Simone Weil: „…ein wenig Wärme auf dem Metall“

aus «Fabriktagebuch und andere Schriften zum Industriesystem» von Simone Weil, edition suhrkamp, FfM, 1978

Simone Weil (3.2.1909 – 24.8.1943) war französische Philosophin, Syndikalistin, die 1935/36 sich “unters Volk” gemischt hat, in den spanischen Bürgerkrieg gezogen ist, während des 2. Weltkrieges für die französische Exil-Regierung gearbeitet hat. Dem breiten Publikum ist sie aber eher als christliche Mystikerin bekannt, was nicht für das breite Publikum spricht. – Anm. liberadio

(S. 25f) Offen gesagt, dieses Leben ist für mich ziemlich schwer. Um so mehr, als die Kopfschmerzen nicht die Freundlichkeit hatten, mich zu verlassen, um das Experiment zu erleichtern – und an Maschinen mit Kopfschmerzen zu arbeiten, ist qualvoll. Nur Samstagnachmittag und Sonntag atme ich auf, finde ich mich selbst wieder, erwerbe ich von neuem die Fähigkeit, in meinem Geist Ideenstücke zu bewegen. Die schmerzliche Versuchung, der man in einem solchen Leben sich widersetzen muss, ist vor allem die, nicht mehr zu denken. Man fühlt, dass es das einzige Mittel ist, nicht mehr zu leiden. Zunächst nicht mehr moralisch zu leiden. Denn diese Situation löscht automatisch Revoltegefühle aus: seine Arbeit mit Ärger tun hieße, sie schlecht auszuführen und sich zum Hungertod zu verurteilen; und außer Arbeit gibt es niemanden, den man beschuldigen könnte. Chefs gegenüber kann man sich nicht erlauben, dreist zu sein, und überdies geben sie dazu häufig nicht einmal Anlass. So bleibt vor dem eigenen Los kein anderes Gefühl als Trauer. Man ist versucht, ganz einfach aus dem Bewusstsein alles zu verbannen, was nicht zum vulgären und täglichen Kleinkram gehört. Außerhalb der Arbeitsstunden auch physisch in einen Halbschlaf zu versinken, ist eine große Verlockung. Für die Arbeiter, denen es gelingt, Kultur zu erwerben, empfinde ich eminente Achtung. Oft sind sie stark, das ist richtig. Immerhin müssen sie eine Menge auf dem Kasten haben. So wird es mit dem Voranschreiten der Rationalisierung immer seltener. Ich frage mich, ob man dies auch bei den Angelernten findet.

Trotz allem halte ich aus. Und ich bedauere keine Minute, mich in dieses Experiment gestürzt zu haben. Ganz im Gegenteil, ich bin unendlich glücklich, wenn ich daran denke. Aber, komisch genug, ich denke nur selten daran. Ich habe eine fast unbegrenzte Anpassungsfähigkeit, die mir zu vergessen erlaubt, dass ich eine in der Arbeiterklasse herumreisende Studienrätin bin, so dass ich mein jetziges Leben führen kann, als wäre ich seit je dafür bestimmt (und in einem gewissen Sinn trifft das sogar zu), als müsste es immer dauern, als wäre es mir durch eine unmenschliche Notwendigkeit auferlegt und nicht durch meinen freien Entschluss.

(S. 29ff) Für mich persönlich bedeutete die Fabrikarbeit, dass alle äußeren gründe (vorher hatte ich sie als innere angesehen), auf denen das Gefühl meiner Würde, die Achtung meiner selbst beruhten, in zwei oder drei Wochen radikal zerbrachen unter der Gewalt eines täglichen brutalen Zwanges. Und ich glaube nicht, dass dies in mir Revoltegefühle hervorrief, nein, ganz im Gegenteil, was ich am allerwenigsten von mir erwartet hätte – Fügsamkeit. Die Fügsamkeit eines ergebenen Lasttiers. Es schien mir, ich wäre geboren, um auf Befehle zu warten, sie zu empfangen und auszuführen – ich hätte nie etwas anderes getan und würde immer nur dies tun. Ich bin gewiss nicht stolz, dies einzugestehen. Über diese Art Leiden spricht kein Arbeiter: allein daran zu denken, ist überaus schmerzlich. Als die Krankheit mich aufzuhören zwang, wurde mir die Erniedrigung bewusst, in die ich gestürzt war; ich schwor mir, diese Existenz bis zu jenem Tage zu erdulden, an dem es mir, ihr zum Trotz, gelingen würde, wieder zu mir zu finden. Ich hielt das Versprechen. Langsam, qualvoll eroberte ich, quer durch die Sklaverei, das Gefühl meiner Menschenwürde zurück, ein Gefühl, das sich jetzt auf nichts Äußeres mehr gründet und stets von dem Bewusstsein begleitet ist, dass mir nichts zusteht, dass jeder Augenblick ohne Leid und ohne Erniedrigung wie eine Gnade wahrgenommen werden muss, wie die Wirkung günstiger Zufälle.

In dieser Sklaverei gibt es zwei Faktoren: Geschwindigkeit und Befehle. Geschwindigkeit: Um „es zu schaffen“, muss man jede Bewegung in einem Rhythmus wiederholen, der, rascher als das Denken, nicht nur das Denken, sondern auch das Träumen verbietet. Wenn man sich an seine Maschine stellt, muss man 8 Stunden täglich seine Seele knebeln, sein Denken, seine Empfindungskraft, alles. Ist man verärgert, traurig oder angeekelt, muss man dies „herunterschlucken“, verdrängen: Ärger, Trauer oder Ekel würden das Arbeitstempo verlangsamen. Und sogar die Freude. Befehle: Von der Stechuhr beim Hineingehen bis zum Hinausgehen an der Stechuhr vorbei kann man jeden Augenblick irgendeinen Befehl bekommen. Und immer muss man schweigen und gehorchen. Die Ausführung der Anweisung kann mühselig, gefährlich oder sogar unmöglich sein; auch können zwei Chefs einander widersprechende Anweisungen erteilen; es macht nichts: schweigen und gehorchen. Sich an seinen Chef wenden – selbst für etwas Notwendiges – heißt immer, auch wenn es sich um einen netten Typen handelt (auch nette Typen haben ihre Launen), sich einer möglichen Zurechtweisung aussetzen; und wenn dies geschieht, muss man ebenfalls schweigen. Die Anwandlungen von Nervosität und schlechter Laune muss man niederhalten; die dürfen sich weder in Worten noch in Gesten bekunden, denn die Gesten sind in jedem Augenblick durch die Arbeit bestimmt. Diese Situation hat zur Folge, dass das Denken verkümmert, sich verkrampft wie das Fleisch vor dem Messer. Man kann nicht „bewusst“ sein.

All dies gilt natürlich für die ungelernte Arbeit. (Hauptsächlich die der Frauen).

Ein Lächeln, ein gütiges Wort, ein Augenblick menschlichen Kontaktes, die durch all dies hindurchscheinen, sind wertvoller als die ausgreifenden Freundschaften unter den großen oder kleinen Privilegierten. Dort allein weiß man, was Brüderlichkeit bedeutet. Aber es gibt nur wenige, sehr wenige solcher Zeichen. Meist spiegeln selbst die Beziehungen zwischen Arbeitskollegen die Härte, die dort drinnen alles beherrscht.

(S. 33f) Sofern es sie gibt, ist besonders die Güte in einer Fabrik etwas Wirkliches; denn der geringste freundliche Akt, vom einfachen Lächeln bis zur Hilfeleistung, erfordert einen Sieg über die Müdigkeit, über die Lohnbesessenheit, über alles, was bedrückt und dazu verleitet, sich in sich selbst zurückzuziehen. Desgleichen verlangt das Denken eine fast wunderbare Anstrengung, sich über jene Bedingunge zu erheben, unter denen man lebt. Denn hier ist es anders als auf der Universität, wo man für das Denken oder wenigsten für den Schein desselben bezahlt wird; hier besteht eher die Tendenz, das Nichtdenken zu bezahlen; gewahrt man dann plötzlich das Licht einer Intelligenz, dann ist man gewiss, sich nicht zu täuschen.

(S. 62f) Die Erschöpfung lässt mich schließlich die wahren Gründe meines Aufenthaltes in der Fabrik vergessen, macht die stärkste Versuchung dieses Lebens fast unüberwindlich: nicht mehr denken, einziges Mittel, um nicht zu leiden. Nur am Samstagnachmittag und Sonntag kehren Erinnerungen zurück, Ideenstücke, erinnere ich mich, auch ein denkendes Wesen zu sein. Entsetzen erfasst mich, als ich meine Abhängigkeit von äußeren Umständen feststelle: es genügte, dass sie mir eines Tages eine Arbeit ohne wöchentlichen Ruhetag aufzwingen – was schließlich immer möglich ist –, und ich würde zu einem Lasttier, gehorsam und ergeben (wenigsten in meinen Augen). Allen das Gefühl der Brüderlichkeit, die Entrüstung angesichts des anderen zugefügten Unrechts bleiben – aber bis zu welchem Punkt widerstände all dies auf die Dauer? Ich bin nicht weit davon entfernt zu denken, dass das Seelenheil eines Arbeiters zuerst von seiner physischen Veranlagung abhängt. Ich sehe nicht, wie körperlich schwache vermeiden können, der Verzweiflung anheimzufallen – Saufen oder Vagabundieren, Verbrechen oder Ausschweifungen oder ganz einfach und häufigsten Abstumpfung (und die Religion?).

Die Revolte ist unmöglich, ausgenommen einige Blitze (und ich meine sogar das bloße Gefühl). Zunächst: wogegen? Man ist allein mit seiner Arbeit, man könnte nur gegen sie rebellieren – oder mit Ärger arbeiten, das hieße, schlecht arbeiten, folglich hungern. Siehe die lungenkranke Arbeiterin, die entlassen wurde, weil sie einen Auftrag schlecht ausgeführt hatte. Wir ähneln den Pferden, die sich selbst verwunden, sobald sie am Zaun zerren – und wir beugen uns. Man verliert sogar das Bewusstsein dieser Lage, man erleidet sie, das ist alles. Das Erwachen des Denkens ist schmerzhaft.

(S. 120) Was gewann ich bei diesem Experiment? Das Gefühl, kein Recht zu besitzen, welches es auch immer sein und worauf es auch immer sich beziehen mag. Achtgeben, dieses Gefühl nicht zu verlieren. Die Fähigkeit, mir moralisch zu genügen; im Zustand latenter ständiger Erniedrigung zu leben, ohne mich in meinen Augen erniedrigt zu fühlen; intensiv, jeden Augenblick von Freiheit und Freundschaft zu genießen, als sollte er ewig dauern. Direkter Kontakt mit der Wirklichkeit.

Ich hätte daran zerbrechen können. Es kam beinahe so weit – mein Mut, meine Würde wurden erschüttert. Die Erinnerung könnte mich erniedrigen, hätte ich nicht sozusagen jede Erinnerung eingebüßt. In Angst erhob ich mich morgens, mit Furcht ging ich in die Fabrik. Ich arbeitete wie eine Sklavin; die Mittagspause war ein zerreißender Schmerz; nach Arbeitsschluss um 5.45 Uhr wieder zu Hause, war ich sofort damit beschäftigt, genügend zu schlafen (was ich nicht tat) und früh genug wach zu werden. Die Zeit war ein unerträgliches Gewicht. Die Furcht – die Angst – lastete auf den Samstagnachmittagen und Sonntagvormittagen. Gegenstand der Furcht waren die Befehle.

Das Gefühl persönlicher Würde, so wie es die Gesellschaft hervorgebracht hat, wurde gebrochen. (…) Endlich gibt man sich Rechenschaft über seine eigene Bedeutung.

Die Klasse derjenigen, die nicht zählen – in keiner Situation – in den Augen anderer … und die nicht zählen werden, niemals, was auch geschehen mag, trotz des letzen Verses der ersten Strophe der Internationale.

(S. 127f) Die totale Unkenntnis dessen, was man tut, ist außerordentlich demoralisierend. Man hat nicht das Gefühl, dass aus den Anstrengungen ein Produkt hervorgeht. Man rechnet sich keineswegs zu den Produzenten. Auch hat man keinen Sinn für die Beziehung zwischen Arbeit und Lohn. Die Tätigkeit scheint willkürlich auferlegt und willkürlich vergütet. Man hat den Eindruck, ein wenig den Kindern zu ähneln, denen die Mutter, um sie ruhig zu halten, Perlen zum Aufreihen gibt und dafür Bonbons verspricht.

(S. 138) Herr und Diener. Heute sind die Knechte absolut geknechtet – ohne die Hegelsche Umkehrung. Aufgrund der Herrschaft über die Naturkräfte.

In allen anderen Formen der Sklaverei steckt die Sklaverei in den Verhältnissen. Nur hier ist sie in die Arbeit selbst übertragen.

(S. 160f) Vom ganzen Herzen wünsche ich eine möglichst radikale Umwandlung des gegenwärtigen Regimes im Sinne größerer Gleichheit des Kräfteverhältnisses. Ich glaube ganz und gar nicht, dass das, was man heutzutage Revolution nennt, dahin führen kann. Die Arbeiter von R. müssten nach einer sogenannten Arbeiterrevolution genauso passiv gehorchen wie zuvor, so lange die Produktion auf passiven Gehorsam gegründet ist. Der Betriebsleiter von R. mag unter dem Kommando eines Aufsichtsrates stehen, der einige Kapitalisten vertritt, oder unter dem eines sogenannten sozialistischen „Staats-Trusts“: Der einzige Unterschied wird sein, dass im ersten Fall die Fabrik in einer Hand ist, während Polizei, Armee, Gefängnisse usw. in verschiedenen Händen sind; im zweiten Fall befindet sich alles in derselben Hand. Die Ungleichheit des Kräfteverhältnisses ist also nicht geringer, sondern noch größer.

Dennoch lässt diese Erwägung mich nicht gegen die revolutionären Parteien Stellung nehmen. Denn heute neigen alle wichtigen politischen Gruppen sowohl zur Verschärfung der Unterdrückung wie zur Staatskontrolle über alle Machtinstrumente; die einen nennen es Arbeiterrevolution, die anderen Faschismus, noch andere sprechen von der Organisierung nationaler Verteidigung. Was auch immer das Etikett sein mag, es sind zwei Faktoren entscheidend: einerseits die durch moderne Formen der Technik und Wirtschaftsorganisation bewirkte Unterordnung sowie Abhängigkeit, andererseits der Krieg. Alle, die entweder eine wachsende „Rationalisierung“ oder die Kriegsvorbereitung propagieren, sind in meinen Augen einander gleich, und das gilt für alle ohne Ausnahme.

(S. 165f) Noch ein Wort zu Ihrer Billigung der Arbeitsteilung, die den einen zur Bedienung des Hebels und den anderen zum Nachdenken über die Organisation bestimmt. Ich vermute, das ist eine grundsätzliche Frage und der einzige Punkt, der uns im wesentlichen trennt. Bei den einfachen Leuten, unter denen ich lebte, habe ich bemerkt (ich glaube, es gab nie eine Ausnahme), dass die Erhebung des Denkens (die Fähigkeit, allgemeine Ideen zu verstehen und zu bilden) stets einherging mit einer Generosität der Gefühle. Mit anderen Worten: was die Intelligenz herabsetzt, erniedrigt den ganzen Menschen.

(…) Als Arbeiterin war ich in einer zweifach untergeordneten Stellung, denn ich fühlte meine Würde nicht allein durch die Vorgesetzten verletzt, sondern auch durch die Arbeiter, weil ich eine Frau bin. (…) Nicht so sehr in der Fabrik als vielmehr im Zusammenhang meiner Erfahrungen als Arbeitslose (…), habe ich festgestellt, dass fast immer nur die Facharbeiter fähig sind, mit einer Frau zu sprechen, ohne sie zu verletzen, während die Hilfsarbeiter dazu neigen, sie wie ein Spielzeug zu behandeln.

(S. 168) Es ist nicht die Unterordnung an sich, die mich verletzt, doch gewisse Formen der Unterordnung haben moralisch unerträgliche Konsequenzen. Das gilt zum Beispiel dann, wenn die Umstände so sind, dass die Unterordnung nicht allein die Notwendigkeit des Gehorsams impliziert, sondern auch die ständige Sorge, kein Missfallen zu erregen; das erscheint mir sehr schwer erträglich. – Andererseits kann ich nicht jene Formen der Unterordnung billigen, bei denen Intelligenz, Erfindungsgabe, Willen und berufliche Verantwortung nur an der Befolgung der Anordnungen der Vorgesetzten mitwirken, folglich die Ausführung lediglich passive Unterwerfung voraussetzt, an der weder Geist noch Gefühl teilhaben. Solcherart hat der Untergebene fast die Rolle eines von einer fremden Intelligenz beherrschten Dings. Genau dies war meine Situation als Arbeiterin.

(S. 186f) [Während des Metalarbeiterstreiks und Fabrikbesetzungen Juni 1936 in Nordfrankreich] Ich besuchte Kumpels in einer Fabrik, in der ich vor einigen Monaten gearbeitet habe. Einige Stunden verbrachte ich mit ihnen. Freude, in die Fabrik hineinzugehen mit der lächelnden Erlaubnis eines das Tor bewachenden Arbeiters. Freude, soviel Lächeln zu beobachten, so viele Worte brüderlicher Begrüßung zu vernehmen. Wie sehr man unter Genossen fühlt in diesen Werkhallen, wo sich jeder, als ich dort arbeitete, allein fühlte an seiner Maschine! Freude, durch diese Werkhallen, an deren Maschinen man geschmiedet war, frei zu gehen, Gruppen zu bilden, zu reden, zu essen. Freude, anstelle des höllischen Maschinenlärms – eindringliches Symbol des Zwanges, dem man sich beugte – Musik, Gesang, Lachen zu hören. Man spaziert zwischen diesen Maschinen, denen man in vielen Stunden seine Lebenssubstanz opferte – und sie schweigen, verletzen nicht mehr, verursachen keine Schmerzen mehr. Freude, an den Chefs mit erhobenem Kopf vorüberzugehen. Endlich bedarf es nicht mehr eines ununterbrochenen Kampfes, um die eigene Würde zu wahren gegen eine fast unbezwingbare Neigung, sich mit Körper zu Seele zu unterwerfen. Freude zu sehen, wie die Chefs vertraulich zu sein versuchen, Hände schütteln, darauf verzichten, Anweisungen zu erteilen. Freude zu sehen, wie jetzt sie gehorsam warten, um den vom Streikkomitee ausgestellten Passierschein in Empfang zu nehmen. Freude zu sagen, was man auf dem Herzen hat, jedem, den Vorgesetzten und Genossen, an diesem Ort, an dem zwei Arbeiter, Seite an Seite, monatelang arbeiten konnten, ohne dass einer der beiden erfahren hätte, was der Nachbar dachte. Freude, unter stummen Maschinen zu leben, im Rhythmus des menschlichen Lebens – dieser Rhythmus folgt der Atmung, dem Herzschlag, den natürlichen Bewegungen des Organismus – und nicht im vom Zeitnehmer diktierten Rhythmus. Sicher wird das harte Leben in einigen Tagen wieder beginnen. Aber man denkt nicht daran, ähnlich wie Soldaten auf Urlaub während des Kriegs. Und was auch immer in der Folge geschehen mag, man hat immerhin dies erlebt. Zum ersten Mal und unauslöschlich werden um diese Maschinen andere Erinnerungen kreisen als die der Stummheit, Zwang, Unterordnung; Erinnerungen, die das Herz mit ein wenig Stolz erfüllen und ein wenig Wärme auf dem Metall zurücklassen werden.

Vollkommene Entspannung. Man kennt hier nicht jene sprungbereite Energie, jene mit Angst gepaarte Entschlossenheit, die so häufig bei Streiks zu beobachten sind. Gewiss herrscht Entschlossenheit, aber sie ist frei von Furcht. Man ist glücklich. Man singt, aber nicht die „Internationale“ oder „Die junge Garde“; man singt ganz einfache Lieder, und das ist gut so. einige machen Späße, über die man lacht, aus Freude, sich und die anderen lachen zu hören. Es herrscht keine Bosheit. Natürlich ist man froh, die Vorgesetzten spüren zu lassen, dass sie nicht die Stärkeren sind. Jetzt sind sie an der Reihe. Das ist lehrreich für sie. Aber man ist nicht grausam. Man ist fröhlich.

(S. 188ff) Und was soll man von den Forderungen denken? Zunächst ist auf eine sehr verständliche, wenn auch sehr ernste Tatsache hinzuweisen. Die Arbeiter streiken, aber sie überlassen es den Funktionären, die Forderungen zu formulieren. Die Gewohnheit einer im Laufe vieler Jahre angenommenen Passivität verliert sich nicht in wenigen Tagen, mögen sie auch so beflügelnd wie diese jetzt sein. Sodann ist es unmöglich, im selben Augenblick, da man für wenige Tage der Sklaverei entrann, auch noch den Mut zu fassen, die Bedingungen des Zwanges zu untersuchen, dem man sich so viele Tage beugte und weiter beugen wird. Unmöglich, an all dies gleichzeitig zu denken. Die menschliche Kraft ist begrenzt. Jetzt begrügt man sich damit, vollständig und ohne Hintergedanken das Gefühl zu genießen, endlich eine Wert zu besitzen, weniger zu leiden, bezahlten Urlaub zu bekommen – darüber wird mit leuchtenden Augen gesprochen, diese Forderung wird niemand mehr der Arbeiterklasse entreißen – , bessere Löhne und ein Mitspracherecht im Betrieb. Und dies alles wurde nicht nur durchgesetzt, sondern vielmehr erobert. Jetzt wiegen einen sanfte Gedanken; es ist jetzt nicht die Zeit, die Welt genauer anzusehen. (…)

Dennoch liegt es mir fern, mit einer traurigen Note zu schließen. In diesen Tagen tragen die Funktionäre eine ungeheure Verantwortung. Niemand weiß, wie sich die Dinge entwickeln werden. Katastrophen sind zu befürchten. Aber keine Furcht löscht die Freude aus, dass jene, die das Haupt stets zu senken bestimmt sind, es einmal erhoben haben. Was immer man draußen denken mag, sie haben keineswegs unbegrenzte Hoffnungen. Es wäre sogar falsch, allgemein von Hoffnungen zu sprechen. Sie wissen, dass trotz der erkämpften Verbesserungen die ganze Last der kurzfristig aufgehobenen sozialen Unterdrückung von neuem auf sie kommen wird. Sie wissen, dass sie sich bald unter einer harten, kalten und rücksichtslosen Herrschaft wiederfinden werden. Aber unbegrenzt ist das gegenwärtigen Glück. Endlich haben sie sich ausgedrückt. Endlich haben sie ihren Herren bekundet, dass sie existieren. Sich dem Zwang zu unterwerfen, ist hart; glauben zu lassen, man liebe die Unterwerfung, das ist zu viel. Heute kann niemand ignorieren, dass diejenigen, deren einzige Rolle auf dieser Erde es sein soll, sich zu beugen und zu schweigen, wie sie nicht anders können. Wird es noch entwas anderes geben? Werden wir endlich eine tatsächliche und dauerhafte Verbesserung der industriellen Arbeitsbedingungen erleben? Die Zukunft wird es erweisen; aber diese Zukunft darf man nicht erwarten, man muss die gestalten.

(S. 232ff) Die Frage nach der in den Industrielunternehmen sinnvollen, also wünschenswerten Ordnung ist eine der wichtigsten, vielleicht die wichtigste überhaupt für die Arbeiterbewegung. Um so erstaunlicher ist es, dass sie nie erörtert wurde. Soviel ich weiß, ist sie von den Theoretikern der sozialistischen Bewegung nicht analysiert worden; weder Marx noch seine Schüler habe ihr hinreichend Aufmerksamkeit gewidmet, und bei Proudhon findet man dazu lediglich einige Hinweise. Vielleicht sind die Theoretiker deshalb nicht auf dieses bedeutsame Thema gestoßen, weil sie das Räderwerk einer Fabrik nicht wirklich gekannt haben.

Auch die Arbeiterbewegung – seien es nun die Gewerkschaften oder die ihnen vorausgegangenen Arbeiterorganisationen – hat die die verschiedenen Komponenten diese Problems nicht genügend bedacht. Dafür gibt es wohl mehrere Gründe, z.B. die unmittelbaren, dringenden, alltäglichen Sorgen oder die Tatsache, dass sie der industriellen Disziplin unterworfenen Arbeiterfunktionäre weder die Gelegenheit noch die Kraft hatten, den täglich erlebten Zwang zu analysieren.

Die bürgerliche Gesellschaft leidet an einer Momomanie: der Monomanie der Buchhaltung. Für sie hat nur das einen Wert, was sich in einer Geldsumme ausdrücken lässt. Niemals zögert sie, Menschenleben den Zahlen zu opfern, Zahlen des Staatshaushalts oder den Unternehemnsbilanzen. Wir lassen uns von dieser fixen Idee anstecken, auch lassen wir uns von Ziffern hypnotisieren. Daher ist ist unter den Vorwürfen, die wir gegen das Wirtschaftsregime erheben, der Vorwurf der Ausbeutung, des zur Mehrung des Profite erpressten Geldes, fast der einzigem der deutlich und unverblümt formuliert wird. Es ist zweifellos leichter, sich über eine auf dem Lohnzettel stehende Zahl zu beschweren, als die im Laufe eine Arbeitstages ertragenen Leiden zu untersuchen. Daher lässt die Lohnfrage oft genug andere lebenswichtige Forderungen vergessen. Eine Folge davon ist, dass man die Umwandlung des Regimes als Resultat der Abschaffung des kapitalistischen Eigentums und des kapitalistischen Profits beschreibt, als ob dies mit der Verwirklichung des Sozialismus identisch wäre. (…)

Verjagte man morgen die Unternehmer, vergesellschaftete man die Fabriken, so änderte sich nichts an diesem grundsätzlichen Problem: die Notwendigkeit, eine maximale Anzahl von Produkten „auszustoßen“, entspricht nicht den Lebensbedürfnissen der in der Fabrik arbeitenden Menschen.

Die Versöhnung der Erfordernisse der Betriebe mit den Wünschen und Sehnsüchten der produzierenden Menschen ist ein Problem, das die Kapitalisten lösen, indem sie eine seiner beiden Komponenten ignorieren: sie verhalten sich so, als gäbe es diese Menschen gar nicht. Ebenso ignorieren manch anarchistischen Auffassungen die andere Komponente; die Produktionsnotwendigkeiten. Die ideale Lösung wäre eine Arbeitsorganisation, die gewährleistete, dass jeden Abend die maximale Anzahl gutgefertigter Produkte und zufriedene Arbeiter die Fabriken verlassen.

(S. 241) Arbeitsmonotonie ist das eine Kennzeichen dieses Systems, Disziplin, Zwang ist das andere. Im Verlauf einer in Amerika vorgenommenen Untersuchung über das Taylorsystem antwortete ein von Hendrik de Man befragter Arbeiter: „Die Unternehmer verstehen nicht, dass wir die Zeitmessung ablehnen. Aber was würden unsere Unternehmer sagen, wenn wir verlangten, uns ihre Buchführung zu zeigen, und wir ihnen erklärten: Von den realisierten Gewinnen gehört dieser Teil euch und jener andere Teil uns? Die Kenntnis der Arbeitszeiten ist für und das Äquivalent dessen, was ihnen das Industrie- und Geschäftsgeheimnis bedeutet.“ Dieser Arbeiter hatte die Situation durchschaut. Der Unternehmer besitzt nicht allein den Betrieb, die Maschinen, das Monopol der Herstellungsverfahren sowie der Finanz- und Geschäftskenntnisse; er erhebt auch noch den Anspruch auf das Monopol der Arbeit und der Arbeitszeiten. Was verbleibt den Arbeitern? Es verbleibt ihnen die Energie, eine Bewegung auszuführen, das Äquivalent der elektrischen Kraft; und man benutzt sie ganz genau so, wie man Elektrizität benutzt. Und noch etwas kommt hinzu: Hat die Betriebsleitung das Monopol aller Kenntnisse in Bezug auf die Arbeit, so trägt sie doch nicht die Verantwortung für die von der Akkordarbeit und den Prämien hervorgerufenen sachlichen und menschlichen Schäden.

(S. 246ff) Der Arbeiter-Internationalismus müsste wirksamer sein; leider täuscht man sich nicht, wenn man ihn mit Rolands Stute vergleicht, die zwar alle wünschbaren Qualitäten hatte, aber nicht existierte. Die Sozialistische Internationale vor dem Weltkrieg war nichts als Fassade, der Krieg hat es deutlich erwiesen. In der Gewerkschaftsinternationale, heute grausam verstümmelt durch diktatorische Staaten, bestand noch weniger ein gemeinsames Handlungskonzept oder auch nur eine ständige Verbindung zwischen den verschiedenen nationalen Bewegungen. Ganz gewiss drängt in großen historischen Augenblicken die Begeisterung über die Grenzen hinaus; man erlebte es wieder im Monat Juni, als Betriebsbesetzungen nicht allein in Belgien nachgeahmt wurden, sondern sogar in den Vereinigten Staaten. Dennoch fehlte eine gemeinsame Strategie, die Generalstäbe vereinigten nicht ihre Waffen und stimmten ihre Forderungen nicht ab; häufig gewahrte man eine erstaunliche Unkenntnis der Ereignisse jenseits der Landesgrenzen. Der Arbeiter-Internationalismus existiert bislang mehr in Worten als in der Praxis. (…)

Alle Betrachtungen vereinigen sich in der Suche nach einer Aktion, um so mehr, als die Juni 1936 durchgesetzten Reformen (wollte man einigen Aussagen glauben, so gefährdeten sie unsere Ökonomie) nur ein Bruchteil der wünschenswerten Reformen sind. Denn Frankreich ist nicht lediglich eine Nation, es ist ein Empire. Die Masse der Elenden hatte solch große Hoffnungen in die Volksfront-Regierung gesetzt, dass ein zu langes Warten, sollte es enttäuscht werden, uns demnäxt schwere und blutige Auseinandersetzungen bescheren wird. Es geht nicht darum, die Menschen entweder gefügig oder glücklich zu machen; es geht darum, niemanden zu zwingen, sich zu erniedrigen.