Einführendes zur Grossman-Roschtschins Kritik an Kropotkin

[Wir wurden gebeten, eine Art Erklärung zu dieser Kritik an Kropotkin zu schreiben, denn sie sei ohne Weiteres nicht zu verstehen. Was wohl stimmt. Hiermit ist’s geschehen und in der Februarausgabe der GaiDao erschienen. – liberadio]

Es wohl werden einige erklärenden Worte nötig sein, um die Gorssman-Roschtschins Kritik an P. A. Kropotkins Begründung des Anarchismus einzuordnen. Es scheint mir nicht besonders sinnvoll, darauf eine „Antwort“ oder eine „Entgegnung“ zu schreiben. Es macht keinen Sinn, gegen einen längst Verstorbenen zu polemisieren. Jedoch eine eine Erklärung oder Deutung dieses durchaus interessanten Dokuments scheint mir angebracht.

Es handelt sich nämlich um eine Art kritische Würdigung von Kropotkins Werk, obwohl es dem Autor deutlich daran liegt, eine scharfe Kritik an Kropotkins umstrittener „patriotischer“ Wende im 1. Weltkrieg zu formulieren und sie eben aus dessen Theorie abzuleiten.

Jehuda Grossman-Roschtschin erklärt sich zum alten Opponenten Kropotkins, sein Beitrag ist in der Broschüre zum Andenken Kropotkins im russischsprachigen syndikalistischen Verlag „Goloss truda“ 1922 erschienen. Zu diesem Zeitpunkt war Grossman-Roschtschin bereits ein überzeugter Bolschwik, zählte somit zu jenen so genannten „Sowjet-Anarchisten“, die die Bolschewistische Partei als revolutionäre Avantgarde begrüßten und eifrig an der Errichtung des jungen Sowjetstaates mitarbeiteten.

Wie kommt es, dass dieser „Übergelaufene“ in der Gedenkschrift erscheint? Grossman-Roschtschin (1883-1934) hatte nämlich in der anarchistischen Bewegung einen Namen1. Ein früher Mitglied des sozial-demokratischen Vereins in Elissawetgrad (jetzt – Kirowohrad) , flieht er vor Repression in die Schweiz, wo er mit anarchistischen Ideen in Berührung kommt. Er kehrt in die Ukraine zurück und mischt kräftig mit: u.A. in der militanten anarchistischen Bewegung in Bialostok und später in der berühmt-berüchtigten Gruppe „Schwarzer Banner“, die zwar auf anarcho-kommunistischen Positionen stand, aber wahllosen Terror und gewaltsame Enteignungen praktizierte. Diese eine der einflussreichsten anarchistischen Gruppierungen zu der Zeit (um die 1. Russische Revolution herum) stand eher unter dem Einfluss der Ideen Bakunins und vermutlich auch Jan Watzław Machajski.2 So war es möglich, dass Grossman-Roschtschin anarchistisch-kommunistische Positionen beziehen konnte, ohne ein Anhänger Kropotkin zu sein. Zudem, war die russische (nennen wir’s lieber russischsprachige) anarchistische Bewegung um den 1. Weltkrieg herum (besonders danach) sehr daran interessiert, Kropotkins Einfluss in Frage zu stellen und zurück zu drängen. Dieses theoretisch fruchtbare, aber immer noch kaum erschlossene Unterfangen wird zuweilen als „postklassischer Anarchismus“ bezeichnet, als viele junge Anarchisten versuchten, weg vom Positivismus Kropotkins hin zur philosophischer Negativität Stirners und Bakunins zurück zu kommen.3 Diese Tendenz ist zum Teil auch für den Aufstieg des Syndikalismus in Russland verantwortlich: der alte Kropotkin wurde zwar immer mit viel Respekt behandelt, aber auch sehr kritisch rezipiert. Gewissermaßen gehört auch die Kritik Grossman-Roschtschin hierher. Schließlich, wurde er nach seinem „Überlaufen“ immer noch als Anarchist wahrgenommen; Einzelheiten über seinen Sinneswandel sind mir nicht bekannt, überliefert ist allerdings, dass er versuchte, eine anarchistische Theorie der Diktatur des Proletariats zu entwickeln.4

Später, in den 1920-ern, arbeitet er für die RAPP (Russländische Assoziation proletarischer Schriftsteller), einen offiziösen Zusammenschluss von Künstler_innen, der über die ideologische Komponente der Kunst in der Sowjetrepublik wachte und gegen „Linksabweichler“ polemisierte.

Nun, worum geht es dem Kropotkin-Kenner bei seiner Kritik? Er zielt, wie gesagt, eher auf eine Erklärung für Kropotkins „Kriegsbegeisterung“, die am offensten im „Manifest der Sechszehn“ zutage tritt. Dieser für Grossman-Roschtschin wichtige Punkt scheint mir hier nicht wirklich von Belang: es liegt im Ermessen der Menschen, die in konkreten historischen Situationen und Machtkonstellationen handeln müssen, ob, mit wem und wie sie verbandeln.5 Außerdem wäre es interessant zu erfahren, wie der Bolschewik Grossman-Roschtschin den peinlichen, gegen den linken Parteiflügel durchgesetzen, aber von Lenin politisch geschickt ausgespielten Frieden von Brest-Litowsk (1918)6, sich erklärt hat.

Schließlich, sowohl der im Positivismus begründete Fortschritts- und Wissenschaftsglaube Kropotkins, als auch der „wissenschaftliche Sozialismus“ des Arbeiterbewegungsmarxismus, dem Grossman-Roschtschin frönt, sind beide Kinder der bürgerlichen Epoche. Beide wurden durch die ausbleibende Weltrevolution und den Ausbruch des Krieges herausgefordert und zeigten sich hilflos vor der Realität. Auch wenn der Eine seine antimilitaristischen Ideale „verraten“ haben soll, bleibt so ein Verrat für den Anderen unerklärlich, es sei denn die neue glorreiche „Wissenschaft“ begründet auch den eigenen Abkehr vom Antimilitarismus.

Viel wichtiger ist jedoch Grossman-Roschtschins Auseinandersetzung mit den wichtigsten Elementen der Kropotkinschen Lehre: das ist zum einen die positivistische naturwissenschaftliche Methode selber, die sich auf die bloße Beobachtung und nüchterne Beschreibung in der Umwelt gegebener Tatsachen beschränken will – als wäre das schon nicht die Verblendung genug, muss mensch doch zwangsläufig bei Erscheinungen bleiben, ohne zum Wesen der Dinge vorzudringen. Doch kann Kropotkin nicht ein mal das einhalten: er muss, er will den Menschen gut sehen. Das positivistische „es ist so wie es ist“ gerät in Konflikt mit dem, was sein soll, dieser Konflikt will möglichst schlüssig aufgelöst werden und so vermenschlicht Kropotkin die Natur und „naturalisiert“ den „guten Menschen“. Für diejenigen, die nicht gut sind, hat er eine Erklärung – durch den Staat, durch die Regierung, durch die kapitalistische Konkurrenz verdorben. Wenn der Mensch aber von Natur aus gut sein soll, wäre er denn überhaupt korrumpierbar? Wie kam es zu diesem „Sündenfall“? Zum Anderen, es ist der inhaltslose, formelle Föderalismus, den Grossman-Roschtschin sehr gelungen anhand des Beispiels mit dem Geschworenengericht auseinander nimmt.

Eben jene positivistische Liebe zu oberflächlichen Erscheinungen gepaart mit dem formellen Föderalismus reißt letzten Endes dem revolutionären Anarchismus Kropotkins die Zähne aus dem Maul: ohne es zu merken, kommt er in seiner Faktenaufzählung, was denn so alles jetzt schon gut ist und noch besser sein könnte, würde der Staat aufhören, spontane Kreativität der Menschen auszubremsen, der bürgerlichen Gesellschaft so nah, dass mensch meinen könnte, Anarchie wäre bürgerliche Gesellschaft minus Staat. Neben der Post, den Lebensrettunggesellschaften, der Eisenbahn, gelten auch wirtschaftliche Kartelle und sogar deutsche Freikops (sic!) als Beispiele für freie, nicht-staatliche Vereinbarungen. Da schießt Grossman-Roschtschins Kritik über das Ziel hinaus: die freie Vereinbarung bei Kropotkin ist eben ein Vertrag, wie er im bürgerlichen Recht existiert. Da ist das Naturrecht an seinem Platz – als „naturalisiertes“ Abbild der bürgerlichen Gesellschaft; für Kropotkin ist es die menschliche, anthropologische Utopie.7

Hier fehlt jedoch etwas: über jene „objektiven Entwicklungsgesetze“, von denen Grossman-Roschtschin schwadroniert, über den Kapitalismus wird im Text kaum ein Wort verloren.8 So bleibt Kropotkin bei der zwar großartigen, aber schließlich nur moralisierenden Denunziation des Kapitalismus in „Die Eroberung des Brotes“ stehen. Bei aller berechtigten Kritik an proudhonistischen und Bakuninschen Wirtschaftsvorstellungen – verbleibt er beim wohlwollenden Pluralismus der Wirtschaftsformen, obwohl der Tausch, Ware, Geld, Markt nicht nur aus eigener Logik den Kapitalismus wieder installiert, sondern – Achtung! – auch den Staat.9 Dessen stete Anwesenheit auf dem Markt, im Waren- und Geldverkehr kann die naturwissenschaftliche Faktensammlerei nicht erkennen.

Über Grossman-Roschtschins halb-richtige Einwände kann mensch sich streiten, über seine proletarische Kraftmeierei schmunzeln, jedoch muss mensch sich der Frage stellen: wie hat das Erbe des „Kropotkinismus“, zur falschen Sicherheit verleitende „Wissenschaftlichkeit“, der naive Fortschritts- und Technikglaube, die Verklärung bürgerlicher Verkehrsformen zum Kommunismus auf den Anarchismus, auch in der Praxis ausgewirkt? Die theoretische Aufhebung und Weiterführung seiner Lehre wurde damals im bolschewistischen Terror vereitelt. Es läge an uns, diesen großen Denker und Revolutionär auf diese Weise zu würdigen.

1Der junge Nestor Makhno äußert sich in seinen „Erinnerungen“ sehr positiv an Grossman-Roschtschin: http://socialist.memo.ru/lists/shtrihi/l125.htm

2Machajski (1866-1926) kam aus dem linken Flügel der polnischen Sozial-Demokratie und entwickelte ein nihilistisches, sehr an Bakunin erinnernde Theoriegebäude. Es war ihm zwar nicht vergönnt, direkt die Revolution zu beeinflussen, seine Theorie der „Arbeiterverschwörung“ wurde allerdings breit rezipiert.

3Zu den bedeutenden Autoren dieser Tendenz würde ich Alexej Borowoj, Aba Gordin und Lew Tschornyj zählen.

4So wird Viktor Serge in „The Russian Anarchists“ von Paul Avrich zitiert.

5Ihre Gründe für die Unterstützung der Entente haben Kropotkin und Co im Manifest immerhin dargelegt und diese sind nicht bar jeglicher Plausibilität, fußen sie doch auf einer richtigen Einschätzung Deutschlands, dieser zur Nation geronnenen Gegenrevolution, und ihrer Arbeiter_innenklasse. Zur ähnlicher Einschätzung ähnlich ekelhafter historischen Situationen vgl. Sam Dolgoffs Überlegungen zu Spanien und Israel in „Anarchistische Fragmente“, 2011 (http://bildungdiskutieren.blogsport.de/2012/03/04/gruesse-von-unkle-sam-ihr-nasen/), und israelsolidarische Positionen in der Kritischen Theorie, der mensch übrigens die Freundlichkeit zu Bestehenden noch weniger nachsagen kann, als dem Anarchismus – Stephan Grigat, „Befreite Gesellschaft und Israel“, in: Grigat S. (Hg.): „Feindaufklärung und Reeducation“, 2006 (http://www.isf-freiburg.org/verlag/leseproben/grigat-feindaufklaerung.reeducation_lp.html)

6Der im März 1918 beschlossene Frieden machte große Zugeständnisse an eben jenes imperialistische Deutschland und leitete bereits damals das Abdriften Russlands vom revolutionären Kurs. Und das nach dem im Februar 1918 erlassenen Dekret „Der sozialistische Vaterland in Gefahr!“ Der Streit um Fragen wie um den Frieden von Brest-Litowsk und den Einmarsch der sowjetischen Armee in Afghanistan 1979 bildet immer noch eine eigene Disziplin in der Special Olimpics in trotzkistischen Gruppen.

7Die Begeisterung fürs „Volk“ als Subjekt der Befreiung, das mit Vorliebe gegen den Staat in Stellung gebracht wird, lasse ich an dieser Stelle beiseite: Kropotkin kann mensch dafür nicht belangen; die Begeisterung fürs „Volk“, „the people“,„el pueblo“, oder gar für die „Nationen“ und „primitive“ Stämme ist ein Erbe der bürgerlichen Revolution, das von den Anarchist_innen noch gerne hochgehalten wird. Ich hoffe, dass wir diese Vorliebe an anderer Stelle auf den Zahn fühlen.

8Was wiederum nicht wundert: dieser lässt sich auf der Basis der Leninschen Imperialismus-Schrift, dazu noch durch die von der Partei beschlossenen NÖP verwirrt, schwer kritisieren.

9Das sei allen libertären Freunden und Freundinnen nichtkapitalistischer Marktwirtschaft, autonomer Geldschöpfung und sonstiger Brechung der Zins- und Zinseszinsknechtschaft gesagt.

 

 

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