Aus: Simone Weil, “Unterdrückung und Freiheit. Politische Schriften”, 1975, Berlin

Ganz allgemein kann man die Welt, in der wir leben, nur dann als gesetzmäßig betrachten, wenn man annimmt, dass jedes Phänomen darin begrenzt ist. Und dies gilt auch für das Phänomen der Macht, wie Plato es erkannt hatte. Will man die Macht als ein verständliches Phänomen ansehen, dann muss man danken, dass sie die Grundlagen, auf denen die beruht, nur bis zu einem gewissen Punkt ausdehnen kann. Danach stößt sie gegen eine unüberwindliche Mauer. Dennoch vermag sie nicht stehen zu bleiben; der Stachel der Rivalität zwingt sie, immer wieder vorzudringen, d.h. über die Grenzen hinaus, innerhalb derer sie effektiv wirken kann. Sie verbreitet sich jenseits dessen, was sie zu kontrollieren vermag; sie befiehlt jenseits dessen, was sie aufzuerlegen mag; sie verschwendet jenseits ihrer eigenen Ressourcen. Das ist der innere Widerspruch, den jedes repressive Regime als tödlichen Keim in sich trägt. Er entsteht durch den Gegensatz zwischen dem notwendig begrenzten Charakter der materiellen Machtgrundlagen und dem notwendig unbegrenzten Charakter des Machtkampfes als einer zwischenmenschlichen Beziehung. … So besiegelte das römische Heer, das zuerst den Reichtum Roms geschaffen hatte, seinen Untergang. So verwüsteten schließlich die mittelalterlichen Ritter, deren Kämpfe zuerst den Bauern eine relative Sicherheit gegen Raubüberfälle gaben, die Landwirtschaft, die sie ernährte. Und auch der Kapitalismus scheint eine Phase solcher Art zu durchqueren. … So bildet allein die Natur der Dinge jene von den Griechen unter dem Namen Nemesis verehrte Gottheit, die Maßlosigkeit bestraft. (S. 190f) Continue reading “Aus: Simone Weil, “Unterdrückung und Freiheit. Politische Schriften”, 1975, Berlin”

Aus: Simone Weil, “Über die Ursachen von Freiheit und gesellschaftlicher Unterdrückung”, Zürich, 2012

(Reflexions sur les causes de la liberte et de l’oppression sociale, 1934)

 

Tatsächlich erklärt Marx ausgezeichnet den Mechanismus kapitalistischer Unterdrückung; er erklärt ihn aber so gut, dass man sich kaum vorstellen kann, wie er aufhören könnte zu funktionieren. S. 12

Die Arbeiterbewegung konnte die Illusion der Macht erwecken, solange sie dazu beitrug, die Reste des Feudalismus zu beseitigen oder die kapitalistische Herrschaft zu errichten, sei es in Form des privaten Kapitalismus oder in der des Staatskapitalismus, wie dies in Russland geschah; jetzt wo sie auf diesem Gebiet ihre Funktion erfüllt hat und von der Krise vor das Problem der wirklichen Machtergreifung durch die Arbeitermassen gestellt wird, zerfällt sie mit einer Schnelligkeit, die alle, die an sie geglaubt hatten, mutlos macht. Auf ihren Trümmern spielen sich endlose Kontroversen ab, die sich nur durch die zweideutigen Formeln befrieden lassen, weil unter all denen, die immer noch von Revolution sprechen, kaum zwei mit diesem Begriff dasselbe verbinden. Revolution ist ein Wort, für das getötet wird, für das gestorben wird, für das die Volksmassen in den Tod geschickt werden, das aber keinen Inhalt hat. S 30f

Ganz allgemein haben die Blinden, die wir heute sind, kaum eine andere Wahl als die zwischen Abenteuern und Kapitulation. S. 38

Der Herr muss den Knecht gerade deshalb das Fürchten lehren, weil er von ihm gefürchtet wird, und umgekehrt; das gilt auch für rivalisierende Mächte. S 43 Continue reading “Aus: Simone Weil, “Über die Ursachen von Freiheit und gesellschaftlicher Unterdrückung”, Zürich, 2012″

Aus: Simone Weil, “Die Verwurzelung. Vorspiel zu einer Erklärung der Pflichten dem Menschen gegenüber”, 2011 Zürich

(Ich hab’s endlich hingekriegt, was ich seit Jahren vorhatte und mich nicht so richtig rangetraut habe: über Simone Weil geschrieben. Es hat sich da so einiges in den Notizen angesammelt, vieles davon habe ich schließlich nicht verwendet. Es ist auch nicht einfach, Weil zu lesen, deswegen haue ich das ganze Geroll raus – vielleicht stolpert jemand darüber und lässt sich doch noch zur Lektüre inspirieren oder hat nach dem Zitat gesucht und weiß nicht mehr, wo es war. Hier, übrigens, waren die Exerpte aus ihrem Fabriktagebuch. Wie auch immer, enjoy! – liberadio)

„Die Pflicht besteht nur zwischen einzelnen Menschen“. (S.8.)

„Diese Pflicht beruht auf keiner Übereinkunft. Denn all Übereinkünfte können nach dem Willen der Vertragspartner geändert werden, während an dieser Pflicht keinerlei Änderung eines menschen Willens auch nur irgendwas ändern könnte. Diese Pflicht ist ewig. Sie entspricht dem ewigen Geschick des Menschen. Nur der Mensch hat ein ewiges Geschick. Die Gemeinwesen haben es nicht. Auch bestehen ihnen gegenüber keine direkten Verpflichtungen, die ewig wären. Einzig und allein ewig ist die Pflicht dem Menschen als solchen gegenüber. Diese Pflicht ist nicht an Bedingungen geknüpft. Wenn sie auf etwas gegründet ist, gehört dieses Etwas nicht unserer Welt an. In unserer Welt ist sie auf nichts gegründet. Dies ist die einzige Pflicht, die sich auf die menschlichen Dinge bezieht, aber keiner Bedingung unterworfen ist“. (S. 9)

„Die französische Arbeiterbewegung, die aus der Revolution hervorging, war im Wesentlichen ein Schrei, nicht der Revolte, sondern des Protests gegen die erbarmungslose Härte des Schicksals aller Unterdrückten. (…) Sie endete 1914; seitdem ist nur noch ein Nachhall geblieben (…) Das konkrete Verzeichnis der Schmerzen der Arbeiter liefert die Liste der Dinge, die geändert werden müssen“. (S. 53) „Nur die JOC (Jeunesse Ouvrière Chrétienne) hat sich mit dem Leid der jungen Arbeiter befasst; dass es diese Organisation gibt, ist vielleicht das einzige sichere Zeichen dafür, dass das Christentum bei uns noch nicht ganz gestorben ist“. (S. 62)

„Auf jeden Fall wäre eine solche soziale Lebensweise weder kapitalistisch noch sozialistisch. Der Proletarierstand würde abgeschafft, anstatt auf alle Menschen ausgedehnt zu werden, wozu der sogenannte Sozialismus tendiert“. (S. 74)

„Er wird keine gesunde Arbeiterbewegung geben, wenn sie nicht über eine Lehre verfügt, die dem Begriff des Vaterlands einen bestimmten Platz zuweist, das heißt einen beschränkten Platz“. (S. 97) Continue reading “Aus: Simone Weil, “Die Verwurzelung. Vorspiel zu einer Erklärung der Pflichten dem Menschen gegenüber”, 2011 Zürich”

Simone Weil: „…ein wenig Wärme auf dem Metall“

aus «Fabriktagebuch und andere Schriften zum Industriesystem» von Simone Weil, edition suhrkamp, FfM, 1978

Simone Weil (3.2.1909 – 24.8.1943) war französische Philosophin, Syndikalistin, die 1935/36 sich “unters Volk” gemischt hat, in den spanischen Bürgerkrieg gezogen ist, während des 2. Weltkrieges für die französische Exil-Regierung gearbeitet hat. Dem breiten Publikum ist sie aber eher als christliche Mystikerin bekannt, was nicht für das breite Publikum spricht. – Anm. liberadio

(S. 25f) Offen gesagt, dieses Leben ist für mich ziemlich schwer. Um so mehr, als die Kopfschmerzen nicht die Freundlichkeit hatten, mich zu verlassen, um das Experiment zu erleichtern – und an Maschinen mit Kopfschmerzen zu arbeiten, ist qualvoll. Nur Samstagnachmittag und Sonntag atme ich auf, finde ich mich selbst wieder, erwerbe ich von neuem die Fähigkeit, in meinem Geist Ideenstücke zu bewegen. Die schmerzliche Versuchung, der man in einem solchen Leben sich widersetzen muss, ist vor allem die, nicht mehr zu denken. Man fühlt, dass es das einzige Mittel ist, nicht mehr zu leiden. Zunächst nicht mehr moralisch zu leiden. Denn diese Situation löscht automatisch Revoltegefühle aus: seine Arbeit mit Ärger tun hieße, sie schlecht auszuführen und sich zum Hungertod zu verurteilen; und außer Arbeit gibt es niemanden, den man beschuldigen könnte. Chefs gegenüber kann man sich nicht erlauben, dreist zu sein, und überdies geben sie dazu häufig nicht einmal Anlass. So bleibt vor dem eigenen Los kein anderes Gefühl als Trauer. Man ist versucht, ganz einfach aus dem Bewusstsein alles zu verbannen, was nicht zum vulgären und täglichen Kleinkram gehört. Außerhalb der Arbeitsstunden auch physisch in einen Halbschlaf zu versinken, ist eine große Verlockung. Für die Arbeiter, denen es gelingt, Kultur zu erwerben, empfinde ich eminente Achtung. Oft sind sie stark, das ist richtig. Immerhin müssen sie eine Menge auf dem Kasten haben. So wird es mit dem Voranschreiten der Rationalisierung immer seltener. Ich frage mich, ob man dies auch bei den Angelernten findet.

Trotz allem halte ich aus. Und ich bedauere keine Minute, mich in dieses Experiment gestürzt zu haben. Ganz im Gegenteil, ich bin unendlich glücklich, wenn ich daran denke. Aber, komisch genug, ich denke nur selten daran. Ich habe eine fast unbegrenzte Anpassungsfähigkeit, die mir zu vergessen erlaubt, dass ich eine in der Arbeiterklasse herumreisende Studienrätin bin, so dass ich mein jetziges Leben führen kann, als wäre ich seit je dafür bestimmt (und in einem gewissen Sinn trifft das sogar zu), als müsste es immer dauern, als wäre es mir durch eine unmenschliche Notwendigkeit auferlegt und nicht durch meinen freien Entschluss. Continue reading “Simone Weil: „…ein wenig Wärme auf dem Metall“”

Судьбоносный шелест эмансипации

Феликс Клопотек

Спор между марксистами и анархистами — с точки зрения истории идей самое роковое, далеко выходившее за границы своего непосредственного контекста событие в рабочем движении 19-го столетия — существенно ослабел. Нет, более того, он полностью прекратился.

Вместе с (анти-академическим) ренессансом Критической теории в 90-е годы люди всё более и более занимались субверсивными эстетическими стратегиями, которые постоянно предполагали осознающего свою потенциальную автономию индивида, в марксизме началось восхищение одиночками, диссидентами и уклонистами. Анархистское подозрение, что в каком бы то ни было независимом марксизме сохраняется остаток тоталитарной мысли, т.к. он упрямо исходит от класса, а не от индивида, сегодня кажется необоснованным.

Напротив, ни одного марксиста больше нельзя спровоцировать намеренной простотой анархистских теорий. Лёгкость, с которой анархисты отказывались от специфической критики демократии или конституции, чтобы напрямую воззвать к генеральному наступлению на все виды авторитаризма; их нежелание признавать исторические стадии развития и их желание вместо этого тут же заняться революцией; отказ принимать во внимание Марксову критику стоимости, которая показывает как в процессе производства эксплуатация происходит в форме свободы, т.к. для анархистов принуждение — это принуждение, не важно, нарушает ли оно закон стоимости или совместимо с ним — всё это больше не провоцирует ни одного марксиста. Это было провокацией только тогда, когда марксисты и анархисты боролись друг с другом и пытались повлиять на рабочее движение. Эти времена прошли. «Желание разыграть Маркса против Бакунина доказывает лишь, что критик ещё действует ниже уровня условий, которые ему хотелось бы преодолеть. Упорствование в Бакунине как в альтернативе ‘авторитарному социализму’ — этап революционной романтики», подытоживает утихание этого спора Йоахим Брун в своих «Тезисах об отношении анархистской и марксистской критики государства». (1)

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