Zur Kritik der Grundlagen der Lehre P. A. Kropotkins

Jehuda Solomonowitsch Grossman-Roschtschin

[In der Kropotkin-Kritik von Grossman-Roschtschin (1883-1934) spürt mensch deutlich die theoretische Position, die Grossman ab 1921-22 eingenommen hat. Vor allem das ganze Gerede vom Weltproletariat, das unter wissenschaftlicher Anleitung der Partei alles richtig macht… In der ersten Russischen Revolution stand er noch auf anarchistischen Positionen, machte bei Gruppen „Brot und Freiheit“ in Genf und „Der schwarze Banner“ in Kiew mit. Später wendete er sich dem revolutionären Syndikalismus zu, 1919 kämpfte er auf der Seite der Makhno-Armee. Nach seiner Wendung zum Bolschewismus arbeitete er bei RAPP (Russländische Assoziation proletarischer Schriftsteller) und verfasste mehrere Bücher über die sog. proletarische Literatur und Kunst im Allgemeinen. – liberadio]

Kropotkin wurde zu seiner Zeit viel diskutiert, aber wenig studiert. Die russischsprachige Literatur über Kropotkin ist äußerst dürftig. Natürlich kann man auf die Wiedergabe der Theorie bei Elzbacher verweisen, oder bei Zoccoli, aber diese Wiedergabe ist eher ein photographisches Abbild als ein Portrait; dieses fleißige Zitieren hat nichts zu tun mit dem tiefen Begreifen und selbständigen Durcharbeiten des Kropotkinismus. Einmal hat Herr Dioneo fleißig, obschon sehr fade, auf den Seiten des „Russkoje Bogatstwo“ über das Buch „Gegenseitige Hilfe“ referiert. G. Karejew hat auch das wahrlich großartige, die Aufmerksamkeit der ganzen sozialistischen Welt genießende Buch „Die französische Revolution“ wiedergegeben und teilweise kritisiert (nicht ganz gelungen, wie er selbst später zugab). Der Soziologe De Roberty schrieb einen kleinen Essay über Kropotkin, zudem hat auch Basarow in seiner Broschüre nebenher einige Anmerkungen zur naturwissenschaftlichen Methode gemacht. Und das ist alles. Ich lasse die neulich im Verlag „Golos truda“ erschienene Aufsatzsammlung „P. A. Kropotkin“ unter der Redaktion von Genossen Borowoj und Lebedjew beiseite. Diese Aufsatzsammlung bringt etwas Wesentliches in die Literatur über Kropotkin.

Ich persönlich musste relativ viel über Kropotkin schreiben.

Merkwürdig: Ich war nie ein Kropotkin-Anhänger, habe den Kropotkinismus in Vorträgen und Referaten bekämpft; aber über Kropotkin schreiben musste ich eher dogmatisch – ich fühlte, dass man erst ein tieferes Verständnis und Urteil über das System liefern sollte, bevor man zur fruchtbaren Kritik übergehen könnte. Nur in meinen Artikeln, die dem Kampf gegen pro-imperialistische Positionen Kropotkins während des imperialistischen Krieges gewidmet sind, kritisiere ich Kropotkin, wo ich die Selbstwidersprüche Kropotkins offenlege. (Interessierte verweise ich auf die Broschüre „Eine Charakterisierung des Werks von P. A. Kropotkin“, „Gedanken über Kropotkins Werk“ in der bereits erwähnten Aufsatzsammlung im Verlag „Golos truda“, „Rede am Grab Kropotkins“ ebenda und „Die Zweideutigkeit der Position Kropotkins in „Zhisn’ dlja wsech“ 1918).

Betrachten wir die Hauptvoraussetzungen der Lehre von Pjotr Aleksejewitsch Kropotkin.

1. Die naturwissenschaftliche Methode. Die Wissenschaft beseitigt Theologie und Metaphysik auf allen Gebieten, darunter auch in der Soziologie. Der naturwissenschaftliche Materialismus des 18. Jahrhunderts und der Positivismus August Comtes bilden die Basis einer synthetischen Weltanschauung. Die Soziologie muss sich das Glück und die Versorgung eines/r jeden und aller zum Ziel machen – die Soziologie soll quasi zur Physiologie der Gesellschaft werden. Die naturwissenschaftliche Methode wird u.a. der dialektischen entgegengestellt, die Kropotkin auch zur metaphysischen Denkart zählt.

2. Kosmischer Föderalismus. Bürgerliche Denker, die die Welt analog zur staatlichen Zentralisation denken, stellen den Kosmos hierarchisch dar; die Sonne ist das Zentrum, um das die abhängigen Planeten kreisen. In Wahrheit ist der Kosmos ein stabiles Gleichgewichtssystem, in dem ausgerechnet die Zusammenhänge zwischen dem unendlich Kleinen dieses Gleichgewicht und diese Stabilität „herstellen“.

3. Sozialer Föderalismus. In der Geschichte kämpfen nach wie vor zwei Tendenzen gegeneinander – der Zentralismus und der Föderalismus. Der Zentralismus brachte immer Ungleichheit hervor: Das Zentrum, einem Blutegel gleich, saugte alle Säfte aus der Provinz. Der Zentralismus schaffte immer nur einen Abdruck, eine gesichtslose Schablone. Dagegen verdankt jede Kultur, in welcher die Kreativität der Massen üppige Blüten trieb, ihre Blüte dem Föderalismus. Der Kampf der Hanseatischen Union, einige Perioden des Mittelalters, der Kampf der Städte Pskow und Nowgorod für ihre Autonomie – das alles war der Kampf der Massenkreativität gegen den Zentralismus. Im Sozialismus kämpfen auch zwei Tendenzen gegeneinander: Der staatliche Sozialismus – genauer gesagt der Sozialismus der Staatsmänner, der Jacobiner, der Zentralisten und der Anhänger des römischen Rechts (Marx, Lassalle) – gegen den föderalistischen, nicht-staatlichen Sozialismus, der durch Bakunin und die Jura-Föderation vertreten ist.

4. Alles Positive, Vernünftige und Freiheitliche in der Geschichte ist Produkt der Massenkreativität. Dieses Produkt braucht kein Gesetz, kein Recht, keinen staatlichen Schutz. Massenkreativität wird im Naturrecht festgehalten. Wie gelingt es dann dem Staat die Kreativität der Massen zu brechen und das Reich des Rechts, des Gesetzes und der Staatlichkeit zu installieren? Die Masse stagniert oft in ihrer Entwicklung oder die von ihr hervorgebrachten Normen sind zu lokal und nicht universal genug. Dann übernimmt der Staat die „progressive“ Initiative im Sinne der Störung der vorübergehenden Ruhe und der Erweiterung der Anwendungsgrenzen der im Naturrecht begründeten Normen. Aber für diesen „Gefallen“ nimmt der Staat – Shylock – das lebendige Fleisch als Pfand. Der Staat macht aus dem Gesetz eine Art ewige, verfestigte Norm und hindert das aufgewachte Volk, diesen Recken, an der weiteren Entwicklung; der Staat schafft es, sich dem „Fortschritt“ anzudienen und macht aus Gesetz, Recht, Staatsanwalt, Richter und Henker unvermeidliche Begleiter der Geschichte.

5. Die Bestimmung des Staates. Man soll den Staat nicht mit der Regierung verwechseln. Der Staat existierte im Rom, verschwand im Mittelalter und wurde im 16. Jahrhundert wieder geboren. Der Staat ist kennzeichnet durch territoriale Konzentration und ein Zentrum, aus dem heraus alles bestimmt und geregelt wird.

6. Fortschritt ist „der Übergang vom Schlechteren zum Besseren“.

7. Gegenseitige Hilfe. Es ist falsch, dass Überlebenskampf, Streitereien und Konkurrenz das Überleben und die Auslese der Besten fördern. In Wahrheit übersehen bürgerliche Darwinisten den wichtigsten Faktor der Evolution und des Fortschritts: Die gegenseitige Hilfe, die im Kosmos wirkt. Dieser Faktor wird im sozialen Umfeld dank der Prinzipien der Konkurrenz, des privaten Eigentums und der Staatlichkeit eingeengt und verkehrt. Kommunismus, Föderalismus, freie Vereinbarung – das ist das Ideal der Massenkreativität, des anarchistischen Kommunismus.

8. Ethik. Ethisch ist es, zum Wohl der Gattung beizutragen. So entwickelt sich das Individuum exzessiv und intensiv, wird größer und stärker.

Hier haben wir die Hauptpunkte der Lehre von Pjotr Aleksejewitsch Kropotkin vorgestellt. Freilich gedenken wir nicht, seine Lehre Punkt für Punkt der Analyse zu unterziehen. Wir wollen einige Momente andeuten, die anderen Forschern als Material für eine umfassende und fruchtbare Kritik des Kropotkinismus vom Nutzen sein werden. (…)

An einer anderen Stelle formulierte ich das hauptsächliche Manko des kropotkin-bakuninschen Anarchismus so:

Der Anarchismus gibt uns eine Formel des Fortschritts, liefert uns aber keine Vorstellung von der Mechanik des geschichtlichen Prozesses.

Die obige Formulierung aber benötigt eine wichtige Ergänzung: Kropotkin nimmt eine einzigartige Stellung zwischen dem wissenschaftlichen Sozialismus und dem Utopismus ein. Er ist kein Utopist in dem Maße, dass er darauf verzichten könnte, seine Weltanschauung „naturwissenschaftlich“ zu begründen, aber er ist nicht so wissenschaftlich und objektiv, um seine unbewusst-wissenschaftliche Schussfolgerungen seinem moralischen Ideal doch nicht zu unterordnen. Gerade das macht die Analyse des Kropoktinismus so schwierig und überzieht die ganze Lehre mit einiger Unschärfe und Verschwommenheit, trotz Kropotkins großartiger Fähigkeit, die eigenen Gedanken klar, verführerisch klar, darzulegen.

Aber man muss naiver Moralist sein, um zu glauben, dass der „Sündenfall“ des kropotkinschen Anarchismus nur das Resultat einer falschen Vorstellung, eines Vernunftfehlers, sei. Natürlich, der Anarchismus und seine intellektuelle Unreife ist ein Abbild bestimmter gesellschaftlicher Umstände.

Man sagt: Kropotkinismus sei kleinbürgerlich. Das stimmt, obwohl man sofort hinzufügen müsste, dass die „Kleinbürgerlichkeit“ Kropotkins auf eine einzigartige Weise mit dem Liberalismus vermischt und verwoben ist. Vor langer Zeit, noch auf den Seiten des illegalen „Tschjornoje znamja“ verwies ich auf Liberalismus im Anarchismus, auf das Fehlen der voll ausgearbeiteten Idee des Klassenkampfes in der Theorie.

Das ist es ja: Wir gebrauchen den Begriff der „Kleinbürgerlichkeit“ zu oft und laufen Gefahr, daraus ein Klischee, ein Label zu machen, das schlampig und unterschiedslos den Erscheinungen der verschiedenen sozialen Dimensionen aufgeklebt wird.

Falls man unter der Kleinbürgerlichkeit eine Apologie der individualistischen Bauernwirtschaft versteht, so ist diese Bezeichnung, die man im Allgemeinen für Proudhon gebrauchen kann, für die kommunistische Theorie Kropotkins entschieden unbrauchbar. Falls man unter der Kleinbürgerlichkeit die territoriale Isolation der Kommune, gewissermaßen eine wirtschaftliche „Monadologie“ versteht, so wird dieser Vorwurf, der nicht unbegründet ist, im Allgemeinen trotzdem durch den Fakt abgewehrt, dass Kropotkin von der Massenkreativität auf allen Gebieten Universalität, Allgemeinheit verlangt, ohne welche die Massenkreativität versiegt und dem staatlichen „Progressismus“ zum Opfer fällt.

Unanwendbar auf Kropotkinismus ist der Begriff „Kleinbürgerlichkeit“ auch in seinem psychologisch-kulturellen Sinne. Der Kleinbürger erreicht nie irgendwelche Höhen, deswegen lallt er ja entspannt und träumt von himmlischen „Idealen“ und bricht manchmal in komischen Hass auf „Opportunisten“ aus, die in der Realität Maschinen bauen, mit deren Hilfe man real und nicht in den Träumen die Gipfel des Himalaya erreichen kann. Der Kleinbürger sieht nie die Wurzel und ist deswegen zu einer mutigen objektiven Analyse nicht fähig. Er ersetzt das real Existierende durch das blutarme, auf Stelzen laufende „Sein-Sollende“.

Die Philosophie des Kleinbürgers lieferte Shakespeare im „Hamlet“:

H a m l e t. Meine trefflichen guten Freunde! Was machst du, Güldenstern? Ah, Rosenkranz! Gute Burschen, wie gehts euch?
R o s e n k r a n z. Wie mittelmäßigen Söhnen dieser Erde.
G ü l d e n s t e r n. Glücklich, weil wir nicht überglücklich sind.
Wir sind der Knopf nicht auf Fortunas Mütze.
H a m l e t. Noch die Sohlen ihrer Schuhe?
R o s e n k r a n z. Auch das nicht, gnädger Herr.
H a m l e t. Ihr wohnt also in der Gegend ihres Gürtels, oder im Mittelpunkte ihrer Gunst?

Ist dieser klassische Typus des geistigen Kleinbürgers Kropotkin in irgendeiner Weise verwandt? Natürlich nicht. Eine unendliche geistige Großzügigkeit, der Kampf gegen die „goldene Mitte“ – das sind das Motto und der Hauptcharakterzug von Kropotkins Ethik.

„Gib, ohne nachzuzählen“ – das ist das Motto einer geistig überreichen Persönlichkeit.

In welchem Sinne dürfte man also von der Kleinbürgerlichkeit Kropotkins sprechen? Nur in dem, dass er die objektive Rolle und die Bedeutung des Kapitalismus nicht verstanden, außerdem die organisatorisch-befreiende Rolle der Technik nicht verstanden und unterschätzt hatte. Auch wenn das Proletariat und die Großindustrie ein Teil seiner kommunistischen Weltanschauung sind, hat er das große notwendige Gesetz, vom Proletariat als der einzigen, verlässlichen Avantgarde der Freiheit auszugehen, nicht begriffen.

Gerade deswegen wird er, da er die einzig richtige objektive Basis verliert, oft zum Utopisten und verfällt, da er reale Kräfte und Antriebe in der Gegenwart nicht bemerkt, einem soziologischen Passeismus, das angeblich „freie“ Mittelalter oder die alten Städte Pskow und Nowgorod idealisiert.

Natürlich hatte der kleinbürgerliche Proudhon Elemete des Liberalismus, weil er glaubte, dass jede ökonomische Kraft, wenn sie sich selbst überlassen wird, zur Freiheit führt und nur der Staat die Richtung dieser freiheitlichen Kraft pervertiert. Im Liberalismus Kropotkins gibt es ein Element der Kleinbürgerlichkeit, weil Kropotkin nicht vom objektiv Gegebenen ausgeht und einige Aspekte der vorkapitalistischen Verhältnisse idealisiert. Aber sie beide über einen Kamm – den der “Kleinbürgerlichkeit” – zu scheren, das geht nicht.

Für uns ist es wichtig anzumerken, dass ideologische und philosophische Schwankungen Kropotkins aus diesem Nicht-Verstehen der objektiven Logik der Dinge resultieren. Wahrlich, „die Rache ist mein und ich werde vergelten“ – wer den Schlüssel zum Verständnis der Entwicklungsgesetze der Gesellschaft verlor, der ist zum Eklektizismus und zur Instabilität in der Theorie verdammt.

Das sehen wir am Beispiel der Lehre Kropotkins.

Was am meisten bei der Analyse der Kropotkins Lehre auffällt, ist ihr rein ethischer, moralischer Charakter. Sie ist gänzlich von moralischem Pathos, von der Kategorie des Sollens durchdrungen; das ist durchaus verständlich, wenn wir uns daran erinnern, dass Kropotkin ein glorreicher Vertreter „büßender Aristokraten“ ist, die sich verpflichteten, „ihre Schulden dem Volk zu zahlen“ und es wenigsten ein bisschen für seine Erniedrigungen und Unterjochung zu belohnen. Zu kaum jemand anderem passt der Spruch Wladimir Solowjows, dass die Intellegenzja gemäß der paradoxen Vorgabe denke, „der Mensch stammt vom Affen ab und danach werden wir alle gut“, wie zu Kropotkins System. Denn Kropotkin will sein ethisches Ideal naturalistisch, mit der naturwissenschaftlichen Methode, begründen. Theoretisch ist es aber aussichtslos.

Im Allgemeinen ist entweder ein naturalistischer Amoralismus möglich, was zum großen Teil auf die Lehre Spinozas zutrifft. Hier werden alle moralischen Überlegungen aufgedeckt und bloßgestellt, die ethischen Überlegungen sind demnach nur ein gewisses Epiphänomen natürlicher Wünsche, Leidenschaften und Begierden. Oder Panethizismus, worin die moralische Kategorie zu einer gewissen Weltsubstanz erklärt wird und die Natur selbst einen bestimmten, wenn auch nur rudimentären, moralischen Plan verfolgt. Schließlich ist auch ein Dualismus möglich, wonach die Natur gegenüber dem Guten oder dem Bösen gleichgültig ist und in ihr nur das eiserne Gesetz der Notwendigkeit herrsche, das Ethische aber eine rein menschliche Kategorie sei.

Im Grunde schafft es Kropotkin, die verschiedenen Kategorien zusammenzubringen und den naturalistischen Amoralismus und mit dem Panmoralismus in eins zu vermischen. Betrachten wir ein Beispiel. Was für einen Sinn hat die Idee Kropotkins, dass der Kosmos föderalistisch organisiert ist? Dass es dort, im Kosmos, kein „Zentrum“, keinen Herrscher gibt, dass der Kosmos ein bereits existierendes Reich des anarchistischen Föderalismus ist? Denn Herrschaftslosigkeit, die föderalistische Organisation hat eine Bedeutung und einen Sinn nur dort, wo es lebendige Menschen, wo es den Zentralismus verfluchende, für Autonomie kämpfende Elemente gibt. Auf die mechanische Natur angewendet sind all diese Begriffe nur Metaphern; aber für Kropotkin sind es keine Metaphern. Das hier ist zweifellos ein unbewusster Anthropomorphismus. Und hier wird gleich der eigentliche Widerspruch des Systems sichtbar: ein Anhänger einer mechanischen Weltanschauung, der die naturwissenschaftliche Methode anwendet, kennt nicht und kann keine ethische Kategorie kennen. Er kennt nur Regungen der Natur, und diese Regungen sind gegenüber dem Guten und dem Bösen gleichgültig. Dann verschwindet aber alles, was Kropotkin so lieb und teuer ist – das System der ethischen Werte. Also wendet Kropotkin, unbewusst natürlich, einen eigenartigen „Trick“ an: der Mensch wird tatsächlich naturalisiert, die Natur aber wird dafür ethisiert. In der Natur sei bereits ein Postulat des freiheitlichen Föderalismus vorhanden; den Menschen in die Hände dieser Natur zu werfen, ist nicht mehr so bedenklich, denn diese Natur ist kein „Abbild, kein geistloses Antlitz, in ihr ist eine Seele, eine Freiheit“. Und was für eine Freiheit: eine anarchistisch-föderalistische!

Es ist klar, dass die naturwissenschaftliche Methode in diesem Fall nicht nur die Fakten und ihre Zusammenhänge konstatiert, sondern dass sie auswählt, um eine moralische Hypothese zu begründen.

Die naturwissenschaftliche Methode, auf die Kategorien des Sollens angewendet, wurde glänzend und unwiderruflich kompromittiert durch Kant, der wiederum auf dem Gebiet der Geschichte und der Soziologie durch den dialektischen Materialismus Marx’ besiegt wurde. Die Hauptidee der ganzen Kant’schen Philosophie kann folgendermaßen formuliert werden: Durch die Erforschung der Zusammenhänge zwischen verschiedenen Erscheinungen der Natur kann man keinesfalls, in keiner Weise und in keinerlei Ausmaß die Kategorien des Sollen gewinnen. Zwar schien Kant die physische und die ethische Welt in seiner berühmten Formel „Himmel über mir, moralisches Gesetz in mir“ zusammen gebracht zu haben. Aber diese Einheit in der Universalität wurde durch unterschiedliche Methoden erreicht. Der zweite Satz von Kant: die Welt der Mechanik ist die Welt der quantitativen Kombinationen. Die Welt der moralischen Werte aber ist ein qualitativer Komplex. Und die Quantität schlägt niemals in Qualität um.

Wer hat aber Kant besiegt? Der naturwissenschaftliche Materialismus etwa? Nein. Kant unterlag der Hegelschen Logik, in der die Quantität zur Qualität wird. Die naturwissenschaftliche Methode aber musste kapitulieren, Kant fügte ihr unheilbare Wunden zu.

Kropotkin verneint die Dialektik und verfällt dem Eklektizismus; über das Natürliche schleicht er sich an das Sollenden heran; die naturwissenschaftliche Methode aber kennt solche Wege nicht!

Es ist bezeichnend, dass die „subjektive Methode in der Soziologie“, die von N. K. Michajlowskij verteidigt wird, uns mehr gegen den Einbruch des Subjektivismus schützt, als die naturwissenschaftliche Methode Kropotkins.

Ja, die „subjektive Methode“ in der Soziologie schützt uns eher von der Einmischung der subjektiven Willkür als die angebliche Begründung des sozialen Ideals durch die naturwissenschaftliche Methode. N. K. Michajlowskij protestierte auf die entschiedenste Weise gegen den Gedanken, dass die subjektive Methode eine Art „Pferd ohne Zaum“ sei, das willkürlich die objektive Regelmäßigkeit durchbricht und die empirische Gegebenheit durch die Früchte der edlen Phantasie ersetzt. Michajlowskij argumentiert so: die Natur, so wie sie wissenschaftlich gegeben und durch Darwins Theorie erschlossen ist, kennt nichts Gutes und Böses, keine Heldentat, kein Verbrechen. Sie sät den Tod hier und das unendlich volle, üppige Leben dort. Sie kennt nichts Wertvolles, Teures, Wünschenswertes. Aber der lebende Mensch kennt Wertvolles und Wünschenswertes. Und dieser lebende Mensch ist ein Kind der Natur. Wie ließe sich denn die Exaktheit der wissenschaftlichen Gesetzmäßigkeit mit dem nicht weniger realen Bedürfnis nach dem Ideal der Wahrheit vereinbaren? Der Mensch braucht vor der Natur nicht zu kapitulieren, aber wehe, wenn er im Namen des moralisch Sollenden drohende Erscheinungen der Naturnotwenigkeit vergisst. Die subjektive Methode ist ein offener Ausdruck dessen, dass eine gegebene Person einen bestimmten Platz in der Gesellschaft einnimmt und ein Anhänger eines bestimmten Typus sozialer Kooperation ist. Das Individuum kennt keine unvoreingenommene Einstellung zum Leben. Um ihre Ideale nicht durch die Hintertür herein zu bringen, um ihr moralisches Ideal durch gesichtslose Naturgesetze nicht gesichtslos zu machen, um der Natur ihr unübliche Wertungen nicht unterzujubeln, formuliert die subjektive Methode offen ein Ideal der Klasse oder des Individuums und versucht mittels der Erforschung der Naturgesetze einen Sieg zu erringen. Nicht umsonst hat der polnische Soziologe Krzhiwitzki in der subjektiven Methode Keime eines Klassenansatzes gesehen. Natürlich kann es sich dabei nur um einen Klassenansatz in „embryonaler“ Form handeln, denn auch Michajlowskij war die Erkenntnis objektiver historischer Entwicklungsgesetze fremd. In der Praxis war Pjotr Aleksejewitsch Kropotkin, trotz all seiner „imperialistischer“ Neigungen, unvergleichlich revolutionärer als N. K. Michajlowskij, der typische Ideologe mittelschichtlicher und zum Teil adelig-deklassierter Intelligenzja. Wie viel Mühe auch immer sich der Erz-Eklektiker W. Tschernow macht, es so darzustellen, dass bei Michajlowskij alles perfekt sei und es bei keine Risse gäbe, in Wahrheit wissen wir, dass das System von N. K. Michajlowskij durch und durch dualistisch ist: wie ein eigenartiger ethischer Geschichtsphilosoph ist Michajlowskij ein romantischer Maximalist. Als Praktiker ist er ein gemäßigter Sozialist, wahrscheinlich noch rechter als Mjakotin.

Aber methodologisch gesehen ist die naturwissenschaftliche Methode für die Aufgabe der Begründung revolutionärer Weltanschauung zweifellos einen Schritt hinterher, was wiederum auch die unvollkommene und längst verworfene „subjektive Methode in der Soziologie“ charakterisiert.

Diese methodologische Inkonsequenz Kropotkins tritt besonders deutlich in seiner Einschätzung des Darwinismus hervor.

Wie steht der Marxismus zum Darwnismus? Vor allem distanzierte sich der Marxismus methodologisch vom Darwinismus. Versuche, biologische Gesetze auf die soziale Sphäre zu übertragen, werden alleine schon aus dem Grund entschieden abgewiesen, dass Marx das spezifische Wesen des gesellschaftlichen Seins feststellt und dialektische Entwicklungsgesetze ausarbeitet. Daher erkennt der Marxismus gänzlich das Gesetz des Kampfes ums Überleben an, aber aus der ewigen, natürlichen Kategorie und dem Kampf der Arten macht er einen historischen Kampf der Klassen.

Und wie steht der erwähnte N. K. Michajlowskij zum Darwinismus? Michajlowskij verweist auf die Kooperation als auf ein Faktum, welches das Gesetz des Kampfes verändert und einschränkt. Aber seinem „subjektiven Anthropozentrismus“ treu, arbeitet Michajlowskij verschiedene Typen der Anpassung heraus. Dergestalt, dass „praktische“ Typen eher überleben und „ideelle“ Typen eingehen. Die praktischen Typen überleben, weil ihnen „die Liebe zum Fernen“ fehlt. Sie haben sich parasitär unter konkreten Umständen eingerichtet, aber gehen ein, sobald die Umstände sich ändern, komplizierter werden oder Vielfalt statt Einfalt und Passivität gefordert wird. Die „ideellen“ Typen, umgekehrt, sind vielfältig und kompliziert, passen sich nicht der Umgebung an, weil die Umgebung von ihnen den Verzicht auf Komplexität und Vielfalt, weniger Aktivität und mehr passive Anpassung fordert. Ja, der „am meisten Angepasste“ überlebt, aber der Angepasstere bedeutet keinesfalls „der Vollkommenere“. Moltschalin „überlebt“, weil er zum „praktischen“ Typus gehört, Giordano Bruno stirbt, weil er „ideeler“ Typus ist. Überlebt aber in diesem Beispiel der „Vollkommenere“?

Kropotkin unterzieht den Darwinismus ebenfalls einer harten Kritik, seine Herangehensweise ist aber anders. P. A. Kropotkin schrieb ein großartiges, von allen geschätztes Buch „Gegenseitige Hilfe als Evolutionsfaktor“. Kropotkin erklärt, dass nicht der Kampf, sondern die gegenseitige Hilfe eines der Faktoren des Fortschritts ist.

Wie wichtig auch immer dieses Werk Kropotkins sein mag, so wirft es im Sinne der Begründung einer Weltanschauung dennoch eine ganze Reihe Fragen auf.

Vor allem: der Darwinismus verneint die Tatsache der gegenseitigen Hilfe (Symbiose) nicht. Der Darwinismus weiß ganz gut, dass nicht nur ein Einzelwesen gegen ein anderes kämpft, sondern auch eine Art gegen eine andere. Im Rahmen einer Art gibt es natürlich auch die gegenseitige Hilfe. Denn vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus gesehen sind der Faktor Kampf und der Faktor gegenseitige Hilfe gleich und gleich amoralisch! Aber es ist klar, dass für Kropotkin die gegenseitige Hilfe kein einfacher Faktor ist, sondern eine Norm, eine Formel des Fortschritts.

Vielmehr noch ist dieser Faktor der gegenseitigen Hilfe selbst die Begründung des Ideals. Der Marxismus fußt auf dem objektiven Stand der Dinge, Kropotkin will seine Ideale auf biologischen Tatsachen gründen. In der gegenseitigen Hilfe erblickt er eine „Garantie“ für das Erreichen des Ideals! Aber – hier kommen wir zur Hauptfrage – wo ist die Garantie, dass die gegenseitige Hilfe gegen den Überlebenskampf gewinnt? Rein faktisch kann man das nicht beweisen: wie zahlreich die Beispiele für den bewundernswerten Heroismus auch sind, dieselbe Menschheitsgeschichte ist voll mit Grausamkeit, erbitterter Feindseligkeit, dumpfer und manchmal sinnloser Bösartigkeit. Natürlich, die gegenseitige Hilfe ist eine wichtige Tatsache und ein Faktor im Leben, nicht umsonst aber sagte jemand: „das Problem ist nicht, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist, sondern dass der Mensch dem Menschen ein Holzklotz ist“. Mit der natürlichen Notwendigkeit kann man nicht beweisen, dass der „Wolf“ und der „Holzklotz“ die „gegenseitige Hilfe breit praktizieren“ werden! Kropotkin benennt einfach zwei parallele Erscheinungen, beweist und begründet aber nichts. Trotzdem ist es klar, dass Kropotkin nicht nur in einem Konstatieren des zweideutigen Charakters menschlicher Evolution – Kampf und gegenseitige Hilfe – interessiert sein sollte, sondern in einer Begründung der universellen gegenseitigen Hilfe. Und durch die Tatsache der gegenseitigen Hilfe lässt sich das nicht begründen! Hier kommen jene Verschwommenheit und Zweideutigkeit ins Spiel, von denen wir schon mehrmals sprachen.

Merken wir uns: Weil die Rede von der gegenseitigen Hilfe unter Pflanzen ist, haben wir es hier mit einer Metapher, mit einer Art Animismus zu tun. Kropotkin, ein Anhänger der mechanischen Weltanschauung, versichert uns, dass Erscheinungen des psychischen Lebens genauso der mechanischen Analyse zugänglich seien, wie ein Glockenton. Dann aber soll Kropotkin dem zustimmen, dass die gegenseitige Hilfe bezüglich der Natur eine Metapher ist. Oder aber: Kropotkin ist in der Tat ein Psychist, der unter dem Vorwand der naturwissenschaftlichen Methode die Natur „beseelt“. So ist es auch. Die gegenseitige Hilfe ist für Kropotkin keine einfache Tatsache, sondern eine Formel des Fortschritts. Und diese Formel wird heimlich der Natur untergejubelt, als würde sie aus der Natur resultieren und mit der naturwissenschaftlichen Methode entdeckt werden. Eine naturwissenschaftliche Tatsache wird im Grunde als moralische Norm gedeutet, und diese moralische Norm lebt getarnt als ein naturwissenschaftliches Gesetz.

Am deutlichsten tritt die Zweideutigkeit Kropotkins in seiner Ethik zutage. Ich werde auf seine Schrift „Philosophische Grundlagen des Anarchismus“ eingehen, weil das (neulich) erschienene Buch „Ethik“ dem nichts Neues hinzufügt. Den ethischen Naturalismus Kropotkins kann man ohne eine Analyse dieser Schrift nicht überwinden.

Kropotkin verwirft die utilitaristische Moral Benthams. Dieser zeigt auf, dass es aus der Sicht eines Individuums keinen Grund gibt, das eigene Leben für was auch immer zu riskieren. Diese Kritik verpflichtet P. A. Kropotkin, die Ethik auf eine Basis zu stellen, die das Opfer für den Nächsten rechtfertigt. Kropotkin widerlegt auch die Ethik von Kant sehr leicht. „Muss ich denn – fragt er – mich für einen Imperativ opfern?“ Muss man noch erwähnen, dass Kropotkin auch die christliche und biblische Moral verwirft? Kropotkin erklärt, dass der Anarchismus nur einen Rat gibt und für das Individuum einen Weg zum Glück durch moralische Taten wissenschaftlich erschließt.

Dieses Idyll wir bald zerstört, denn Kropotkin stellt Menschen, die der wissenschaftlichen Ethik nicht folgen, als verkrüppelte, kranke, entstellte Menschen dar. Im Grunde, sehen wir hier bereits bedrohliche Anschuldigungen und Strafandrohungen für alle, die „nicht gehorchen“. Aber was ist eigentlich dieses moralische Verhalten? Als moralisch gilt eine Tat, die dem Wohlergehen der Gattung dient.

Diese Bestimmung stürzt uns in ein tiefes Staunen. Wir stellen dieselbe Frage, die Kropotkin den Utilitaristen stellt: warum soll ich denn dem Wohlergehen der Gattung dienen? Warum folgt man nicht den Gedanken eines Basarows? Was schert mich das Glück eines Bauern, wenn ich vergänglich bin? Weiterhin: um was für ein Wohlergehen geht es hier? Oder ist nur die Unerschöpflichkeit, Unendlichkeit, das Weiterbestehen des biologischen Lebens der Gattung gemeint? Dann wäre es nicht verständlich, warum aus dieser biologischen Tatsache des Gattungslebens eine moralische Kategorie wird. Warum ist eine Tat, die dem biologischem Weiterbestehen der Gattung dient, gut? Posdnyschew, die Hauptfigur der „Kreuzersonate“ von Tolstoj, glaubt, dass gerade das Aufhören der menschlichen Gattung vom moralischen Bewusstsein diktiert wird: das Gattungsleben ist ein Faktum und mein Unwille ihm zu dienen auch ein Faktum und nicht mehr! Offensichtlich ist, dass es Kropotkin nicht einfach um das Wohlergehen der Gattung geht, sondern um das moralische Wohlergehen, um ein würdiges Dasein; in diesem Fall sollte man offenlegen, worin genau dieses moralische Wohl besteht. Aber so etwas gibt es und kann es bei Kropotkin nicht geben: die moralische Kategorie wird zu einem naturwissenschaftlichen Faktum und eine naturwissenschaftliche Tatsache wird als eine moralische Kategorie gedeutet. Obwohl Kropokin erklärt, dass wir sowohl im Leben der Tiere als auch im Leben der Wilden faktisch nur Selbstaufopferung im Namen der Gattung beobachten. Wenn es aber eine Tatsache ist, woher kommt dann das „Böse“ in die Welt? Wenn die Selbstaufopferung eine Tatsache ist, woher kommen denn wütender Egoismus, Kannibalismus, Sklaverei und Böswilligkeit? Wäre diese Selbstaufopferung ein Faktum, müsste man sie nicht bewerben. D.h. es wirken im Leben auch andere Kräfte, die ebenso viel gelten und moralisch neutral sind. Formell gesehen bewies Kropotkin keinesfalls die Notwendigkeit der Selbstaufopferung im Namen der Gattung – denn wie auch immer überzeugend das Verhalten von Affen und Wilden sei, kann ich diese biologische Tatsache keineswegs als Grundlage meines Verhaltens nehmen.

Kropotkin versucht aus der schwierigen Lage heraus zu kommen, indem er dem sich für die Allgemeinheit aufopfernden Individuum großes Glück, volles Leben und eine harmonische Entfaltung aller Facetten seiner Persönlichkeit verspricht. Kropotkin weißt darauf hin, dass der biologische Überfluss das Individuum zu großen und erhabenen Taten bringt. Lassen wir aber das Individuum selbst entscheiden, worin das Große und Erhabene besteht. (Diese Lehre vom Überfluss übernahm Kropotkin von Jean-Marie Guyau).

Kropotkin betont, dass nur eine genetische Methode uns einen Schlüssel zur Lösung von komplexen Problemen geben kann. Er erforscht die Genese der Moral und baut darauf seine Weltanschauung auf – wir haben gesehen, dass man auf diesem Weg nicht weiter als zu einer Faktenbeschreibung kommt! Aber auch hier zeigt eine aufmerksamere Analyse, dass hier eine für Kropotkin verhängnisvolle Schwankung zwischen Naturalismus und Ethizismus zu Vorschein kommt. In der Tat, man kann nicht nur die ethisch-formelle Scholastik Kants zurückweisen, sondern man muss es auch. Der Marxismus z.B. tritt an die Ethik klassenpragmatisch heran. Kropotkin will uns angeblich rein wissenschaftlich die Entstehung der Moral demonstrieren. In Wahrheit aber möchte er aus der Tatsache einer langen und ununterbrochenen Existenz des Altriusmus ein System des Sollens konstruieren. Wie ist es möglich? Gar nicht. Wenn aber Kropotkin vorgeblich sein Ziel erreicht, so schafft er das nur deshalb, weil der Kosmos ethisiert ist, weil die Welt bereits angeblich eine kosmische anarcho-föderalistische Republik sei. Jede Tatsache der Naturordnung ist gleichzeitig – streng geheim! – eine Hymne der gegenseitigen Hilfe. Aus diesem Grund wird vom Kropotkinismus angeblich rein wissenschaftlich die Entstehung, in Wahrheit aber nur die moralische Heimat eines jeden biokosmischen Faktors aufgezeigt. Hier wird nicht einfach die Genese konstatiert, sondern der ethische Adel der „Eltern“ konstatiert. Die naturwissenschaftliche Methode ist in der Tat eine verdeckte Auswahl und Rechtfertigung der Fortschrittsformel. Kropotkin selbst meint naiv, dass eine konsequente Anwendung der naturwissenschaftlichen Methode uns unbedingt zur Idee der menschlichen Gleichheit und Brüderlichkeit führen wird. Er wirft (Herbert) Spencer vor, eine falsche Anwendung dieser Methode führe diesen zur Rechtfertigung des Privateigentums. Eigentlich ist es die Ethisierung der Natur, eine willkürliche Verwandlung der Biologie in die Ethik, die Kropotkin gestattet, angeblich naturwissenschaftlich ein „Fortschrittsgesetz“ zu entdecken.

Verwunderlich, dass wir bei Kropotkin kaum den Versuch finden, eine Analyse der spezifischen Natur der sozialen Erscheinungen und einer Tendenz zur Klassendifferenzierung zu liefern. Das wirkt sich verhängnisvoll auf seine Fragestellung über den Zusammenhang von Massenkreativität, des Naturrechts und des Staates aus.

Wir können uns nach den durchgemachten Umbruchsjahren nur schwer vorstellen, was für einen überraschenden Eindruck – und nicht nur unter den Revolutionären – die Nachricht machte, dass Kropotkin den Krieg „akzeptiert“ hätte. Wild und selbstvergessen jubelten Ideologen der Imperialisten und ihre Knechte! Der berühmte Brief von Kropotkin an, glaube ich, einen schwedischen Wissenschaftler mit den Gründen, warum Sozialisten und Anarchisten sich unter die Fahnen der Entente gegen Deutschland stellen sollten – dieser Brief wurde gleichzeitig zum Banner, aber auch zur Tarnung für die Imperialisten.

Für viele bedeutete die Losung Kropotkins – „fertigt Kanonen an und bringt sie an die Front“ – eine Ideenkrise. Viele glaubten, dass damit der stärkste und verheerendste Schlag gegen den Glauben an die Bedeutung und Festigkeit von überhaupt jedweder Ideologie versetzt wurde. Und in der Tat: was für eine Bedeutung hat das Schilf der Ideen, wenn der Sturm der Fakten es beliebig beugt?

Ich erinnere mich an eine unbedeutende, aber, wie ich glaube, vorausweisende Begebenheit. Ich stand in Genf auf einem Platz und wartete auf die Straßenbahn. Ein junger Student tritt an mich heran und sagt aufgeregt und sogar irgendwie verbittert: „Na, Genosse Roschtschin, werden sie auch weiter an die Bedeutung von Ideen glauben, nachdem der unter den Fahnen der Antistaatlichkeit und des Antimilitarismus ergraute Kropotkin die Trommel rührt und unter die Standarten Joffre ruft?!“

Man könnte meinen, ich sollte persönlich davon eigentlich nicht überrascht sein, denn ich war nie Anhänger Kropotkins und kämpfe schon immer an zwei Fronten: gegen die Sozialdemokratie und den vorleninschen Marxismus, da letzterer den Klassenkampf den Normen der Demokratie unterzuordnen trachtet, und gegen den Kropotkinismus, da er von einem klassenübergreifenden Humanismus durchdrungen ist und den Klassenkampf derselben Demokratie unter dem Deckmantel des Föderalismus unterordnen will.

Im Gespräch mit Kropotkin zur Zeit des bulgarisch-türkischen Krieges wurde ich von einer grauenvollen Behauptung überrascht, nämlich dass der Sieg der Slawen und das Verschwinden der Türkei als Staat als Sieg der Antistaatlichkeit begrüßenswert seinen: Denn da würde ja ein Staat von der Erde verschwinden…

Ich erinnere mich, da waren selbst die glühendsten Anhänger Kropotkins baff. Kein Wunder, es stellte sich ja heraus, dass Ferdinand der I. und die ganze russisch-österreichische Clique nicht mehr und nicht weniger verkörpern als die Ideale der Antistaatlichkeit!

Und nun, obwohl ich genügend vorbereitet war, schien mir die Nachricht davon, dass Kropotkin den Krieg akzeptiert, unmöglich. Ich dachte, die falsche Theorie würde einem gesunden internationalistischen Instinkt Platz machen. Der erste Aufsatz gegen Kropotkin, „Eine beunruhigte Frage“, wurde mit der innerlichen Unsicherheit geschrieben, ob Kropotkins Aufgabe des Antimilitarismus eine reale Tatsache sei und nicht ein zufälliger, vorübergehender Irrtum.

Aber ein Irrtum war sie natürlich nicht.

Der proletarische Internationalismus wie auch der verräterische anarcho-sozialistische Chauvinismus erschöpfen sich nicht nur in der Akzeptanz oder Nicht-Akzeptanz des Krieges.

Das ist eine komplexe Melange, ein komplexes System der Zusammenhänge. Der eine oder andere Versöhnler hätte den Krieg ablehnen können, aber das ist noch kein Internationalismus! Der Internationalismus verpflichtet, eine Konsequenz aus der Formel Lenins zu ziehen, dass der imperialistische Krieg zu einem Bürgerkrieg werden müsse. Daraus resultiert auch die Forderung nach der Akzeptanz der Oktoberrevolution mit all ihren Höhen und Tiefen.

P. A. Kropotkin machte den ganzen Zyklus des Anarcho-Chauvinismus durch, befürwortete den Krieg, wies die Losung des Bürgerkrieges zurück, verriet die Oktoberrevolution und akzeptierte unter prinzipiell-irrelevanten Bedingungen den Frieden von Versailles.

Freilich ist das wieder typisch kleinbürgerlich, aber bei Kropotkin formte sich diese Kleinbürgerlichkeit ideologisch als der Kampf für den Föderalismus und die Massenkreativität lateinischer Länder gegen den grauenhaft brutalen und alles verschlingenden Zentralismus der Deutschen.

Bezeichnend, dass Kropotkin auf der berühmten demokratischen Versammlung von Kerensky nach einer föderalistischen Republik verlangt hat.

Was ist das für ein Föderalismus, der von Kropotkin angebetet wird? Vor allem werden hier der Föderalismus und der Zentralismus nicht konkret unter den gegebenen Bedingungen betrachtet, sondern abstrakt, wobei der Zentralismus immer böse und der Föderalismus immer gut ist!…

Gehen wir zur Analyse einiger theoretischer Annahmen Kropotkins über, die mit der Problematik des Föderalismus und des Staats zu tun haben.

Wir wissen bereits, dass Kropotkin den Staat durch eine territoriale Konzentration bestimmt. Dort, wo wir kein einheitliches Zentrum vorfinden, dort haben wir es mit der Regierung, aber nicht mit dem Staat zu tun.

Nehmen wir kurz an, dass diese Unterscheidung als Klassifikation irgendeinen theoretischen Wert besitzt, obwohl wir das sehr bezweifeln. Aber es ist klar, dass den Staatsgegner Kropotkin keine formelle Klassifikation interessiert, sondern der reale Einfluss staatlichen Zwangs auf das Bewusstsein, auf die Psyche der Menschen! Umso verwunderlicher ist es, dass Kropotkin nichts darüber sagt, wie der Staat seinen Einfluss verfestigt und das Bewusstsein pervertiert. Kropotkin sagt nichts darüber, weshalb in Sachen der gesetzlichen und herrschaftlichen Giftspritze eine Regierung besser oder weniger schädlich sein soll als der Staat, aber das ist ja der Kern der Frage! Bemerkenswert ist, dass ein anderer Staatsgegner, Tolstoj – als Künstler wie als Denker – sehr angestrengt und aufmerksam die Mechanismen der Herrschaft, die Kraft ihrer Hypnose studierte und zum Schluss kam, dass Herrschaft eine irrationale Kraft sei, die auf Nachahmung basiert.

In der Tat: Stimmt es denn, dass ein Bürger der erzföderalistischen Schweiz ein weniger fanatischer Staatsfreund sei als ein Bürger im zentralisierten Deutschland? Nicht im Geringsten. Und wirklich, wenn wir den Föderalismus pragmatisch betrachten, sehen wir klarer als ja zuvor, dass der Föderalismus eine nicht weniger effektive Herrschaftsweise als der Zentralismus und ein Indiz für den Triumph der Staatlichkeit in den Köpfen und Seelen der Bürger sein kann.

Übrigens liefert Kropotkin keine genaue Formulierung des Föderalismusbegriffes. Vermutlich versteht er darunter eine gewisse territoriale Selbständigkeit und eine überwiegende Unabhängigkeit lokalen Lebens vom Zentrum. Aber man muss erst nachweisen, dass dieser Föderalismus mit der Antistaatlichkeit übereinstimmt.

Lassen wir uns das an einem Beispiel erklären. Neben dem königlichen Gericht existiert das Geschworenengericht, das nicht nur auf der Gesetzesgrundlage urteilt, sondern auch auf dem Grund des Gewissens. Reaktionäre aller Zeiten empörten sich gegen diese Institution. Sie sagten: das ist doch pure Anarchie, ein Spott auf das Gesetz! Was soll das sein, ein Gewissensurteil? Wie kann man bloß strenge, objektive Rechtsnormen irgendwelchen subjektiven Erlebnissen von – öfter vielleicht „unanständigen“ Menschen – unterordnen? Aber die Bourgeoisie kennt ihre Menschen hervorragend und weiß, dass sie das menschliche „Gewissen“ bereits zu Genüge bearbeitet hat. In diesem oder jenem Fall kann das Geschworenengericht willkürlich vorgehen, das Gewissen aber dient im Allgemeinen dem Privateigentum und der Staatlichkeit! Mit kleinen Zugeständnissen erkauft sich die Bourgeoisie das Bewusstsein der Massen, sodass ihre Ordnung nicht nur auf den gefestigten, gesichtslosen, gnadenlosen Rechtsnormen fußt, sondern auch vom Gewissen des Volkes sanktioniert wird. Und aus dem Geschworenengericht wird ein großartiges Instrument zur Erziehung des bürgerlichen Bewusstseins! Genauso steht es um den Föderalismus: lokale Freiheiten hindern keineswegs, sondern befördern noch die Herausbildung des Staatsfetischismus. Die Existenz dieser Freiheiten beweist, dass die Klasse sich im Allgemeinen ziemlich sicher ist, dass ein freieres Leben die Fundamente der Unfreiheit und der Ordnung befestigt. Weder im klassenpragmatischen Sinne, noch im Prinzip des Föderalismus selber finden wir einen Aspekt, der uns erlauben würde ein Gleichheitszeichen zwischen der Antistaatlichkeit und dem Föderalismus zu setzten. Zentralismen und Dezentralismen sind, im Grunde genommen, nur unterschiedliche Formen wesentlich derselben Staatlichkeit.

Man wird erwidern: Kropotkin lieferte aber eine ganz andere Erklärung für die Entstehung des Staates. Denn seiner Lehre nach ist der Staat der Henker aller Massenkreativität! Der Staat schnappt die Massenkreativität während ihrer Flaute, übernimmt zwar die Fortschrittsinitiative, bringt aber diesen Fortschritt in die Form der Gesetze, die sich in Fesseln für die Massenkreativität verwandeln.

Das ist unbestreitbar. Das ist der interessanteste Gedanke von Kropotkin. Aber – wie schade! – auch hier macht die fehlende Analyse von konkreten gesellschaftlichen Erscheinungen aus dieser Idee ein abstraktes, totes Schema. Dieses Schema beweist noch einmal ganz klar Kropotkins Schwanken zwischen dem Naturalismus und dem abstrakten Moralismus.

Tatsächlich: die gegenseitige Hilfe ist ein Faktor und eine Tatsache des kosmischen Lebens. Wiederholen wir die bereits früher gestellte Frage noch einmal: Ist denn die Menschheit von der Natur „abgefallen“? Existieren Hass und Feindlichkeit deswegen? Vom Standpunkt des Gesetzes der gegenseitigen Hilfe als einer universellen Tatsache und Norm der Natur wird ein tiefes Unverständnis von Mitja Karamasow wahr: „Warum weint ein Kind? Warum hungern die Menschen? Warum umarmen sie sich nicht, küssen sich nicht, singen keine fröhlichen Lieder?“ Hier stoßen wir auf ein interessantes Moment im Werk Kropotkins. Dem Kropotkinismus liegt die Idee zugrunde, dass der Mensch und die Menschheit angeblich von der Natur „abfielen“ und dem Bösen verfallen wären… Obschon der Fortschritt nach Kropotkin ein Übergang vom „Schlechteren hin zum Besseren“ ist, klingt im Kropotkinismus unterschwellig an, dass die Geschichte der Menschheit, weil sie vom Gesetz der gegenseitigen Hilfe „abgefallen“ sei, ein Übergang vom Besseren – von der natürlichen gegenseitigen Hilfe – hin zum Schlechteren – zum historischen Kampf – sei. Die Menschheit sollte Alarm schlagen!

Gerne könnt ihr mich erschlagen,
doch wir haben uns verirrt.
Tückisch lenkt ein Geist den Wagen,
der uns hier im Kreise führt“.

(Alexander Puschkin, „Die Dämonen“, aus dem Russischen von M. Lieser)

Dann ist alle nachfolgende Geschichte eine Geschichte des „Büßens“ oder der Wiedervereinigung der Menschheit mit dem Element der gegenseitigen Hilfe, das in der Natur vorherrscht…

Wenn man zur konkreten Analyse übergeht, entsteht eine Art fantastisches Bild: die Massenkreativität wird „von außen“, vom Staat, angegriffen. Zudem wird nicht ausgeführt, warum diese Massenkreativität plötzlich erstarrt und ihren universellen Charakter verliert. Also, wie und woher kommen die Kräfte, die den geschwächten Recken in ein Netz des Rechts verwickeln? In Wahrheit haben wir es hier mit einem abstrakten Schema anstatt mit einer realen Analyse von Faktoren und Kräfteverhältnissen zu tun. Versuchen Sie, wirklich die Geschichte des Mittelalters und den Übergang zum 16. Jahrhundert unter dem Aspekt der Schwächung der Massenkreativität und dem Überfall des Staates „von außen“ zu studieren! Es wird sich herausstellen, dass es keine einheitliche Massenkreativität gibt, dass die Masse selbst ihre Höhe- und Tiefpunkte hervorbringt. Und leider kamen die Tiefpunkte natürlich nicht „von außen“ sondern sind auch Produkte der „Massenkreativität“. Am Besten aber verlässt man diese unwissenschaftlichen Analogien und geht über zum Erforschen von Gesetzen der sozialen Dynamik, des Systems der ökonomischen Kräfte auf gegebenem Niveau. Und dann wird das Problem des Minimalismus, des Widerstrebens der Masse gegen ihre eigene Befreiung, eine kolossale Bedeutung annehmen; dann werden wir über die Zusammenhänge zwischen den objektiven und den subjektiven Voraussetzungen der Revolution sprechen. Dann aber verliert dieses Problem seinen fantastischen Charakter und bekommt einen konkreten Klassenumriss.

Das Lavieren mit solch schwammigen Begriffen wie „Massenkreativität“ und „Föderalismus“ bringt uns nicht zum Wesen der Sache.

Auffällig ist, dass Kropotkin nicht den geringsten Versuch unternimmt, die soziale Struktur der Gesellschaft zu erforschen. Der soziale Kosmos zerfällt in die Natur und die Fortschrittsformel. Das ist für alle Utopisten charakteristisch.

Kropotkin ist bereit, das Naturrecht zu idealisieren, indem er völlig unlogisch die Vorstellung von der künftigen „freien Vereinbarung“ und des Naturrechts durcheinander bringt. Freilich, sowohl das Naturrecht als auch die freie Vereinbarung opponieren dem positiven Recht – dem Gesetz und dem Staat! Aber ihrem Wesen nach sind das Naturrecht und die freie Vereinbarung zutiefst gegensätzlich. Vom Inhalt der Normen des Naturrechts ganz zu schweigen. Das Naturrecht sanktioniert das Dunkle, die Willkür, die Gewalt. Dieses Naturrecht sanktioniert das Foltern einer untreuen Ehefrau, das Tyrannisieren von Kindern. Übernehmen wir aber aus dem Naturrecht nur seine Weise, kollektive Erfahrungen außerhalb des Rahmens des schriftlichen Rechts festzuhalten. Aber jedem wird klar: dieses Naturrecht ist die Keimzelle desselben unterdrückerischen Rechts – nur unter primitiveren, elementareren Lebensbedingungen. In der Tat zeichnet sich das Naturrecht durch eine noch geringere Fließbarkeit und Veränderbarkeit aus als das geschriebene Recht. Die zukünftige freie Vereinbarung meint aber nicht eine Vereinbarung zwischen den Individuen, sondern ein Moment der Gesellschaftsentwicklung, wo der Mensch sich vollständig die Natur unterwirft, die Technik ihre volle Kraft einwickelt, Fehden und das Konkurrenzprinzip durch eine brüderliche Solidarität ersetzt werden, und als Wichtigstes: Wo die sozialen Erfahrungen den Zwang unnötig machen und die ein oder andere Veränderung aus dem Bedürfnis des Übergangs zu einer höheren Kulturform resultieren wird.

Was haben das gewöhnliche Naturrecht und die freie Vereinbarung wesentlich gemeinsam? Nichts. Kropotkin aber ist ein formelles Entgegensetzen gegen das geschriebene Recht wichtig. Genau diese Vorliebe für formelle Entgegensetzungen führt zur Idealisierung von vorkapitalistischen Verhältnissen, dabei wird die Zukunft analog zur vorkapitalistischen Vergangenheit gedeutet und die vorkapitalistische Epoche im Licht der zukünftigen Gesellschaft idealisiert. In Wirklichkeit offenbart sich hier noch ein mal Kropotkins Dualismus: Die Natur verliert hier ihre Kraft und Macht und wird von irgendeine Ethik durchdrungen, die Ethik verliert die Kraft der Norm und wird zum einfachen Faktum der natürlichen Ordnung degradiert. Es entsteht etwas Mittelmäßiges, Fades, Unbestimmtes. Genau so wird die Vergangenheit zur Zukunft erhoben und die Zukunft wird auf das Niveau der vorkapitalistischen Vergangenheit erniedrigt.

In Gestalt Kropotkins stieg der letzte große Vertreter des halbutopischen, halbwissenschaftlichen Anarchismus ins Grab hinunter. Die moralische Verbundenheit mir dem Arbeitervolk ermöglichte es Kropotkin, in „Die Reden eines Rebellen“ die Mängel der bürgerlichen Gesellschaft offen zu legen, in „Eroberung des Brotes“ ein ein wenig naives, aber in vielen Aspekten noch nicht veraltetes Bild der künftigen Gesellschaft zu entwerfen. In „Die französische Revolution“ erhebt sich Kropotkin zum Pathos eines wahrhaften Revolutionärs.

Aber es existieren eiserne Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung. Nur wenn er diese Gesetze erkennt, sich vollständig mit einer bestimmten Klasse verbindet, kann ein Denker allen Zerwürfnissen der Geschichte bis zum Schluss standhalten. Kropotkin war mit der Masse emotional und moralisch verbunden. Die Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung erkannte er nicht.

Sein scheinbar makelloses System ist in Wirklichkeit von Widersprüchen durchdrungen. Seine Fortschrittsformel konnte nicht die fehlende Mechanik des geschichtlichen Prozesses ersetzen; seine sentimental-moralische Einstellung der Kreativität der Massen gegenüber verdeckte die Möglichkeit ihrer objektiven Erforschung.

Der Krieg und die Oktoberrevolution legten nicht theoretisch, sondern praktisch Krankheiten und Macken des halb-utopischen, halb-wissenschaftlichen Anarchismus offen. Kropotkin selber geriet in den Strudel imperialistischer Leidenschaften.

Unsere Aufgabe ist es „nicht zu weinen, nicht zu lachen, sondern zu verstehen“.

Die Oktoberrevolution gab uns ein Beispiel, wie man einen ungezügelten Willen mit einem kalten Verstand kombiniert. Diese Erfahrung wird als Grundlage für die Erfahrungen des Weltproletariats dienen, welches ohne zu schwanken das Beste, wonach Pjotr Alexejewitsch Kropotkin strebte, verwirklichen wird.

Erschienen in der Aufsatzsammlung zum Andenken P. A. Kropotkins, Verlag „Golos Truda“, 1922

Aus dem Russischen: Ndejra

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