Aus: Simone Weil, “Über die Ursachen von Freiheit und gesellschaftlicher Unterdrückung”, Zürich, 2012

(Reflexions sur les causes de la liberte et de l’oppression sociale, 1934)

 

Tatsächlich erklärt Marx ausgezeichnet den Mechanismus kapitalistischer Unterdrückung; er erklärt ihn aber so gut, dass man sich kaum vorstellen kann, wie er aufhören könnte zu funktionieren. S. 12

Die Arbeiterbewegung konnte die Illusion der Macht erwecken, solange sie dazu beitrug, die Reste des Feudalismus zu beseitigen oder die kapitalistische Herrschaft zu errichten, sei es in Form des privaten Kapitalismus oder in der des Staatskapitalismus, wie dies in Russland geschah; jetzt wo sie auf diesem Gebiet ihre Funktion erfüllt hat und von der Krise vor das Problem der wirklichen Machtergreifung durch die Arbeitermassen gestellt wird, zerfällt sie mit einer Schnelligkeit, die alle, die an sie geglaubt hatten, mutlos macht. Auf ihren Trümmern spielen sich endlose Kontroversen ab, die sich nur durch die zweideutigen Formeln befrieden lassen, weil unter all denen, die immer noch von Revolution sprechen, kaum zwei mit diesem Begriff dasselbe verbinden. Revolution ist ein Wort, für das getötet wird, für das gestorben wird, für das die Volksmassen in den Tod geschickt werden, das aber keinen Inhalt hat. S 30f

Ganz allgemein haben die Blinden, die wir heute sind, kaum eine andere Wahl als die zwischen Abenteuern und Kapitulation. S. 38

Der Herr muss den Knecht gerade deshalb das Fürchten lehren, weil er von ihm gefürchtet wird, und umgekehrt; das gilt auch für rivalisierende Mächte. S 43

Menschen aber sind vor allem aktive Wesen, sie haben eine Fähigkeit zur Selbstbestimmung, auf die sie nie, auch wenn sie wollten, verzichten können, solange sie nicht durch den Tod in den Zustand träger Materie zurückfallen. So birgt jeder Sieg über Menschen den Keim der möglichen Niederlage, wenn er nicht bis zur Vernichtung geht. Die Vernichtung aber beseitigt mit dem Gegenstand der Macht auch die Macht. So gibt es im Wesen der Macht einen Widerspruch, durch den sie nie im strengen Sinne bestehen kann. Die, die man Herren nennt, sind ständig gezwungen, ihre Macht zu festigen, damit sie ihnen nicht genommen wird, sie jagen ständig einer Herrschaft nach, die ihrem Wesen nach nicht zu besitzen ist, eine Jagd, deren Höllenquallen die griechische Mythologie in großartigen Bildern geschildert hat. Anders wäre es, wenn ein Mensch allein von sich aus eine Kraft besäße, die den vereinten Kräften aller anderen Menschen überlegen ist; aber das ist nie der Fall. Die Instrumente der Macht – Waffen, Gold, Maschinen, magische oder technische Mysterien – sind denen, die darüber verfügen, stets äußerlich und können von anderen ergriffen werden. So ist jede Macht instabil. S. 44f

Ganz allgemein ist diese plötzliche Umkehrung des Kräfteverhältnisses, die man für gewöhnlich mit dem Begriff Revolution verbindet, nicht nur ein in der Geschichte unbekanntes Phänomen, sondern auch, genauer betrachtet, im strengen Sinne undenkbar. Es wäre ein Sieg der Schwäche über die Stärke, gleichbedeutend mit einer Waage, bei der sich die Schale mit dem geringeren Gewicht senkt. S. 58

Versuche, die Unterdrückung unter der Beibehaltung der Technik abzuschütteln, haben sofort solche Unordnung und Untätigkeit zur Folge, dass alle, die sich dem hingaben, fast sogleich wieder ihre Köpfe unter das Joch beugen mussten; diese Erfahrung wurde im Kleinen in den Produktionsgenossenschaften und im Großen während der russischen Revolution gemacht. Es scheint fast, als sei der Mensch als Knecht und zur Knechtschaft geboren. … Und doch kann nichts auf der Welt dem Menschen das Gefühl nehmen, dass er zur Freiheit geboren ist. Nie, was auch immer geschieht, kann er die Knechtschaft ertragen; denn er kann denken. Er hat nie aufgehört, von einer Freiheit ohne Grenzen zu träumen, ob in Form des vergangenen Glücks, das ihm zur Strafe genommen wurde, oder des zukünftigen Glücks, das ihm der Pakt mit einer geheimnisvollen Vorsehung verbürgen soll. Der von Marx vorgestellte Kommunismus ist die jüngste Form dieses Traums. Dieser Traum blieb immer vergeblich, wie alle Träume, oder wenn er ein Trost war, dann nur als ein Opium. Es ist an der Zeit, von der Freiheit nicht mehr zu träumen und den Entschluss zu fassen, die Freiheit zu denken. S. 64F

Sich vorzustellen, man könne die Geschichte in eine andere Richtung lenken und das System durch Reformen oder Revolutionen verändern, das Heil in der Hoffnung auf eine Abwehr- oder Offensivaktion gegen Militarismus und Tyrannei zu suchen, ist Tagträumerei. Es gibt nichts, worauf auch nur bloße Versuche sich stützen könnten. Die Formel von Marx, dass das System seine eigenen Totengräber hervorbringen würde, wird Tag für Tag grausam widerlegt… S. 106

Wie so oft lassen geistige Verwirrung und Passivität der Phantasie freien Lauf. Überall ist man besessen von einer Vorstellung des sozialen Lebens, die zwar in den unterschiedlichen Kreisen erheblich differiert, aber stets aus Mysterien, okkulten Qualitäten, Idolen oder Schreckbildern besteht; jeder glaubt, dass die Macht auf geheimnisvolle Weise in einem jener Kreise liegt, die ihm verschlossen sind, weil kaum jemand begreift, dass sie nirgendwo liegt, so dass das vorherrschende Gefühl überall jene abgründige Angst ist, die durch den Verlust des Bezugs zur Realität entsteht. Jedes soziale Milieu stellt sich von außen als Gegenstand eines Albtraums dar. S. 107f

Von den Menschen ist nichts zu erhoffen, und wäre es anders, wären sie doch von vornherein durch die Macht der Dinge besiegt. Die bestehende Gesellschaft stellt keine anderen Mitteln zum Handeln bereit als Maschinen zur Zermalmung des Menschlichen; was immer die Absichten derer sind, die sie in die Hand nehmen, diese Maschinen werden alles zermalmen, solange es sie gibt. … Mit Kanonen, Flugzeugen oder Bomben kann man Tod und Schrecken oder Unterdrückung verbreiten, aber nicht das Leben oder die Freiheit. Mit Gasmasken, Luftschutzkellern oder Alarmsirenen kann man elende Herden verängstigter Wesen züchten, die sich den verrücktesten Despoten ergeben und dankbar die schändlichsten Tyranneien begrüßen, aber keine Bürger. Mit Rundfunk und Massenpresse kann man ein ganzes Volk zum Frühstück oder zum Abendessen mit vorgefertigten Meinungen füttern und diese dadurch ad absurdum führen, weil auch die vernünftigsten Ansichten verdreht und falsch werden, wenn sie der Kopf gedankenlos aufnimmt… Und ohne Fabriken, Waffen und Presse lässt sich nichts gegen diejenigen ausrichten, die das alles besitzen. S. 109

Insgesamt gleicht unsere Situation der von Reisenden, die in einem führerlosen Wagen mit Vollgas durch unbekanntes Gelände rasen. Wann kommt es zum Crash, nach dem man versuchen kann, etwas Neues aufzubauen? Das mag eine Frage von Jahrzehnten, vielleicht von Jahrhunderten sein. S. 111

Ich habe das Gefühl, im revolutionären Bewegungsmilieu, wie es sich heute darstellt, zu ersticken. Eine einzige Anstrengung wird partout vermieden, diejenige nämlich, die Augen auf die aktuelle Situation zu richten, eine Kritik der alten Dogmen im Lichte der jüngsten Erfahrungen zu leisten und daraus die Konsequenzen zu ziehen. S.?

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