ISF: Aktualität und Notwendigkeit des Kommunismus

[Und noch ein alter Text des ISF aus Freiburg. Weil halt! – liberadio]

Kommunismus ist der Traum allseitiger Emanzipation des Menschen, die Sehnsucht nach dem Ende aller Verhältnisse, in denen der Mensch ein unterdrücktes und beherrschtes, ein jämmerliches Wesen ist. Er ist der Traum von einer Sache, zu der nicht nur der Begriff, sondern die soziale Kraft, die ihn mittels revolutionärer Praxis ins Werk setzen könnte, abhanden gekommen ist. Aber die aktuelle Unmöglichkeit des Kommunismus ist nur dem Philister ein Beweis gegen seine Notwendigkeit.

Kommunismus bezeichnet die grundlegende Voraussetzung dafür, daß die Gesellschaft sich zum Besseren wendet und daß es mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse der Ausbeutung und des Unrechts aufzuheben, endlich ein Ende hat. Kommunismus ist zuallererst die Produktion der gesellschaftlichen Verkehrsform selber.

Eines der wesentlichen Prinzipien des Kommunismus, worin er sich von jedem Sozialdemokratismus oder ökologischen Reformismus unterscheidet, besteht darin, daß die Unterschiede des Kopfes und der intellektuellen Fähigkeiten keine Unterschiede der Bedürfnisse bedingen; daß also der falsche, auf unsere falschen Verhältnisse gegründete Satz: Jedem nach seiner Leistung, jedem nach seinen Fähigkeiten, sofern er sich auf die Berechtigung zum Genuß bezieht, umgewandelt werden muß in den Satz: Jedem nach seinem Bedürfnis. Es ist das zentrale Prinzip des Kommunismus, daß die Verschiedenheit in den Tätigkeiten und Fähigkeiten keine Ungleichheit, kein Vorrecht des Besitzes und Genusses begründen kann. Der Kommunismus setzt einem Zustand das gerechte Ende, dem Hunger kein Grund zur Produktion darstellt und das Bedürfnis keinen Anlaß, es anders als nach Maßgabe des Geldbeutels zu befriedigen. Kommunismus ist Gleichheit ohne Gleichschaltung, Freiheit ohne Gesetz, ohne despotische Unterscheidung von ,wahren’ und ‚falschen’ Bedürfnissen. Kapitalismus ist Diktatur über die Bedürfnisse, Kommunismus Diktatur der Bedürfnisse über die Produktion. Continue reading “ISF: Aktualität und Notwendigkeit des Kommunismus”

Vorläufiges und Verspätetes zur Ukraine

[Mittlerweile ein alter, aber immer noch lesenswerter Text: März – Mai 2014. Obwohl er auch damals ziemlich “vorläufig” und “verspätet” war. Lassen wir ihn hier einfach liegen, ok? via das Grosse Thier – liberadio]

von Seepferd

ZACHEDRYNSKIJ Und ich sage, das ist ein schlechtes Zeichen. Solange sie auf dem Weg waren, gab es ein Gleichgewicht in der Natur. Naja, vielleicht nicht in der Natur, aber in Russland. Sie wollten und wollten wegfahren, aber sie fuhren nicht weg. Aber jetzt, wo sie wegfahren, heißt es, dass irgendwas passiert.

TSCHELSOW Was?

ZACHEDRYNSKIJ Das ist es ja gerade, dass wir das nicht wissen. Aber es passiert ganz sicher was.

TSCHELSOW Steht was in der Zeitung?

ZACHEDRYNSKIJ Natürlich. In Australien hat man ein außergewöhnlich kleines Straußenei gefunden.

TSCHELSOW Das meine ich nicht, ich meine die Politik.

ZACHEDRYNSKIJ Auf dem Balkan ist es irgendwie ungewiss.

TSCHELSOW Und was ist mit diesem Kometen?

ZACHEDRYNSKIJ Sie meinen den Halley? Der kommt näher.

TSCHELSOW Das gefällt mir nicht.

 

„Liebe auf der Krim“, Sławomir Mrożek

1.

Was in der Ukraine zur Zeit passiert ist allgemein bekannt. Nur verstehen tut das niemand, nicht ein mal die Menschen, die mitten in dieser Ungewissheit und Unübersichtlichkeit doch noch weiter leben und handeln müssen. Noch im Herbst 2013 konnte man mit Sicherheit sagen, die Lage sei gespannt, die Wirtschaft am Arsch, die Politik – selten so deutlich wie in der Ukraine damals – ein Zirkus, der von der Bevölkerung nur noch mit genervter Apathie wahrgenommen wird. Aber mehr nicht. Bekanntlich krachte es dann im November in Kiew nach dem bereits erprobten Muster der „Orangenen Revolution“, nur mit deutlich aggressiveren, nationalistischen Untertönen. Die friedlichen, eben in der glorreichen ukrainischen Tradition der Masseninszenierungen auf dem Maidan, sich eher auf die symbolische Politik beschränkenden Proteste hätten vermutlich eher früher als später allmählich aufgehört, hätte die Spezialeinheit der Polizei „Berkut“ die Versammlung am 30. November nicht brutal angegriffen – um die Aufstellung eines Tannenbaums für den Silvester zu ermöglichen. Das war tatsächlich der Punkt, wo es nicht nur für den militanten Arm der Nationalisten – diese hatten sich lange davor noch auf eine Konfrontation vorbereitet – an der Zeit war, sich zu Wort zu melden, sondern auch für alle Demokratiebewegten, die der postsowjetischen Misere überdrüssig waren, die Selbstdiskreditierung der Regierung Janukowitsch zu nutzen und die Machtfrage zu stellen.

Die Schilderung der nachfolgender Geschehnisse ersparen wir uns, darüber wurde zur Genüge berichtet. Man wusste aber nicht – oder andererseits, wusste man unwissenderweise sehr wohl – wie man auf jenen makabren Zusammenschluss von Demokraten und Neonazis zu reagieren hätte, vor allen unter den erklärten Feinden des Bestehenden. So richtig es war, dass die Neonazis auf dem Kiewer Maidan als stärkste und am meisten organisierte Kraft die führende Rolle übernahmen und hohe und wohlwollende Aufmerksamkeit – vor allem auch westlicher – Medien genossen, so richtig ist es ebenfalls, dass es woanders, z.B. in Charkow oder im Osten des Landes durchaus anders war. Ebenfalls richtig war es auch, dass auch in Kiew die progressiven / linken (wenn auch die gemäßigten, sozial-demokratischen) Kräfte präsent waren und den Neonazis ihre Hegemonie strittig gemacht haben. (1) Die notwendig ideologische Beschränktheit der Proteste lässt sich nicht leugnen – sie ist in der Geschichte des Landes, im daraus resultierenden verkrüppelten Zustand ukrainischer Linken begründet. Es stimmt wohl, die meisten Menschen gingen auf die Straße nach einem langen, zwangsverordneten lethargischen Schlaf, für – nicht mehr und nicht weniger – einfach ein gutes Leben. Dass dieses Leben in einer postsojewitscher, chronisch krisenhaften Gesellschaft sich immer noch auf eine „gut funktionierende Marktwirtschaft“ und „einen demokratischen Staat“ reimen soll, dürfte doch bekannt sein – das wäre zumindest anzunehmen. Aber anscheinend doch nicht. Dies hier soll kein Plädoyer für eine Querfront-Politik sein. Wie schnell jedoch die deutschen „Radikalen“ die progressiven Kräfte in diesem tragischen Schlamassel aufgegeben haben, ist bezeichnend. (2) Ja, der Kommunismus wird das nicht so schnell, die kleinen Lenins dürfen ihre Köfferchen wieder auspacken und abwarten, wann sie endlich mit Triumph ins Land einreisen dürfen.

2.

Das Krim-Referendum vom 17. März 2014 erschwerte die Lage in vielfacher Sicht. Die Halbinsel Krim, nicht weniger multinational als der Rest der Ukraine, wurde vorsichtshalber von russischen Streitkräften, die die ominösen Selbstverteidigungsmilizen der russischen Bevölkerung in der Region gespielt haben unter Beteiligung der zu dem Zeitpunkt in der (West-)Ukraine bereits aufgelösten Berkut-Einheiten, annektiert. (3) Selbstverständlich, hatte die Annexion nichts mit dem Schutz der russischsprachigen Bevölkerung zu tun, die Militärbase hätte Russland auch so behalten dürfen (außerdem nützt sie aus weltpolitischer Sicht nicht viel, weil die Türkei am Bosporus sitzt). Warum also der Kreml sich auf dieses mittelfristig wirtschaftlich und politisch ruinöses Abenteuer eingelassen hat, ist nicht ersichtlich. (21) Die Halbinsel ist größtenteils finanziell wie infrastrukturell von der Ukraine abhängig, sollte der Konflikt weiter auf dem Rücken der Krimbevölkerung ausgetragen werden, kann man sich sicher sein, das Tourismusgeschäft wird der Krim nachhaltig vermasselt. Man kann natürlich eine Pipeline und eine Brücke von Sotschi zur Krim bauen, sprich noch so eine ertragreiche „Umverteilung“ des staatlichen Budgets wie der Bau der Einrichtungen für die Olympischen Spiele anstoßen. Deswegen lässt man jedoch so dreist die Waffen nicht klirren. Die Diskussionen, wann und wem und vom wem die Krim „geschenkt“ wurde, sind schlicht Unfug. Continue reading “Vorläufiges und Verspätetes zur Ukraine”

Волосы, развевающиеся на ветру

Феминизм и сексуальное освобождение в арабской революции

Ханна Веттиг

Сексуализированные нападения на женщин во время демонстраций, приуроченных ко второй годовщине революции в Египте, не служат простым выражением патриархального, презирающего женщин общества. Вместе с нападением на сексуальную независимость женщин преступники покусились на суть революции. Ибо два года назад речь шла не только о свержении диктатора и о демократических выборах в парламент и правительство. В сущности, речь шла о борьбе против патриархальных структур арабского общества. Хосни Мубарак должен был быть свергнут как политический отец. Но точно так же гнев революционеров был направлен и против множества маленьких Мубараков и, в конечном итоге, против позиции отца в семье. Женщины, сущностно участвовавшие в революции, даже если их было и меньше, чем мужчин, воплощали собой этот протест. То, что они вообще существуют, что оставались по ночам на улицах, иногда даже не ночевали дома, это — фундаментальное нападение на основы старой системы.

 При этом трудно сказать, что следует понимать под «старой системой»: Братьев-мусульман, представителей армии или остатки старого режима. Предположительно, от всего понемногу, но, в конце концов, всех, кому свержение старого режима внушает страх, и которые осознанно или интуитивно нападают там, где этот старый порядок разрушается самым очевидным образом. Поэтому вопрос, нанимаются ли в Египте намеренно мужчины, чтобы они нападали на женщин, или они собираются спонтанно, играет, скорее, роль второстепенную.

Оспоренное место женщины Continue reading “Волосы, развевающиеся на ветру”

Милитаризация восстания

К критике повстанчества: мода на «повстанческие» теории является не знаком ренессанса анархизма, а символом его актуальной слабости

Теодор Вебин в Direkte Aktion, Nr, 214, ноябрь/декабрь 2012

Анархизм, а вместе с ним и анархо-синдикализм, и сегодня охотно ассоциируется с готовностью к насилию, хаосу и террору. К сожалению, это не только бзик «буржуазных» СМИ, клише утвердилось отчасти и в анархистском самопонимании. В понимающих себя как анархистских субкультурах насилие играет сегодня значимую роль, хотя в современных анархистских текстах это едва отражается — или, по крайней мере, не отражалось до недавнего времени. Т.к. новейшие произведения, как много обсуждавшийся французский памфлет «Грядущее восстание», кажется, отчасти вполне оправдывают насилие.

searchinПараллельно с этим, насилие открыто взрывается на улице, в повседневности, во время демонстраций: бунты в Греции во время всеобщей стачки являются лишь одним аспектом, бунты во французских пригородах в 2005-м (которые и были поводом к написанию «Грядущего восстания») и в Англии в 2011-м демонстрируют другой аспект. В Германии мы обнаруживаем волну поджогов машин в Берлине и, не в последнюю очередь, эскалацию во время демонстрации М31 31-го марта 2012-го года во Франкфурте на Майне, которая вызвала ожесточённые споры и внутри FAU.

Переменчивая история двояких отношений между анархистской идеей и насилием обильно проиллюстрирована: они начинаются с клише бомбометателя-индивидуалиста в конце 19-го века, который следовал идее «пропаганды действием», ведут к неверному пониманию «прямого действия» как по возможности наиболее воинственного действия и к карикатурам во время и после движения 68-го года, к частичному прославлению насилия в панк. В хардкор-сцене и в обозначении государством RAF «анархистами» – негативный образ бомбометателя часто интерпретировался в (само)описании заново как позитивный.

«Пропаганда действия» Continue reading “Милитаризация восстания”