Aus: Simone Weil, “Unterdrückung und Freiheit. Politische Schriften”, 1975, Berlin

Ganz allgemein kann man die Welt, in der wir leben, nur dann als gesetzmäßig betrachten, wenn man annimmt, dass jedes Phänomen darin begrenzt ist. Und dies gilt auch für das Phänomen der Macht, wie Plato es erkannt hatte. Will man die Macht als ein verständliches Phänomen ansehen, dann muss man danken, dass sie die Grundlagen, auf denen die beruht, nur bis zu einem gewissen Punkt ausdehnen kann. Danach stößt sie gegen eine unüberwindliche Mauer. Dennoch vermag sie nicht stehen zu bleiben; der Stachel der Rivalität zwingt sie, immer wieder vorzudringen, d.h. über die Grenzen hinaus, innerhalb derer sie effektiv wirken kann. Sie verbreitet sich jenseits dessen, was sie zu kontrollieren vermag; sie befiehlt jenseits dessen, was sie aufzuerlegen mag; sie verschwendet jenseits ihrer eigenen Ressourcen. Das ist der innere Widerspruch, den jedes repressive Regime als tödlichen Keim in sich trägt. Er entsteht durch den Gegensatz zwischen dem notwendig begrenzten Charakter der materiellen Machtgrundlagen und dem notwendig unbegrenzten Charakter des Machtkampfes als einer zwischenmenschlichen Beziehung. … So besiegelte das römische Heer, das zuerst den Reichtum Roms geschaffen hatte, seinen Untergang. So verwüsteten schließlich die mittelalterlichen Ritter, deren Kämpfe zuerst den Bauern eine relative Sicherheit gegen Raubüberfälle gaben, die Landwirtschaft, die sie ernährte. Und auch der Kapitalismus scheint eine Phase solcher Art zu durchqueren. … So bildet allein die Natur der Dinge jene von den Griechen unter dem Namen Nemesis verehrte Gottheit, die Maßlosigkeit bestraft. (S. 190f)

Aber was versteht man unter revolutionär? Dieses Wort kann auf verschiedene Weise interpretiert werden. Heißt revolutionär sein, in naher Zukunft eine glückliche Katastrophe erwarten, eine Umwälzung, die auf der Erde eine Teil der Versprechungen des Evangeliums verwirklicht und uns endlich eine Gesellschaft bringt, in der die Letzten die Ersten werden? Wenn es das ist, bin ich nicht revolutionär, denn eine solche Zukunft, die übrigens meinen Wünschen ganz entspräche, ist in meinen Augen unwahrscheinlich, wenn nicht sogar unmöglich. Und ich glaube nicht, dass jemand heute ernsthafte Gründe haben kann, um in diesem Sinne revolutionär zu sein.

Oder heißt revolutionär sein, im Wort und Tat alles zu vollbringen, was, direkt oder indirekt, die Last vermindern oder beseitigen kann, die die Masse der Menschen erdrückt: die ketten der Arbeitsschmach, die Lügen, mit deren Hilfe die systematische Erniedrigung der Mehrzahl verschleiert oder entschuldigt werden soll? In diesem Falle handelt es sich um eine Ideal, ein Werturteil, einen Willen – nicht um eine Interpretation der Menschheitsgeschichte und des Gesellschaftsmechanismus. In solchem Sinne ist der revolutionäre Geist so alt wie die Unterdrückung selber, und er wird auch so lange vorhanden sein wie sie. Sogar noch länger, denn sollte je die Unterdrückung verschwinden, müsste der revolutionäre Geist fortbestehen, um ihre Rückkehr zu verhindern. Er ist ewig, er bedarf keiner Revision, aber er kann reicher, schärfer werden und er muss von allen fremden Einflüssen gereinigt werden, die ihn verschleiern und entstellen können. Dieser ewige Revoltegeist, der die römischen Plebejer bewegte, der fast gleichzeitig am Ende des 14. Jahrhunderts die Wollarbeiter in Florenz, die englischen Bauern, die Handwerker in Gent entflammte: was kann er im Werke von Marx finden, um es sich anzueignen? Es ist gerade das, was der so genannte Marxismus fast vergessen hat: die Verherrlichung der produktiven Arbeit als der höchsten Tätigkeit des Menschen; die Behauptung, dass allein eine Gesellschaft, in der der Arbeitsakt alle menschlichen Fähigkeiten beansprucht, in der der Arbeitende den ersten Platz einnimmt, die Fülle der menschlichen Größe verwirklichen würde. In den Jugendschriften von Marx sind lyrische Passagen der Arbeit gewidmet; man findet sie auch bei Proudhon, bei den Dichtern, bei Goethe, bei Verhaeren. Diese neue Poesie, die unserer Epoche eigen ist und vielleicht ihre entscheidende Größe darstellt, darf nicht verloren werden. Darin müssen die Unterdrückten das Bild ihres eigenen Vaterlandes finden, das eine Hoffnung ist.

Man findet bei Kommunisten, Sozialisten oder Syndikalisten dieser oder jener Tendenz keine klarere oder präzisere Kenntnis unserer Gesellschaft als bei den Bourgeois, Konservativen oder Faschisten. Selbst wenn die Arbeiterorganisationen eine überlegene Kenntnis besäßen (was jedoch nicht zutrifft), würden sie noch nicht über die erforderlichen Aktionsmittel verfügen. Praktisch ist die Wissenschaft nichts ohne die Ressourcen der Technik; sie gibt diese nicht, sie erlaubt nur, sich ihrer zu bedienen. Noch falscher wäre es zu behaupten, die Wissenschaft erlaubte, einen baldigen Sieg der Arbeitersache vorauszusehen. Das ist unwahr, und guten Gewissens muss man überhaupt daran zweifeln, wenn man nicht hartnäckig die Augen verschließt. Auch erlaubt nichts, den Arbeitern zu versichern, sie hätten eine Mission zu erfüllen, eine „historische Aufgabe“, wie Marx sagte, die ihnen zufalle, um die Welt zu retten. Kein Grund berechtigt dazu, ihnen eine solche Mission eher zu übertragen als den Sklaven des Altertums oder den Leibeigenen des Mittelalters. Ähnlich wie die Sklaven, die Leibeigenen, sind sie unglücklich, ungerechtfertigt unglücklich. Es ist gut, dass sie sich verteidigen, es wäre schön, wenn sie sich befreiten; mehr lässt sich nicht sagen. Die Illusionen, die man verbreitet in einer Sprache, die kläglich die Gemeinplätze der Religion mit denen der Wissenschaft vermischt, sind ihnen unheilvoll. Denn sie erwecken den Glauben, die Dinge seien leicht zu vollbringen, ein moderner Gott namens Fortschritt treibe sie nach vorn, eine moderne Vorsehung namens Geschichte mache für sie die Hauptanstrengung. Schließlich erlaubt nichts, ihnen am Ende des Befreiungskampfes Genuss und Macht zu versprechen. Eine leichtfertige Ironie hat viel Schaden angerichtet durch die Abwertung des hohen Idealismus, des fast asketischen Geistes der sozialistischen Gruppen am Anfang des 19. Jahrhunderts; sie hat nichts anderes bewirkt, als die Arbeiterklasse zu erniedrigen… (S. 271f)

… So prüfe man die marxistische Formel näher: Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein. Es gibt darin mehr Widersprüche als Wörter. Da das „Gesellschaftliche“ nur im menschlichen Geist vorhanden sein kann, ist das „gesellschaftliche Sein“ an sich bereits Bewusstsein. Es vermag folglich kein Bewusstsein zu determinieren, das im Übrigen noch definiert werden müsste. … Will man jedoch dieses rätselhafte „Sein“ als ein Element der zwischenmenschlichen Beziehungen auffassen, das von gewissen Einrichtungen wie dem Gelde abhängt, so wird man sofort klar erkennen, dass dieses Element nur als Ergebnis der von Individuen ausgeführten bewussten Handlungen auftritt. Folglich hängt es vom Bewusstsein ab und ist weit davon entfernt, es zu bestimmen. (S. 250)

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