Ursprung des tschetschenischen Trauerspiels

von Seepferd

Im Sommer 2016 löste die russländische Öffentlichkeit eine schwierige Aufgabe mit Bravour – einem berühmten Mann zum 40-Jährigen etwas zu schenken, was er nicht hat. So bekam der Präsident der Tschetschenischen Teilrepublik Ramsan Kadyrow eine eigene reality show „Das Team Kadyrow“1, bei einem der staatlichen Sender. Er sei ein Krieger, kann Frieden und Stabilität schaffen, aber so richtig wirtschaften kann er eben nicht2. Aus diesem Grund braucht er einen Helfer oder sogar eine Helferin, die einen Wirtschaftsplan für die Region aufstellen, realisieren und die Republik somit wirtschaftlich aufpeppen könnte.

Die KandidatInnen meldeten sich angeblich fast von der ganzen Welt. Ausgesucht wurden 16 Leute, darunter ganze vier Frauen. Man kann sich vorstellen, dass die in zwei Teams aufgeteilten KandidatInnen nicht nur miteinander konkurrierten, sondern auch gegeneinander intrigierten was das Zeug hält. Es durfte ja nur einE gewinnen, um Kadyrows rechte Hand zu werden. „Der gescriptete Jahresmarkt der Eitelkeit und Niedertracht“ wäre vielleicht eine richtige Bezeichnung für die Show.

Ein Jahr später tue ich mir das an, Gefahr laufend, wieder für mindestens zwei Wochen dem Suff zu verfallen, und suche nach den Namen der GewinnerInnen (es waren am Ende tatsächlich mehrere) im tschetschenischen Regierungskabinett. Nope. Der junge Millionär aus Düsseldorf, der am Ende „gewonnen“ hatte, hat doch nicht so lange durchgehalten. So klar es war, dass die Show nur der Imageaufbesserung von Kadyrow und Co diente3, so widersinnig waren auch die meisten Aufgaben, denen sich die KandidatInnen stellen mussten.

Sie mussten Berge besteigen, Bogen schießen, eine traditionelle Modeschau und eine Stadtführung für Touristen organisieren, Schafe scheren, tschetschenisches Fastfood in Moskauer Straßen verkaufen, Äpfelernte einfahren und ähnlichen Quatsch bewältigen. Gut, da kann man wenigstens Teamgeist und Organisationstalent demonstrieren. Wie man Menschenmengen in einem Fußballstadion dirigiert und sie verschiedene Figuren auf den Tribünen bilden lässt, das entspricht eher dem Regierungsstil in Tschetschenien, wo alle feierlichen Massenaufläufe und religiösen Volkswillenbekundungen wie in der Sowjetzeit durch das „Mobilisieren administrativer Ressourcen“ hergestellt werden, sprich man karrt die Untergebenen, denen ihre Arbeits- und Studienplätze etwas wert sind, zusammen und lässt sie je nach dem Freude oder Wut darstellen4. Warum aber ausgerechnet Mädels aus dem Team das traditionelle Heiratsritual des „Zunge-Freimachens“, wo sie sich alten Männern unterwürfig zeigen sollen, über sich ergehen lassen sollen, bleibt gänzlich unerklärlich.

Doch kommen wir auf unsere Schafe zurück. Die eigentliche PR-Botschaft lag woanders. Inmitten von Natur- und Familienkitsch inszeniert sich Ramsan Achmatowitsch mal als stets beschäftigter, aber volksnaher Staatsmann, als liebender Sohn, als strenger Vater, als einsamer Bergwanderer, als Tierliebhaber, als frommer Muslim, als eine einzige menschliche Schrulle voller Witze und Anekdoten. Manchmal philosophiert er im gebrochenen Russischen5 mal mit seinen KandidatInnen, mal nur mit dem schmierigen Moderator über Gott und die Welt. Manchmal blickt er sentimental in die Ferne und erzählt Geschichten aus seinem bewegten Kriegerleben, die alle so anfangen: „Einmal musste ich zur Spezialoperation in die Berge fahren“ und mit einem Lob der Kameradschaft und des Teamgeistes enden. Die KandidatInnen sind froh, dass sie nur irgendeinen Blödsinn wie tschetschenische Modeschau machen müssen. Manchmal spuckt er Tiefgründiges. „Ich befasse mich mit den Problemen der Republik und des Volkes, ich befasse mich nicht mit Politik. Wenn man sich mit Politik befasst, weißt du, du wirst scheitern und scheiterst so oder so früher oder später… Das Wort ‘Politiker’ heißt in unserer Sprache eigentlich, also, es bedeutet nichts Gutes. Eigentlich sind wir, die Familie Kadyrow, nie in der Politik gewesen. Wir haben den Koran studiert und unterrichtet“. In einer späteren Folge antwortet er auf die Anschuldigungen „der Herren Liberalen“, ein „böser Mensch“ zu sein: „Die Feinde des Volkes, die Staatsfeinde haben sich (das) ausgedacht, weil sie wissen, dass solange es mich im Kaukasus gibt, werden europäische Geheimdienste die Situation hierzulande nicht verändern können“.

Die unveränderliche Situation wird wohl durch die mit dem tschetschenischen Oberbullen zwangsverheiratete Cheda6 symbolisch dargestellt, die bereits in der Pilotfolge auftaucht. Kadyrow als Ehrengast auf der Feier soll ihr nach dem tschetschenischen Brauch „die Zunge freimachen“, sprich sie zum Reden bringen, d.h. ihre Demut prüfen. „Aber selbst mit der ‘frei gemachten Zunge’ bleibt sie die verschwiegenste Ehefrau des Landes“, lallt der Moderator aus dem Off. Kein wieso, kein warum, nicht der Rede wert.

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Die Befestigung des Kadyrow-Clans (genauer gesagt, was davon übrig geblieben ist – es ist nicht so viel) an der Macht erklärt sich aus zwei vordergründigen Aufgaben der russländischen Staatlichkeit in dieser unruhigen Region: aus dem Kampf gegen nationalistischen/islamistischen Separatismus und dem wirtschaftlichen Wiederaufbau und politischer Stabilisierung. Eben aus diesen Gründen musste der herrschende Clan, den der zweite tschetschenische Krieg (1999-2009) nach oben gespült hatte, solch beispiellose machtpolitische Befugnisse und Subventionen bekommen. Unter der Präsidentschaft Medwedews wurden solche „Reintegrationsmaßnahmen“ getroffen wie Anerkennung salafistischer Gemeinden als Dialogpartner und sogenannte Adaptationskommissionen, die gemäßigten Islamisten den Weg zum friedlichen Leben ermöglichen sollten. Ein weiterer Schritt zur Befriedung der Region war ein andernorts erprobter Klassiker: vor den olympischen Winterspielen 2014 ermöglichten die Geheimdienste den Kämpfern des irrelevant gewordenen „Kaukasischen Emirats“ die Ausreise nach Syrien. Den Befriedungsgrad könnte man an der Anzahl getöteter Polizeibeamter messen: sie fällt im gesamten Nordkaukasus von 920 Beamten 2006 auf 52 Beamte in Jahr 20157. Nur in der tschetschenischen Teilrepublik setzte man auf die gewohnten terroristischen Mittel der kollektiven Bestrafung und einer weitgehenden Autonomie der Exekutive, als wäre der Status der antiterroristischen Operation nicht im April 2009 aufgehoben worden. Die Mittel sind übrigens auch effektiv, nur können ausgerechnet diese handfesten Maßnahmen immer eine gewaltsame Gegenreaktion hervorrufen. Und tun das ab und an.

Selbst wenn Ramsan mit Vertrauensentzug seitens des Kreml bestraft wird und anfängt, die Koffer für die Übersiedlung nach Dubai zu packen, auf irgendeine Weise erfolgt immer ein Signal, welches ihm zu verstehen gibt, der Pakt mit Moskau bleibt bestehen, er darf weiter machen8. Darf befehlen, auf die Bundespolizei zu schießen, wenn sie sich auf sein Territorium verirrt9, darf das oberste republikanische Gericht auseinander jagen, wenn es ihm beliebt. Die verfassungsmäßige Gewaltenteilung würde das Ende seiner Autokratie bedeuten. Der Kreml ist seit geraumer Zeit unschlüssig und weiß nicht, wohin mit ihm.

Kadyrow tendiert aber zur Etablierung eigener Souveränität im Rahmen der russischen. Dies ist der Grund, warum er keine Kritik an seinen Regeln und Reglementierungen leiden kann. Die KritikerInnen appellieren immerhin an die Verfassung der Russländischen Föderation, die Repressionsmaschine wendet sich gegen die eigene Zivilbevölkerung nicht weniger hart als gegen die salafistischen „Teufel“, gegen die sie die Bevölkerung zu schützen vorgibt. Man kann sich denken – die Repressionen gegen vermeintliche oder nicht vermeintliche Schwule, die letztens zu einem großen Skandal wurde, haben längst nichts mehr mit den Befriedungsauftrag aus Moskau zu tun. Ramsan regelt längst eigene Dinge.

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Doch wieso er überhaupt? In Tschetschenien ist die autokratische Herrschaft genauso neu wie der strenge, intolerante Islam sunnitischer Prägung. Patriarchal war zwar die Gesellschaft seit jeher, das öffentliche Leben wurde aber konsensual auf Stammesversammlungen geregelt. Doch selbst dem Stamm Benoj gehören außer der Familie Kadyrow viele andere angesehene Clans an.

Als die erste tschetschenische Kampagne (1994-1996) zu Ende war, gingen die verfeindeten Kräfte nur scheinbar auseinander, waren die Verhältnisse noch lange nicht geklärt. Moskau beobachtete die aktiven Akteure des Konflikts, man musste sich nur für jemand entscheiden. Die Trennungslinie „nationalistischer vs. islamistischer Widerstand“ lässt sich auch anders umschreiben: die Anhänger des Jamaats vs. die Anhänger des Tariqats. Die übriggebliebenen „Jamaatisten“ formten später das berüchtigte „Kaukasische Emirat“10, vertraten die Idee der Arabisierung und Islamisierung des Kaukasus; die sufistischen „Tariqisten“, die sich auf die Bevölkerungsmehrheit stützen, waren eben diejenigen, die einen eher nationalistischen Separatismus und die Gründung eines unabhängigen Nationalstaates verfolgten. Der Islam, egal welcher Prägung, hat in der Region keine besonders lange Geschichte. Zu seiner Verfestigung und Vermengung mit dem nationalen Gefühl hat anscheinend der bolschewistische Kampf gegen Religion und Nationalismus beigetragen. Dies ist anscheinend auch der Punkt, wo der Kadyri-Orden in der Nakschbandiya-Tradition die Oberhand gewinnt11. Es waren eben die Tariqat-Anhänger, die im Unterschied zu ihren Opponenten bereit waren, das Blut der Muslime zu vergießen. Das Oberhaupt war Achmat Chadschi Kadyrow, Ramsans Vater.

Im Kampf gegen die islamistischen „Teufel“, saudische und jordanische Emissare, konnte er sich jedoch auf keine Armee verlassen. Unterstützung bekam er von der Familie Jamadajew, die haupsächlich Erdölbusiness in der Republik kontrollierte und als einer der stärksten und am besten bewaffneten Clans aus der ersten tschetschenischen Kampagne hervorgegangen ist. Der Kreml seinerseits ließ andere unnachgiebige separatistischen „Tariqisten“ fallen und setzte auf das Bündnis Kadyrow-Jamadajew, welches versprach, für den Verbleib Tschetscheniens innerhalb des russländischen Staates zu sorgen. Kollektive Bestrafungen und Hinrichtungen wurden unter Achmat Chadschi eingeführt, als die Islamisten noch mit dem Blutvergießen haderten12.

Nach seiner Ermordung 2004 stellten die bis dahin an Politik nicht interessierten ehemaligen Verbündeten Gebrüder Jamadajew Machtansprüche; Treue haben sie Kadyrow senior geschworen, aber nicht dem junior. Der junge Ramsan hat weder die religiöse Autorität inne, wie sein Vater, noch hat er einflussreiche männliche Clan-Mitglieder um sich. Verlassen kann er sich nur auf die Leibwache seines Vaters, deren Chef er war, und auf die Hilfe aus Moskau, die er mit bedingungsloser Unterwerfung erkauft13. Seitdem beseitigt er, soweit er kann, alles, was seiner Meinung nach seine Vormachtstellung herausfordern kann. Nachdem er bereits zwei der Jamadajew-Brüder ausgeschaltet hat, beschäftigt er sich mit der unzufriedenen Zivilbevölkerung. Weil man den Plan der Präventionsmaßnahmen gegen internationalen Terrorismus auch erfüllen muss, tauchen Ausweise und Reisepässe der nebenbei Erschossenen in Syrien auf, man zwingt deren Familien, Erklärungen zu unterschreiben, die Betroffenen wären Islamisten geworden und nach Syrien gereist14.

Alles, was nur geht, wird nach Achmat Chadschi bennant, Schulen, Straßen, Stiftungen und sogar der Grosnaer Fußballclub, der seit 1958 „Terek“ hieß, heißt nun seit Sommer 2017 ebenfalls „Achmat“. Hinter diesem scheinbar selbstlosen Vaterkult (während der gesamten reality show hört man Sprüche wie „Ich bin unbedeutend, mache nur, was mein Vater angefangen hat“ oder Ähnliches), verbirgt sich ein gut durchdachter Ramsan-Kult. Die alten Verbündeten werden langsam zurückgedrängt und mit Familienangehörigen aus dem Örtchen Benoj ersetzt. Eine Politik, vor der es dem Traditionalisten Kadyrow senior vermutlich gegraut hätte.

Im Sommer 2016, sprich kurz vor dieser unsäglichen PR-Show im Fernsehen, flog eine Verschwörung gegen Kadyrow auf; die Verschwörer – meistens junge Männer aus Benoj, aus Kadyrows eigenem Stamm, so nah konnte der Feind bis jetzt niemals kommen. Der Plan flog angeblich zufällig auf: durch einen Cousin von Islam Kadyrow, dem Chef der republikanischen Administration. Wie auch immer, eine äußerst private Telefonnummer Ramsans ist durch diesen Cousin bei seinen argsten Feinden Gebrüder Jamadajew aufgetaucht. Nun, wo dieser Cousin selbst ist, kann man sich denken; mit dem Neffen Islam hat Kadyrow auch ein ernstes Gespräch geführt, nach welchem dieser sich noch ein mal in der Öffentlichkeit mit Gips an beiden Händen blicken ließ, um dann vom Dienst suspendiert zu werden. Ramsan kann es sich nicht leisten, die engeren Verwandten in die ewigen Jagdgründe zu schicken, selbst für solche Vergehen. Die Verschwörung umfasste mehrere Dutzend Leute aus dem Vertrautenkreis, niemand petzte – so viel zum kaukasischen Natur- und Familienkitsch.

Islam Kadyrow bei der Pressekonferenz im Mai 2016

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Die Region ist tatsächlich wieder aufgebaut, die Infrastruktur saniert. Wie Emma Goldman vielleicht gesagt hätte: „Beautiful country minus Kadyrow“. Denn die Bevölkerung flieht nach Kräften und Möglichkeit in alle Richtungen seitdem die aktiven Kampfhandlungen während der zweiten Kampagne eingestellt wurden. In Europa wohnen z.Z. etwa über 100000 TschetschenInnen, ein Teil davon gehört noch zur alten „nationalistischen“ Garde um General Dudajew, formte die sog. „itschkerische“ Exilregierung, hängt vermutlich irgendwo in London rum und verfolgt aufmerksam das Geschehen in der Heimat15. Im Bemühen um den Einfluss auf die europäische Diaspora paktierte die Regierung Kadyrow mit einigen bedeutenden Exilanten. Dank ihnen dürfen die Geflohenen zurückkehren oder Verwandte in Tschetschenien besuchen, was für manche zu einem Verhängnis wird. Trotz aller propagandistischen Bemühungen ist es zu einer erwähnenswerten Reimmigration nicht gekommen. Vielmehr fliehen die Menschen seit 2013 vermehrt Richtung EU, weil sie auch in abgelegenen Regionen Russlands nicht sicher sein können.

Manche machen sich auf den Weg auf der Suche nach einem sicheren, stabilen Leben, um endlich mal die Kinder in die Schule schicken zu können. Manche aber fliehen explizit vor religiöser Verfolgung. Seit 2014-2015 fahndete man auf den Straßen und in den Moscheen nach „illoyal“ aussehenden Gläubigen, weil die von der Bevölkerung meistens tolerierten Salafisten dem Präsidenten bekanntlich als „Teufel“ gelten. Der Kampf um den rechten Glauben wird nicht nur auf der großen Bühne geführt, wie bei der skandalösen theologischen Konferenz in Grosny im August 2016, wo die versammelten Gelehrten alle SalafistInnen aus dem rechten sunnitischen Glauben „exkommunizierten“16. Der Kampf wird auch auf der Frauenhaut und -haaren geführt, wie es Benjamin Bidder am Beispiel einer jungen Frau aus Grosny erzählt: „Dank Kadyrow müssen russische Soldaten nicht mehr Haus um Haus erobern. Stattdessen führt jetzt Taissa Tag für Tag einen zähen Abwehrkampf. Sie kämpft um jeden Zentimeter Haut. Die Ärmel hat sie gerade so weit über die Ellenbogen gezogen, wie es Kadyrows Sittenwächter zulassen. Mit bloßem Haupt und ohne langen Rock aber darf sie keine Vorlesung mehr an der Hochschule besuchen. Taissa sagt, sie bekenne sich zu Allah. ‘Ich liebe meinen Glauben, doch die neuen Sitten haben sehr plötzlich Einzug gehalten’. Sie kennt Fälle, in denen junge Frauen auf der Straße mit Paintball-Gewehren beschossen wurden, weil sie kein Kopftuch trugen… Taissa wünscht sich, ihre Bestimmung zu finden, ‘den Ort, an dem mir niemand sagt, was ich darf und was nicht’. Sie nennt das ‘meinen kleinen Traum’“17.

Seit Anfang September mobilisierte Kadyrow plötzlich lautstark gegen Myanmar, wo die muslimische Minderheit der Rohingya vom „buddhistischen“ Regime brutal unterdrückt wird. In Moskau und in Grosny folgen viele Menschen (wie immer waren es alte gute „administrative Ressourcen“) seinem Aufruf. Er ging sogar soweit, dass er Moskau drohte, die Loyalität aufzukündigen, wenn Moskau weiterhin freundschaftliche Beziehungen mit Myanmar unterhält. Das, was nach ärgster Insubordination gegenüber Moskau aussah, war nur ein Versuch, die äußerst heterogenen muslimischen Communities außerhalb Tschetscheniens hinter sich zu vereinen und für Staatszwecke zu mobilisieren18. Selbstverständlich, Rohingya sind für Ramsan heute kein Thema.

Wie dem auch sei, seit Jahren versuchen Menschen aus der Russländischen Föderation Asyl in der EU zu bekommen, 2016 kam jedeR fünfte AsylberwerberIn aus Russland, die absolute Mehrheit davon – aus der Region Kaukasus. Dabei müssen sie Belarus und Poland passieren. Laut der Menschenrechtsorganisation Human Constanta herrschen am Grenzübergang Brest-Terespol erniedrigende, unmenschliche Bedingungen: Hunderte von Menschen versuchen die Grenze zu passieren, werden von Polen zurückgeschickt, der polnische Grenzschutz nimmt so gut wie keine Asylanträge an, die Familien müssen sich im belarussischen Brest einen miserablen Unterschlupf suchen und immer und immer wieder über die Grenze fahren. Fast niemand von ihnen möchte in Polen bleiben, sie wollen weiter. Für Polen wäre es kein Problem, sie durchzulassen, wäre da nicht das Dublin-Abkommen, nach welchem die Asylsuchenden in dem Land bleiben sollen, wo sie den Antrag gestellt hatten19. Auch Belarus schickt die Leute gelegentlich nach Russland zurück, wo sie, egal in welcher entlegenen Ecke des Landes, wieder Gefahr laufen, Kadyrows Schergen in die Hände zu geraten.

Schaffen sie es trotzdem, aus Polen (manchmal nach einigen Jahren der Residenzpflicht) weiter nach Deutschland zu reisen, ist auch längst nicht alles in Butter: die Anerkennungsquote für tschetschenische Flüchtlinge in der BRD ist derzeit auf etwa 4,3% herabgesunken. Das hat zum Einen mit der besagten offiziellen „Befriedung“ von Nordkaukasus zu tun, zum Anderen damit, dass deutsche Gerichte sich auf keine einheitliche Beurteilung der Sicherheitslage stützen können, manche winken die Leute durch und manche eben nicht20. Die Lust des Souveräns, sich fremdes Menschenmaterial anzueignen, ändert sich bekanntlich mit der außen- und innenpolitischen Konjunktur – für nichts anderes steht das humanitäre Feigenblättchen des §16a GG, einer „Menschenrechtswaffe“, die Staaten u.U. gegeneinander einsetzen21.

Mir sind unterschiedliche Menschen aus Tschetschenien begegnet: einfache und aufgeschlossene Leute, die nur hart arbeiten und ihren Kindern eine Zukunft ermöglichen wollten; Leute, die über Kadyrow herzogen; Leute, die sich über einen erwachsenen Mann ohne Kinder lustig machten; und solche, die über Religion nicht reden wollten. Eine Weile lang bekam ich WhatsApp-Nachrichten auf Russisch von einer deutschen Nummer, in denen für irgendeine ominöse Jamaa-Gruppe geworben wurde. Es kommen eben sehr unterschiedliche Menschen herüber, darunter SalafistInnen, die von Kadyrow gejagt werden, die auch eigene Sitten mitbringen und sich vermutlich im Elend der Flüchtlingslager weiter radikalisieren und außerhalb von Lagern unter sich bleiben. Auf die schnell bekannt gewordenen Massenschlägereien mit Jeziden im Sommer und Herbst 201422 bezogen sich die Pegida-Gesichter, als sie vom „Religionskrieg auf deutschem Boden“ sprachen. Andererseits versuchen offensichtlich auch Kadyrows Leute, die Opposition zu terrorisieren, die Diaspora unter Kontrolle zu bringen und eine pro-russische politische Kraft aus ihr zu formen23. So sind wohl diese paradoxen Bilder aus Hamburg entstanden, auf denen junge Tschetschenen, die angeblich vor Kadyrow geflohen sind, für Kadyrow demonstriert hatten24.

2Das merkt man allerdings. Tschetschenien lebt immer noch von Subventionen aus dem Zentrum in einem Ausmaß, wie keine andere Teilrepublik: 2016 und 2017 bekommt Tschetschenien 40 Milliarden Rubel von der Föderation, was etwa der Summe entspricht, die auch das hinter dem Polarkreis liegende und weit größere Jakutien bekommt. http://провэд.рф/analytics/research/39047-pegiony-possii-v-kpeditah-i-dotatsiyah-kto-kogo-kopmit.html

3Imageaufbesserung hat er noch so viele Jahre nach dem Krieg nötig. Wie der russische Philosoph Michail Ryklin in „Verschwiegene Grenze. Briefe aus Moskau, 1995-2003“ (2003) schrieb: „„Vor dem Hintergrund einer Millionen erfassenden Apathie verwischt sich die Grenze zwischen den ‘Tschetschenen’ und den ‘islamistischen Kämpfern’. Da der Durchschnittsrusse ohnehin nicht imstande ist, zwischen einem Tschetschenen und einem Bewohner Dagestans oder selbst Georgiens zu unterscheiden; wird auch die Differenzierung zwischen ‘Terrorist’ und ‘Person kaukasischer Herkunft’ aufgehoben. (…) Hier kommt vor allem ein Kompensationsmechanismus zum Tragen: Die Verschlechterung der eigenen ökonomischen und sozialen Lage führt Millionen von Menschen dazu, nach gewohnter Großmacht-Tradition eine Personifizierung in einem Feindbild zu suchen; die Zerstörung dieses Feindes würde dann angeblich auch die komplexe Summe von Gründen beseitigen, die zu Verarmung, Massenarbeitslosigkeit usw. führten. Andererseits aber spürten diese Menschen in der Plattheit des vom Jelzin-Regime vorgeschlagenen Lösungsrezeptes so etwas wie eine Falle, denn vergleichbare Lösungen haben sich in der Vergangenheit schon des öfteren in Katastrophen verwandelt. Die Menschen wollen nichts über den zweiten Tschetschenienkrieg erfahren – und zwar genau aufgrund der Instabilität und der Unzuverlässigkeit dieses Kompensationsmechanismus. Sie ahnen, dass bereits in einer kleinen Dosis Wahrheit über den Krieg genug Sprengkraft enthalten sein würde, um diesen Mechanismus zu zerstören.“ In den vergangenen Dutzend Jahren hat sich manches geändert, die Differenzen zwischen „fremden“ und „eigenen“, staatstreuen IslamistInnen kennt man inzwischen gut.

4Wie das ausgerechnet in Tschetschenien funktioniert, haben wir schon mal beschrieben: https://dasgrossethier.wordpress.com/2015/02/12/die-einheit-der-volker-gegen-charlie-hebdo-2/

5Er kann tatsächlich den vollen Namen seines Souzeräns nicht aussprechen. Von diesem redet er viel, aber nur als von „Wladimiritsch Putin“.

6Über diese „Heiratsfeier des Jahrhunderts“ berichteten wir ebenfalls: https://liberadio.noblogs.org/?p=1529

7„Counter-terrorism in the North Caucasus: a human rights perspective. 2014 – first half of 2016 Report by the Memorial Human Rights Centre“. https://memohrc.org/sites/all/themes/memo/templates/pdf.php?pdf=/sites/default/files/doklad_severnyy_kavkaz_-_angl.pdf

8Übrigens sehr gut bei Michail Sygar in „Endspiel. Die Metamorphosen des Wladimir Putin“ (2016) beschrieben.

11Das verraten uns zumindest die europäischen „Itschkeristen“ selbst: „Während der Sowjet-Ära wurde die Religion schwer unterdrückt, aber überlebte in kleinen Tariqas, genannt Virds, die unterschiedliche Heilige anbeteten und manchmal sogar untereinander feindlich gesinnt waren. Die Deportation der Tschetschenen in den Jahren 1944 bis 1957 trug zum Entstehen eines kollektiven, tschetschenischen Nationalitätsgefühls bei und zu einer Erneuerung der Verbindungen mit dem Islam. Der Kadiri-Orden spielte dabei eine große Rolle. Nach der Rückkehr in den Kaukasus, wurde der Sufismus – der viele volkstümliche Traditionen aufgesogen hatte –zunehmend durch die Staatsbehörden und dem KGB infiltriert. Fast alle Muftis (religiöse Führer), denen es gestattet wurde zu studieren, waren KGB-Offiziere“. http://waynakh.com/de/tschetschenen/religion/ Zur Funktionsweise der Tariqats siehe z.B. Itzchack Weisman, „The Naqshbandiyya. Orthodoxy and activism in a worldwide Sufi tradition“, 2007

12Dieser innertschetschenische Krieg zieht sich allerdings weiter in etwas abgewandelten Formen. Innerhalb kurzer Zeit starben in Kyiw in folge gezielter Anschläge zwei Offiziere freiwilliger tschetschenischer Bataillone, die auf der ukrainischen Seite im Osten des Landes kämpften. Diese Bataillone rekrutierten sich z.T. aus exilierten Anhängern „Itschkeriens“. Auch auf der pro-russischen Seite tauchten für eine Weile Kadyrows Soldaten auf. https://www.radiosvoboda.org/a/28740701.html

13„Von Anfang an hatte das junge Oberhaupt der tschetschenischen Republik dem Präsidenten Russlands erklärt, von jetzt an sehe er in ihm seinen Vater und sei bereit, sein Leben für ihn zu geben. Das war für Putin herzerwärmend, und für diese persönliche Ergebenheit stellte er Kadyrow jun. eine Carte blanche aus“. M. Sygar, „Endspiel“, 2016

14https://www.novayagazeta.ru/articles/2017/07/31/73282-hozyaeva-zhizney Woanders, nämlich in Dagestan wird Erpressung von Homosexuellen angewendet, um sie „nur“ in das Milieu von kaukasischen Islamisten in Nahen Osten einzuschleusen: http://www.kavkaz-uzel.eu/articles/303475/

15Hier z.B. unterhält sich der Exilpräsident Achmet Sakajew mit Boris Reitschuster über die Aktivitäten des FSB in Deutschland: https://www.youtube.com/watch?v=MaVZM1C6iOo

16Antideutsche IslamexpertInnen haben den Skandal verpennt, die saudischen Herrscher waren aber very, very angepisst: http://www.reasonedcomments.org/2016/09/the-first-international-conference.html

17Modische Mädels in Hijabs nennt man angeblich hinter vorgehaltener Hand „Chupa-Chups“, soviel zur unterwürfigen und gleichgeschalteten Umma. Siehe dazu Benjamin Bidder: „Generation Putin. Das neue Russland verstehen“, 2017

21Vgl. Alred Krölls, „Das Grundgesetz – ein Grund zum Feiern? Eine Streitschrift gegen den Verfassungspatriotismus“, 2009

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