eigenen wahrnimmt und alles tut, um den bestehenden Zustand der Dinge zu beseitigen, in unserem Falle, die gesellschaftliche Stellung des Arbeiters zu seinem Vorteil und zugunsten des endlichen Sieges der sozialistischen Weltanschauung zu verändern. Das Tarifrecht hingegen hebt den Klassenkampf auf und setzt an seine Stelle Klassenharmonie. Die Klassenharmonie als Ausfluss der Tarifvertragspolitik macht aber die Gewerkschaft als Interessen- und Kampforganisation, als ökonomischen Ausdruck einer bestimmten Gesellschaftsklasse überflüssig”.

 

Fritz Linow, “Gewerkschaftsbewegung und Arbeitsrecht”, 1928

О фильме “Паразиты” (2019)

До меня в последнее время доходит, как до жирафа. Особенно всякая культура-шмультура. Но вот сходил таки, развлёкся.

Признаюсь, фильм южнокорейского режиссёра Пон-Джун-хо приметил давно, но не хотелось идти именно из-за названия. Сильно попахивает таким клишеобразным крипто-антисемитизмом, который в кругах социально озабоченных и политически ангажированных создателей и создательниц искусства всегда был очень популярен. Ну, типа живут себе поживают такие обычные “маленькие люди” и всё-то у них так хорошо и гармонично, аж до розовых соплей, как в Хоббитландии. А потом появляются из ниоткуда жадные до денег мальчиши-плохиши (у политически ангажированных деятелей искусства – финансовый капитал и глобализация, у антисемитов еблом попроще – Сорос) и просто портят всё хорошее в отношениях власти, наёмном труде и товарном производстве. Потом сообщество маленьких людей с ними всё-таки справляется и сплачивается в своём маленьком, личном и одновременно общественном счастьице ещё больше. (Это в двух словах о роли антисемитизма в создании бесклассового народного коллектива на базе классового общества). Не буду спойлить, но фильм таки немного не о том.

Хороший фильм оказался, о жестокости классового общества, о необходимости идти по головам таких же бедолаг – либо ты их, либо они тебя. Какая уж тут классовая солидарность? Да ещё и в южно-корейских декорациях, экзотика знакомая всем в любом уголке Земли. Фильм, короче, про семейство пролетариев из полуподвально квартиры, которое царапалось как могло на пути к достатку и благополучию, причём довольно креативно. Как, наверное, и предки другой, богатой семьи, в которую наши “паразиты” пытаются вклиниться.

На меня фильм произвёл странное впечатление, и не только тем, что обозначил “паразитами” именно бедняков, а не богатеев. Обратил внимание на взаимные скрытые чувства классов друг к другу: одним хочется сладко есть, пить и спать, другие тайно восхищаются безнравственностью и, якобы, свободной сексуальностью пролетариата, который, по слухам, упарывается веществами и невозбранно чпокается на задних сиденьях начальственных автомобилей (см. единственную и довольно целомудренную постельнюю сцену в фильме). И тех и других гложут сомнения. Где-то в тени, в катакомбах – призрак Северной Кореи и теоретически возможное торжество пролетариата над буржуазией. Тарантиновская оргия (классового) насилия. Хорошо, очень хорошо!

Вот конец всей этой санта-барбары оставил место для сомнений. Пока хозяева хавали пирожные, тараканы под плинтусом подрались за право тырить у них крошки со стола. Потом, значит, пролетарский батя после акта классовой мести (вышел, таки, на свет, истории и перестал на мнгновение быть тараканом) добровольно ушёл в пожизненной одиночное заключение? Потому что где таракану место, когда на (чужой) кухне, с котрой он кормится, зажигается свет? Правильно – под плинусом, в темноте. Вот такая “антикапиталистическая” мораль этой басни. А это Достоевский какой-то, а не Маркс. У Маркса это, если не ошибаюсь, называлось “конервативный или буржуазный социализм”. Призрак Ким Ир Сена осуждающе смотрит на вас из-за кордона.

„…den Entschluss zu fassen, die Freiheit zu denken“

Eine Hommage an Simone Weil

von Seepferd

Angeblich war sie das alles gleichzeitig: Anarchistin, Marxistin, scharfe Kritikerin von Marxismus und Anarchismus, politische Philosophin, Mittelschichtstochter, ungelernte Arbeiterin, Jüdin, Skeptikerin, katholische Mystikerin, Feministin, Pazifistin und militante Antifaschistin. Vermutlich konnte sie das alles sein – und zwar gleichzeitig –, weil sie nichts davon sein wollte. Nichts ausschließlich. Das muss man sich trauen. Vermutlich ist das auch der Grund, warum so wenige mit ihr was anfangen können. Die KatholikInnen zerren sie auf ihre Seite, die AnarchistInnen beanspruchen sie für sich. Die einen meinen, irgendwo in ihrem recht kurzen Lebenslauf „Brüche“ ausmachen zu können, wo und aus welchen Gründen sie sich vom sozial-revolutionären Engagement in die religiöse Kontemplation zurückgezogen hätte; die anderen betonen vielmehr die „Kontinuitäten“: die Rückbesinnung auf christliche Ethik würde dem Engagement für alle Unterdrückten dieser Erde nicht widersprechen. Das Bildungsbürgertum gedenkt ihrer in periodischen Abständen: Es ist ja längst kein Tabu mehr, ein wenig (selbst)ironisch über tote Revolutionäre und andere Verrückte zu sprechen. (1) Man (ge)braucht sie, ähnlich wie Albert Camus, zur Selbstvergewisserung, ohne angeben zu können, wessen man sich eigentlich vergewissert und wie ernst es gemeint ist. (2) Eine Kuriosität also, „rote Jungfrau“, weiblicher Nietzsche, durchgeknallt und letztlich für nichts nütze. Ich persönlich trage das Interesse an der Person Weil schon lange mit mir herum, es hätte womöglich ein Vortrag in den Räumen am Josef-Stangl-Platz in Würzburg werden können, doch dazu kam es nicht. Und das ist vielleicht besser so. Nun scheint es mir abseits von runden Daten und irgendwelchen Jubiläen angebracht, bei einer dermaßen unpraktisch veranlagten Person nach gesellschaftlicher Praxis nachzufragen.

Jedes noch so dünnes Büchlein über sie bzw. von ihr ist, wie z.B. „Anmerkungen zur generellen Abschaffung der politischen Parteien“, mit einer kleinen biographischen Notiz versehen. Es ist also bei ausreichendem Interesse nicht schwer, Simone Weil historisch und ideengeschichtlich einzuordnen. In aller Kürze also, obwohl ich es nicht schaffe, das unterhaltsamer als Antje Schrupp 2009 (3) oder Heinz Abosch 1990.

Simone Weil wurde 1909 in einem guten bürgerlichen Haus in Paris geboren, hatte jüdische Wurzeln, genoss gute Ausbildung und wurde schließlich Lehrerin für Philosophie. Interessierte sich für Politik und soziale Kämpfe, zeigte sich solidarisch mit Arbeitern und Arbeitslosen, was ihr den Ruf der „roten Jungfrau“ einbrachte. Sie trat anarchistischen Zirkeln und revolutionär-syndikalistischen Gewerkschaften bei und las kommunistische Zeitungen, stritt sich mit Trotzki und de Beauvoir. „Die Erfahrung hat gezeigt, dass eine revolutionäre Partei sich wohl, nach einer Formel von Marx, des bürokratischen und militärischen Apparats bemächtigen kann, aber sie kann diesen nicht brechen. Damit die Macht wirklich an die Arbeiter übergeht, müssen diese sich vereinigen, nicht nur entlang illusionärer Verbindungen, die von einer Ansammlung gleicher Meinungen ausgehen, sondern entlang wirklicher Verbindungen einer Gemeinschaft, die auf derselben Funktion im Produktionsprozess basiert“, schreibt sie Anfang 1930er gegen die Bestrebungen des Komintern, Gewerkschaften anzuführen. (zit. nach Jacquier 2006, S. 86) Gleichzeitig aber zutiefst individualistisch: „Denken wir daran, dass wir dem Individuum, nicht dem Kollektiv den höchsten Wert beimessen. (…) Nur im Menschen als Individuum finden wir Voraussicht und Willenskraft, die einzigen Quellen einer effizienten Aktion. Aber die Individuen können ihre Anstrengungen vereinigen, ohne dabei ihre Unabhängigkeit zu verlieren“. (zit. nach Jacquier 2006, S. 104) Continue reading “„…den Entschluss zu fassen, die Freiheit zu denken“”

Aus: Simone Weil, “Unterdrückung und Freiheit. Politische Schriften”, 1975, Berlin

Ganz allgemein kann man die Welt, in der wir leben, nur dann als gesetzmäßig betrachten, wenn man annimmt, dass jedes Phänomen darin begrenzt ist. Und dies gilt auch für das Phänomen der Macht, wie Plato es erkannt hatte. Will man die Macht als ein verständliches Phänomen ansehen, dann muss man danken, dass sie die Grundlagen, auf denen die beruht, nur bis zu einem gewissen Punkt ausdehnen kann. Danach stößt sie gegen eine unüberwindliche Mauer. Dennoch vermag sie nicht stehen zu bleiben; der Stachel der Rivalität zwingt sie, immer wieder vorzudringen, d.h. über die Grenzen hinaus, innerhalb derer sie effektiv wirken kann. Sie verbreitet sich jenseits dessen, was sie zu kontrollieren vermag; sie befiehlt jenseits dessen, was sie aufzuerlegen mag; sie verschwendet jenseits ihrer eigenen Ressourcen. Das ist der innere Widerspruch, den jedes repressive Regime als tödlichen Keim in sich trägt. Er entsteht durch den Gegensatz zwischen dem notwendig begrenzten Charakter der materiellen Machtgrundlagen und dem notwendig unbegrenzten Charakter des Machtkampfes als einer zwischenmenschlichen Beziehung. … So besiegelte das römische Heer, das zuerst den Reichtum Roms geschaffen hatte, seinen Untergang. So verwüsteten schließlich die mittelalterlichen Ritter, deren Kämpfe zuerst den Bauern eine relative Sicherheit gegen Raubüberfälle gaben, die Landwirtschaft, die sie ernährte. Und auch der Kapitalismus scheint eine Phase solcher Art zu durchqueren. … So bildet allein die Natur der Dinge jene von den Griechen unter dem Namen Nemesis verehrte Gottheit, die Maßlosigkeit bestraft. (S. 190f) Continue reading “Aus: Simone Weil, “Unterdrückung und Freiheit. Politische Schriften”, 1975, Berlin”

Aus: Simone Weil, “Über die Ursachen von Freiheit und gesellschaftlicher Unterdrückung”, Zürich, 2012

(Reflexions sur les causes de la liberte et de l’oppression sociale, 1934)

 

Tatsächlich erklärt Marx ausgezeichnet den Mechanismus kapitalistischer Unterdrückung; er erklärt ihn aber so gut, dass man sich kaum vorstellen kann, wie er aufhören könnte zu funktionieren. S. 12

Die Arbeiterbewegung konnte die Illusion der Macht erwecken, solange sie dazu beitrug, die Reste des Feudalismus zu beseitigen oder die kapitalistische Herrschaft zu errichten, sei es in Form des privaten Kapitalismus oder in der des Staatskapitalismus, wie dies in Russland geschah; jetzt wo sie auf diesem Gebiet ihre Funktion erfüllt hat und von der Krise vor das Problem der wirklichen Machtergreifung durch die Arbeitermassen gestellt wird, zerfällt sie mit einer Schnelligkeit, die alle, die an sie geglaubt hatten, mutlos macht. Auf ihren Trümmern spielen sich endlose Kontroversen ab, die sich nur durch die zweideutigen Formeln befrieden lassen, weil unter all denen, die immer noch von Revolution sprechen, kaum zwei mit diesem Begriff dasselbe verbinden. Revolution ist ein Wort, für das getötet wird, für das gestorben wird, für das die Volksmassen in den Tod geschickt werden, das aber keinen Inhalt hat. S 30f

Ganz allgemein haben die Blinden, die wir heute sind, kaum eine andere Wahl als die zwischen Abenteuern und Kapitulation. S. 38

Der Herr muss den Knecht gerade deshalb das Fürchten lehren, weil er von ihm gefürchtet wird, und umgekehrt; das gilt auch für rivalisierende Mächte. S 43 Continue reading “Aus: Simone Weil, “Über die Ursachen von Freiheit und gesellschaftlicher Unterdrückung”, Zürich, 2012″

Aus: Simone Weil, “Die Verwurzelung. Vorspiel zu einer Erklärung der Pflichten dem Menschen gegenüber”, 2011 Zürich

(Ich hab’s endlich hingekriegt, was ich seit Jahren vorhatte und mich nicht so richtig rangetraut habe: über Simone Weil geschrieben. Es hat sich da so einiges in den Notizen angesammelt, vieles davon habe ich schließlich nicht verwendet. Es ist auch nicht einfach, Weil zu lesen, deswegen haue ich das ganze Geroll raus – vielleicht stolpert jemand darüber und lässt sich doch noch zur Lektüre inspirieren oder hat nach dem Zitat gesucht und weiß nicht mehr, wo es war. Hier, übrigens, waren die Exerpte aus ihrem Fabriktagebuch. Wie auch immer, enjoy! – liberadio)

„Die Pflicht besteht nur zwischen einzelnen Menschen“. (S.8.)

„Diese Pflicht beruht auf keiner Übereinkunft. Denn all Übereinkünfte können nach dem Willen der Vertragspartner geändert werden, während an dieser Pflicht keinerlei Änderung eines menschen Willens auch nur irgendwas ändern könnte. Diese Pflicht ist ewig. Sie entspricht dem ewigen Geschick des Menschen. Nur der Mensch hat ein ewiges Geschick. Die Gemeinwesen haben es nicht. Auch bestehen ihnen gegenüber keine direkten Verpflichtungen, die ewig wären. Einzig und allein ewig ist die Pflicht dem Menschen als solchen gegenüber. Diese Pflicht ist nicht an Bedingungen geknüpft. Wenn sie auf etwas gegründet ist, gehört dieses Etwas nicht unserer Welt an. In unserer Welt ist sie auf nichts gegründet. Dies ist die einzige Pflicht, die sich auf die menschlichen Dinge bezieht, aber keiner Bedingung unterworfen ist“. (S. 9)

„Die französische Arbeiterbewegung, die aus der Revolution hervorging, war im Wesentlichen ein Schrei, nicht der Revolte, sondern des Protests gegen die erbarmungslose Härte des Schicksals aller Unterdrückten. (…) Sie endete 1914; seitdem ist nur noch ein Nachhall geblieben (…) Das konkrete Verzeichnis der Schmerzen der Arbeiter liefert die Liste der Dinge, die geändert werden müssen“. (S. 53) „Nur die JOC (Jeunesse Ouvrière Chrétienne) hat sich mit dem Leid der jungen Arbeiter befasst; dass es diese Organisation gibt, ist vielleicht das einzige sichere Zeichen dafür, dass das Christentum bei uns noch nicht ganz gestorben ist“. (S. 62)

„Auf jeden Fall wäre eine solche soziale Lebensweise weder kapitalistisch noch sozialistisch. Der Proletarierstand würde abgeschafft, anstatt auf alle Menschen ausgedehnt zu werden, wozu der sogenannte Sozialismus tendiert“. (S. 74)

„Er wird keine gesunde Arbeiterbewegung geben, wenn sie nicht über eine Lehre verfügt, die dem Begriff des Vaterlands einen bestimmten Platz zuweist, das heißt einen beschränkten Platz“. (S. 97) Continue reading “Aus: Simone Weil, “Die Verwurzelung. Vorspiel zu einer Erklärung der Pflichten dem Menschen gegenüber”, 2011 Zürich”

ISF: Staatskapitalismus – das Trauma der Revolution

[An dieser stelle dokumentieren wir einen alten Text des ISF aus Freiburg, der in gedruckter Form kaum mehr erhältlich ist. Es schmeißen sich alle z.Z. wie verrückt an das Thema „Oktoberrevolution“ und dieser Text ist ein guter Beitrag dazu. – liberadio]

Initiative Sozialistisches Forum

l.

Was die französische Revolution für das Bürgertum, das ist die russische für die Linke: Ideal und Schreckbild zugleich. Für die einen ist sie der verwirklichte Traum von einer erfolgreichen sozialistischen Eroberung der Macht, für die anderen zeigt sich in ihr der praktisch vollzogene Verlust des Willens zur Emanzipation. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit: Das revolutionäre Rußland proklamierte gegen diese abstrakten Menschenrechte der Besitzbürger die praktischen Rechte der Produzenten: Land, Brot, Arbeit, Frieden. Und wollte auf diesem Wege die unerfüllt gebliebenen Versprechen der bürgerlichen Gesellschaft erst noch wirklich einlösen.

Wie jede bloß politische Revolution erlag auch die russische der fatalen Dialektik der Macht. Schon der Jakobinismus war genötigt, die Humanität der Parole von ,Liberté, Egalité, Fraternité’ in den Zynismus von Infanterie, Kavallerie und Artillerie zu übersetzen. Dies nicht aus purer Böswilligkeit: In Politik transformiert und als Staatlichkeit auf den Begriff gebracht, naturalisiert nicht nur das humanistische Ideal von einer natürlich gegebenen Gleichheit den konkreten Menschen zwangsläufig zum bloßen Material und Rohstoff für Herrschaft – jedes abstrakte Ideal ist die Währung für das, was in der Münze konkreter Repression in Umlauf gebracht wird. Und so haben weder die französische, noch die russische Revolution das Individuum befreit: Sie haben die Menschen vielmehr in Staatsbürger umgeformt.

In der auf die modernen ,Großen Revolutionen’ folgenden terroristischen Gleichschaltung offenbart sich die gesellschaftliche Wahrheit jeder Utopie von allgemeiner Gleichheit (egal, ob nun die auf dem Markt, die vor dem Gesetz, oder eine vor der Natur gemeint sein soll): Allgemeine Gleichheit kann immer nur gelten ,ohne Ansehen der Person’. Und wie das Ideal allgemeiner Gleichheit sich nur in Form von Gleich-Schaltung politisch verwirklichen (und staatlich garantieren) läßt, so kann aus der praktischen Realisierung der Forderung nach allgemeinen Freiheitsrechten nicht die Freiheit des einzelnen Menschen resultieren. Schon im Schicksal der Forderung nach Gewerbefreiheit zeigt sich, daß mit ihr nicht das gemeint gewesen sein kann, was sich die Massenbasis der Revolution unter ihr vorstellen mußte: Die Revolution brachte eben nicht die Freiheit vom Zwang zum Gewerbe. Vielmehr ist durch die bürgerlichen Revolutionen hindurch die kapitalistische Warenwirtschaft zum gesellschaftlich organisierten Schicksal geworden. Was als Freiheit vom Gewerbe eingeklagt wurde, erwies sich sehr schnell als der in der Folge der bürgerlichen Revolutionen institutionalisierte Zwang, überhaupt ein Gewerbe, und gleichgültig welches, ausüben zu müssen. Gesellschaftlich dechiffriert liest sich die Erklärung der Menschenrechte als die gewaltsam garantierte Verpflichtung zur kapitalistischen Produktion.

Die Revolution war liquidiert, als die Revolutionäre an die Macht kamen. Wie Robespierre und St. Just in Frankreich, so erging es Lenin und Trotzki in Rußland. Die Revolution gegen den Staat transformierte sich in eine bloße Regierungsübernahme; angetreten, Souveränität zu zerstören, konnten die Bolschewiki sich nur behaupten, indem sie Souveränität intensivierten. Unter dem historischen Zwang, die Einheit der staatlichen Gewalt erhalten, oder aber die eroberte Macht an die Weißen abgeben zu müssen, organisierte die Sowjetmacht nicht die Befreiung von der Arbeit, sondern den Arbeitszwang. Das sozialistische Ideal der gesellschaftlichen Gleichheit aller vor dem naturgegebenen Zwang, sein Leben reproduzieren zu müssen, erwies sich, zur Politik erhoben, als die Naturalisierung des Menschen zum lebendigen Behälter von Arbeitskraft. „Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen“ – die sozialistische Kritik am Lotterleben und Müßiggang, am erpreßten Zinseszinsleben der parasitären Kapitalisten erwies sich im Gefolge der russischen Revolution als Fortsetzung des Kapitalismus mit anderen Mitteln. Continue reading “ISF: Staatskapitalismus – das Trauma der Revolution”

Чёрные якобинцы

225 лет назад на Гаити началась первая пролетарская революция

Кристиан Фригс

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Когда в наше время заходит речь о Гаити, мы представляем себе крошечную страну к Западу от карибского острова Испаньола, чьё десятимиллионное население считается одним из беднейших в стране. В особенности после страшного землетрясения 12-го января 2010-го года, во время которого, согласно сообщениям правительства, погибло более 300000 человек, Гаити фактически является протекторатом международных НПО, чья «помощь» совершенно не служит тому, чтобы обеспечить самостоятельное восстановление страны. В то время как накануне 100-летия российской Октябрьской революции, нам следовало бы вспомнить, что за сто лет до того единственная успешная революция, совершённая порабощёнными людьми, решительным образом изменила историю капиталистического мира. Настолько решительно, что Гаити до сих пор приходится расплачиваться за эту дерзость; самое радикальное на то время восстание против с самых своих истоков расистских структур капиталистической эксплуатации до сих пор вычёркивается из учебников истории.

В европейском нарративе революционной истории, перехода от буржуазной к пролетарской революции, 1789-й, 1848-й и 1917-й годы считаются вехами. Даже у марскистских историков вроде Эрика Хобсбаума гаитянская революция либо не упоминалась, либо упоминалась вскользь, как отметил гаитянский историк Мишель-Рольф Трулио в 1995-м году в своём исследовании «Silencing the Past» об взаимоотношениях власти и историографии. Она считалась, в лучшем случае, экзотическим отпрыском Великой Французской революции 1789-го года в Карибском море без какого-либо дальнейшего влияния на ход глобальной истории. Для современников же это было совсем по-другому, европейская и североамериканская общественность пережила травматический шок.

Саркастические песни, забастовки, нападения — революция закипает

Санто-Доминго, как Гаити называлось до провозглашения независимости в 1-го января 1804-го года, было с 1697-го французской колонией и с 1780-го не каким-нибудь крошечным пограничным постом французской колониальной империи, а одним из глобально значимых центров раннекапиталистического накопления богатства, в котором производились эксперименты с самыми современными методиками производства и эксплуатации. Тут производилась половина мирового предложения сахара и кофе — тогда они ещё не были дешёвыми продуктами потребления, но являлись дорогостоящими принадлежностями культуры Просвещения. За годы до революции Санто-Доминго переживало небывалый экономический подъём и стало основным закупщиком похищенных в Африке людей. Полмиллиона рабов, треть их них — женщины, эксплуатировались на восьми тысячах сахарных и кофейных плантаций буквально до смерти; им противостояли всего лишь 30000 белых и 28000 вольных gens de couleur. Без военной поддержки со стороны колониальной Франции это экстремальное классовое расслоение едва ли можно было сохранять стабильным. Но периодически возникали и конфликты между метрополией и белыми господами на Санто-Доминго, речь в которых заходила и о стабилизации форм жесточайшей эксплуатации. Continue reading “Чёрные якобинцы”

Р. Рокер: Синдикализм и его задачи

Из: “Синдикалист”, № 41, 1924 г.

Революционный синдикализм является классовым движением и, как таковой, стоит на позициях классовой борьбы и прямого действия. Его задача двойная: он, с одной стороны, стремится на сколько возможно улучшить положение трудящихся в рамках капиталистического общественного порядка и защитить труд от нападок эксплуататоров и государства посредством революционных средств борьбы, таких как стачки, бойкот, саботаж и т. п. С другой стороны, он считает своей главнейшей задачей создание и практическое претворение нового общественного порядка, при котором управление всей экономической и общественной жизнью будет находиться в руках самого трудового народа. Именно эта задача накладывает на революционный синдикализм особый отпечаток и делает его исторически значимым для будущего. Ибо только в исполненной революционного духа экономической организации рабочих может быть подготовлена и обрести в нужный момент конкретные очертания реорганизация общества. Это идейное и заинтересованное сообщество одновременно, оно принципиально отвергает всякий дуализм в рабочем движении, который стремится придать умственным стремлениям рабочих и и преследованию их экономических и общественных интересов особые организационные формы.

Что касается повседневной борьбы, постоянно происходящей между капиталом и трудом, то ясно, что она может вестись только экономическими организациями рабочих, а не политическими партиями. Общественное значение этой борьбы, обусловленной капиталистической экономической системой, не стоит недооценивать, как это часто делается про-партийно настроенными рабочими. Это – чрезвычайно ошибочное мнение, когда утверждается, что так называемая борьба за лучшую оплату труда, по сути, не выполняет своих задач, когда со стороны предложения посредством повышения цен у рабочих изымается то, чего они как производители отвоевали у предпринимателей.

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