«Wir sind Russen, Gott ist mit uns», Teil 2

Ӝ Ӝ

von Ndejra

Je älter die Ansichten und die sie predigenden Menschen

sind, desto näher liegen sie für ihn in der Zeit, wo die

Religion „geoffenbart“ wurde, desto zuverlässiger erscheinen

sie ihm also. Dazu kommt, dass der Mensch sich immer an etwas

Konkretes, Wahrnehmbares halten muss, weshalb er den

Respekt vor dem Göttlichen auch auf dessen Diener und

Stellvertreter aller Sorten ausdehnt. Da nun letztere

Seinesgleichen sind, so gerät er in den komischen Widerspruch,

seinesgleichen für gescheiter und vertrauenswerter zu

halten als sich selbst. So wuchert die Herrschaft des

Menschen über den Menschen, die Autorität in jeder Form

und damit die Grundbedingung aller Knechtschaft und

Vormundschaft empor! Aberglaube für die Ansichten der

Eltern, der Lehrer, der Pfaffen auf Kanzel und Katheder,

der Fürsten und der Beamten, das alles sind Früchte des

religiösen Giftbaumes! (…) Wie wäre es sonst möglich, dass

bei sogenannten Religionslosen noch Autoritätsglaube und

Staatskultus in Hülle und Fülle anzutreffen sind, obwohl solche

Narrheiten auf der Voraussetzung, dass es zwei Intelligenzen

in der belebten Welt gebe, beruhen, und daher nur im

religiösen Wahn ihre Existenzberechtigung suchen können?

Johann Most, „Früchte des Gottesglaubens“

Die Seele Russlands ist eine Christin,

das Volk aber ist Stalinist.

Alexander Prochanow1

 

Die orthodoxe Kirche, die weltweite christliche Orthodoxie ist eine Gemeinschaft von einzelnen Landeskirchen, die dem Glaubenssymbol von Nikäa anhängen und miteinander eucharistisch (d.h. Priester zweier verschiedener Kirchen können zusammen eine Messe abhalten) verkehren. Die christlichen Orthodoxen halten sich für die einzig wahren Nachfolgen der Kirche Jesu und somit für die einzig wahren Katholiken (und die Katholizität bedeutet nichts anderes, als dass die Kirche für sich eine räumliche und zeitliche Einheit beansprucht, d.h. es wird nicht nur eine weltweite Einheitlichkeit postuliert, sondern auch eine direkte Verbundenheit mit den historischen urchristlichen Gemeinden). Der größte und bedeutendste Verband der Kirchen, die sich um die Konstantinopeler Kirche gruppieren besteht z.Z aus 15 autokephalen Kirchen:

Die Konstantinopeler Kirche (wie gesagt, die Erste unter den Gleichen), die Alexandrinische (Ägypten), die Antiochische (Syrien), die Jerusalemer, die Russische (die größte darunter), die Serbische, die Georgische, die Rumänische, die Bulgarische, die Zypriotische, die Griechische, die Polnische, die Albanische und schließlich die Tschechisch-Slowakische. Es gibt noch einige mit Sonderstatus: die Orthodoxe Kirche in Amerika wird z.Z als eine autokephale nur vom Moskauer Patriarchat anerkannt, Konstantinopel hält sie für für eine autonome Kirche, die dem Moskauer Patriarchat untersteht. Außerdem gibt es auch einige autonome Kirchen wie z.B. die Chinesische, die Finnische, die Japanische, die Sinaier Kirche und über den Status der Estnischen Apostolischen Kirche streiten sich wiederum Moskau und Konstantinopel. Die Hierarchie ergibt sich aus der Pflege der Überlieferung und aus der zeitlichen Nähe zum historischen Wirken der heiligen Apostel. Die christliche Orthodoxie ist in theologischer Sicht entsprechend bemüht konservativ. Je älter die Schriften, auf die man sich bezieht, desto angesehener ist man im Kirchenverband, desto weniger kann man allerdings der modernen Welt mitteilen – das Problem, welches jeder x-beliebigen Vierten Internationalen bekannt sein dürfte. Ähnlich verhalten sich die Herrschaften bei ihren offiziellen Zusammenkünften2.

Solch alte und angesehene orthodoxen Kirchen wie z.B. die Armenische, die Koptische, die Äthiopische, die Eryträische, die Syrische und die Malankarische Kirche bilden noch mal eine eigene Gemeinschaft der Altöstlichen orthodoxen Kirchen und gehören nicht zu dem Verband, der uns interessiert.

Um noch mehr Verwirrung zu stiften, bleibt nur noch zu erwähnen, dass es außer all diesen oben genannten Kirchen noch jede Menge nicht kanonisch anerkannter orthodoxer Kirchen und Gemeinden existiert, obwohl sie in den einzelnen Ländern durchaus einflussreich und bemerkbar sein können. So seien hier als Beispiele nur die Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche, die Ukrainische Orthodoxe Kirche des Kyiver Patriarchats (UOK-KP) – weil ich sie bereits erwähnt hatte – Russische Wahrhaft Orthodoxe Kirche oder die Russische Orthodoxe Kirche im Ausland, die uns später noch beschäftigen wird, angeführt.

Schauen wir uns an, wie die christliche Orthodoxie sich entwickelt hat, wie sie historisch zu dem geworden ist, was sie heute ist. Wir werden uns auch mit anderen Kirchen, nicht zuletzt mit den ukrainischen befassen, der Schwerpunkt aber liegt selbstverständlich auf der ROK, wie sie ihre glorreiche historische Aufgabe bewältigt hatte, „das Brandmal des mongolischen Sklaven unter dem Mantel der im Pupur Geborenen3 zu verbergen“. (Marx 1977, S. 90) Wer sich für die feinen Unterschiede in der Theologie und Liturgie der Ost- und Westkirchen interessiert, möchte sich woanders detailliert belesen, dazu gibt es reichlich apologetische und kritische Literatur4. Die Katholiken werden vielleicht noch die äußerliche Verwandtschaft bemerken: die prachtvolle, aufwändige Messe – die zum Teil noch das kaiserliche Hofzeremoniel nachahmt, ein besonderer Kult der Mutter Gottes5, dieselbe Begeisterung für „Reliquien“6; die Widersprüche waren allesamt politischen Ursprungs. Das berühmt-berüchtigte Philioque, der schicksalhafte Zusatz zum Glaubenssymbol, den die byzantinische Bischöfe nicht anerkannten, diente eigentlich nur noch als eine dürftige Ausrede für einen sich längst anbahnenden Konflikt zwischen den Provinzen des Reiches. Selbst die politische Theologie, die im Westen mit Papst Gelasius eine Art Konkurrenz zwischen dem „göttlichen“ und dem „weltlichen“ Schwert postulierte und im Osten dagegen mit Kaiser Justinian I (483-565) die Lehre der „Symphonia“7, des Zusammenklangs der weltlichen und geistlichen Hierarchie hoch hielt, brachte nur die jeweiligen Kräfteverhältnisse zum Ausdruck.

Die bürgerlichen ForscherInnen bemühen oft das verklärende Bild eines alltäglichen Mystizismus, einer immer währenden Erfahrung Gottes, wenn sie die exotische Faszination des östlichen Christentums beschreiben wollen. So zitiert z.B. Bernard Sartorius die schwammige Rede des russischen Theologen Wladimir Lossky (1903-1958):

„Die Tradition der Ostkirche hat niemals klar zwischen Mystik und Theologie unterschieden, zwischen der persönlichen Erfahrung der göttlichen Mysterien und dem von der Kirche gelehrten Dogma… Das Dogma, das eine offenbare Wahrheit zum Ausdruck bringt, die uns wie ein unerforschliches Mysterium erscheint, muss von uns derart gelebt werden, dass wir, statt das Mysterium unserer Art des Verständnisses anzupassen, im Gegenteil darauf bedacht sein müssen, uns zutiefst zu ändern (…), um zum mystischen Erlebnis fähig zu sein. Theologie und Mystik stellen nicht nur keinen Gegensatz dar, sondern stützen und ergänzen sich gegenseitig. Das eine ist ohne das andere undenkbar. Das mystische Erlebnis ist eine persönliche Anwendung des Inhaltes des gemeinsamen Glaubens, die Theologie ist eine Ausdrucksform dessen was im Bereiche der Erfahrungsmöglichkeit eines jeden liegt, zum Nutzen der Allgemeinheit“. (1973, S. 64f)

Sein berühmter Kollege, Theologe Pawel Florenskij (1882-1937), der uns später noch einmal begegnen wird, fasste in seinem Aufsatz „Der rechte Glaube“ denselben Sachverhalt weniger blumig, dafür aber um Vielfaches deutlicher zusammen:

„Eine weitere Eigenart der orthodoxen Einstellung zur Kirche ist die Überbetonung des Kultes, insbesondere des Rituals gegenüber der Lehre und der moralischen Seite des Christentums. Das Fluchen und Raufen, die Trinksucht sind kleinere Sünden als die Nichteinhaltung des Fastens; einen Verstoß gegen die Keuschheit verzeiht der Priester leichter als das Nichterscheinen in der Kirche; die Teilnahme an der Messe rettet die Seele eher als das Lesen des Evangeliums; das Einhalten des Kultes ist wichtiger als die Sache der Wohlfahrt. (…) Vom ‘Popen’ werden weder eine besonders schöne Messe, noch eine Predigt, noch eine Sorge um die Gemeinde erwartet – nicht einmal sittliche Anleitung. Seine Sache ist es, zu taufen, zu vermählen, zu bestatten, auf den Feldern zu beten, zu Ostern Kuchen und zur Verklärung Jesu die Früchteernte zu segnen. Ein energischer Priester kann natürlich seine Aufgaben etwas breiter auffassen und sich der Aufklärung seiner Gemeinde widmen, in seinen Gemeindemitgliedern sittliche Gewohnheiten kultivieren, anfangen die Trinksucht zu bekämpfen und Familienverhältnisse zu verbessern, schließlich kann er eine Kreditgenossenschaft oder einen Konsumladen aufmachen, aber all das wird als etwas Unnötiges wahrgenommen, und ein wirklicher Orthodoxer wird hier wohl den lutherischen Geist vermuten und solche Tätigkeit verurteilen. (…) Die menschliche Welt ist mit der göttlichen unvergleichbar, das Kleine von dieser Welt wird im Reich Gottes groß genannt; Gottes Wege sind unvorhersehbar; der Mensch kann den Sinn des ganzen historischen Prozesses nicht verstehen, von daher zwei Schlüsse: der Irrationalismus und Ergebenheit. Auch hier der völlige Gegensatz zum Katholizismus und Luthertum. Dort – das Vertrauen auf den menschlichen Verstand, das Bestreben, nicht nur zu begreifen, sondern auch das Göttliche den Gesetzen des Verstandes zu unterwerfen – und das nicht nur in Luthertum, dessen Wesen Rationalismus ist, sondern auch im Katholizismus. Im orthodoxen Christentum ist es umgekehrt – der Glaube an gänzlich unvernünftige, alberne Dinge; der als Absage an die Vernunft verstandene Glaube; letztlich der tatsächliche Verzicht auf die Vernunft in religiösen Fragen und daher die leichte und ungezwungene Anerkennung solch widersprüchlicher und mit dem Verstand unbegreiflicher Fakten, von welchen ein Rationalist Bauchschmerzen bekommt“. (2001, S. 475ff)

Bedenkt man außerdem, dass sich das Christentum bei seiner Verbreitung fleißig mit allen möglichen heidnischen Naturkulten vermischte und insbesondere in Russland noch Jahrhunderte lang vor allem in der Bauernschaft in der Form des so genannten Doppelglaubens, des christlich getarnten Heidentums praktiziert wurde, könnten wir an dieser Stelle die gesonderte Frage der Theologie ruhig abschließen.

Die Logik gebietet, wenigstens kurz auf die Verstaatlichung des Christentums im Römischen Reich einzugehen, denn dort beginnen sowohl die Karriere als auch der Appetit der – damals noch einen – apostolischen Kirche. Bevor Kaiser Konstantin I. (270-337) sich 312 taufen ließ und die ehemalige Sklaven- und Katakombenreligion zunächst von der Verfolgung befreite und später zur Staatsreligion erhob, galten die römischen Kaiser als Götter. Da gerieten die Hoftheologen zunächst in Schwierigkeiten: kaiserliche Göttlichkeit war mit der christlichen Lehre ohne Weiteres nicht vereinbar. Dennoch versuchte man die Tradition der Vergöttlichung der Staatsmacht fortzuführen und erklärte den Kaiser zu Vicarius Christi – für „christusgleich“. Später stufte man den Kaiser noch ein wenig tiefer, er wurde „von Gottes Gnaden“ und keineswegs mehr göttlich oder auch nur halbgöttlich; der höchste Priester des Reiches war er allerdings auch nicht. Die von Diokletian (236-312) mühsam errichtete Tetrarchie, das Prinzip des Mehrkaisertums, welches das Imperium Romanum unter vier (Teil-)Kaisern aufteilte, um es vor allem besser militärisch nach außen und innen absichern zu können, wurde vom Aufstieg Konstantins gestört und verändert, da dieser Alleinherrschaft und die Rückkehr zum dynastischen Prinzip anstrebte. Von 324 an ernannten der westliche Kaiser Konstantin und der östliche Lucinius ihre Söhne zu Caesares, zu Mitherrschern; selbst 395, als die Teilung des Römischen Reiches in Ost- und Westrom eine politische Tatsache war, hielten sich beide Roms lediglich für zwei Teile desselben Imperiums. Obwohl beide Reiche im 4. Jhd. verstärkt Angriffen slawischer, fränkischer und germanischer Stämme ausgesetzt waren, hatte Westrom in militärischer Hinsicht mehr Pech, weil die oströmische Verteidigung die Barbaren in den Westen trieb, während Westrom nicht über so ein reiches und sicheres Hinterland wie der Nahe Osten verfügte. 410 plündern die Westgoten Rom, Augustinus verleiht der weltlichen Ohnmachtsstellung der Kirche in seinem Traktat „Vom Gottesstaat“ Ausdruck, von der Symphonia der Gewalten konnte keine Rede sein. 476 kommt es schließlich dazu, dass das westliche Kaisertum durch Odoaker (433-493), einen Offizier germanischer Herkunft endgültig beendet wurde. Odoaker war als König von Italien anerkannt, doch der Römische Kaiser war er nicht; Ostrom blieb der einzige Reichsnachfolger. Im Osten beschließt 451 die Ökumenische Synode zu Chalzedon die kirchliche Pentarchie nach dem Muster der politischen Machtteilung im Reich: Rom, Konstantinopel, Alexandria, Antiochia und Jerusalem bilden die Hierarchie selbständiger Kirchen, wobei sie alle gleichzeitig eine Einheit repräsentieren. Die Höchste Entscheidungsgewalt liegt nur bei der Synode, die vom Kaiser, einem „Vertreter Gottes bzw. Christi“ einberufen wird. Zu dieser Zeit spaltet sich die Gemeinschaft der sogenannten altöstlichen bzw. altorientalischen Kirchen ab. Was die Verstaatlichung im „Inneren“ der Religion ausgemacht hat, beschreibt Bernard Sartorius in treffender Weise:

„…vor allem wurde die Gegenwart Gottes statt etwas völlig Neues zu sein, das den Menschen, der mit ihm konfrontiert wird, radikal in Frage stellt, immer mehr Grundlage einer für alle und jeden mehr oder weniger annehmbaren Moral, einer Moral, die schon damals im Grunde bürgerlich war: ‘Christ’ ist, wer nichts Böses tut, wer ruhig seinen privaten Geschäften nachgeht, ohne die Sicherheit des christlichen Reiches zu gefährden. (…) So entstand der ‘corpus christianum’, die ‘Christenheit’, womit eines neuen Lebens durch Christus, das den Menschen dazu zwingt, eine ganz persönliche Entscheidung zu treffen, seither zumindest teilweise mit der Schaffung von Institutionen, Gesetzen und Werken identifiziert wurde, die oftmals zu Unrecht die Bezeichnung ‘christlich’ trugen“. (1973, S. 24f)

Um die Jahre 489-499 nehmen die Franken unter Chlodwig I. (466-511) das Christentum lateinischer Lehre an, was für alle Beteiligten ein vorteilhaftes Geschäft war. Chlodwig sicherte seine Herrschaft ideologisch ab, beseitigte konfessionelle Barrieren zwischen nun offiziell katholischen Franken und der Bevölkerung Italiens einerseits und zwischen seinem Herrscherhaus und den oströmischen Kaisern andererseits (es ist noch immer dieselbe Religion und dieselbe Kirche; dafür musste Chlodwig dem arianischen Glauben, den die ersten ökumenischen Konzile des 4. Jhd. als Häresie verurteilten, abschwören). Die Römische Kirche allerdings, die einzige auf dem weströmischen Territorium, bekam durch diese Allianz mit der weltlichen Macht wieder politisches Gewicht.

Hin und wieder kommt es zu theologischen Streitigkeiten zwischen den Kirchen. So eskalierte der Streit bereits 484 (das sogenannte Akakianische Schisma) so weit, dass die Einheit der Kirchen vom Rom aufgekündigt wurde bis sie sich 519 wieder auf eine gemeinsame Glaubensformel einigen konnten. Die Bereitschaft zur gegenseitigen Rücksicht und zum Dialog sank im Laufe der Zeit auf beiden Seiten: die Römische Kirche hatte als ideologische Agentur im Westen keine Konkurrenz, Byzanz versuchte seinen Einfluss auf dem Balkan und in den slawischen Territorien zu festigen. Karl der Große (747-814) hatte ebenfalls den Ruhm der römischen Kaiser zum Vorbild als er die Römische Kirche mit ihrem theologischen Primatsanspruch sich unterstellte und sich vorbehielt, eigene Synoden einzuberufen, Bischöfe zu ernennen und in theologischen Fragen mitzubestimmen. So reagierte er ablehnend auf den Bilderstreit des 2. Konzils von Nikäa 787, wo im Osten die „Bildverehrer“ die Oberhand gewannen, unter Anderem, weil der Konzil unter der Schirmherrschaft der Kaiserin Irene von Athen stattfand. Auf dem Konzil von Aachen 809 wurde von Karl dem Großen jener Filioque-Zusatz – dass der Heilige Geist nicht nur von Gott, sondern auch vom Heiligen Sohn ausgeht – ins Glaubensbekenntnis als verbindlich beschlossen, setzte sich aber nur sehr langsam in der westlichen Liturgie durch. Die wahrhafte theologische Bedeutung der Formel lässt sich daran beurteilen, dass sie damals gerne als unwesentlich übersehen und erst 1054 zum Anlass für das nächste endgültige Schisma wurde. Indes löste sich die Römische Kirche immer weiter vom Rest der Pentarchie hin zum Fränkischen Reich.

Für das damalige ambivalente Verhältnis der Ost- und Westkirche ist die Missionierung des Großmährischen Reiches und des bulgarischen Khanats beispielhaft, die im 9. Jahrhundert geschieht. Um Mähren vom karolingischen Einfluss zu befreien, lässt Fürst Rastislav 863 zwei griechische Mönche, Kyrill und Methodius mit sowohl dem byzantinischen als auch römischen Einverständnis zu sich kommen, welche die sogenannte kyrillische Schrift entwerfen und die kirchliche Literatur aus der griechischen in die slawischen Sprachen übersetzen. In Bulgarien wird die türkotatarische Herrscherschicht langsam von der slawischen Bevölkerung assimiliert. 864 lässt sich Fürst Boris taufen, bekommt aber für seine Landeskirche von Konstantinopel keinen autokephalen Status. Er wendet sich mit derselben Bitte an Rom, wird ebenfalls abgewiesen und bekommt sie erst dann von Byzanz. 885 empfängt er die Schüler Kyrills und Methods aus Mähren, dort setzt sich das „Kirchenslawische“, also das Altbulgarische als Sprache der kirchlichen Literatur der slawischen Völker durch. (Später ging das Großbulgarische Reich in den Kriegen mit Byzanz, den Mongolen und Osmanen unter).

Vor diesem Hintergrund mag das Schisma von 1054 eher unspektakulär ausfallen. Konstantinopel bat Rom um militärischen Beistand gegen die Normannen, die in die byzantinischen Territorien in Norditalien einfielen. Rom sicherte dies nur zu, wenn die Ostkirche Eingeständnisse in der Liturgie macht, sprich das römische Primat anerkennt8. Als der päpstliche Gesandte, Kardinal von Humbert in Konstantinopel eintraf, um die Streitigkeiten zu klären, eskalierten die seit Jahrhunderten bestehenden gegenseitigen Aversionen, die Vertreter der beiden Kirchen exkommunizierten sich gegenseitig9.

Die von der Römischen Kirche abgesegneten Kreuzzüge bündelten natürlich alle möglichen staatspolitischen und wirtschaftlichen Interessen: sie sollten nicht zuletzt das Ansehen Roms im Nahen Osten steigern und militärische Hilfe für das von seldschukischen und mongolischen Nachbarn bedrängte Byzanz liefern. Die „bewaffneten Wallfahrer“ jedoch versuchten immer wieder eigene Kleinstaaten zu gründen, was wiederum zur Schwächung von Byzanz beitrug. Beim 4. Kreuzzug gegen Ägypten und Jerusalem 1204 plünderten schließlich venezianische und französische Truppen „versehentlich“ Konstantinopel und enthaupteten den Kaiser. Das oströmische Reich zerfiel in kleinere unbedeutende Staaten: das Lateinische Kaiserreich, das Kaiserreich Trapezunt, das Kaiserreich Nikaia, Königreich Tessalonike und einiges mehr. 1453 fällt Konstantinopel und 1561 auch Trapezunt an die Osmanen. Das war das Ende des oströmischen Reiches. (Vgl. dazu Hage 1993 und Lilie 1994)

Für die Entstehung der Nationen, vor allem bei ost- und südslawischen Stämmen war die Frage ausschlaggebend, welchem der zwei (oder ggf. mehr) Machtpolen, welcher Konfession sie sich anschließen bzw. angeschlossen werden. Bei kleinen Ethnien auf dem Balkan, die fast alle bis zur Neuzeit unter Fremdherrschaft lebten, fehlte dementsprechend eine eigene Herrscherschicht, niederer und mittlerer Klerus bildete die Intelligenz-Schicht, die die Kultur gestaltete. Unter osmanischer Herrschaft z.B. in Bulgarien oder Serbien war es für die Unterscheidung zwischen den herrschenden und beherrschten Ethnien wichtig, welcher Konfession sie angehörten:

„Unter diesen Umständen ist es nicht erstaunlich, dass die einzige wirklich dynamische Bewegung, die die Völker orthodoxen Glaubens während der türkischen Herrschaft beseelte, ein Nationalismus religiösen Ursprungs war. Schon vor dem Fall von Konstantinopel entwickelte sich im Kaiserreich in gewissem Maße ein griechischer Nationalismus, so dass der ‘Hellenismus’, (…) schließlich als die Quelle alles dessen betrachtet wurde, was ‘echt byzantinisch und orthodox ist’. Dieser griechische ‘geistige Imperialismus’ rief schließlich Spannungen zwischen den griechischen und slawonischen Kirchen hervor (…) Es ist deshalb verständlich, dass die orthodoxen Kirchen des Balkans nach der Befreiung von der türkischen Herrschaft sogleich ihre Unabhängigkeit vom (griechischen) Patriarchat von Konstantinopel forderten und bald das Bild einer Vielzahl von Kirchen boten, die einander beargwöhnten und ‘im Provinzialismus ihrer lokalen Traditionen absonderten’“. (Sartorius 1973, S. 39f)

Im 18. und 19. Jhd. in den südslawischen Provinzen von Österreich-Ungarn, insbesondere in Bosnien und Herzegowina machte sich dieses Prinzip von religiöser und ethnischer Übereinstimmung besonders bemerkbar: die nationalistischen Bewegungen der KatholikInnen, der orthodoxen ChristInnen und MuslimAs entwickelten sich parallel zueinander und vermischten sich nicht10.

Um die Umstände der Christianisierung der alten Rus’ zu umreißen, muss man ebenfalls auf die politischen Zerwürfnisse der Region zu der Zeit eingehen. In Osteuropa entlang der Handelsroute zwischen Skandinavien und Byzanz lassen sich Waräger, sprich Wikinger, nieder. Ihre Herrschaftsweise und Hauptbeschäftigung – Raubkriege, Tribut eintreiben und Sklavenhandel – unterscheiden sich nicht im Geringsten von denen der Normannen in Mittel- und Westeuropa. Nach dem Tod des Warägerfürsten Ryrik in Nowgorod 882 gründet sein Nachfolger Oleg weiter südlich entlang des Dnjeprs einen Stützpunkt in Kyiv, was der Stoßrichtung seiner Raubzüge gen Schwarzes Meer und Konstantinopel entspricht. 907 führt er Krieg gegen Byzanz, 911 schließt er Frieden mit Ostrom – so kommt wohl der erste „offizielle außenpolitische Vertrag“ seiner Räuberbande. Die sogenannte Kyiver Rus’ wird dadurch auch zum ersten Mal bewusst von der „zivilisierten Welt“ wahrgenommen. 912 stirbt Oleg, sein Sohn Igor lässt die Hauptstadt aus Nowgorod nach Kyiv übertragen. Nachdem er 945 von der Bevölkerung umgebracht wird, weil er mit dem Tributeintreiben übertrieben hat, regiert seine Witwe Olga (ca. 920-969) in Kyiv. Zwar ist von Olga bekannt, dass sie sich 954 oder 955 taufen ließ, doch wo – in Kyiv oder Konstantinopel – ist nicht klar. Sie befasst sich mit administrativen Reformen und versucht, um die Unabhängigkeit von Byzanz zu wahren, politische Beziehungen mit dem Ottonenreich zu knüpfen. So bestellt sie bei Otto I. (912-973) einen katholischen Bischof für Kyiv. Dieser musste allerdings 962 um sein Leben fliehen, da die Offenheit der Bevölkerung für die Lehre Christi zum Einen weit überschätzt wurde11, zum Anderen sitzt zu dieser Zeit Igors und Olgas Sohn Swjatoslaw (ca. 920-969) auf dem Thron. Diese Figur dient heute noch ukrainischen Neonazis wegen seines Beharrens auf Heidentum und der Zerschlagung des jüdischen Chasarien als historische Identifikationsfigur12. Das Hauptziel seiner Kriege liegt auf dem Balkan, deswegen will er sich an die Donau, nach Perejaslawetz absetzen und überlässt Kyiv seinem Sohn Jaropolk, Nowgorod – seinem Sohn Wladimir, der dritte Sohn Oleg bekommt Polesien (ein Gebiet zwischen Bug und Prypjat). Nach einem blutigen Bruderkrieg vereint Jaropolk alle Provinzen der Kyiver Rus’ wieder unter seiner Herrschaft bis er 980 von Wladimir gestürzt wird. Wladimir vertreibt sich die Zeit mir den üblichen Beschäftigungen seiner Dynastie: mit Kriegen und Raubzügen. Indes verwickelt sich der byzantinische Kaiser Basileus II. 986/987 in einen Zweifrontenkrieg gegen Bulgaren und Rebellen im eigenen Land und fleht Wladimir um Hilfe an; dieser willigt nur ein, wenn er Kaisers Schwester Anna heiraten darf. 988 ist die Rebellion in Byzanz niedergeschlagen, Konstantinopel lässt sich Zeit mit seinem Versprechen, Wladimir erklärt Byzanz den Krieg und erobert die byzantinische Kolonie Chersones auf der Krim13. Anna bekommt er ausgehändigt und lässt sich taufen, um sie heiraten und so die Allianz mit Byzanz eingehen zu können.

Wie die Taufe Wladimirs und seiner Garde – und am Wichtigsten wohl: die Massentaufe der Kyiver Bevölkerung – genau vonstatten gegangen ist, wird niemand mehr wissen. Bekannt ist, dass ein Teil der Garde bereits christlich war und z.B. beim Abschließen von Verträgen mit „den Griechen“ mit demselben Gott schwören konnte. Auch Konstantinopel warb sehr intensiv unter Kyiver Kriegsadel und Kaufleuten: die Pazifizierung und dauerhafte Bindung eines solch bedeutenden Nachbarn war für schwächelnde Byzanz nicht nur ein militärisch-politischer, sondern auch wirtschaftlicher Jackpot. Es war also in vielerlei Hinsicht alternativlos, obwohl der von der offiziellen Propaganda immer noch gerne wiederholte Mythos von einem Art Religions-Casting erzählt. So weiß z.B. die erst Anfang des 12. Jhd. verfasste sogenannte Nestor-Chronik („ Die Erzählung von vergangenen Jahren, woher das russische Land seinen Anfang nahm, wer in Kyiv zuerst herrschen begann und auf welche Weise das russische Land entstanden ist“) von einer theologisch-philosophischen Anhörung zu berichten, die es verdient hätte, von Monthy Python verfilmt zu werden:

„Im Jahr 6494. Es kamen die Bulgaren mohammedanischen Glaubens und sprachen: ‘Du bist ein kluger und weiser Fürst, kennst aber das Gesetz nicht; so glaube denn an unser Gesetz und glaube an Mohammed’. Da fragte Wladimir: ‘Was für einen Glauben habt ihr?’ Sie antworteten ihm: ‘Wir glauben an Gott, und Mohammed lehrt uns folgendes: die Beschneidung des männlichen Gliedes, kein Schweinefleisch zu essen und keinen Wein zu trinken; dafür könne man nach dem Tode mit den Frauen Unzucht treiben (…)’. Wladimir hörte sie an; da er selbst die Frauen und die Unzucht sehr liebte, lauschte er ihnen mit sichtlichem Genuss. Aber etwas gefiel ihm nicht: die Beschneidung des männlichen Gliedes und der Verzicht auf Schweinefleisch, ganz besonders aber der Verzicht auf Wein. Deshalb sagte er: ‘ Für die Russen ist das Trinken ein Vergnügen, ohne das wir nicht leben können’. Dann kamen die Fremden aus Rom (…). Als die Juden davon erfuhren, kamen sie herbei und sagten (…). Da sagte Wladimir: ‘Wie könnt ihr andere lehren, da ihr selbst von Gott verstoßen und vertrieben seid? Wenn Gott euch und euer Gesetz liebte, wäret ihr nicht über fremde Länder verstreut worden (…)’“.

Endlich durfte auch ein griechischer Philosoph seine Religion darstellen. Wladimir konnte sich noch nicht entscheiden und entsandte Botschafter, die sich anschauten, wie der jeweilige Gottesdienst überhaupt aussieht:

„Schließlich kamen wir zu den Griechen. Sie führten und an die Stätte, wo sie ihrem Gott dienen, und wir wussten nicht, ob wir uns im Himmel oder auf Erden befänden (…)“. (Zit. nach Nolte et al. 2014, S. 20f)

So soll es angeblich abgelaufen sein. So witzig die Geschichte, so unglaubwürdig ehrlich die Protagonisten14, aber man merkt, dass der christliche Mönch-Chronist seine sehr christlichen Vorurteile, sowohl gegenüber der benachbarten Religionsgemeinschaft der AlkoholabstinenzlerInnen als auch und insbesondere gegenüber den JudInnen, in die Geschichte hinein trug.

Von der Taufe der Bevölkerung wird dagegen nur sehr knapp berichtet, dass es nicht ohne Zwang abgelaufen ist, und dass gegen Nowgorod sogar Truppen losgeschickt werden mussten. Die Stadt Rostow hatte zwar den neuen Glauben relativ ruhig angenommen, aber nach Abzug der Truppen, verjagten die BürgerInnen die aus Kyiv abgeordneten griechischen Bischöfe. (Nikol’skij 1983)

So weit die mehr oder weniger offizielle Geschichte der „Taufe der Rus’“. Weniger bekannt ist, dass es nicht die erste religiöse Reform Wladimirs war. Die erste war ein Versuch, die heidnischen Kulte seines territorial ausgedehnten Reiches zu unifizieren: 980 wurde der heidnische Gott Perun, der davor der Schutzpatron von Wladimirs Garde war, zum „allgemeinen“ und höchsten Gott von Kyiv und Nowgorod. Der neue Fürst, der Wladimir 980 war, versuchte seine Herrschaft zu legitimieren und sich bei der Bevölkerung damit beliebt zu machen, was ihm nicht gelungen ist: die Bevölkerung beharrt auf ihren lokalen Kulten und somit nicht zuletzt auf der lokalen politischen Autonomie. Auch vor diesem Hintergrund scheint Monotheismus in einer Standesgesellschaft attraktiver als eine Hierarchie der Gottheiten. (Vgl. dazu Wassil’jew 1999)

Denn im größeren Kontext gesehen war die Kyiver Rus’ das letzte heidnische Land Osteuropas: baltische Slawen, Polen, Ungarn und Skandinaven werden auf Druck seitens des Ottonenreichs christianisiert; die konkurrierende Räuberbande der Chasaren entschied sich für das Judentum, die Wolga-Bulgaren – für den Islam. Die Entscheidung für das östliche Christentum der byzantinischen Prägung färbte auf die politische Kultur der Kyiver Rus’ ab: während die Hansa-Stadt Nowgorod das für die mitteleuropäische Reichsstädte typische Korporations- und Entscheidungssystem hatte („der Große Herr Nowgorod“ bezeichnete keinen Herrscher, sondern die Autonomie der Bürgerversammlung), übernahm Wladimir in Kyiv das kaiserliche Konzept des Gottesgnadentums, machte alle BewohnerInnen des Landes zu seinen Untertanen, die unter sich gleich und rechtlos waren, weil nur der Kaiser „das ganze Recht“ besaß.

Die christliche Lehre kam bei der einheimischen Bevölkerung nur oberflächlich an; es entstand der sogenannte Doppelglaube – wenn für die Bauernschaft typische heidnische Naturverehrung und magische Rituale nur einen christlichen Anstrich bekamen, bis diese zwei Komponenten zu einem „Volkschristentum“ zusammengewachsen waren15. Die neuen Heiligen kümmerten sich um die Ernte oder die Naturgewalten, die alten Naturgeister wurden zu Teufeln, auch die auf dem zweiten Konzil von Nikäa beschlossene Ikonenanbetung durchlebte in der Kyiver Rus’ ihre Modifizierung: Ikonen ersetzten die abgeschafften Götzen im Dorf und jedem Haus – sie lebten und schützten die Menschen, wohl aber nicht im ganz christlichen Sinne. Von den anfangs auf Griechisch gehaltenen Messen wurde stärkere magische Wirkung erwartet, als von alten religiösen Formeln; um so abstruser waren laut Zeugenberichten die Messen, die von den ersten Generationen russischer Geistlicher, die öfters selbst kein Wort Griechisch konnten, abgehalten wurden. (Die Lage besserte sich erst im 17.-18. Jhd., als Priester zu einer allgemeinen Bildung verpflichtet wurden). Jedes Dorf, jede Stadt, jede Gilde, jeder herrschende Clan hatte eigene Heilige, meistens heiliggesprochene verstorbene Herrscher, die man bei gelegentlichen Fehden entweder vernichtete oder gefangen nahm, um sie dem eigenen Pantheon zu unterstellen – eine Tatsache, die man besonders gut bei den Kriegen des Moskauer Fürstentums gegen seine Nachbarn beobachten konnte.

Für das Konstantinopeler Patriarchat andererseits war die neue Landeskirche eine Art reiche Kolonie, in die man das überschüssige Personal entsorgen und zu Steuerzahlungen verpflichten konnte, denn die neue Kirche waren direkt der Konstantinopeler Kirche unterstellt. Auch für die neu gegründeten Klöster entlang des Dnjeprs wurde das griechische Organisationsmodel direkt übernommen: gestiftet wurden sie meistens von Mächtigen und Wohlhabenden, die öfters auch ihre letzten Tage in den Klöstern verbrachten, weil die Gebete von Mönchen, von sogenannten „unbegrabenen Toten“ besonders gut bei Gott ankommen. Dafür bekamen sie Ländereien samt darauf lebendem Gesinde und wurden so zu wirtschaftlichen Einheiten, die menschliche Arbeitskraft ausbeuteten, über Länge- und Gewichtsmaßen wachten und Geld anhäuften. Bischöfe wählte man meistens aus adeligen Familien und sie rechtfertigten ihre Herrschaft über die ihnen zugeteilten Dörfern und Bevölkerung mit eben diesen Umstand. Der Einfall der Mongolen ins Land, der die Ostslawen von 1242 bis ungefähr 1480 versklavte, zerriss die Rus’ in drei große Teile, änderte aber wenig an den bestehenden Herrschaftsstrukturen – das „tataro-mongolische Joch“ beschränkte sich weitgehend auf Tributzahlungen und gelegentliche Militärdienste. Mit religiösen Kulten eroberter Völker hatten mongolische Herrscher bekanntlich kein Problem, die Kirche durfte unter dem „Joch“ kaum gelitten haben: von den Tributszahlungen war sie jedenfalls befreit. Während dieser Periode kommt allerdings die besagte Indifferenz16 gegenüber dem westlichen Christentum zu Ende, eine Entfremdung vom katholischen Westen beginnt: Im Süden plünderten europäische Kreuzzügler Konstantinopel, schwedische und deutsche Glaubensbrüder beschlossen, heidnische baltische Stämme zu christianisieren, fielen ihrerseits in die nordwestliche Gebiete der Rus’ ein und belagerten Nowgorod. Der Einfall wird heute immer noch als eine offene Kriegserklärung des Katholizismus gegen das orthodoxe Christentum in Osteuropa interpretiert. (Bremer 2016, S. 31f)

Besonders stark ausgeprägt war die Feindschaft der Bauern gegen Klöster, diese Burgen mit eigener Gerichtsbarkeit, eigenem Ausbeutungs- und Steuerrecht, die für die Bauern in religiöser Hinsicht keinen Nutzen hatten. Hagiographische Literatur schildert den Kampf der heiligen Gründer in neuen Gegenden gegen die feindliche Natur, wilde Tiere und andere satanische Widersacher – unter anderem Bauern, die die Klosterneugründungen zu verhindern versuchten und schon bestehende Klöster gerne brandschatzten und ausraubten. Die Bauernschaft, durch den Adel und die Gottesleute bedrängt und ausgebeutet, beginnt im Laufe der Zeit eine eigene antikirchliche Mystik zu entwickeln – besonders z.Z. der „großen Pest“ in Pskow und Umgebung (um 1352 herum) ließen sich die untersten Volksschichten von der apokryphen Offenbarung des Petrus und Othitemtum17 inspirieren. Diese sozialen Rachefantasien bleiben aber noch tröstende Theologie, ohne dass sie zu einer kollektiven Tat werden. Der Adel bekommt auch ein seiner gesellschaftlichen Realität gerechtes theologisches Abbild – Joseph Wolotzki (1439-1515), bedeutender Mann Gottes jener Zeit, formuliert in seiner scharfen Polemik gegen regierungskritische Mönche einen Gott, der nichts direkt geregelt und geschaffen, wie er es im Sinn gehabt hätte, sondern immer „getrickst und geschummelt“ hätte, andere unbewusst seine Geschäfte hätte erledigen lassen – ein typischer russischer Fürst, der zwischen Moskau, seinen fürstlichen Nachbarn und der Goldenen Horde politisch lavieren musste. In dieser Zeit wird der Sieg des formellen Kultes über den theologischen bzw. philosophischen Inhalt nochmals bestätigt, die Hauptaufgabe der zahlreichen Gottesleute wird es nicht mehr, über die Gott und die Welt nachzudenken, sondern gegen Bezahlung für die Herrschenden zu beten – eine ganze Kaste der Betenden entsteht.

Dafür verbreiten sich Ende des 14. Jhd. im „niederen Volk“, unter städtischen Handwerkern, die in den Städten wie Pskow oder Nowgorod noch in halbwegs ausgeprägten Selbstverwaltungstrukturen lebten, antifeudale Häresien, die es sogar nach Moskau schafften. „Wenn diese Klassenkämpfe damals religiöse Schibboleths trugen, wenn die Interessen, Bedürfnisse und Forderungen der einzelnen Klassen sich unter einer religiösen Decke verbargen, so ändert das nichts an der Sache und erklärt sich leicht auch aus den Zeitverhältnissen“, schrieb einst Friedrich Engels über die Religionskriege des europäischen Mittelalters. (1949, S. 56) Das trifft auch auf die seiner Meinung nach „geschichtslosen“ Völker Osteuropas zu. In den Hansastädten z.B. waren die Handwerker und Händler in Gilden organisiert, jede Gilde hatte ihren eigenen Schutzpatron, ihre eigene Kirche. Die Gildenkirche diente gleichzeitig als eine Bank oder ein Ort, wo Geschäfte stattfanden; die Priester waren zwar von den jeweiligen Gilden abhängig, unterstanden aber formell dem Nowgoroder Bischof. So unterstützen sie z.T. notgedrungen die Opposition der Handwerker gegen die Besteuerung durch Nowgorod und wandten sich in durchaus Luther’scher Manier schließlich gegen die korrupte professionalisierte Kirchenhierarchie, gegen das blühende Geschäft der Simonie18. Dass die erste öffentliche Hinrichtung von „Strigolniki“ , so wurden sie genannt, mit 1375 datiert ist, lässt vermuten, dass sie ihr Unwesen wenigsten eine Weile lang getrieben haben, bevor sie der Obrigkeit unerträglich wurden. Die einzigen überlieferten Zeugnisse ihrer Lehre sind die Widerlegungsschriften der offiziellen Kirche. Außer Korruptionsvorwürfen, betrieben Strigolniki, die sich anscheinend durch gute Handelsbeziehungen im regen theologischen Austausch Mittel- und Nordeuropa befanden, einen Kult der kritischen menschlichen Vernunft, argumentierten aber auf einem dermaßen hohen theologischen Niveau, dass sie die Kirchenväter mit ihrem inhaltslosen Kultus sichtlich überfordert haben. Nach der nicht argumentativen Zerschlagung in Nowgorod wandert die Häresie nach Pskow ab und radikalisiert sich weiter: manche Strömungen lehnen sogar die Evangelien ab und predigen einen naturhaften Pantheismus und Monotheismus. Die Häresie der Strigolniki hielt sich rund 100 Jahre, musste aber eingehen, da sie die ebenfalls unzufriedene Bauernschaft, im Gegensatz z.B. zu tschechischen Hussiten, nicht erreichte. Das war der erste Versuch einer offen auftretenden antifeudalen ketzerischen Bewegung im Land.

Das Moskauer Fürstentum, auf dem Machttrip, kann indes die herablassende Behandlung durch die Konstaninopeler Patriarchen nicht länger ertragen, bricht mit dem untergehenden Konstantinopel und setzt seine Autokephalie durch. Weil Konstantinopel auch mit dem Amt Simonie getrieben hat, existieren zwischen 1379 und 1389 vier aus der Byzanz zugesandte Mitropoliten, die mit einander um das Amt in Moskau streiten. Zunächst wird als Ausweg aus der Situation sogar der Weg der Annäherung an Rom eingeschlagen: Rom seinerseits verlor auch nie das Interesse an ostslawischen Gegenden. Auch Byzanz versucht sich vor der Zerschlagung durch die Osmanen zu retten, indem es Bündnisse in Westeuropa sucht. So kommt es 1438 zum ökumenischen Konzil im italienischen Ferrara, an dem sich eine Delegation aus Moskau beteiligt. Nach langen unfruchtbaren Streitereien nimmt die Unia-Partei ihre Gegner gefangen und foltert sie solange, bis diese der Unia zustimmen. So wird dem russischen Abgesandten Isidor die Rus’, Lettland, Litauen und Polen höchstpersönlich vom Papst zugesprochen. Auf dem Nachhauseweg wird er aus Lviv und Kyiv verjagt, 1441 in Moskau angekommen, ruft er die Unia aus und hält katholische Messen ab. Der Großfürst Wassilij verwirft die Unia, fordert neue Bischöfe aus Konstantinopel an und stellt 1448 die christliche Welt vor die Tatsache, ohne die Bischöfe oder eine Bestätigung von Byzanz abzuwarten: die russische Kirche wird autokephal.

1478 fällt Nowgorod, die Kirche wird weitgehend enteignet, in der Stadt wird der Kult von Moskauer Heiligen eingeführt; die Hauptprotagonisten der Ketzerei werden zum Dienst nach Moskau berufen, wo sie später erheblichen Einfluss auf Ivan III. „den Schrecklichen“ (1530-1584) ausüben und mit ihren Reformationsbestrebungen seinen Kampf gegen lokale Herrscher und in erster Linie gegen den kirchlichen Großgrundbesitz befördern. Das gemeinsame erklärte Ziel der Moskauer Fürsten und der einberufenen Nowgoroder Geistlichen ist die Abschaffung der Klöster und die Schwächung der Kirche. So weit ist es zwar nicht gekommen, aber die Eigengerichtlichkeit der Kirche wurde eingeschränkt und der Zuwachs ihrer Ländereien unter staatliche Kontrolle gestellt. Die Allianz hatte ihren Preis: der Großfürst musste zum Herrscher „des dritten Roms“19, zum direkten Nachfolger der römischen Caesaren erklärt werden – die Herrscher Moskaus waren bis dahin „nur“ Großfürsten. Es ließ sich zwar nicht so schnell durchsetzen, aber ausgerechnet Iwan „der Schreckliche“, der sich in seinen Jugendjahren weder für Staatsgeschäfte noch für Theologie interessierte und zu einem inbrünstig Gläubigen erst nach dem Großbrand und der Pestepidemie in Moskau wurde, bekam schließlich, was er wollte. So tagte 1549 in Moskau das Konzil, an dem hundert angesehene Geistliche teilnahmen (daher in die Geschichte als „das Hundertköpfige Konzil“ eingegangen), der u.a. der bereits oben genannten Sechsten Novelle des Kaiser Justinian, die von der „Symphonia“ der Staatsgewalt und Kirche handelte, Gesetzesstatus verlieh. Mit diesem Wind im Rücken forderte Iwan III. bei den nahöstlichen Patriarchen 1556 den Kaisertitel an. Diese willigten 1562 ein, wünschten aber den Titel entweder vom damaligen griechischen Patriarchen Joasaph II. oder seinen Vertrauten persönlich zu übergeben, um die Kontrolle über die ehemalige Kolonie weiterhin zu behalten. Da man zu dieser Zeit auf Byzanz politisch nicht mehr Rücksicht nehmen musste, lässt Iwan sich zum „freien Autokraten“, zum Kaiser, eben zum Zaren ernennen.

Ende des 15. bis Anfang des 16. Jhd. führt Moskau eine Reihe von Kriegen gegen benachbarte Fürstentümer, verleibt sie sich ein, wird größer und immer bedrohlicher für die Übriggebliebenen.Vor allem wächst der feudale Großgrundbesitz der Kirche. Kurz vor dem Kriegszug des Moskauer Herrschers Iwan III. gegen Nowgorod entsteht in der Stadt eine Art religiöse Unruhe: Für den lokalen Adel war der Moskauer Aggressor verständlicherweise der „Antichrist“ selbst, der den Weltuntergang für ihre Herrschaft bedeutete; die Handwerker und Handelsleute dagegen versprachen sich von der Vereinigung mit Moskau wirtschaftliche Vorteile. So rechneten sie – naiv wie der Adel – einerseits nach heiligen Schriften aus, dass die Zeit für das Jüngste Gericht noch nicht gekommen sei. Andererseits wandten sie sich erneut gegen die Anbetung von Ikonen, gegen die menschliche Natur Jesu, gegen das Mönchtum, die Kaste der Betenden und stritten überhaupt monotheistisch gegen die Dreieinigkeitslehre. Weil sie bei der Begründung ihrer Ausführungen sogar auf die jüdische Literatur zurückgriffen, wurden sie von ihren Gegnern als „heimliche Juden“, ihre Lehre als die „Häresie der Jüdelnden“ denunziert. Obwohl die „Jüdelnden“ einige politische Erfolge in Moskau hatten, scheiterten sie langfristig an Intrigen am Hof und fielen den Repressionen zum Opfer. Das Scheitern der Häresie hat seinen Grund wiederum darin, dass sie – im Unterschied zu deutschen und tschechischen Gegenden – von der Bauernschaft nicht unterstützt wurde. (Vgl. dazu Dvorkin 1992, Kasakowa / Lurje 1955, Nikol’skij 1983, Ramm 1959)

Trotz aller Berufungen auf den Hundertköpfigen Konzil und die Symphonia-Lehre hört die Gängelung der Kirche durch den Staat nicht auf: mit dem Dekret von 1649 verliert sie einen großen teil ihrer Ländereien und ihre Eigengerichtlichkeit komplett. 1660 muss sie Zaren nicht nur als Stellvertreter Gottes auf Erden, sondern als Gottgleiche anerkennen, die gleiches Recht über der Kirche haben wie Gott selbst. Mit der verstärkten Besteuerung ändert sich auch die Lage des niederen Klerus: Er muss noch mehr Abgaben an die kirchliche Hierarchie leisten und bekommt keinen Schutz bei lokalen Obrigkeiten. So wird der niedere ländliche und städtische Klerus zunehmend unzufrieden und tritt in Opposition gegen die Bischöfe. Von dieser Protestwelle wird Nikon (1605-1681) auf die Bühne der Geschichte gespült. Er soll die Kirche reformieren und macht sich auch mit großen Ehrgeiz an die Reformen heran, aber nicht an die, die seine Partei von ihm erwartet. Statt die Wählbarkeit der Bischöfe durchzusetzen, träumt Nikon von einem Patriarchenamt, das dem des Zaren zumindest gleich, wenn nicht sogar höher gestellt sein soll – schließlich werden die Zaren von Patriarchen getauft; auf dem Konzil von 1667 packt er sogar die westliche Lehre von den zwei Schwertern aus – einem weltlichen und einem geistlichen, die die Erde zu ihrem Besten regieren. Nikon kam recht weit: Er war Vertrauter des Zaren Alexej (1629-1676) und regierte an seiner Stelle, als dieser Krieg führte. Als Alexej das Spiel durchschaute, setzte er Nikon ab und schickte ihn ins Exil als einfachen Mönch.

Doch in die Geschichte ging Nikon vor Allem ein, weil er mit seinen Reformen jenes berühmte Schisma in der russischen Kirche anzettelte, welches das Selbstverständnis der offiziellen russischen Orthodoxie bis heute trübt. Sein Ziel war vielleicht sogar gut gemeint, er versuchte nämlich die Dogmatik mit dem Rest der orthodoxen Welt zu synchronisieren, stellte sich also gegen die regionale, z.T. noch sehr stark vom Heidentum beeinflusste Vielfalt in Kult und Theologie – was wohl auch den politischen Zentralisierungsbestrebungen Moskaus entsprach. Er ließ Kirchenbücher prüfen und es stellten sich erhebliche Abweichungen heraus. Für Nikon war die Frage nach dem Vorbild bereits beantwortet: Die Griechen mit ihren älteren Büchern und Riten hatten eindeutig Autorität, der Großteil des niederen Klerus aber benutzte noch die von Hand geschriebenen Bücher in altslawischer Sprache. Auch an dieser Stelle sollte man keinen besonderen Schub in der eigenständigen russischen Theologie erwarten: Das Hauptinteresse Nikons galt den technischen Fragen des Kultes, dagegen ignorierte er die theologischen Traktate und die Ratschläge, die man ihm aus Konstantinopel schickte, sich nicht so auf die Äußerlichkeiten zu versteifen, wo doch der Glaube zähle. So ließ er die griechischen Bücher neu übersetzen und sie anhand von russischsprachigen Schriften korrigieren, die in Venedig für die litauischen Uniaten gedruckt wurden. Weil auch die griechischen Riten sich seit den Zeiten des hl. Wladimir geändert hatten, schienen die Neuerungen den niederen, meist ungebildeten Priestern ein ganz anderer, „neuer“ Glaube, eine ungeheuerliche Zumutung zu sein. Sie wiesen die neuen Bücher entweder zurück, oder mussten für neue Priester Platz machen. Viele distanzierten sich von der offiziellen Kirche und zogen ihre Gemeinden mit sich in das Schisma. Mit ihnen gingen alle in Opposition, die Probleme mit dem entstehenden Hofstaat hatten: der alte Lokaladel, Soldaten, Bauern.

Die Abtrünnigen wurden 1666-1667 von Armeetrupps verfolgt. Zum ersten offenen Kampf kommt es 1668, als das Kloster auf der Insel Solowki sich weigert, neue Bücher aus Moskau anzunehmen. Das Kloster wird 8 Jahre lang von der Armee belagert, bis es von innen verraten wird und fällt.

Mit den Jahren differenziert sich das Schisma. In den Städten sind viele Händler mit der prowestlichen Politik des Zaren, mit den Privilegien, die englische Händler von der Obrigkeit bekommen, unzufrieden, das Schisma bekommt deutlich nationalistische Untertöne. Man weigert sich, an gemeinsamen Messen mit den „Neugläubigen“ teilzunehmen, weicht auf „Hauskirchen“ aus, setzt eigene Priester ein. Die Bewegung bringt bald auch eigene „Apostel“ hervor, meistens sind es Händler. Eine andere Strömung des Schismas bilden die sogenannten Streltzi, die Schützen – eine Armeeeinheit aus freien Bauern, die für ihren Dienst mit Grundstücken entlohnt wurden, ein Überbleibsel der feudalen Ordnung. Sie zahlen nämlich seit 1649 mehr Steuern, bekommen weniger Sold und verlieren zunehmend ihre Stellung in der Armee, da der Staat immer mehr besser ausgebildete ausländische Söldner einsetzt. Als 1682 Zar Fjodor ohne Erben stirbt, mischt der Adel sich in den politischen Kampf ein und zieht die Schützen auf seine Seite. Der Machtkampf im Staat wird so religiös. Der Anführer der Schützen, der Adelige Nikita Chowanki verspielte die Chance, einen politischen Umsturz und somit eine Gegenreformation einzuleiten. Die Reaktion der Zarin Sofia war brutal: ab 1685 verbrannte man die Abtrünnigen in ihren Häusern. Die VerliererInnen zogen an die Grenzen des Reiches, in die nördliche Ödnis, wo sie ihre Siedlungen mit demokratischen Entscheidungsstrukturen gründeten, nach dem Ende der Verfolgungen die Regierung anerkannten und sich als Partisanen am Krieg gegen Schweden beteiligten.

Noch einmal andere Formen nahm das Schisma in der Bauernschaft an. Das 17. Jhd. bedeutete für die Bauern in erster Linie die Abschaffung der allerletzten Standesverträge und die Einführung der Leibeigenschaft. Also ist es nicht allzu verwunderlich, dass die Lage der Welt nach den Epidemien 1654, Nikons Reformen und dem Erscheinen eines Komets am Himmel den Bauern schlichtweg finster und ausweglos schien. Nach einer weit verbreiteten Lehre häuften sich die Anzeichen für das Ende der Welt: nach der Wiederauferstehung Christi war der Satan für 1000 Jahre gekettet, dann spaltete sich der Lateinische Westen von der Christenheit ab, weitere 600 Jahre später ging die westliche Rus’ eine Unia mit Rom ein, noch einmal 60 Jahre später führt Nikon seine gottlosen Reformen durch und wiederum 6 Jahre später – 1666 – sitzt der Antichrist in Moskau und versucht die letzten aufrechten ChristInnen mit Gewalt auszurotten. Man kann sich sicher sein, dass Nikons theologische Rabulistik ohnehin nicht die Sache der Bauern war, der „neue Glaube“ bedeutete für sie das Ende ihrer letzten Freiheiten. Das bäuerliche Schisma bringt ihren eigenen Propheten hervor, den Protopopen Awwakum (1620-1682), den man öffentlich auf dem Scheiterhaufen verbrannte. Awwakum, der sein Leben lang unter Bauern lebte, lehrte, dass die teuflische Dreifaltigkeit die Welt regiert: die Schlange ist der Satan selbst, das Biest ist der Zar und ihr Antiprophet ist der Patriarch. Die Bauernschaft sieht kein Entrinnen aus dem Reich des Bösen, verlässt massenhaft Dörfer, zieht in die Wälder, hungert, lebt in Särgen usw. Zar Peter I. „der Große“ (1672-1725) kehrte angeblich aus seinem Auslandsaufenthalt als Doppelgänger zurück, all seine prowestlichen Reformen, Pflicht zum Abrasieren des Bartes und öffentliche Hinrichtungen der Schützen deuteten darauf hin, dass er der Antichrist selbst sei. Es entsteht ein neuer oppositioneller, außerkirchlicher Volkskultus mit zahlreichen Propheten und Heiligen, schamanischen ekstatischen Ritualen, freien Ehen, Flusstaufen, Massenfluchten in die Ödnis weit weg vom Zugriff der Staatsgewalt20. Das allerletzte Mittel der Abwehr waren die massenhaften Selbstverbrennungen und andere Arten von kollektivem Suizid, die bis ins 18. Jhd. hinein andauerten. Wie viele es waren, ist schwer abzuschätzen: W. D. Bonč-Brujewič, der sich ausgiebig mit dem russischen Sektenwesen beschäftigt hat, gibt alleine Zwanzigtausend Selbstverbrennungen an. (Vgl. 1973) Noch mehr zogen an die äußeren Grenzen des Reiches, gingen nach Schweden, Polen, Preußen, in die Türkei.

Auf diese Weise ist am Don eine bemerkenswerte Bevölkerungsgruppe entstanden: die Kosaken. Das waren Bauern, die vor Verfolgung in die ukrainische Steppe flohen, um sich dort in Freiheit niederzulassen. Bis Mitte des 17. Jhd. differenzierten sie sich auch in die „guten“, die länger da waren, und die „besitzlosen“, neu zugezogenen, aus. Sie betrieben Handel, heuerten hin und wieder für die Regierung in Moskau an, beteiligten sich für Geld, seltene Waren und Rohstoffe an Russlands Kriegszügen. Von daher eine romantisierende Sicht auf die „freiheitlichen“ Kosaken, wie man ihr z.B. bei Danyluk (2010) begegnet, stimmt zumindest nicht ganz. Die Wohlhabenden waren mit ihrem Dienst für Moskau recht zufrieden, die Ärmeren arbeiteten für sie als Tagelöhner oder gingen auf Raubzüge, hassten Moskau aber abgrundtief. So waren z.B. die besitzlosen Kosaken die treibende Kraft hinter dem Aufstand unter dem Kommando Stepan Rasin (ca. 1630-1671), der von wohlhabenden Kosaken verraten und an die Regierung ausgeliefert wurde. Als Reaktion auf den Aufstand forderte Moskau 1671 von den Don-Kosaken, einen Treueeid auf den Zaren zu leisten. Um diese Zeit kommen auch geflohene Altgläubigen aus Nowgorod sowie Schützen aus Moskau am Don an und der alte Glaube bildet nach kurzer Zeit die revolutionäre Ideologie des armen Kosakentums. 1683 und 1687 unternimmt man zwei Versuche, einen Kriegszug gegen „das Zarenreich des Antichrists“ in Moskau zu organisieren, beide Versuche werden von den „guten“ Kosaken vereitelt, die Anführer hingerichtet. Die Verschwörer operieren zwar immer noch unter dem Banner des alten Glaubens, rufen die kaukasischen und Ural-Kosaken zum gemeinsamen Feldzug im Namen des rechten Glaubens gegen das Moskauer Reich auf, die Eschatologie gerät aber immer mehr in den Hintergrund und wird zur Chiffre für den Kampf der unteren Klassen für soziale Gerechtigkeit. Um das Jahr 1693 wird dieser letzte Auswuchs des religiösen Schismas nochmals verraten und endgültig zerschlagen, die Kosaken schwören den Zaren ewige Treue und ihre „Freiheitlichkeit“ kommt so zu Ende. Mit Nikol’skijs Worten ist hier der chiliastische Altglaube zu sich gekommen – das Ende der Welt ist bloß die Chiffre für den Untergang des Moskauer Reiches, die Wiedergeburt Christi ist nichts Anderes als die soziale Revolution. (1983, S. 186)

Vom Ende des 17. bis Mitte 19. Jhd. lebt die russische Bauernschaft unter Leibeigenschaft, die Landwirtschaft orientiert sich langsam an der Produktion für den Markt um, das Handelskapital bringt allmählich das Industriekapital hervor. Peter der Große kümmert sich nicht mehr wie seine Vorgänger um den rechten Glauben. Er verfolgt eine merkantilistische Wirtschaftspolitik, stellt das kirchliche Segment der Wirtschaft unter das Kommando des Staates und erhebt hohe Steuern. Eine Ministerialabteilung soll die Ländereien der Kirche in Staatsbesitz überführen. 1721 wird daraus eine eigene Behörde nach dem Vorbild des protestantische Konsistoriums (nach dem Livländischen Feldzug 1711 ist Peter der Große der dortigen Konsistorien), die allerdings ohne Beteiligung der Geistlichen funktionieren sollte. Aus dem Projekt entsteht die Synode, das oberste Gremium der orthodoxen Kirche unter der Führung eines nicht geistlichen Beamten, eines Oberstaatsanwalts, was eine Gleichschaltung der Kirche einleitet. Alle Versuche, dieses Schicksal abzuwenden, bleiben erfolglos, da die Kirche längst nicht mehr über eine materielle Basis verfügt, die einen ernsthaften politischen Streit mit dem Staat erlauben würde.

Sein Nachfolger, Peter III. (1728-1762) führt seine Reformen weiter und versucht Bauernunruhen mit der Verteilung der kirchlichen Ländereien zu begegnen. Unter Katharina der Großen (1729-1796) schließlich erfährt die Priesterschaft eine weitere Demütigung, die Geistlichen werden verbeamtet. 1817 gründet man ein Ministerium für religiöse Belange und Volksaufklärung, die Synode wird zu einer Abteilung neben Abteilungen anderer Konfessionen der Russischen Reiches. 1824 aber erhält die Synode wieder Sonderrechte, ihr Oberstaatsanwalt wird zum Minister für religiöse Belange; die Wählbarkeit des Klerus in der Gemeinde wird abgeschafft, die Simonie nochmals ausdrücklich verboten, dafür werden Geistlichen zusätzliche Pflichten auferlegt – sie müssen von nun an aufkeimende Unruhen oder Dissens sowie das Aufkommen neuer Sekten bei der Polizei melden und bei jedem Gottesdienst für die Obrigkeit beten. Nicht, dass sie es davor nicht getan hätten, aber die letzten Reste ihrer einstigen Autonomie schwinden immer mehr dahin. Die volkstümliche theologisch-rituelle Kreativität wird noch stärker unterbunden, der lokale Reliquien- und Heiligenkult muss von staatlichen Stellen genehmigt werden.

Die nächste wichtige Reformaufgabe ist die umfassende Ausbildung angehender Priester: Ihre Märchengeschichten und magischen Rituale genügen längst nicht mehr der Realität des 19. Jhds. Seit 1808 gehören auch zumindest Ansätze weltlicher Wissenschaften und vertiefte Theologie zur Seminarausbildung; das Moskauer Seminar versucht das Ausbildungsniveau des hoch angesehenen Kyiver Seminars zu erreichen. Dies ist ungefähr der Zeitpunkt – der Zeitpunkt des Senkfluges der verfassten russischen Kirche allerdings – ab dem man tatsächlich vom Anfang der, wenn auch theologisch angehauchten, Philosophie im Land sprechen kann. Denn später, in den 1870 bis 1880er Jahren zeigt sich ein Nebeneffekt dieser Ausbildung, als es notwendig erscheint auch aktive Propaganda gegen darwinistische und sozialistische Ideen in Russland zu betreiben, deutlich: Seminare und andere Priesterschulen werden zu Keimzellen des Freidenkertums unter den angehenden Priestern aus den unteren Klassen21.

Die Zeit wirtschaftlicher Umbrüche geht auch an Sekten und anderen religiösen Zusammenschlüssen nicht spurlos vorbei. Die Überreste des Altglaubens fliehen vor polizeilicher Verfolgung, wie gesagt, entweder an die äußeren Grenzen oder gar ins Ausland. In den neu besiedelten Gebieten, im Kaukasus, in der Ukraine, in Belarus, um das Kaspische Meer, hinter dem Ural, wo sie etwas freier atmen können, lassen sich viele Handwerker, Händler, Manufakturenbesitzer nieder. Gegenseitige Unterstützung, das Gewähren des Kredits an Gemeindemitglieder und andere wirtschaftliche Vorteile (z.B. Aufhebung der Pflicht, Leute oder anderes Material ans Militär abzuliefern) binden die Gemeinde noch fester zusammen und da sie öfters mit einer religiösen Predigt verbunden sind, zogen viele Außenstehende zu diesen trotz verstärkter Besteuerung aufblühenden Wirtschaftsstandorten. Gelegentlich wird von der fast schon calvinistischen Rede in diesen reichen Gemeinden berichtet: An deren Reichtum sei schon deutlich zu erkennen, auf wessen Seite Gott steht. Auch wenn die Obrigkeit das gewiss nicht so sah, schätzte sie diese wirtschaftliche Kraft: Bereits 1762 verabschiedete Katharina die Große ein Manifest, das „alle“ aus dem Land Geflohenen willkommen hieß – alle, außer JüdInnen.

Eine Strömung der Altgläubigen machte davon Gebrauch. Diejenigen, die aus welchen Gründen auch immer in ihrem religiösen Leben auf eine professionalisierte Priesterkaste angewiesen waren, mussten feststellen, dass der alte Schisma-Klerus ausstarb und die bischöfliche Nachfolge den Bedarf nicht decken konnte. Sie gingen mit dem Staat und seiner Kirche folgenden Kompromiss ein: Sie akzeptierten in ihren Gebetshäusern Priester des Moskauer Patriarchats, die nach vorschismatischen Gebräuchen dienten, und wurden ihrerseits 1800 zurück in die orthodoxe Gemeinschaft aufgenommen. Die Strömung besteht innerhalb der ROK auch heute noch und nennt sich „der Einheitsglaube“22.

Diejenigen, die zu solchen Kompromissen nicht fähig waren, verweilten in der Isolation etwas länger, praktizierten manchmal Gütergemeinschaft innerhalb ihrer Gemeinden, hielten sich noch an den althergebrachten Chiliasmus. Doch die wirtschaftlichen Tendenzen zwangen auch sie, sich dem Markt zu öffnen, was unabwendbar zu sozialer Differenzierung selbst der kommunistischsten Gemeinden und schließlich zu ihrer Zersetzung führte. Die Reste folgten entweder den Einheitsgläubigen oder gingen in moderneren evangelikalen, protestantischen Sekten auf.

Sekten waren eher in den Städten als auf dem Land verbreitet. Die radikaleren unter ihnen trennten sich vom städtischen kleinbürgerlichen Milieu, um auf dem Weg der Opposition zur falschen Welt zu bleiben. Mitte des 17 Jhd., als ein fahnenflüchtiger Soldat namens Daniil den Geist Jesu in seinem Körper empfängt und sich eine Bewegung der „Gottes Leute“ scharrt, die gewöhnlich als „Chlysten“ bezeichnet werden. Überall tauchen neue Messias’ auf, die Leute um sich scharen, Offenbarung ohne Bücher predigen, Selbstkasteiung, gnostische Tanz- und Sexorgien praktizieren. Solche Gemeinden nannten sich „Schiffe“, ihre Anführer – „Steuermänner“. Mit der nachfolgenden Ausdifferenzierung bildeten sich die städtischen „Schiffe“ um Familienunternehmen, wo die „Steuermänner“ ihre Besitzer waren, die „Propheten“- ihre Helfer, die „Mütter Gottes“ – ihre Ehefrauen oder Liebhaberinnen. Zu Anfang des 19. Jhd. waren „Chlysten-Schiffe“ unter Händlern und Industriellen sehr verbreitet, bildeten sie doch eine sehr bequeme Möglichkeit, die ArbeiterInnen im Namen Christi auszubeuten. Sexuell freizügig waren die „Schiffe“ natürlich längst nicht mehr. Im Gegenteil: Die Bewegung erfuhr eine weitere Entwicklung als sie sich z.T. mit der bäuerlichen Sekte der Skopzy („Kastraten“) vermischte. In der Kastration sah man ein notwendiges Mittel, um sich gegen die Sünde zu schützen. Das erste „Skopzen-Schiff“ in Moskau entstand z.B.in einer Leintuchmanufaktur. Die reichen Skopzen kastrierten mit Vorleibe ihre Arbeiter und selbstverständlich nicht sich selbst. (Vgl. dazu Bonč-Brujewič 1973) Als es zum Massenphänomen zu werden drohte, verfolgte die Regierung die „Schiffe“ auf Schärfste.

Die Ende des 18 Jhd. entstandene Läufer-Sekte (sie liefen ja tatsächlich weg und waren als wandernde PredigerInnen in ganz Russland unterwegs) zahlte keine Steuer mehr, ließen sich überhaupt nicht als Alt- oder Andersgläubige registrieren. Die Wohlhabenden unter ihnen, die sich nicht so einfach von ihrem Gut trennen konnten, verpflichteten sich als „Gastgeber“ für Wanderprediger. So entstand ein ganzes Netz aus geheimen LäuferInnendörfern, die eigene Sprachcodes, eine eigene verschlüsselte Geographie entwarfen und eigene Ausweise „im Gottes Namen“ ausstellten. Trotz der Tatsache, dass sie den urchristlichen Kommunismus auf Erden predigten und zu leben versuchten, war durch die Aufteilung in eigentliche Läufer und ihre „GastgeberInnen“ ihr Zerfall vorprogrammiert.

Ebenfalls aus den Chlysten hervorgegangen sind Duchoborzen, die wiederum eine Reaktion auf die bürgerliche Verformung der „Schiffe“ darstellten. Sie lehrten, dass der Mensch wundervoll sei, die Welt sei ihm zum Genießen gegeben, hatten starke kommunistische und rationalistische Tendenzen. Ihre Dreieinigkeit bestand z.B. aus Gedächtnis, Vernunft und Willen; es komme der neue Himmel und die neue Erde, alle Obrigkeit höre dann auf und alle „Mauern zwischen den Menschen werde das Feuer durchfressen“. Sie mussten ebenfalls weiter weg vom Zentrum des Reiches fliehen, z.B. in die kaukasische Region, wo sie, wie viele anderen aufgrund ihrer eigenen Wirtschaftsweise ihre kommunistischen Tendenzen nicht aufrechterhalten konnten und Frieden mit den „Kindern Kains“ draußen schließen mussten. Ihr Niedergang in den 1830ern wurde von der Regierung dazu genutzt, sie auch im Exil endgültig zu zerschlagen.

Das sich noch langsam formierende Proletariat tritt in den Städten allen möglichen Strömungen des alten Glaubens bei, nicht zuletzt, weil die Glaubensgenossen einander vom Militärdienst „zu günstigen Bedingungen“ frei kauften. Skopzy indes waren immer noch fest im Handels- und Industriekapital, im Bankengeschäft verankert und waren dem Staat gegenüber sehr loyal; auch durch die Kastration verunstaltete Bauern zogen in die Stadt auf der Suche nach neuer Arbeit – zu schweren Arbeiten in der Landwirtschaft waren sie nicht mehr fähig. Alexander I. persönlich und viele am Zarenhof waren sehr angetan vom damaligen Skopzenanführer Kondratij Seliwanow, der nach St. Petersburg zog und dort das „Hauptschiff“ gründete. Seliwanow allerdings verfolgte eine theokratische Vision von einem messianischen Reich unter Skopzenherrschaft und versuchte seine Leute in die Regierung hinein zu schleusen, hatte viele Anhänger unter Soldaten und Offizieren.

Die Regierung ertrug dieses späte Aufblühen des Altglaubens, bis dem Staat der Adeligen diese objektiv fortschrittliche Ideologie des Kapitals zu ungeheuer wird und Zar Nikoaus I. (1796-1855) dem bunten Treiben mit Repressionen und Enteignungen ein Ende setzt. In dreißig Jahren seiner Herrschaft verabschiedete Nikoaus I. etwa 495 geheime Dekrete, die meistens verschiedene Sekten betrafen. (Zum Vergleich: Sein Vorgänger Alexander I. schaffte in 24 Jahren nur 59). So zählte man zu den „besonders bösartigen“ die „Jüdelnden“, die Duchoborzen und ihre Abzweigungen, Skopzy und all diejenigen, die Priester, Ehe und das Gebet für den Zaren ablehnen; zu den einfach „bösartigen“ zählte man SektiererInnen, die nur den Berufsklerus ablehnen und „außerdem dem demokratischen Geist frönen“. (Bonč-Brujewič 1973, S. 259f) Seit 1842 drohte für eine durchgeführte Kastration lebenslange Katorga, Zwangsarbeit in Sibirien.

Mit der Abschaffung der Leibeigenschaft 1861 wurde es einfacher, sich von der offiziellen Kirche zu lösen. Ungefähr ab diesem Zeitpunkt verliert das Sektentum seinen Massencharakter, selten kommt es zu Gerichtsprozessen gegen einzelne Sekten. Vermutlich die Einzigen, die bis Anfang des 20. Jhd. noch einen Aufschwung erleben, sind die sogenannten „Stundisten“23: eine evangelisch-protestantische Bewegung in den ukrainischen, belarussischen und kaukasischen Siedlungsgebieten deutscher KolonistInnen, die nach und nach die einheimischen ArbeiterInnen anzog. Zwar entstanden auch hier früher oder später mystische Strömungen wie z.B. die „Hüpfer“, doch die kleinbürgerliche „Stunda“ zerlegte sich wieder allmählich und ging im Baptismus auf. (Vgl. dazu Nikol’skij 1983) Die vermutlich einzige wirklich interessante Episode im Leben der offiziellen russischen Kirche war die allmähliche theologische Annäherung und Vorbereitung einer Sakramentsgemeinschaft mit der Altkatholischen und der Anglikanischen Kirche Großbritanniens, die seit 1830er Jahre bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs andauerten24.

Anfang des 20. Jhd. befand sich die Staatskirche also bereits in der tiefsten Krise. Sie war jeglicher Eigenständigkeit beraubt, mit immer weniger AnhängerInnen sowohl in den oberen Schichten als auch im gemeinen Volk und sogar die angehenden Priester suchten nach besseren Lebensperspektiven woanders. Bemerkenswert in dieser Hinsicht ist die Figur des Petersburger Geistlichen Georgij Gapon, der die Arbeiterorganisationen am 9. Januar 1905 in einer friedlichen Demonstration zum Zarenpalast führte, wo sie von der Armee blutig auseinander gejagt wurde (der sogenannte „Blutsonntag“). Gapon, der entkommen konnte, schrieb am nächsten Tag einen Aufruf zum bewaffneten Kampf an die Arbeiterschaft. Das war der Anfang der ersten Russischen Revolution. Unter dem Druck der Ereignisse verabschiedete die Regierung Gesetze über religiöse Toleranz und Gewissensfreiheit. Sie stellten einen schweren Anschlag auf die Positionen der Kirche dar, obwohl sie nur konstatierten was schon längst gang und gäbe war.

In den Zeiten der revolutionären Umwälzungen stellte sich die ROK insgesamt unmissverständlich auf die Seite der Reaktion25. Als die Revolution sich bereits unmissverständlich ankündigte, versuchte die Kirche Unruhen zu schüren und die Bauernschaft gegen die städtische Arbeiterbewegung aufzuwiegeln. Die Teilnehmer des allrussischen Kirchenkonzils im August 1917 beschlossen, dass die Kirche eine entscheidende Rolle bei der Bekämpfung der Revolution spielen sollte, welche letztere sie als deutschen Angriff auf die russische Souveränität denunzierten. Zumindest die erste Einschätzung musste auch die provisorische Regierung teilen, denn unter den Anwesenden befand sich auch der damalige Regierungschef Alexander Kerensky (1881-1970). Direkt nach dem Umsturz verbreiten die Geistlichen Flugblätter und Predigten gegen die Bolschewiki. In Moskau, wo die Kämpfe um Einiges blutiger als in St. Petersburg waren, stellte die Kirche den regimetreuen Armeeeinheiten Glockentürme am Roten Platz und im Kreml für das Aufstellen der Maschinengewehre zur Verfügung.

Am 30. Oktober 1917 nutze die ROK ihrerseits den Kollaps der staatlichen Macht und führte einen russlandweiten Konzil durch, auf dem beschlossen wurde, das Patriarchenamt wiederherzustellen. Der neue Chef der Kirche wurde Tichon (1865-1925) – ehemaliger Vorsitzender der klerikalfaschistischen antisemitischen Organisation „Die Vereinigung des russischen Volkes“ in Jaroslawl. Mit dieser organisatorischen Neuformierung intensivierte die Kirche ihre propagandistischen Bemühungen: noch aktiver als zuvor verschrie sie die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft als einen neuen babylonischen Turmbau, die Revolution als kulturelle Katastrophe und forderte vom Staat ihre im Zuge der Landreform weggenommene Ländereien zurück. Indes enteigneten hie und da die Bauern Klöster und Kirchen auf eigene Faust. Auf das Dekret Anfang 1918 über die Trennung der Schule von der Kirche und der Kirche vom Staat reagierte Tichon mit einem Anathema gegen die Sowjetregierung. Diese aber rief ihrerseits trotz allem militantem Atheismus Gewissensfreiheit aus – nicht nur das Recht, jeder beliebigen Religion, sondern auch gar keiner Religion anzugehören, und entfernte aus allen Akten und persönlichen Dokumenten Vermerke über Religionsangehörigkeit – eine unabdingbare Grundlage des bürgerlichen Rechts, für Russland jedoch ein Novum.

Während der militärischen Intervention der Antanta-Mächte mit dem Ziel der Restauration politischer Verhältnisse in Russland, erfuhren die Alliierten jede erdenkliche Unterstützung seitens der ROK; im Bürgerkrieg drängte sie auf den von der Weißen Garde kontrollierten Territorien zur Aufhebung der bolschewistischen Enteigungsdekrete, sammelte Geld für die noch kämpfenden Überreste der zaristischen Armee und beteiligte sich manchmal direkt an den Aufständen im sozialistischen „Kernland“ (so z.B. im Juli 1918 in Jaroslawl). In der Armee des zaristischen Admirals Koltschak (1874-1920) gab es Einheiten, die ausschließlich aus Geistlichen bestanden: Kompanie Jesu, Kompanie der Muttergottes usw. Die ganze Zeit verbreitete die Kirche innerhalb wie außerhalb des Landes Lügen über willkürliche Repressionen gegen Geistliche.

Die Repressionen folgten tatsächlich erst ab Juli 1918, als die Bolschewiki die rege gegenrevolutionäre Tätigkeit der Kirche zu unterbinden suchten – doch selbst dann hieß es, die ChristInnen würden verfolgt, weil sie eben ChristInnen seien. Überliefert sind allerdings auch Schilderungen brutaler Racheaktionen, denen der niedere dörfliche Klerus zum Opfer fallen musste, doch galten sie nicht dem Christentum. So wie im folgenden Beispiel beim Eintreffen anarchistischer Machno26-Milizen in einem ukrainischen Dorf:

„The accused did not cry out any more. Very pale, hardly conscious of what was happening, he stood up. His gaze was lost in the distance, and he moved his lips without speaking. The insurgent signalled to several comrades, who immediately surrounded the pope. „Comrades”, he cries to the peasants, „you all say that this man, a proved counter-revolutionist, has drawn up and sent to the White authorities a list of ‘suspects’ and than as a consequence of this denunciation several peasants ware arrested and executed. Is that right?” „Yes, that is the truth!” roared the crowd. „He had forty of us assassinated. The whole village knows it”. And again they mentioned the names of the victims and called upon definite witnesses. Several relatives of the executed men came to confirm the facts. The authorities themselves had spoken to them of the list drawn up by the priest in explanation of their actions. The priest said no more. „Are there any peasants here to defend this man?” asked the insurgent. „Does anyone doubt his guilt?” No one moved. Then the insurgent seized the pope. Brutally he took off his cassock. „What fine cloth!” he said. „With this, we can make a beautiful black flag. Our’s is all worn out”. Then he said to the pope. „Now get on your knees and say your prayers without turning around”. The condemned man did so. He went down on his knees, and with folded hands began to murmur. „Our Father which art in heaven, hallowed be thy name, thy kingdom come…” Two Insurgents came up behind him. The drew their revolvers, aimed and fires several bullets into his back. The shots rang out, dry and implacable. The body fell over. It was finished. The crowd disbanded slowly talking about the event”. (Voline 1955, S. 153f)

1922 ereigneten sich in weiten Teilen des Landes schlimme Hungersnöte, woraufhin die Regierung die Kirchen nochmals enteignete, um Mittel für hungernde Regionen zu sammeln. Dies geschieht unter heftigen Protesten und gewaltsamen Unruhen, was sogar viele bekennende Gläubige von der tichonschen Kirche abbringt. Im Mai 1922 wird Patriarch Tichon bei einem Gerichtsprozess aus einem Zeugen zum Angeklagten wegen Aufwiegeln gegen die Enteignungen.

In kirchlichen Kreisen bleibt es nicht ohne Reaktion. Ungefähr zur Zeit dieser Prozesse kommt in der ROK die Bewegung der sogenannten „Erneuerer“, deren Vorläufer anscheinend die „Freie Volkskirche im freien Volksstaat“ war. Die „Erneuerer“ wollen zurück zum „echten“, unverfälschten Christentum, wollen die Entfremdung der zaristischen Kirche vom Volk überwinden. Sie erkannten das Recht der sozialistischen Revolution und der internationalen ArbeiterInnenbewegung und strebten durchaus demokratische Reformen innerhalb der Kirche an: u.a. die Abschaffung des Patriarchenamtes und der Klöster, Vereinfachung der Liturgie und ihre Übersetzung ins moderne Russische. „Die sowjetische Regierung als die einzige auf der ganzen Welt, die sich mit staatlichen Mitteln an die Verwirklichung jener Gebote der sozialen Gerechtigkeit machte, die (…) vom Gott gelehrt wurde“, hieß es in eine Beschluss der „Erneuerer“. (Zit. nach Plaksin 1987) Ihr Einfluss ging einerseits soweit, dass der zweite allrussische Konzil im Frühling 1923 die gegenrevolutionären Umtriebe Tichons und der Kirche insgesamt verurteilte und Tichon nicht nur des Patriarchenamtes, sondern sogar seines Mönchtums enthob und wieder zu einem „weltlichen Menschen“ machte, und die sogenannte „ROK im Ausland“ aus der orthodoxen Kirche exkommunizierte. Am 16 Juni 1923 wandte sich Tichon an das oberste Gericht Sowjetrusslands mit einem Brief, in welchem er seine Taten bereute und um Vergebung bat. Andererseits ging die „Erneuerer-Bewegung“ als ein verzweifelter Versuch der ROK, sich neuen gesellschaftlichen Verhältnissen anzupassen, bald selbst ein: Wenn 1923 etwa 70% aller Kirchengemeinden „erneuerisch“ waren, so waren es 1926 etwa 22% und 1932 – überhaupt 14%. (Vgl. dazu Plaksin 1987)

Es gab auch eine andere Reaktion auf die Geschehnisse. Die bereits erwähnte „ROK im Ausland“ (auch „Karlovacker Kirche“ genannt) war eine erzkonservative Vereinigung orthodoxer Geistlichen im Exil. Das waren z.T. Bischöfe, die auf den von der Weißen Garde kontrollierten Territorien während des Bürgerkrieges das Provisorische Obere Kirchengremium bildeten, nach der Niederlage in Sibirien sich den Truppen Barons von Wrangel (1878-1928) anschlossen, mit ihm ins Ausland flohen, wo sie sich 1921 in der serbischen Stadt Sremski Karlovci niederließen. In den 1920er Jahren betrieben sie rege monarchistische, revanchistische Propaganda in den russischen Exilkreisen. Nach der öffentlichen Reue Tichons und vor allem nach dem Aufruf Sergijs (1867-1944), des stellvertretenden Moskauer Patriarchen 1927, Frieden mit Sowjetrussland zu schließen, brechen sie endgültig mit der ROK und erklären sich zur einzigen noch wahren russischen Kirche. Vor dem zweiten Weltkrieg setzt die „ROK im Ausland“ ihre Hoffnungen ganz unverblümt auf Hitler, der „die christliche Welt vor dem gottlosen Bolschewismus retten“ sollte. Das Liebäugeln der Nazis mit russischen monarchistischen Kreisen fing vermutlich Anfang 1920 Jahre an und zwar mit Hilfe des Baltendeutschen Alfred Rosenberg, der Kontakte zum Oberen Monarchistenrat in Bad Reichenhall pflegte. 1936 fand in Berlin ein Konzil der „Karlovacker Kirche“ statt. 1938 bauten Nazis eine Kathedrale für die „Karlovacer“ und stellten Mittel zur Renovierung zahlreicher orthodoxen Kirchen zur Verfügung – unter Bedingung allerdings, dass der deutschen Exsarchie ein Deutscher vorstehen soll. So war der Anfang einer wunderbaren Freundschaft gemacht – zumindest schien es so damals: 1941 schrieb Archimandrit Johann, der später russisch-orthodoxer Erzbischof von San-Francisco wurde:

„Die Vorsehung Gottes enthebt das Volk Russland von der Notwendigkeit eines neuen Bürgerkrieges, indem er eine fremde Macht dazu beruft, diese Pflicht zu erfüllen. Die blutige Operation zum Sturz der 3. Internationale wird einem sorgsamen, in seiner Wissenschaft erfahrenen deutschen Chirurgen aufgetragen… Über allem Menschlichen wirkt das Schwert Gottes. Eine neue Seite der russischen Geschichte wurde am 22. Juni aufgeschlagen, am Tag, an welchem die russische Kirche ‘aller Heiligen, die Russland erhellt haben’, gedenkt. Wenn das kein selbst für einen Blinden sichtbares Omen ist, dass die Ereignisse von einer höheren Macht gesteuert werden“. (Zit. nach Gordienko 1975)

Die „ROK im Ausland“ wandte sich mehrmals an den US-Präsidenten Roosevelt mit der Bitte, keine militärische Hilfe der UdSSR zukommen zu lassen; der europäische Teil der Kirche formt in Jugoslawien den „russischen Wehrkorps“, um die Partisanen zu bekämpfen; mit anderen Worten, selbst nach dem Zerfall der monarchistischen Exilkreise findet sie immer eine Kraft, die reaktionär genug ist, um sich ihr anzuschließen. Nach dem Krieg sagt sich der US-amerikanische Teil auf Insistieren der Gemeinde von der Kirche in Europa los: Selbst den konservativsten Gläubigen war das offen profaschistische Treiben der Kirche ungeheuer. Teile der Kirchengemeinde im Ausland finden nach dem zweiten Weltkrieg entweder zurück zum Moskauer (wie die US-amerikanische Mitropolie, die seit 1970 einen autokephalen Status genießt) oder zum Konstantinopeler Patriarchat, die „ROK im Ausland“ hatte ihre Gemeinden in den USA, Kanada, Australien, Lateinamerika und Westeuropa. 2007 wurde die „ROK im Ausland“ offiziell in die ROK aufgenommen und gilt seitdem als ihre autonome Teilkirche27.

Interessant wäre es, vor allem mit Hinblick auf noch kommende gesellschaftliche Entwicklungen28, wenigstens kurz auf die Tradition der sogenannten religiösen Philosophie in Russland einzugehen. Wegen theologischer Schwäche des orthodoxen Christentums – so war es wohl erst Mitropolit Platon (1737-1812), der die Glaubensprinzipien schriftlich systematisierte – stellt die philosophische Tradition sozusagen eine Spätgeburt dar: zwar fängt man üblicherweise mit dem ukrainischen Mystiker Gregorius Skoworoda (1722-1794) an, um sie mit vereinzelten apologetischen Schriften „slawophiler“29 Denker fortzuführen, die eigentlich interessante Periode ist jedoch die unmittelbar vor der ersten Russischen Revolution von 1905. Es ist die Schule, die mal „das neue religiöse Bewusstsein“, mal „die Gottessuche“, mal „die geistige Renaissance“ bezeichnet wird. Ihre widersprüchlichen Elemente bezieht sie aus der konservativen slawophilen Denktradition, aus dem Bewusstsein einer längst überfälligen bürgerlichen Revolution und religiösen Erneuerung, Neokantianismus, Liberalismus und eines sehr gemäßigten Sozialdemokratismus. Zunächst waren es mehr oder weniger heimliche, dann aber zunehmend öffentliche Diskussionstreffen, auf welchen künstlerische Boheme, Intelligenzija und Geistliche zusammen kamen und Kirche und Politik kritisierten. Solch berühmte Vertreter dieser Tradition entwickelten auch sehr unterschiedliche philosophischen Ansätze – so bewegten sich etwa L. Schestow (1866-1938) und N. Berdjajew (1874-1948) eher Richtung eines christlichen Existenzialismus, S. Bulgakow (1871-1944), der bereits erwähnte P. Florenskij30 und S. Frank (1877-1950) entwickelten eine Philosophie der allumfassenden Einheit, W. Rosanow (1856-1919) – einen erotischen Pantheismus31. Das übergeordnete Ziel dieser Bestrebungen wahr es wohl, einerseits die Kirche vor drohendem Untergang zu retten und mit ihrer Hilfe andererseits die auseinanderdriftende alte Gesellschaft zusammenzukitten. So wird es verständlich, warum selbst die radikalsten und kritischsten unter ihnen (Berdjajew sympathisierte sogar eine Weile lang mit Anarchismus) angesichts kommender revolutionärer Umwälzungen letzten Endes konservative, theokratische, obskurantistische Positionen bezogen. Einer der weltweiten Bestseller antisemitischer Literatur, die „Protokolle der Weisen von Zion“ tauchten ebenfalls in diesem Milieu auf: „…in dem Buch des orthodoxen Mystikers Sergej Nilus ‘Der Antichrist und seine politische Möglichkeit’, worin sie als original entdeckte ‘Dokumente’ präsentiert wurden, in denen das Szenario der vergangenen Revolutionswirren und seiner Urheber enthüllt werde. Der Zar selbst zeigte sich, wie Randbemerkungen in seinem Exemplar beweisen, davon überzeugt“. (Hielscher / Koenen 1991, S. 127) Als nach der Oktoberrevolution dieser geistige Nährboden wiederum von revanchistischen Stimmungen der „weißen“, pro-monarchistischen Emigration in Europa befruchtet wurde, wurde Anfang 1920er die sogenannte „eurasistische“ Idee geboren. Die Zurückweisung des Liberalismus, Nationalismus, Imperialismus und Slawophilie fanden sich in dieser Idee unter der Schirmherrschaft der orthodoxen Kirche wieder, Russland wurde als ein grenzenloses „Kontinent-Ozean“ mit einer ganz eigenen, einzigartigen weder westlichen, noch östlichen Mentalität und Geschichte ontologisiert. „Der gelehrte Berg gebar eine kleine und zwar eine alte, weiße slawophile Maus, die sich mit Spengler, Keyserling, Paul Ernst32 und anderen Anführern der Niedergangs- und Zerfallsepoche der bürgerlichen Ordnung schmückte“, – so charakterisiert den historischen Eurasismus Historiker Nikolai Meschtscherjakow. (Zit. nach Kuwakin1980, S. 125) So entsprach er den faschistischen Tendenzen europäischer Gesellschaften, verlor immer mehr die letzten Anflüge der Philosophie und wurde allmählich zum technokratischen, klassischen faschistischen Staatskult. Und niemand von diesen sogenannten Philosophen hat so zum Ausdruck gebracht, worauf die ganze „Gottessuche“ samt ihrer eurasistischen Komponente hinaus wollte, wie Putins Lieblingsphilosoph Iwan Illjin (1883–1954), der im Berliner Exil die im heutigen Russland so dringend gebrauchte Ladung an Antiliberalismus, religiös verbrämten großrussischen Chauvinismus, der sich perfekt mit weltgeschichtlicher Opferrolle eines unschuldigen, unfreiwilligen Steppenimperiums und Weltverschörungsphantasien reimt, verfasste33. Wie es aussieht, bedient sich der Kreml dankbar dieser Explorationswelle: Oktober 2005 wurden Iljins und seiner Frau sterbliche Überreste aus der Schweiz nach Russland transportiert und auf dem Friedhof des Donkloster in Moskau feierlich beigesetzt. Grabsteine bezahlte Wladimir Putin angeblich aus seinen privaten Mitteln34.

Ende der 1930er Jahre befand sich die ROK aufgrund brutaler Repressionen und schonungsloser atheistischer Propaganda in einem recht erbärmlichen Zustand. 1938 zählte sie nur noch 4 Erzbischöfe außerhalb von Lagern und Gefängnissen. Die Lage änderte sich mit der Westexpansion der Sowjetunion: Mit dem Anschluss westukrainischer, belarussischer, moldawischer und baltischer Territorien stieg die Anzahl der christlich-orthodoxen Gemeinden rapide: 1941 befanden sich etwa 90% der funktionierenden Kirchengemeinden im Land in diesen westlichen Gebieten. Wohl um die Bevölkerung nicht zu reizen, gab es dort keine nennenswerten Repressionsmaßnahmen gegenüber Gläubigen und Priestern. Nach dem Überfall Nazideutschlands auf seinen militärischen Bündnispartner gehörte es zu den Grundprinzipien der Besatzungspolitik der Nazis, den Anschein der Religionsfreiheit zu erzeugen. Das Thema nutzten sie, um die Sympathien der einheimischen Bevölkerung zu gewinnen. Sie verpflichteten die Geistlichen zu antibolschewistischer Propaganda und öffentlichem Beten für den baldigen Sieg der deutschen Armee, spielten jeweilige nationale Gefühle gegen die Sowjetunion aus und versprachen Autonomie für lokale Kirchen (so z.B. in Estland, Belarus, Litauen, der Ukraine). Das Angebot wurde z.T. danken angenommen: 1943 funktionierten auf den besetzten Territorien etwa 6500 orthodoxe Gebetshäuser, doppelt so viel wie auf dem restlichen Territorium der Sowjetunion. In Belarus unterstützten die Nazis mit Vorliebe die orthodoxen ChristInnen, da sie die katholische Minderheit für die „fünfte Kolonne“ Polens hielten. In der Ukraine dagegen waren sie den griechisch-katholischen UniatInnen gegenüber wohlwollend eingestellt, begrenzten aber ihre missionarische Tätigkeit auf Westukraine, im Rest des Landes setzten sie auf eine von Moskau unabhängige ukrainische orthodoxe Kirche.

Der stellvertretende Moskauer Patriarch Sergij rief bereits am 23. Juni 1941 seine Gemeinde zum Kampf gegen die faschistische Invasion (Stalin ließ sich bekanntlich ordentlich Zeit damit), später verurteilte er in einem Rundschreiben Priester in den besetzten Gebieten, die mit Nazis kooperierten. Die ROK sammelte Geld für die Rote Armee und förderte u.a. den Bau von Panzernkolonnen und Flugzeugstaffeln im Wert von rund 300 Mio. Rubel. Dabei nutzte sie ihre illegal gesammelten Spenden. Sergij wandte sich direkt an Stalin mit der Bitte, ein Bankkonto eröffnen zu dürfen, um diese Spenden legal zu machen. So wurde die ROK wieder eine offizielle, juristisch registrierte Organisation. Die staatliche Repressionen gegen Priester und Gläubige hörten für die Zeit des Krieges auf, seit 1943 war es wieder möglich, Kirchen zu eröffnen und in Betrieb zu nehmen. Die Gründe dafür sind vielfältig, die wichtigsten werden wohl aber zum einen das Vorbeugen der Entstehung einer „fünften Kolonne“ besonders in den westlichen Gebieten sein, zum anderen – was mir wichtiger scheint – das Ansehen bei den Alliierten. Gleichzeitig plante man beim Volkskommissariat für Staatssicherheit ein besonderes Gremium für Beziehungen zwischen der Regierung und der ROK. Der Staat nahm die treue Kirche wieder unter seine Fittiche, die Situation mit der Einrichtung der Synode unter Peter dem Großen wiederholte sich also noch einmal. Der neue „Oberstaatsanwalt“ wurde General-Major des KGB Grigory Karpow, ihm wurde auch die Aufgabe zuteil, den dezimierten Klerus wieder herzustellen. Dafür entließ man Priester aus dem GULag oder befahl demobilisierten parteitreuen Armeeoffizieren, „den Beruf zu wechseln“, was viele auch taten, wie Historiker A. Krasikow berichtet. Ein ähnliches Modell der staatlich-kirchlichen Beziehungen gelang es, wenn auch nur teilweise, in Bulgarien, Tschechoslowakei und Rumänien zu etablieren. (Furman / Kaariajnen 2007, S. 144ff)

Sergijs Nachfolger, Alexij I. (1877-1970) wurde 1945 mit Zustimmung hoch angesehener christlich-orthodoxer Geistlicher anderer Kirchen zum Moskauer Patriarchen gewählt. Danach empfing Joseph Stalin die Delegation der ROK höchstpersönlich im Kreml, um die Rolle der Kirche in der sowjetischen Gesellschaft und in der Außenpolitik zu besprechen. Wie sehr Stalin die Kirche zu der Zeit schätzte, zeigt sich daran, dass Alexij I. während der Siegesparade auf dem Roten Platz auf dem Mausoleum mit dabei sein durfte. (Vgl. dazu Pospelowskij 1995) Überliefert ist auch Stalins Wunsch, das Zentrum der östlichen Orthodoxie nach Moskau zu verlagern und dort den „christlich-orthodoxen Vatikan“ einzurichten. Das wäre allerdings nur auf einem Weltkonzil machbar gewesen, also berief man extra zu diesem Zweck 1948 in Moskau ein Konzil ein, das das nötige Quorum nicht erreichte. (Vgl. Furman / Kaariajnen 2007)

Nach Stalins Tod allerdings endete auch die Förderungspolitik gegenüber der Kirche: Stalins Nachfolger, Nikita Chruschtschow (1894-1971) verwarf sie als „Erbschaft der stalinschen Epoche“. Seit 1956 beteiligte sich die ROK aktiv an ökumenischen Weltkongressen, unterstützte die internationale Friedensbewegung. Seit 1967-70 werden Kontakte zur römisch-katholischen Kirche wieder aufgenommen. Das politische Klima in der UdSSR färbt selbstverständlich auf die Kirche ab: so wurde 1977 vom Moskauer Patriarchat u.a. als Ziel formuliert, ‘die Treue gegenüber der christlichen Tradition mit der sozialistischen Denkweise“ zu vereinigen, Menschen zum verantwortungsvollen Dienst in Kirche, Gesellschaft und Staat zu erziehen. „Nicht nur in Fragen des Friedens und des Krieges, sondern auch beim Aufbau einer möglichst gerechten Gesellschaft vertreten unsere Gläubigen keine andere Meinung als unsere säkularen marxistischen MitbürgerInnen, die die Gesellschaft regieren. Wir verstehen die Hauptziele der Menschheit auf dieser Erde nicht anders als sie“, hieß es z.B. in der Zeitschrift des Moskauer Patriarchats aus dieser Zeit. Es werden auch vage Versuche unternommen, eine Art Theologie der Entwicklung und der Revolution zu formulieren, von denen heute Kirchenoberhäupter nichts mehr wissen wollen. So sollten sowjetische ChristInnen „tapfer, ehrlich und aktiv am Aufbau eines neuen Lebens mitarbeiten, welches auf sozialer Wahrheit und Gerechtigkeit fußt, und das christlich-revolutionäre Ferment in die sozialen Revolutionen unserer Zeit hinein tragen“. (Zit. nach Gordienko 1987) Es ist heute schwer zu beurteilen, ob diese Versuche der Befreiungstheologie35 in der ROK wenigstens von einigen wenigen ehrlich und ernsthaft unternommen wurden, ob man sich dem offiziellen Duktus der Unterstützung der Befreiungsbewegungen der „Dritten Welt“ nur angepasst hat oder ob das zynische KGB-Kader schrieben, die „den Beruf gewechselt“ hatten?

Nach 1991 werden die Forderungen laut, die KGB-Archive zugänglich zu machen und die Agenten- und Informationsbeschaffungsnetzwerke in der Kirche offen zu legen, was beim Klerus nachvollziehbarerweise auf kein Verständnis trifft. Denn die Nachforschungen legten offen, dass die Kirche restlos von KGB-Kadern durchsetzt war. Man zog aber vor, die gemarterte Kirche zu schonen und ihr nicht mehr zu Leibe zu rücken, sie würde schon selbst ihren eigenen Weg zur Heilung finden.1993 entsteht eine bedeutende kirchennahe Organisation, durch die die ROK den gesellschaftlichen Diskurs wirksam beeinflusst: die Weltversammlung des russischen Volkes (WdrV). Während der ersten tschetschenischen Militärkampagne (1994-1996) sprach sich Patriarch Alexij II. (1929-2008) gegen gewaltsame Lösung des Konfliktes, genau so wie er sich bereits 1991 gegen den Truppeneinsatz in Litauen stellte. Er steuerte also entschieden gegen alle nationalistischen Versuche, dem Konflikt eine religiöse Komponente zu geben. Die deutlich weniger liberale WdrV stimmt dagegen der Resolution zu, die den patriotischen Dienst an der Waffe und den Schutz territorialer Integrität Russlands für heilig erklärt. In den 90er Jahren entfernt sich die Kirche in realer Politik immer weiter von einstigen ökumenischen Bestrebungen, seit Mitte 90er Jahre kommt es immer wieder zu Fraktionskämpfen im höheren Klerus, zu ultranationalistischen antikatholischen, antiprotestantischen und antisemitischen Publikationen und Äußerungen aus diesen Kreisen. Der Patriarch, wie es schien, war seinem Klerus „zu liberal“, zu ökumenisch, zu demokratisch. Bereits damals konnte man diagnostizieren, dass Alexij II. zwar formell der Kirchenoberste, aber nicht ihr „Anführer“ war. Anführer der konservativen Kräfte war der damalige Mitropolit von Smolensk und Kaliningrad, der heutige Patriarch Kyrill.

Der Zerfall der UdSSR bedeutete für die ROK einige organisatorische Schwierigkeiten, die schnell zu außenpolitischen wurden: die „sozialistischen Schwesterrepubliken“ trennten sich von Russland, in ihnen blieb aber noch eine bedeutende russischsprachige und christlich-orthodoxe Diaspora. Während orthodoxe Kirchen in Lettland und Litauen sich für den Verbleib in der ROK entschieden, knallte es in Estland: noch 1923 versuchte die estnische Kirche dem Moskauer Patriarchat zu entkommen, gründete die Estnische Apostolisch-Orthodoxe Kirche und ordnete sich dem Patriarchat von Konstantinopel zu. Mit dem (Wieder-)Anschluss 1940 wurde die EAOK zwangsweise der Moskauer Kirche angegliedert, doch 1993 akzeptierten die VertreterInnen der EAOK das Autonomieangebot aus Moskau, was zu einem ernsthaften, bis heute nicht beigelegten Streit zwischen Moskau und Konstantinopel führte. Auch mit rumänischen Glaubensbrüdern und -schwestern lag die ROK wegen der Frage, zu wem moldawische Orthodoxe gehören sollen, lange im Clinch, bis der Streit vor das Europäische Gericht für Menschenrechte kam und die Frage sich 2002 zugunsten Rumäniens entschied. Aber am meisten fürchtet die ROK die separatistischen Bestrebungen in der ukrainischen Orthodoxie. Das Thema ist alt und seit jeher von Rivalitäten zwischen dem Moskauer und dem Kyiver Patriarchat geprägt. Ukrainische Geistliche unternahmen je nach politischer Lage mehrere Versuche, von Moskau loszukommen: 1918-1920 während des Bürgerkrieges, während des zweiten Weltkrieges und 1992 – nach dem Zerfall der Sowjetunion. Da gründete sich nämlich, ohne Rücksicht auf kanonische Regel der weltweiten Orthodoxie36, die oben bereits erwähnte UOK-KP. Streitigkeiten, die wie im Fall der estnischen Kirche zu Spannungen in der weltweiten Orthodoxie resultieren, wurden oben erwähnt.

Mag man die Geschehnisse von 1991-1993 als „Wende“ oder wie Wladimir Putin „die größte politische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“37 bezeichnen, sie erschütterten nicht nur das nationale Selbstverständnis der Titelnation, sie erschütterten zutiefst auch das individuelle Bewusstsein unzähliger Menschen, sodass neue, „exotische“, „esoterische“ Religiosität im postsowjetischen Russland einen massenhaften Charakter annahm. Der für seine naturwissenschaftliche Ausbildung weltweit geschätzte und in Marxismus-Leninismus gedrillte Sowjetmensch drehte durch, die Hysterie legte sich erst Anfang der 2000er. Auch wenn Traditionalisten und Konservative dieses Phänomen für einen Bestandteil eines ideologischen Krieges der Westens gegen das Mütterchen-Russland halten, war es zum Einen „nur“ eine triumphale posthume Heimkehr Iwan Iljins, Helena Blawatskys38 und anderer reaktionärer OkkultistInnen aus der „weißen“ Emigration, zum Zweiten aber geschah es nicht ohne Dazutun des Staates. Am Witzigsten fasste letztens diese postmoderne Verwirrung Peter Pomerantsev in Worte:

„Während die Sowjetunion unterging, wurden Sekten an die Oberfläche gesprudelt. Tatsächlich war es der Kreml, der ihnen Auftrieb gab, und zwar durch das Instrument Ostankino. 1989 lief im Fernsehen eine neue Show. Statt der üblichen Ballettaufführungen und Kostümdramen sah das Publikum plötzlich eine Großaufnahme von einem Mann, der aussah wie ein Pornostar der 1970er Jahre: schwarzes Haar und noch schwärzere Augen. Er hatte eine sehr tiefe Stimme. Langsam und gleichmäßig und immer wieder wies er seine Zuschauer an, tief einzuatmen, zu entspannen, tief einzuatmen. ‘Schließen Sie die Augen’, sagte er. ‘Mit der Kraft Ihrer Gedanken können Sie Krebs oder Alkoholismus oder jede andere Krankheit heilen’. Das war Anatoli Kaschpirowski. Er war ein professioneller Hypnotiseur, der das sowjetische Gewichtheberteam für die Olympischen Spiele vorbereitet hatte. Sein Auftauchen im spätsowjetischen Fernsehen sollte dazu beitragen, Ruhe und Ordnung im Land aufrechtzuerhalten. Die Leute vor den Fernseher bannen, während alles den Bach unterging“. (Pomerantsev 2015, S. 225)

Hauptsache, der nationalen Idee tut es keinen Abbruch:

Dieser Gedanke vereinte alle postsowjetische Sekten: Das viele Leid, die vielen Erschütterungen, die Russland durchlebt hatte, machten es zu dem Ort, wo der neue Mensch, die Zukunft geboren werden konnte. Und die Sekten griffen außerdem auf einen noch tieferen Mythos zurück: die Idee, dass Russland die Geburtsstätte eines neuen, messianischen Bewusstseins sein wird. Als Moskau im fünfzehnten Jahrhundert die Hauptstadt des zukünftigen russischen Staates wurde, erklärte es sich selbst zur letzten Bastion der orthodoxen Christenheit, des wahren christlichen Glaubens: Europa war von der Häresie des Katholizismus besudelt, Byzanz an die Türken gefallen, aber das Muskowi39 von Iwan III. würde das dritte und letzte Rom werden, auf das die Heiligkeit vom Rom des hl. Petrus und von Byzanz übergehen würde. Das Messianische findet sich überall in der russischen Literatur und im russischen Denken. Dostojewskis Helden beteuern, dass die Russen das einzige ‘gottesfürchtige Volk’ seien und dass die Wiederkunft Christi in Russland stattfinden würde. Laut Berdjajew hat Russland ein ‘zutiefst messianisches Bewusstsein’, dem nur das Judentum Konkurrenz macht. Der internationale Kommunismus war der geopolitisch ehrgeizigste Ausdruck dieser Idee: Moskau als die Schmiede des neuen und letzten Zeitalters. Stalin baute seine sieben Gotham-City-Hochhäuser, die die ganze Stadt dominieren und prägen, in Anlehnung an die sieben Hügel Roms. Jede Idee, auch wenn sie nicht zwangsläufig religiös ist, wird hier bis ins Kultig-Extreme überhöht. (ebd. S. 230)

Also, wie man an der etwas verworrenen (und ebenfalls verworren dargestellten) Geschichte der ROK hoffentlich sehen kann, die Geschichte war nicht besonders rühmlich. Sie wurde immer – und zwar wirklich immer! – durch den Staat ziemlich stiefväterlich behandelt und musste ihm als innen- und außenpolitisches Herrschaftsinstrument dienen. Sie spaltete sich entlang politischer Frage nicht nur einmal, ihre innere Konflikte und solche mit ihrem weltlichem Gebieter wurden beinahe durch ihre ganze Geschichte hindurch von Anfeindungen seitens volkstümlicher christlicher Eschatologie begleitet, die hin und wieder gewaltsam in die politischen Konflikte einfiel. So redeten die Entrechteten mittels eigenständig gedeuteten Evangeliums ihr Wort gegen den russischen Staat und die russische Kirche, da ihnen keine andere Sprache und Weltdeutung zu jener Zeit möglich war. Heute mag es dagegen scheinen, dass ausgerechnet diese Kirche wieder so viel zu sagen hätte – mitten in der postsowjetischen Postmoderne, wie es vielleicht Schumatsky und Pomerantsev nennen würden, wo längst keine Notwendigkeit solch einer Sprache und solch einer Weltdeutung besteht.

1Russischer zeitgenössischer Schriftsteller, Querfrontler: http://tinyurl.com/hlvfxup

2Siehe z.B. den peinlichen panorthodoxen Konzil im Juli 2016 auf Zypern, den die Kirchengemeinschaft seit fast 1000 Jahren nicht zu begehen wagte: http://tinyurl.com/habjtxl

3Porphyrogeniti – die Bezeichnung der Mitglieder der byzantischen Kaiserfamilie.

4http://syg.ma/@Firsov/nieviedomoie-pravoslaviie-i-viedomaia-rossiia

5http://orthodoxeurope.org/page/14/52.aspx#8

6Mit Reliquien lässt sich nicht nur ein großartiger wirtschaftlicher Nutzen erwirtschaften, wie es z.B. Karlheinz Deschner (1999) am Beispiel der katholischen Kirche beschreibt, die ROK bestreitet damit auch Staatsgeschäfte: ein gewisser Igor Strelkow (Girkin), seines Zeichen ein sehr gläubiger FSB-Offizier, hat Monate vor der Annexion der Krim am von der ROK und der UOK-MP organisierten Konvoi der Reliquien auf der Krim, in der Süd- und Ostukraine teilgenommen, um den voraussichtlichen Einsatz auszukundschaften: http://tinyurl.com/z2u3s8z

7https://www.owep.de/artikel/769/begriff-symphonia-in-russischen-geschichte

8Beigelegt ist der Streit auch heute noch keineswegs. Siehe dazu die Rede des russisch-orthodoxen Bischofs von Wien Hilarion auf der Baseler Bischofskonferenz 2005: http://orthodoxeurope.org/page/14/57.aspx#8

9Der gegenseitige Ausschluss aus der Sakramentsgemeinschaft erfolgte erst im 18. Jhd, die Aufhebung der Exkommunikation wurde 1965 in Jerusalem vom Papst Paul VI. und dem Patriarchen von Konstantinopel Athinagoras ausgesprochen.

10http://tinyurl.com/z3rkgk3

11http://www.krotov.info/history/11/1/taube.html

12So errichtete z.B. der neonazistische Zivilkorpus „Asow“ im Dezember 2015 ihm ein Denkmal in Mariupol: http://www.nihilist.li/2015/12/22/svyatoslav-i-fal-start/ Wie „entschieden“ Swjatoslaw, Sohn der christlichen Fürstin Olga und Liebhaber der Christin Maluscha, gegen das Christentum im Lande kämpfte, lässt sich nur schwer bestimmen. Höchstwahrscheinlich wollte er die Beziehung zu seiner noch heidnischen Garde nicht überstrapazieren.

13Auf diese Weise kam der „heilige Boden“ der Krim zustande, den Putin in seiner imperialen Geschichtsschreibung bemüht: http://tinyurl.com/njok6nj

14Aber auf diese Überlieferung bezogen sich Putin und Patriarch Kyrill aller Ernstes, als sie am 4.11.16 das Denkmal dem Fürsten Wladimir in Moskau eröffnet haben: http://www.rbc.ru/politics/04/11/2016/581c61a49a794740ee5dee98

15Selbst der Theologe Florenskij gibt zu, dass der russische orthodoxe Glaube ohne Heidentum kaum denkbar ist. (Vgl. dazu Florenskij 2001)

16http://www.krotov.info/history/11/1/taube.html

17Ophiten — eine altchristliche gnostische Strömung, sah in der Schlange im Paradies ein göttliches bzw. vom Gott abgesandtes Wesen. Ein Verweis auf diesen Mythos findet sich z.B. am Anfang von Michail Bakunins „Gott und der Staat“ (2003). Die Offenbarung des Petrus ist eine apokryphe Schrift des Urchristentums, die Petrus zugeschrieben wird und sich in erster Linie mit Schilderungen von Höllenqualen befasst.

18Simonie — Handel mit kirchlichen Ämtern, Reliquien und anderen Heiligtümern.

19Der Mythos vom „dritten Rom“ versucht die Nachfolge Moskaus unter der Hauptstätten der weltweiten Christenheit herzustellen. „Das zweite“ war bekanntermaßen Konstantinopel, „das dritte“ wurde kurz auch im bulgarischen Tyrnowo ausgerufen, währenddessen ist „das erste“ immer noch nicht von der Erdoberfläche verschwunden.

20Diese hatte alle Gründe, sich vom Bauernverstand zu fürchten. Man sah nämlich bereits an der Geschichte Mitteleuropas sehr deutlich, dass „(e)in Subjekt, das sich in Personalunion mit dem höchsten Herrn dachte, ihn so zugleich im Jenseits absetzte, (…) wenn es damit Ernst machte, einen äußerst schlechten Leibeigenen ab(gab)“. (Bloch 1985, S. 94)

21Viele Kader kommunistischer und sozialistischer Parteien Russlands genossen eine theologische Ausbildung oder stammen aus Familien der Geistlichen, unter den bekanntesten seien Alexander Wassilewskij, Ewgenyj Preobraschenskij, Pitirim Sorokin und Anastas Mikojan genannt: https://www.proza.ru/2012/10/04/1099 Von einem revolutionären Bankräuber ganz zu schweigen, der noch auf der Höher seiner staatsmännischen Karriere gerne in seinen Reden und Traktaten auf pseudo-religiöse, mannichäische Floskeln zurückgriff: Joseph Stalin (1878-1953). (Vgl. dazu Wajsskopf 2001)

22Funny fact am Rande: Eine für solche, die das Aufkommen faschistischer Tendenzen in Russland beobachten, nicht unbekannte Figur, Alexander Dugin ist Einheitsgläubiger. Dabei folgte er seinem Vorbild, dem französischen protofaschistischen Philosophen René Guenon (1886-1951), der des Okkultismus und Esoterik überdrüssig zum Islam konvertierte. Laut Guenon nämlich, muss ein „Traditionalist“ sich für eine „traditionelle“ Religion entscheiden. http://tinyurl.com/zj4v7a2

23Von dt. „Stunde“ – die Stunde nämlich, in der gemeinsam die Bibel gelesen wurde.

24https://www.sedmitza.ru/lib/text/436411/

25Aus diesem Grund interessierten sich revolutionäre Kräfte für religiöse Volksbewegungen in der Zeit vor und nach der Revolution. Schließlich trafen die AgitatorInnen oft aufeinander in Dörfern und Fabriken. So sahen die AnarchistInnen in damaligen Sekten und Verzweigungen des bäuerlichen Schismas nicht zuletzt wegen ihrer Staatsfeindlichkeit, gut entwickelter Konspiration und kollektiver widerständiger Lebensentwürfe direkte, aber „nur intuitive“ Vorläufer des kommenden Massenanarchismus, von denen noch viel zu lernen war. (Vgl. dazu Borowoj 1926, S. 9-36) Für das praktische Interesse seitens der Bolschewiki für umtriebige ChristInnen steht die akribische Erforschung der Frage durch Lenins Sekretär W. D. Bonč-Brujewič (1873-1950), der u.A. vollkommen zu Recht bäuerliche Altgläubige und „westliche“ ProtestantInnen für weit revolutionärer einschätzte als die bürgerlichen „christlich-anarchistische“ Zirkeln um Leo Tolstoi (1828-1910). Zu nennen wäre an dieser Stelle Bonč-Brujewičs Vortrag vor dem 2. Kongress der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei 1904. (1973)

26Nestor Machno (1888-1934) — ukrainischer Anarchist, führte während des Bürgerkrieges die ukrainische Bauernarmee an, die öfters als Machnowschtschina bezeichnet wird.

27https://lenta.ru/articles/2007/05/17/church/ Der Rest, der damit nicht einverstanden war, bildet seitdem die sogenannte Russische Wahrhaft Orthodoxe Kirche.

28Hier seien nur die bereits erwähnten National-Bolschewistische Partei und einer ihrer Vordenker Alexander Dugin, die 2003 gegründete Internationale Eurasische Bewegung genannt, die dieses geistigen Erbes sehr gerne bedienen.

29Slawophilie — eine meistens konservative, völkische Position im öffentlichen Diskurs 1820-1830er Jahre, die sich gegen pro-europäische Tendenzen wandte.

30Nach einem Ritualmordprozess gegen einen Kyiver Juden namens Beilis (auch „Beilis-Affäre“ genannt) 1911, kam es zu einer bemerkenswerten Zusammenarbeit von Florenkij und Rosanow, die wenigstens dem letzteren zum späten Ruhm verhalf: Rosanow veröffentlichte 1913 eine „ethnologische“ Untersuchung unter dem Titel „Geruchs- und gespürsmäßige Beziehung der Juden zum Blut“, der Universalgelehrte Floreksij unter einem Pseudonym einige Artikel beisteuerte. http://www.lechaim.ru/ARHIV/192/edel.htm

31Ausführlicher über Theologie und Religionsphilosophie in Russland schreibt Th. Bremer in seinem durchaus empfehlenswerten Buch „Kreuz und Kreml“ (2016). Über den ihnen immanenten christlichen Antijudaismus, der in den klassischen biologistischen Antisemitismus übergeht, verliert der „Ostkirchenexperte“ selbstverständlich kein Wort.

32Oswald Spengler (1880-1936) und Hermann Graf Keyserling (1880-1946) – konservative deutsche Philosophen, Carl Friedrich Paul Ernst (1886-1933) – dt. Schriftsteller.

33Ich erspare in erster Linie mir selbst das ganze herablassende Gerede über „übertreibende jüdische Zeugen“ deutscher Zustände in den 1930er Jahren. 1937 schrieb er: „Der italienische Faschismus, als er die Ideen von ‘soldato’ und „sactificcio’ als grundsätzliche bürgerliche Ideen hervorhob, sprach auf seine eigene, auf römische Weise das aus, worauf die Rus’ seit jeher fußte und aufbaute… Der Staat ist kein Mechanismus konkurrierender ehrgeiziger Interessen, sondern ein Organismus des brüderlichen Dienstes, eine Vereinigung des Glaubens, der Ehre und der Selbstlosigkeit; so ist das geschichtlich-politische Fundament Russlands. Russland entfernte sich davon und brach zusammen. Russland wird dazu zurückkehren. Der Faschismus liefert uns keine neue Idee, sondern nur noch neue Versuche, diese christliche, russische, nationale Idee eigenständig auf unsere Verhältnisse einzuwenden“. http://www.rubezh.eu/Zeitung/2014/11/25.htm

34https://www.welt.de/kultur/article135404575/Putin-uebernimmt-Aengste-seines-Lieblingsphilosophen.html

35Über die lateinamerikanische Befreiungstheologie existiert jede Menge Literatur, ich empfehle an dieser Stelle als kritische Einstiegslektüre „Befreiung. Perspektiven jenseits der Moderne“ von Helmut Thielen (1994).

36Erinnern wir und, dass die Moskauer Kirche sich das schließlich 1448 auch erlaubt hatte und bis 1562 auf Anerkennung ihrer Autkephalie warten musste.

37http://tinyurl.com/h7meyfr

38Helena Blawatsky (1831-1891) – deutsch-russische Adelige, Begründerin der Theosophie.

39So bezeichnen Pomerantsev und/oder seine ÜbersetzerInnen das Moskauer Großfürstentum, Moskowien. Hauptsache, man versteht, worum es geht.

Literatur:

Bakunin, Michail (2003): Gott und der Staat. Grafenau

Bloch, Ernst (1985): Atheismus im Christentum. Zur Religion des Exodus und des Reichs. FfM

Bonč-Brujewič, Wladimir D. (1973): Isbrannyje ateističeskije proiswedenija. Moskwa

Borowoj, Alexej (Hrg.) (1926): Mihailu Bakuninu. Očerki istorii anarhičeskogo dwišenija w Rossii. Moskwa

Bremer, Thomas (2016): Kreuz und Kreml. Geschichte der orthodoxen Kirche in Russland. Freiburg, Basel, Wien

Danyluk, Roman (2010): Freiheit und Gerechtigkeit. Die Geschichte der Ukraine aus libertärer Sicht. Lich

Deschner, Karlheinz (1999): Oben ohne. Für einen götterlosen Himmel und eine priesterfreie Welt. Reinbek bei Hamburg

Dvorkin, Alexander (1992): Ivan the Terrible as a Religious Type. A Study of the Background. Genesis and Development of the Theocratic Idea of the First Russian Tsar and his Attempts to establish „Free Autocracy“ in Russia. Erlangen

Engels, Friedrich (1949) : Der deutsche Bauernkrieg. Berlin

Florenskij, Pawel (2001): Hristianstwo i kul’tura. Moskwa

Furman, Dmitrij und Kimmo Kaariajnen (Hrg.) (2007): Nowyje cerkwi, staryje werujušije – staryje cerkwi, novyje werujušije. Religija w postsowetskoj Rossii. Moskwa – St. Petersburg

Gordienko, N. S , P. M. Komarow und P. K. Kuročkin (1975): Politikany ot religii. Prawda o „russkoj sarubezhnoj zerkwi“. Moskwa

Gordienko, Nikolaj S. (1987): Sowremennoje russkoe prawoslawije. Leningrad

Hage, Wolfgang (1993): Das Christentum im frühen Mittelalter. Göttingen

Hielscher, Karla und Gerd Koenen (1991): Die schwarze Front. Der neue Antisemitismus in der Sowjetunion. Reinbek bei Hamburg

Kasakowa, Natalija und Jakow Lurje (1955): Antifeodal’nyje jeretičeskije dviženija na Rusi: XIV – načala XVI weka. Moskwa

Kuwakin, Walerij A. (1980): Religiosnaja filosofija w Rossii. Načalo 20go weka. Moskwa

Lilie, Ralph-Johannes (1994): Byzanz. Kaiser und Reich. Köln-Weimar-Wien

Marx, Karl (1977): Die Geschichte der Geheimdiplomatie des 18. Jahrhunderts. Über den asiatischen Ursprung der russischen Despotie. Berlin

Most, Johann (2006): Anarchismus in einer Nußschale. Münster

Nikol’skij, Nikolaj M.(1983): Istorija russkoj zerkwi. Moskwa

Nolte, Hans-Heinrich, Bernhard Schalhorn und Bernd Bonwetsch (Hrg.) (2014): Quellen zur Geschichte Russlands. Stuttgart

Plaksin, Roman J. (1987): Tichonowtschina i jejo krach. Posizija prawoslawnoj zerkwi w period Welikoj Oktjabr’skoj sozialističeskoj revoljuzii i grazhdanskoj wojny. Leningrad

Pomerantsev, Peter (2015): Nichts ist wahr und alles ist möglich. Abenteuer in Putins Russland. München

Ramm, Boris J. (1959): Papstwo i Rus’ v X-XV wekah. Moskwa-Leningrad

Sartorius, Bernard (1973): Die orthodoxe Kirche. Genf

Thielen, Helmut (1994): Befreiung. Perspektiven jenseits der Moderne. Würzburg

Voline (1955): The unknown Revolution. (Kronstadt 1921, Ukraine 1918-21). London (dt.: Volin (2013): Die unbekannte Revolution. Berlin)

Wajsskopf, Michail (2001): Pisatel’ Stalin. Moskwa

Wassiljew, M.A.(1999): Jasyčestwo wostočnyh slawjan na kanune kreschtschenija Rusi. Religiosno-mifologičeskoe wsaimodejastwie s iranskim mirom. Jasyčeskaja reforma knjasja Wladimira. Moskwa