«Wir sind Russen, Gott ist mit uns», Teil 1

von Ndejra

Ӝ

Zeigt uns übrigens nicht die Geschichte, dass die Priester

aller Religionen, ausgenommen die der verfolgten Kulte,

immer die Verbündeten der Tyrannei waren? Und gewöhnten

nicht selbst die Letzteren, während sie die ihnen feindlichen

Mächte bekämpften und verfluchten, ihre eigenen Gläubigen

an Gehorsam gegenüber einer neuen Tyrannei? Die geistige

Sklaverei, welcher Natur sie auch sein mag, wird immer die

politische und soziale nach sich ziehen. Heute stellt das Christentum

in all seinen Erscheinungsformen mitsamt der doktrinären,

deistischen oder pantheistischen Metaphysik, die nichts anderes

ist als eine schlecht verbrämte Theologie, das größte Hindernis

für die Befreiung der Gesellschaft dar; der Beweis hierfür ist,

dass alle Regierungen, alle Staatsmänner, alle, die sich, offiziell

oder inoffiziell, als Hirten der Volkes betrachten und in ihrer

großen Mehrzahl heute zweifellos weder Christen noch Deisten,

sondern Agnostiker sind, die (…) weder an Gott noch an den

Teufel glauben, aber nichtsdestoweniger mit sichtlichem

Interesse alle Religionen förderten, vorausgesetzt, dass sie

Geduld, Entsagung und Unterwerfung predigten, was sie

übrigens alle tun.

Michail Bakunin, „Die philosophischen Betrachtungen…“

Der Kapitalismus hat sich – wie nicht allein am Calvinismus,

sondern auch an den übrigen orthodoxen christlichen Richtungen

zu erweisen sein muss – auf dem Christentum parasitär entwickelt,

dergestalt, dass zuletzt im wesentlichen seine Geschichte die

seines Parasiten, des Kapitalismus ist.

Walter Benjamin, „Kapitalismus als Religion“

Die Idee, mich näher mit dem östlichen Christentum und in erster Linie mit der Russischen Christlich-Orthodoxen Kirche (im Weiteren ROK genannt) auseinanderzusetzen, kam mir in den Sinn, ehrlich gesagt, erst im Zuge des russischen hybriden Kriegs im Osten der Ukraine. Wer das Geschehen in Russland über die Jahre verfolgt hat, wird schon längst die schleichende Klerikalisierung des Landes, die vielem Immobilien- und Korruptionsskandale, in die die größte Landeskirche verwickelt war, bemerkt haben. Dass aber der multiethnische und folglich multikonfessionelle Staat, der qua Verfassung ein säkularer ist und keine offizielle Religion hat, in der letzten Zeit den christlich-orthodoxen Glauben beim Export und der Verfestigung der politischen Reaktion im Inneren immer öfter ins Feld bringt, das ist eine relativ neue Entwicklung. Das geschieht natürlich zuallererst zur Legitimation solch militärischer Auslandseinsätze wie der Annexion der Krim, in der Ostukraine oder letztens in Syrien bei der eigenen Bevölkerung. Wir werden allerdings sehen, dass Russland die ROK auch im Ausland zu legitimatorischen, imageverbessernden und diplomatischen Zwecken einsetzt.

Wir, AnarchistInnen, SozialistInnen und KommunistInnen als GegnerInnen der politischen Reaktion, wie sie in der Welt u.A. von Russland aktiv verbreitet wird, sollten ein Interesse daran haben, uns diese Reaktion und ihre Instrumente näher anzuschauen und sie einer vernichtenden Kritik zu unterziehen. Möge die vorliegende Schrift der Anfang dieses Unterfangens sein. Also wäre es an dieser Stelle angebracht, zu klären, was das Ganze hier wird und wozu genau es betrieben wird.

Der unmittelbare Anlass dieses Schreibens war der Kirchenkonflikt, der zwischen Russland und der angegriffenen Ukraine im Schatten des militärischen und als seine Verdopplung tobte und immer noch nicht zu Ende ist. So berichtete z.B die russische liberale Zeitung „Novaya Gazeta“ am 4.11.141, dass die religiöse Rhetorik im russisch-ukrainischen Konflikt eine immer größere Rolle spiele. Die pro-russische Seite gebe sich viel Mühe, diesen Raubkrieg sakral erscheinen zu lassen. Schließlich wurde in den Verfassungen beider sogenannten „Volksrepubliken“ Ultrakapitalismus und „der christliche orthodoxe katholische Glaube östlicher Auslegung“ festgeschrieben – bereits zu der Zeit als AntiimperialistInnen, NeostalinistInnen und Putin-Fans weltweit noch von „sozialistischen Verfassungen“, „revolutionären Volkserhebungen gegen die Oligarchen“ usw. halluzinierten2. Während die deutschen Redcons3 auf ihren öden LL-Demonstrationen in Berlin sich nicht entblödeten, das Gesicht eines erzreaktionären Separatistenanführers wie Alexej Mosgowoj4 neben denen Luxemburgs, Liebknechts und Che Guevaras vor sich zu tragen5, nennt selbst die Zivilbevölkerung der „Volksrepubliken“ die ungebetene Guerilla „die christlich-orthodoxe Taliban“. Die „Volksrevolutionäre“ bedrängten und vertrieben laut des Berichts der Novaya Gazeta noch im Sommer 2014 in der Tat VertreterInnen und enteigneten Gebetshäuser aller anderen Konfessionen: Protestantische, Römisch-Katholische, Griechisch-Katholische und – nicht zuletzt – Christlich-Orthodoxe, die dem Kyiver Patriarchat unterstellt sind. Der Chefideologe der Donezker Volksrepublik, Igor Drus’ antwortete auf den Einwand, seine „christliche russische Armee“ würde auf genau solche orthodoxen Christen auf der ukrainischen Seite schießen, laut demselben Bericht folgendermaßen: „Auf der ukrainischen Seite gibt es überhaupt keine, weil kein getaufter orthodoxer Christ gegen Nowrossija kämpfen wird, die Einheit des heiligen Rus’ ist von Gott gewollt“.

Die ukrainische Abteilung der ROK, die Ukrainische Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats (im Weiteren: UOK-MP) jedoch fühlt sich dabei ziemlich unwohl. Objektiv pro-russisch, verliert sie einerseits immer mehr an Einfluss unter der ukrainischen Bevölkerung und kann sich andererseits politisch nicht klar genug positionieren: ruft sie zum Frieden auf, sind das Moskauer Patriarchat und die pro-russisch eingestellten UkrainerInnen enttäuscht; unterstützt sie die scheinbar theologisch motivierten SeparatistInnen im Osten, kriegt sie Ärger mit dem ukrainischen Staat und verliert ihre pro-ukrainischen Schäfchen. Um es noch absurder zu machen: christlich-orthodoxe Gebetshäuser auf der besetzten Halbinsel Krim hätten eigentlich, seitdem es de facto russischer Boden geworden ist, dem Moskauer Patriarchat zufallen sollen, die UOK-MP hat sie aber beibehalten. Scheint, als hätte die UOK-KP (Kyiver Patriarchat) die Annexion immer noch nicht hingenommen.

Das Verhältnis zwischen diesen zwei Abteilungen derselben Kirche war nie gelassen. Was demnächst passieren wird, ist schwer vorauszusehen – diskutiert wird es seit Jahren und bis jetzt. Es existieren Pläne, die Autokephalie der UOK-KP vom Konstantinopeler Patriarchat anerkennen zu lassen, damit die UOK-KP endlich zur ukrainischen Landeskirche und somit einer unter anderen orthodoxen Kirchen gleichberechtigten Kirche werden kann6; verwaltungstechnisch eine extra Kirche für „Noworossija“ zu kreieren; eine neue allukrainische orthodoxe Kirche zu schaffen, indem man die UOK-KP mit der Ukrainisch-Autokephalenen Kirche zusammenbringt und die UOK-MP auf ukrainischem Boden auflöst7, usw. usf. Wie wir sehen, ist es ein sonderbares Wirrwarr, welches nur so tut, als ginge es um theologische oder kirchenrechtliche Fragen. Jedoch befinden wir uns längst auf dem Felde der Staatspolitik. Selbst wenn sich der Moskauer Patriarch Kyrill mit Papst Franziskus am 12. Februar 2016 auf Kuba traf, um ein von gutem Willen und leeren Phrasen triefendes Papier zu verabschieden, für welches sich scheinbar nur Gläubige zu interessieren haben8, wurde u.A. über den Krieg in der Ukraine und über den Zustand der ukrainischen Kirchen gesprochen – freilich ohne deren Vertretungen, die das schon sehr übel genommen haben9.

Bilder aus der sogenannten „Noworossija“, auf welchen neben den offiziellen russischen, den Fahnen der DVR und LVR auch die bei russischen Neonazis so beliebte schwarz-gelb-weißen monarchistischen, rote mit Hammer und Sichel und Standarten mit Heiligenbildern wehen, werden selbst den Redcons im Westen nicht entgangen sein. Wir werden aber ziemlich bald sehen, dass es sich auch hier weder um ernst zu nehmende Bezüge auf irgendwie geartete Vorstellungen menschlicher Emanzipation handelt, noch dass es sonderlich viel mit Theologie zu tun hat. Doch bevor es soweit ist, will ich den geneigten LeserInnen einen programmatischen Text nicht vorenthalten, aus dem hoffentlich klar wird, was für durchgeknallte Irre die „Volksrepubliken“ gründen halfen. So schrieb der bereits erwähnte Igor Drus’ im Herbst 2014 in einem Artikel, den er ganz unverhohlen „Wir sind die russische Gegenrevolution“ betitelte:

Die hässliche Banderowschtschina10, die heutzutage die Ukraine mit Blut übergießt, hat lange Wurzeln. Sie liegen nicht nur in der Ideologie des Faschismus, die in der ersten Hälfte des 20. Jhd. In Europa so populär war. Alle radikalen Russophoben der letzten Jahrhunderte bereiteten den Boden für den Sieg solch unmenschlicher Irrlehren auf dem Territorium der Russischen Welt. Darunter sind Anhänger der von der russisch-orthodoxen Kirche verurteilten totalitären Sekte der Freimaurer – die Dekabristen11, der Londoner Exilant Herzen12, der gotteslästernde Säufer Schewtschenko13, die Volkstümler und Bolschewiki, die die Grenzen der heutigen Ukraine gezeichnet und der U(krainischen)SSR das Recht eingeräumt haben, unsere gemeinsame Heimat zu verlassen. (…) Die qualitativ neue Welle der Russophobie in der Ukraine fingen die Liberalen während der Perestrojka und danach an, sie machten die Banderowschtschina zu einem Massenphänomen, was bis dahin nicht einmal in ihren westlichen Teilen der Fall war. Also ist die Banderowschtschina wahrlich nur eine Fortsetzung einer Reihe von Revolutionen. Und nun, zum ersten Mal nach vielen Jahren, bäumte sich die russische Gegenrevolution gegen die revolutionäre russophobe Orgie auf. (…) Die Meisten in der Bürgerwehr sind nicht einfach nur Antifaschisten, sie sind orthodoxe Christen, Idealisten, die für den Glauben und das Vaterland, für ihre Nächsten und gegen den Faschismus kämpfen. Aus diesem Grund betonte der Gründer der DVR-Armee und ihr erster Abwehrminister, Igor Strelkow, treffend in seinem Erlass über das Verbot von Kraftausdrücken in der Armee: ‘Wir nennen uns christlich-orthodoxe Armee und sind stolz darauf, dass wir keinem goldenen Kalb, sondern unserem Herren Jesus Christus und unserem Volk dienen. Auf unseren Fahnen ist das Gesicht des Erlösers abgebildet’. (…) Mehrmals besprach ich mit Igor Iwanowitsch die Frage der ‘bunten Revolutionen’ – der ‘orangenen’, der ‘Euromaidan-Revolution’, der ‘Revolution der weißen Schleifen’14 und anderer. Wir akzeptieren sie natürlich nicht und werden sie immer bekämpfen. Aber man soll verstehen, dass sie die Fortsetzung alter Revolutionen sind (…). Und zwischen ihnen allen gibt es trotz der scheinbaren Differenzen in ihren Losungen viele Ähnlichkeiten. Zwischen der ‘großen’ Französischen, der Februar- und Oktoberrevolutionen, der Perestrojka von 1991, dem ukrainischen Maidan von 2004 und 2014 z.B. gibt es verblüffende Ähnlichkeiten. Denn das Eigentliche an Revolutionen – trotz ihrer scheinbaren Unterschiede – ist ihre Auflehnung gegen Gott, ihr zoologischer Hass aufs Christentum, die ökonomische und politische Versklavung von Menschen unter den Parolen der ‘Freiheit’ und der ‘Gleichheit’, Zerstörung der Institution der Familie, Russophobie. (…) Diejenigen wenigen heutigen Kommunisten, die zusammen mit den orthodoxen Christen in Noworossija kämpfen, sind genau wie wir Gegenrevolutionäre, nur nicht genügend konsequent. Im Großen und Ganzen sind sie Träger positiver Werte, sind sich aber leider noch nicht ganz im Klaren über die Vergangenheit und die Zukunft. Sie loben z.B. die Anführer vergangener Revolutionen. Aber Lenin und Trotzki hätten Syganow und Simonenko15 wegen ihrer Sympathien für Russland und den (christlich-)orthodoxen Glauben erschossen. Das waren Russophoben, die offen die Niederlage Russlands in einer Reihe großer Kriege wünschten, die offen von der ‘Notwendigkeit’ eines Bürgerkrieges in Russland sprachen. Das waren inbrünstige Feinde des Christentums, die Tausende von Priestern, Mönchen, Zivilisten wegen ihres orthodoxen Glaubens vernichteten. In der UdSSR gab es lange Perioden des Abrückens von den revolutionären Prinzipien, Trotzki selbst bezeichnete treffenderweise Stalin als einen ‘Konterrevolutionären’, aber leider war das Abrücken von kommunistischen Ideen unter Stalin und Brezhnew nicht konsequent, obwohl sie im Rahmen jenes von der Revolution geschaffenen Systems nicht anders hätten werden können. Der ‘Euromaidan’ ist der Urenkel der ‘Krasnaja Presnja’ von 1905, der Enkel des Kreuzers ‘Aurora’ mit seiner legendären Salve, der Sohn des Moskauer Staatsstreichs und des Kyiver StudentInnenaufstands von 1991, der kleine Bruder des Maidan von 2004. (…) Wirklich konsequenter Gegenrevolutionär kann nur ein getaufter orthodoxer Christ sein. Dafür hassen uns die Feinde Russlands so.“16

Weiter im Text steigert sich Drus’ noch zur Formulierung einer weltweiten Verschwörung gegen das Bollwerk der traditionellen christlich-orthodoxen Zivilisation in der sogenannten „russischen Mir“, er schwadroniert von Freimaurern und Bilderbergern, die der gesamten Menschheit elektronische Chips einpflanzen wollen u.Ä. Dennoch wird der Feind relativ deutlich bestimmt: es ist die Revolution, die hier als der ewige metaphysische Gegenspieler der göttlichen Ordnung erscheint. So müssen die Große Französische und die Oktoberrevolution neben solchen vergleichsweise harmlosen Volkserhebungen stehen, wie die beiden ukrainischen Maidans es waren, und der „Revolution der weißen Schleifen“, die nicht einmal eine Erhebung, geschweige denn eine Revolution war. Es ist die Selbstermächtigung der Menschen, vor der es unseren „Gegenrevolutionären“ graust. Die „Gegenrevolution“ nach Innen und nach Außen darf daher gerne präventiv sein; eine pathische Projektion (Adorno: 2012), die grausam wird, um vermeintlich schon geplante Grausamkeiten abzuwenden, und diese dabei übersteigt. Zum Einen wird daraus klar, dass das ganze ungeheure Christentum, welches Drus’, Strelkow und Co. nicht mehr in sich behalten konnten, nur eine austauschbare Marotte ist, zum Anderen jedoch, dass die „Volksrepubliken“ in der Tat eine Art mafiös-konservative Utopie darstellen, ein Ausblick auf das „bessere“, künftige Russland sozusagen.

Dieser Wahn ist jedoch keine neuere Zuckung des postmodernen Geistes, sondern geht zurück zum Einen auf den alten Antisemitismus der stalinschen Ära und, zum Anderen, auf die Reaktion der in die Dissidentenbewegung abgedrängten Intellektuellen darauf, vor allem der SchriftstellerInnen. Diese Scheinopposition entdeckte für sich die „traditionellen Werte“ als den Gegenpol zur offiziellen, verhassten kommunistischen Ideologie wieder, das „Volkstum“, „zurück aufs Land“ und selbstverständlich die „Volksreligion“. Schon 1969, während des sogenannten politischen „Tauwetters“, schrieb z.B. der renommierte Schriftsteller Lantschikow: „Wenn wir die Rolle der Orthodoxie verleugnen, weiß ich nicht, was von Russland übrig bleibt“. (zit. nach Hielscher / Koenen 1991, S. 34) Der nationalkonservative Diskurs tobte die 1970er und 1980er Jahre hindurch hauptsächlich in den offiziellen Literaturzeitschriften, was als „Krieg der Literaten“ bezeichnet wurde. Die neu entdeckte Liebe zur „eigenen Kultur“ ging einher mit der Feindbestimmung „des kleinen Volkes“, welches sein Unwesen im „großen Volke“ treibt, und mit dem Begriff der „Russophobie“. Mit dem „Russophobie“-Vorwurf wurden in erster Linie die Fragen der Vergangenheitsaufarbeitung und der eigenen Schuld an der sich langsam abzeichnenden Krise der sowjetischen Gesellschaft abgewehrt. Ende der 1980er entdeckte mensch neben den berühmten „Protokollen der Weisen von Zion“ auch alte antijüdische kirchliche Quellen und bediente sich ihrer in den Debatten immer offener. Diese Entwicklung mündete 1990 in der Gründung eines erzkonservativen Zirkels innerhalb der „Kommunistischen Partei Russlands“; dem skandalösen offenen „Brief der 74“ Literaten an die Leitgremien der KPdSU, der vor antiliberaler und antisemitischer Hysterie nur so strotzte; die nationalistische Organisation „Pamjat“ forderte „Dezionisierung“ der UdSSR; die Nachahmer-Organisationen der „Schwarzen Hundert“17 schossen aus dem Boden. (Hielscher / Koenen 1991) Ebenfalls 1990 gründet sich die Russische Nationale Einheit18; der Vorsitzende der Liberal-Demokratischen Partei Russlands (gegründet 1989), Wladimir Schirinowskij, macht sich einen Namen als chauvinistischer Clown im Parlament; 1993 gründete der Chefideologe des „Eurasismus“, Alexander Dugin, die National-Bolschewistische Partei19 mit. Also: Kommissar Drus’ und seine christlich-kommunistisch-monarchistischen Mitkombattanten können sich auf eine lange und reichhaltige Tradition des nationalistischen Wahnsinns berufen.

Dennoch ist Russland nicht „der neue Iran“, selbst wenn Präsident Putin in seiner Rede an die Nation die annektierte Krim als für alle RussInnen heilige Stätte bezeichnet20, die aus eben diesem Grund unbedingt „heim ins Reich“ musste, oder wenn Semjon Bagdasarow, ein Duma-Abgeordneter und Direktor des Forschungsinstituts für Nahen Osten, kurz nachdem das Parlament den Syrieneinsatz der Armee durchgewunken hat, im Fernsehen proklamiert, dass Syrien „für uns“ der heilige Boden ist21, oder selbst wenn Patriarch Kyrill behauptet, dass in Syrien auch für ChristInnen ein „Heiliger Krieg“ tobt22. Selbst dann nicht, wenn der mittlerweile ehemalige Pressesprecher der ROK, Wsewolod Tschaplin der Popularität des Islamischen Staates dadurch vorbeugen will, dass man „die besten Ideale des Heiligen Rus’, des Kalifats und der UdSSR“ verwirklicht23. Um Einiges wichtiger als diese Konsolidierungs- und Legitimationsideologie ist es, wie es die – wohlgemerkt multiethnische und multikonfessionelle – Bevölkerung damit hält. Und sie hält es damit nicht sehr anders, als die zutiefst religiösen PolInnen oder SpanierInnen, die den Beteuerungen ihrer Klerikalen nach geschlossen hinter ihren Kirchen stehen. Das mag vielleicht ein Wunschbild der Herrschenden oder gar ein Selbstbild der Beherrschten sein, die Realität muss sich nicht daran halten. Belegt wird dieser Widerspruch durch die emsige soziologische Datensammlerei.

Die Soziologen Furman und Kaariajnen liefern in der Beitragssammlung „Neue Kirchen, alte Gläubige – alte Kirchen, neue Gläubige. Religion im postsowjetischen Russland“ (2007) scheinbar recht paradoxe Daten. Zum einen wird das Bild der ROK in der Gesellschaft über die Jahre umso positiver, je weniger Hilfe in konkreten Situationen von ihr erwartet wird. So fällt er Glaube, dass die Kirche imstande ist, auf die wichtigsten Fragen des Lebens eine Antwort zu geben, kontinuierlich von 1991 bis 2005, was die Autoren mit der allmählichen Stabilisierung der Gesellschaft nach ihrem Zusammenbruch erklären. Die Kirche wird vielmehr als etwas Übergesellschaftliches, Unveränderliches und der Nation Vorangehendes gesehen, sie wird zum Symbol des „Russisch-Seins“, der nationalen Einheit. Selbst Menschen, die sich selbst als AtheistInnen oder Konfessionslose begreifen, sind mehrheitlich der Meinung, dass die ROK in der Gesellschaft eine privilegierte Stellung einnimmt bzw. einnehmen soll (das waren 2005 jeweils 36% und 45% der Befragten). Vergleichbare Werte liegen vor, wenn es um die Beteiligung der ROK am Gesetzgebungsprozess und an der Regierung oder das Zensurrecht der Kirche in den Massenmedien geht (erinnern wir uns an dieser Stelle, dass der Glaube an jegliche konkreten Lösungsvorschläge seitens der Kirche bei der Bevölkerung schwindet!). Etwa 24% der AtheistInnen und 22% der Konfessionslosen vertraten 2005 die Meinung, man sollte antireligiöse Propaganda in der Öffentlichkeit verbieten, jeweils 14% und 12% waren der Meinung, man sollte antireligiöse Literatur aus den Bibliotheksbeständen verbannen. Und das, um es noch deutlicher aufzuzeigen, ohne Gläubige oder „irgendwie Religiöse“ dabei. Man fragt sich beinahe verzweifelt, was denn das für „AtheistInnen“ und „Konfessionslose“ sind in der ehemaligen „Heimat der revolutionären Proletariats“? Das Bild wird etwas heller, als die Autoren zum eigentlichen, scheinbar paradoxen Befund kommen: 2005 gab es unter ethnischen RussInnen mehr selbsternannte orthodoxe ChristInnen als überhaupt Gläubige. Mensch kommt dahinter, wenn man nachfragt und konstant hohe Zustimmungswerte auf Fragen bzw. zu Aussagen erhält wie z.B. : „EinE RussIn, selbst wenn nicht getauft und nicht in die Kirche gehend, ist noch immer orthodox im Herzen“, „Wenn einE RussIn vom orthodoxen Glauben in einen anderen wechselt, hört er/sie auf echteR RussIn zu sein“, „Der echte orthodoxe Glaube ist nur in Russland zu finden“, „EinE NichtrussIn, selbst wenn getauft und in die Kirche gehend, wird niemals wirklich orthodox“, „RussInnen leben ärmer als die Menschen im Westen, sind aber geistig reicher und glauben stärker“ und „Westliche Kirchen schaden dem russischen Volk und unterwandern seinen Glauben, wenn sie in Russland missionieren“. (S. 42) Kurzum, es ist ein Teil des nationalen Selbstbewusstseins, nicht mehr und nicht weniger. Die „orthodoxen ChristInnen“, die zum Teil – das folgt ebenfalls aus weiteren Umfragen von Furman und Kaariajnen – nicht alle christlichen Dogmaten akzeptieren und sie ggf. mit unterschiedlichsten im Christentum verpönten Aberglauben kombinieren, wie z.B. Astrologie, Magie oder UFOs – sie sind schon „gläubig“ ihren Selbstverständnis nach, die an einen personifizierten Gott Glaubenden sind jedoch in der Minderheit! (S. 50) Mit Sicherheit kann mensch nur eines behaupten: diese „Gläubigen“ sind wohl keine wirklich an die kirchlichen Dogmen glaubenden Menschen; diese „AtheistInnen“ sind wohl keine militanten ReligionsgegnerInnen, welche man sich noch zur Sowjetzeit hätte vorstellen können. Zwar wächst die Anzahl derer, die „an Gott glauben“, andererseits „sehr wichtig“ ist die Religion im Leben nur 15% der Befragten, darunter 25% der Gläubigen – „ziemlich wichtig“ für jeweils 30% und 44% (S. 52) Während die äußeren Bekenntnisse (wie in die Kirche gehen, Fasten, Bereitschaft sich bestimmten Riten zu unterziehen) immer noch recht weit verbreitet sind, sieht es recht erbärmlich aus, wenn es jedoch um die persönliche, intime Glaubenspraxis oder überhaupt Dogmenkenntnis geht. Was wiederum seinen Ausdruck in der allmählichen Säkularisierung und Liberalisierung von Moralvorstellungen trotz wachsender Religiosität findet. (S. 78) Kurzum, wir haben es hier mit dem Anwachsen einer institutionalisierten, äußerlichen Religiosität zu tun, die – so zumindest die beiden Autoren – allen „post-kommunistischen“ Gesellschaften Osteuropas gemeinsam ist.

Und wenn die Daten vielleicht veraltet scheinen: 2010 wurden die hohen Religiositätswerte ebenfalls angezweifelt: selbst nach dem großzügig angelegten Kriterium „ein oder zweimal jährlich in die Kirche gehen“ gäbe es in Russland nur 18-20% orthodoxer ChristInnen24. Die etwas einfacher angelegten demoskopischen Studien des „Lewada“-Instituts weisen auf vergleichbare Sachverhalte hin25. Interessanterweise ergibt sich ein ähnliches Bild auch für die Ukraine26 und das angeblich erzkatholische Polen27, die mitunter als die religiösesten Länder in Europa gelten. Es scheint auf die durch den Zusammenbruch totalitärer Ordnungen und die nachfolgende Anomie zerrütteten Gesellschaften Osteuropas in der Tat zuzutreffen, was Adorno 1958 über die Renaissance der Religion im Westen schrieb:

Ihr (der Menschen, d.V.) Bedürfnis nach Bindungen ist daher zunehmend eines nach geistiger Verdoppelung und Rechtfertigung ohnehin schon vorhandener Autorität. Die Rede von der transzendentalen Obdachlosigkeit, die einmal die Not des Individuums in der individualistischen Gesellschaft aussprach, ist zur Ideologie geworden, zur Ausrede für den schlechten Kollektivismus, der sich, solange gerade kein autoritärer Staat zur Verfügung steht, auf andere Institutionen mit überpersonalem Anspruch stützt. Das ins Ungemessene anwachsende Missverhältnis zwischen gesellschaftlicher Macht und gesellschaftlicher Ohnmacht setzt sich fort in der Schwächung der inneren Zusammensetzung des Ichs, das es schon nicht mehr aushält, ohne sich mit eben dem zu identifizieren, was es zur Ohnmacht verdammt“. (Adorno 1969)

Um es noch mal zusammenzufassen: auf der einen Seite haben wir zumindest in Russland eine pseudo-religiöse Mehrheit, die der traditionellen, recht strengen Religion des Landes nur pro forma anhängt, und sich ansonsten im Privaten eine unverbindliche, eklektizistische Wohlfühl-Religion mit unterschiedlichsten esoterischen oder Aberglaubensversatzstücken zusammenschustert. Auf der anderen Seite allerdings eine immer dreister ihre wirtschaftlichen und innenpolitischen Ansprüche geltend machende Kirche in einem säkularen Staat; auf der anderen – Staatsmänner und -frauen, die inzwischen auch ihre Religiosität immer öfter für politische Zwecke heraushängen lassen und sogar bei außenpolitischen Belangen auf religiöse Rhetorik zurückgreifen28 und damit bei der pseudo-gläubigen Bevölkerung auf Gehör treffen. Wahrlich paradox ist dieses ernste Spiel der Herrschaft, bei dem alle Beteiligten so tun, als würden sie diese Oberflächlichkeiten glauben, und schaffen währenddessen die handfesten Tatsachen des gesellschaftlichen Lebens, den Bund von Herrschern und Beherrschten29. Selbst die diffus formulierten ominösen Gesetze, die die Gefühle der Gläubigen vor jeglicher Kränkung schützen sollen, schützen in erster Linie die Interessen der christlich-orthodoxen Oberhäupter und ihrer Schergen30: wie wäre es denn sonst möglich, dass aus dem – juristisch gesehen – harmlosen Happening von Pussy Riot 2012 so ein Justizskandal geworden ist, der so viel Resonanz in der Bevölkerung fand? Es scheint, dass im heutigen Russland Bakunins „Gott und der Staat“ eine unverhoffte Aktualität erlangt hatte: „Denn wer in diesem geheimnisvollen Alphabet A sagt, sagt schließlich unvermeidlich auch Z, und wer Gott anbeten will, muss ohne sich kindische Illusionen zu machen, tapfer auf seine Freiheit und Menschlichkeit verzichten“. (2003, S. 59) Hat man denn nicht seit dem „Tauwetter“ der 60er Jahre diese „Spiritualität“ auf sich (aber vielmehr auf seine Mitmenschen) heraufbeschworen? Nun ist sie da und es gab keine andere als diese.

Nicht anders verhält es sich mit der in der letzten Zeit immer stärker um sich greifenden Begeisterung für die „glorreiche“ sowjetische Vergangenheit, die nicht nur deutsche Redcons irritiert. Nicht umsonst greift sie solche „Heldentaten“ des roten Zaren Stalin auf wie z.B. Industrialisierung, Urbanisierung, den katastrophalen Sieg im „Großen vaterländischen Krieg“ und den Wiederaufbau der von den Bolschewiken faktisch abgeschafften ROK, lässt aber den revolutionären Reichszerstörer Lenin draußen. Es ist sonnenklar, dass der Bezug auf die sowjetische Vergangenheit mit all ihrer roten Fahnen mit Hämmern und Sicheln nichts mit dem kommunistischen Traum von der befreiten Menschheit zu tun hat, sondern im Gegenteil – zum nationalen Mythos des neuen Russlands gehört, wo er sich postmodern-widerspruchsfrei mit der Erzählung von der Byzanz-Nachfolge verträgt. (Vgl. dazu Schumatsky 2016)

Die unheilige Allianz der ROK mit dem Gewaltapparat des Staates hat trivialere Gründe als ideelle und geschichtliche Verwandtschaft geistlicher und weltlicher Herrschaft. Es gibt reichlich Anlass dazu, die ROK vor allem als ein mächtiges Wirtschaftsunternehmen aufzufassen. Seine wirtschaftliche Macht beruht nicht nur auf der Spendenbereitschaft verarmter Omas und Leute, die warum auch immer beim Heiraten o.Ä. viel Wert auf traditionelle Rituale legen. Es sind hauptsächlich staatliche Subventionen und ähnliche Vergünstigungen und das eigene fleißige Wirtschaften, welches den Bräuchen der kapitalistischen Verwertung entsprechend ziemlich rücksichtslos vonstatten gehen kann.

Jede Gemeinde, jeder Priester, jedes Kloster ist ein selbständiges bzw. untergeordnetes wirtschaftliches Subjekt; sie alle sind in der großen Korporation namens ROK zusammen gefasst. Jede einzelne Gemeinde wird als ein juridisches Subjekt und als eine nicht-kommerzielle religiöse Organisation registriert. Gewinne, die die ROK mit rituellen Dienstleistungen oder mit dem Verkauf religiöser Literatur oder Gegenstände erwirtschaftet, sowie Spenden, werden nicht vom Staat besteuert. Das Unternehmen ist strikt hierarchisch aufgebaut und gibt organisiert den Geldfluss von unten, von den kleinsten Wirtschaftseinheiten (von denen es mittlerweile ca. 34 500 gibt) nach oben, zur Spitze. Genauere Vorgaben gibt es zwar nicht, aber zwischen 10% und 50% der Gewinne müssen an das nächste höhere Hierarchieglied weitergegeben werden, was insbesondere den kleinen Gemeinden in der Provinz zu schaffen macht. Einige Gemeindepriester vergleichen sogar die ROK mit einer Franchisingkette: sie sind verpflichtet bestimmte Ware bei bestimmten Großhändlern gegen Kommission abzunehmen und sie in einem bestimmen Umfang abzusetzen31.

Zu den wichtigsten eigenen Betrieben der ROK zählen Ikonen- und Kerzenfabriken – die Herstellung einer Kerze kostet z.B. weniger als 1 Rubel, verkauft wird sie allerdings für mindestens 20 – und die Hostelkette für PilgerInnen „Danilowskaja“ (- diese hat 2014 112 Mio. Rubel erwirtschaftet). Die Kirche mischt auch im Finanzsektor mit: obwohl die Bank „Sofrino“ 2014 abgewickelt wurde, gehen jetzt die Finanzhauptströme meistens durch die Bank „Pereswet“ (gehört der ROK zu 49,9% und ist unter den oberen 40 Finanzinstituten Russlands). Der Wechsel zwischen diesen zwei Banken ist bedingt durch den Wechsel zwischen zwei Cliquen an der Spitze der Kirche: „Sofrino“ gehörte dem Team um den 2008 verstorbenen Patriarch Alexij II, hinter „Pereswet“ stehen bereits die FreundInnen Kyrills32.

Die Unternehmerkarriere Kyrills verdient auch wenigsten eine kurze Erwähnung. Sie begann 1993, als Kyrill noch die Abteilung für Außenbeziehungen der ROK leitete. Damals entstand nämlich ein kirchennahes Gremium, welches die humanitäre Hilfe aus dem Westen – u.A. Tabak – an der Steuerbehörde vorbei ins Land karrte und zum Marktpreis absetzte. 1996-1997 wurde aus der Sache doch noch ein Skandal und die ROK stieg auf Erdölexport um. Die kirchennahe AG „Internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit“ wurde auf Bitte des damaligen Patriarchen Alexej II ebenfalls von der Besteuerung befreit, ihr Umsatz betrug im Jahr 1997 ca. 2 Mrd. US-Dollar33.

Die wirtschaftlichen Felder, die die ROK ansonsten beackert, sind recht vielfältig: Security-Firmen, Verlage, kleinere TV-Sender, selbst am „BMW-Russland“ in Kaliningrad beteiligte sich eine kirchliche Stiftung34. Aber die wohl wichtigste und stabilste Einkommensquelle der ROK ist die Renovierung und der Wiederaufbau der Kirchen.

Nach dem 2010 verabschiedeten Gesetz darf die Kirche Gebäude oder Ländereien einfordern, die ihr nach der Oktoberrevolution enteignet wurden. Das Gesetz ist allerdings so schwammig formuliert, dass sie mitunter auch Gebäude einfordert, die mit ihr historisch nur bedingt etwas zu tun hatten35. Alleine in den letzten 4 Jahren bekam die ROK 270 Immobilien in ganz Russland. Der Trick dabei: die meisten Objekte werden gepachtet, viel weniger werden zu kirchlichem Eigentum. Für gepachtete Immobilien dürfen noch staatliche Subventionen zu Restaurierungs- oder Umbauarbeiten beantragt werden, für das Eigentum muss man schon selbst aufkommen. Genau für solche Zwecke waren 2015 im Staatshaushalt 2,6 Mrd. Rubel eingeplant36. 2014-2015 bekam die ROK im Rahmen des Förderungsprogramms „Stärkung der Einheit der russischen Nation und ethnokulturellen Entwicklung der Völker Russlands“ 1,8 Mrd. Rubel für den Unterhalt religiös-kultureller Zentren.

Also: wenn der Öffentlichkeit Museen, Krankenhäuser oder bewohnbare Häuser entzogen werden, heißt das bei der ROK „die Wiederherstellung der historischen Gerechtigkeit gegenüber der Kirche“. Die teilweise vorhandene touristische Infrastruktur drum herum, die von der „gottlosen“ Sowjetmacht gebaut wurde, wechselt dabei ebenfalls den Besitzer. Ein prominentes Beispiel unter vielen: die Aneignung des Naturpark-Museums auf dem Walaamer Archipels durch das 1992 wieder eröffnete Kloster, die u.A. mit der Vertreibung der InselbewohnerInnen einher ging37. Ein anderes Beispiel für diese aggressive Aneignungsmethode war der Konflikt um Teile der Kinderklinik für Infektionskrankheiten in Moskau, die in der Vergangenheit niemals der Kirche gehörten: die Klinik bekam keine Entschädigung, dafür baute die ROK auf ihrem Territorium ein Zentrum für Schönheitschirurgie38. Auch die Konflikte um das Moskauer Bauprogramm „200 Tempel“ hören nicht auf, welches vor allem in den Moskauer Schlafquartieren ein dichtes Netz aus Gebetshäusern vorsieht, die für JedeN zu Fuß erreichbar werden sollten39 – einer Unternehmenskette nicht unähnlich. Oft sollen neue Kirchen in Parks, auf Spielplätzen oder mitten in den Höfen gebaut werden; die Auseinandersetzungen vor Gericht werden nicht selten von Einschüchterungen oder gar körperlichen Auseinandersetzungen mit bezahlten Schlägertrupps begleitet, die sich für religiöse Bürgerbewegungen ausgeben40. Die Verbissenheit der Kirche, mit der dieses Programm durchgeführt wird, ist verständlich: in jedem Gebetshaus verkauft mensch nämlich Ritusgegenstände aus Edelmetallen und es ist ein gutes Geschäft. Es soll eine Juweliergeschäftskette werden41. Dem Bericht der Steuerbehörde zufolge steigerte die ROK 2015 – als die Sanktionen Russlands Wirtschaft hart getroffen hatten – ihre Gewinne von rituellen Dienstleistungen und dem Verkauf religiöser Literatur und Ritusutensilien um 27% auf 1,79 Mlrd. Rubel (d.h. alleine von Privatpersonen, ohne die Überweisungen der Tochterunternehmen zu berücksichtigen)42.

Das sind jetzt alles Gründe, warum ich es weder für möglich noch für nötig halte, bei der Religionskritik, die ich zu entwickeln versuche, auf die Theologie einzugehen. Ich habe nicht vor, Gläubige beim Theologiestudium im Fleiß zu übertreffen, also den orthodoxen Christen ihre eigene Dogmatik darzulegen und von ihnen moralisierend einzufordern, dass sie sich gefälligst christlich verhalten. Das würde zum Einen bedeuten, sich auf das Niveau der Theologiekritik zu begeben, aber keine Religionskritik zu betreiben; zum Anderen aber, mit dem Gegenstand der Kritik Frieden zu schließen. Die Beschäftigung mit der christlich-orthodoxen Theologie halte ich alleine aus dem Grund für uninteressant, dass sie sich nicht so sehr von der römisch-katholischen unterscheidet (also setze ich sie in ihren Grundzügen als bekannt voraus) und dass spätestens seit den 1960ern ein ökumenischer Dialog seitens der ROK aktiv betrieben wird, d.h. zumindest versucht wird, der Zersplitterung der christlichen Weltkirche auf dem Feld der Theologie beizukommen und auch in der Dogmatik Kompromisse auszuhandeln43. (Vgl. dazu Gordienko 1987) Also, ob man gesäuertes oder ungesäuertes Brot für Oblaten nutzen, ob man von links nach rechts oder von rechts nach links Kreuze schlagen soll, wie unbefleckt Marias Empfängnis war und warum, und dergleichen Fragen mehr, das möge jedeR für sich bei Interesse herausfinden. Ich könnte mich stattdessen philologisch auch mit uigurischen Heldenepen beschäftigen und glaube, dass damit mehr für die Menschheit getan wäre.

Ich habe ebenfalls nicht vor, eine Religionssoziologie aufzumachen, denn die Soziologie lebt von der scheinbar objektiven, unparteiischen Beschäftigung mit ihrem Gegenstand, ist also wenigstens unbewusst daran interessiert, dass der Gegenstand erhalten bleibt. Auch wenn ich es für dringend geboten halte, die Kritik soziologisch zu erden, bevor man versucht eine Religion ihrer Unwahrheit zu überführen, indem man ihre heiligen Schriften wörtlich nimmt; oder bevor mensch auf die unter „Ideologiekritischen-und-sonst-nichts“ sehr populäre Weise darüber spekuliert, wie viel Stirner44 in der Esoterik, wie viel Esoterik im Islam, wie viel Islam in Hitler und – ergo – wie viel Hitler in Stirner steckt und das Ergebnis den akademischen Kreisen stolz als Erledigung der Religion präsentiert45. Soll ich etwa aus dem Fehlen des Filioques im östlichen Glaubensbekenntnis eine besondere Staatsgläubigkeit und Servilität aller orthodoxen ChristInnen ableiten und so beweisen, dass sie im Gegensatz zu im westlichen Christentum sozialisierten Menschen nicht „zivilisationsfähig“ sind46? Noch zu den Zeiten, als Menschen sich wegen eben diesem Filioque noch zu Köpfe einzuschlagen bereit waren, ging es bei all den theologischen Streitigkeiten – wie es noch zu zeigen wird – um etwas anderes und das wussten sie damals schon ganz genau.

Inwiefern handelt es sich hier also um eine Kritik, die „nur“ der Religion gilt? Wir haben bereits gesehen, dass diese vermeintliche neu entdeckte Religiosität der RussInnen die alte Religiosität des russischen Staates ist. Die Kritik der Religion wäre in diesem Fall die Kritik der (russischen) Nation, des Staates, der Herrschaft – und die Religionskritik ist m.E. nur noch so zu haben. Ansonsten regridiert sie in die Kritik der Theologie: Theodizee, Exegese und Ekklesiologie also, völlig gleichgültig, ob und wie oft sie mit Freud- und Adornozitaten hantiert. Wie es einmal im Vorgänger des „Grossen Thier“, im „Letzten Hype“ hieß: „Der Begriff Gott erweist sich also als eine verrätselte Abbreviatur eines Begriffes von gesellschaftlicher Herrschaft. (…) Der religiöse Fanatismus unserer Tage ist nicht das einfache Fortleben der Religion der Vorzeit, sondern eine Neubildung; die Religion selbst ist erledigt, das Kapital ist ihr Erbe. Die Religion erhält sich aber am Leben, weil ihre Abschaffung misslang. Der Atheismus der bürgerlichen Revolution konnte sie nicht abschaffen, denn man kann die Religion nicht abschaffen, ohne sie, auf eine gewisse Weise, zu verwirklichen. Und die Abschaffung der Religion, in diesem Sinn, ist die Voraussetzung der Abschaffung von Staat und Kapital“47.

An dieser Stelle noch ein paar Worte zu den benutzten Quellen. Es ist leider so, dass viele gute russischsprachige Literatur schwer aufzutreiben war, diese Arbeit kommt also mit einem sehr bescheidenen Literaturapparat aus und wird daher wohl keine endgültige Erledigung der Frage vorlegen, sondern bestenfalls einen Anfang setzen. Dazu kommt noch, dass sich „im Westen“ kaum jemand explizit mit den sogenannten Ostkirchen beschäftigt, auch wenn man in den letzten Jahren ein steigendes Interesse am Zusammenhang von Gewalt und Monotheismus registriert. Wie lässt sich das erklären? Mit schwer zugänglichen Quellen, oder damit, dass die Ostkirchen als die ihren jeweiligen Staaten unterstellten sich – zumindest scheinbar – an der Gewalt nicht direkt beteiligen? Weder Buc (2015), noch Graf (2014) oder Kippenberg (2008) verlieren je ein Wort über die orthodoxen ChristInnen, wenn sie sich mit religiös motivierter Gewalt befassen, obwohl der Kosovokrieg von 1999 vielleicht ein passender Anlass wäre. Auch Rudolf Rocker (1999) schreibt in seiner großartigen Studie über die religiösen Grundlagen jeglicher Machtpolitik sogar über das Reich der Inka und den tibetanischen Lamaismus, geht aber weder auf die Byzanz noch auf das russische Zarenreich ein. Auch Johannes Agnoli in „Die subversive Theorie“ (2014) befasst sich mit jedem noch so kleinen theologischen Schismas im Westen, aber dass das Christentum seit dem XI Jhd. unheilbar gespalten ist, wird auch keines Wortes gewürdigt; für ihn scheint alles östlich von Oder aus der europäischen Geschichte einfach ausgeschlossen, bis eben diese Geschichte ausgerechnet den geschichtslosen Völkern des russischen Zarenreichs eines Tages Lenin schenkt. Es scheint, dass Karl Marx mit seiner sarkastischen Beschreibung der verblüffenden Wirkung, die Russland auf seine europäischen ForscherInnen seit jeher ausgeübt hatte, durchaus den wahren Kern der Sache traf:

Es bietet in der Geschichte das einzige Beispiel eines immensen Reiches, bei dem das bloße Vorhandensein seiner Macht selbst nach weltumspanndenden Taten niemals aufhörte, eher als Glaubens- denn als Tatsache genommen zu werden. (…) Vom Ende des 18. Jahrhunderts bis auf den heutigen Tag konnte es sich kein Autor ersparen, ob er nun Russland preisen oder tadeln wollte, erst seine Existenz zu beweisen. (…) Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde Russland als ein dem Genius Peters des Großen entstammendes Eintagsgeschöpf betrachtet; Schloezer hielt es für eine Pioniertat, herausgefunden zu haben, dass es eine Vergangenheit besitzt; in neuerer Zeit nun haben Autoren wie Fallmerayer, blind dem von russischen Historikern geebneten Pfad folgend, offen behauptet, das nordische Gespenst, welches das Europa des 19. Jahrhunderts in Schrecken versetzt, habe auch schon das Europa des 9. Jahrhunderts überschattet“. (1977, S. 78)

Moderne russischsprachige Literatur zum Thema ist meist apologetisch, was wohl nicht zuletzt dem politischen Klima im Land geschuldet ist. Sie ist selten religionskritisch, bestenfalls begnügt sie sich mit soziologischer Neutralität. Ältere, noch aus der Sowjetzeit stammende russischsprachige Literatur ist meistens veraltet, ist jedoch kritisch und schont ihren Gegenstand nicht. So sind die besten Quellen hier m.E. immer noch die 1930 geschriebene „Geschichte der russischen Kirche“ Nikol’skijs und die Geschichte der antifeudalistischen Aufstände von Kasakowa und Lurje (1955). Ich muss einfach sagen, so schreibt man im heutigen Russland nicht mehr. (Die sowjetische Religionskritik musste allerdings andere unbequeme Sachverhalte verschweigen: z.B. Stalins Verhältnis zur ROK, die Verfilzung der Kirche mit dem KGB usw., vom Personen- und Parteikult ganz zu schweigen).

Ich verweise solidarischerweise u.A. auch auf einige Werke der bürgerlichen Religionskritik, die bestenfalls ihr Gegenstand nicht wirklich zu treffen vermögen, weil sie ihn auf einen Logikfehler oder eine nicht zu beweisende Tatsache reduzieren. Schlimmstenfalls aber liest mensch dort so formulierte „Kritik“: „Religionen bedrohen heute nicht nur wegen extrem rückwärtsgewandter gesellschaftlicher Vorstellungen Freiheit und Frieden von Gesellschaften, sie bedrohen, wegen ihrer Ablehnung von Geburtenkontrolle, das Überleben der Menschheit. (…) Diese drei Religionen, Christentum, Islam und Hinduismus, lehnen Empfängnisverhütung ab“48. (Binder 2014, S. 13f) Aber vielleicht wird sie jemandem noch als Hilfe zur Annäherung an das Thema dienen, wer weiß?

2http://tinyurl.com/h5m28gt Die Rechtspraxis ist bekanntermaßen auch weder revolutionär-sozialistisch noch sonderlich christlich, wovon OSZE und Amnesty International ein Lied zu singen wissen.

3Der Bezeichnung „red conservative“ ist ein Versuch, das Phänomen jener staatsfetischistischen, autoritäre und durchaus konservative Werte vertretenden „Linken“ zu beschreiben.

4Sehr empfehlenswerte Untersuchung Kyrilo Tkatschenkos über seltsame Liebe deutscher „Linken“ zu russischen Reaktionären, u.A. zu Mosgowoj: https://linksunten.indymedia.org/de/node/164630

7http://sociaty.lb.ua/life/2016/04/23/333691_poroshenko_prizval_pravoslavie.html Die Versuche, 2014 die UOK-KP mit der UOK-MP und 2015 UOK-KP mit der Ukrainisch-Apostolischen Kirche zu vereinigen, sind kläglich gescheitert.

8Unverbindlich gesprochen wurde natürlich über einiges mehr: über Umweltprobleme, über den Islamischen Staat, über die „Flüchtlingskrise“, über ChristInnenverfolgung, über den angeblichen Aufschwung des Glaubens im Osten und dessen Niedergang im Westen, es wurde Konsumverzicht gepredigt und gegen Homosexuellenehe und Schwangerschaftsabbrüche agitiert. Was eben zwei alte christliche Männer sich so zu sagen haben: http://www.patriarchia.ru/db/text/4372074.html Die Deklaration in englischer Sprache: http://p2.patriarchia.ru/2016/02/13/1238676766/eng.pdf

9Die UOK-KP und die uniatische Griechisch-Katholische Kirchen kritisierten das Dokument scharf, vor allem die Punkte in denen es um die Ukraine geht: http://tinyurl.com/hktxb9d

10Ukrainische nationalistische Befreiungsbewegung UPA-OUN zur Zeit des 2. Weltkriegs, die zeitweise mit der Wehrmacht kollaboriert hat, benannt nach einem der Anführer Stepan Bandera (1909-1959). Zur Genese des ukrainischen Nationalismus siehe: https://dasgrossethier.wordpress.com/2015/10/26/bruederkrieg-forever/

11Dekabristenaufstand war der erste Versuch eines demokratischen Umsturzes im zaristischen Russland im Dezember 1825.

12Der russische demokratische Sozialist, Schriftsteller Alexander Herzen (1812-1870).

13Ukrainischer Dichter Taras Schewtschenko (1814-1861). Was für tüchtige Trinker und Gotteslästerer solche Klassiker der russischen Literatur wie z.B. Alexander Puschkin und Michail Lermontow waren, um nur die beiden zu erwähnen, will Kommissar Drus’ offensichtlich nicht wissen.

14Bezeichnung der Wahlproteste auf dem Bolotnaja Platz in Moskau 2011.

15Gennady Syganow — Chef der Kommunistischen Partei der Russländischen Föderation; Petro Simonenko — Chef der inzwischen verbotenen Kommunistischen Partei der Ukraine; beides Organisationen, die man nur mit sehr viel Phantasie überhaupt als irgendwie links bezeichnen kann. Sieh an, da weiß der Erzreaktionär sogar besser, woe die allerletzte Anstandsgrenze für die Linke liegt.

17Ein Sammelbegriff für monarchistische, patriotische Kleinorganisationen bzw. -parteien, die sich 1905-1917 maßgeblich an antisemitischen Pogromen beteiligten.

18Einst die mächtigste Neofaschistische Organisation Russland, die in ihrem Programm u.A. Bezug auf das orthodoxe Christentum nimmt: http://www.rusnation.org/org.shtml

19Eine nationalistische Querfrontorganisation mit ideologischen Anleihen vom Stalinismus und „klassischen“ italienischen Faschismus; reformierte sich 2010 in „Das andere Russland“. Auch Dugin hat auf Umwegen über die Julius Evolas Kritik am Christentum für sich als bekennender „Traditionalist“ doch noch die Orthodoxie entdeckt. Viele Kader der NBP wie der RNE kämpfen auf der Seite der „Volksrepubliken“ in der Ostukraine.

20Nämlich genauso heilig wie der „Tempelberg für die Juden“: http://tinyurl.com/njok6nj

21Ausgerechnet aus dem heutigen Syrien sei Zivilisation nach Russland gekommen. „Hätte es kein Syrien, kein Antiochien gegeben, gäbe es kein orthodoxes Christentum und kein Rus’. Das ist unser Boden“: http://tinyurl.com/z2ycwx2

22Der Bombenkrieg gegen ZivilistInnen und die Kräfte der Freien Syrischen Armee ist laut Patriarch Kyrill „kein Aufzwingen eigener Ideologeme den Anderen, keine Unterstützung irgendeiner Regierung“, sondern „der heilige Krieg“ gegen den nicht näher genannten Feind, den man aktuell als Terrorismus bezeichnet: http://www.patriarchia.ru/db/text/4461534.html

23„…jener Systeme also, die die Ungerechtigkeit und das Diktat kleiner Eliten über dem Willen der Völker herausfordern“: https://slon.ru/posts/60225

24Die 75% der Befragten, die sich zum Christentum bekannten, sprachen wahrscheinlich eher ihre nationale Identität aus: http://www.pravmir.ru/skolko-pravoslavnyx-v-rossii/

25Vgl. S. 176-184 des „Lewada“-Readers „Die öffentliche Meinung“ für das Jahr 2015: bei über 70% orthodoxer ChristInnen im Land, über die Hälfte der Befragten gegen nur sehr selten in die Kirche und nehmen an rituellen Handlungen teil, glauben allerdings auch an Astrologie, Wunder usw. http://www.levada.ru/cp/wp-content/uploads/2016/02/OM20151.pdf

26Bei etwa 83% von orthodoxen ChristInnen (UOK-MP, UOK-KP, UAOK und ohne Bindung an eine bestimmte Kirche zusammen, dazu 8% für die Griechisch-Katholische Uniatische Kirche) gehen die Meisten nur selten in die Kirche, 20% – nie und nur 8% – regelmäßig. Wobei die UniatInnen in dieser Hinsicht etwas aktiver sind: regelmäßig gehen in die Kirche 31%: http://tinyurl.com/gplq7sx

28Soweit hat es sich tatsächlich seit der Ära Jelzin gewandelt: man weiß inzwischen, in welcher Hand man die Kerze hält und mit welcher man Kreuze schlägt, wenn man sich medienwirksam in der Landeshauptkirche postiert.

29J. Willems fasst es in der FAZ folgendermaßen zusammen: Es ist „im Übrigen gar nicht nötig, an Gott zu glauben oder eine Religion tatsächlich zu praktizieren. Das wenig verbindliche Bekenntnis zur „eigenen“ Kultur reicht völlig aus. Für den Einzelnen hat eine solche politische Orthodoxie den Vorzug, sich als Teil einer glorreichen Tradition und einer mächtigen Gemeinschaft fühlen zu können. Nicht nur für die Gesellschaft, auch für jeden Einzelnen ist dann die vermeintliche Schmach der Niederlage im Kalten Krieg getilgt und die Zeit der ideologischen Orientierungslosigkeit vorbei. Und für viele ist es bequem, diese Vorteile zu genießen, ohne sich den Zumutungen eines Lebens nach orthodoxen Vorgaben aussetzen zu müssen“. http://tinyurl.com/j65vcw2

31https://lenta.ru/articles/2015/09/26/churchfranchise/ Der Soziologe Nikolaj Mitrochin vergleicht in seinem Aufsatz „Der soziale Fahrstuhl für die Jungs aus den Arbeiterschlafquartieren“ den inneren Aufbau der Kirchenorganisation mit den streng reglementierten Hierarchien der Mafia: bei einem niedrigen durchschnittlichen Bildungsgrad bleibt die ROK eine elitistische, streng hierarchische, nicht zuletzt auf Gewalt beruhende und vom Staat unabhängige Organisation, in der das Fortkommen wenig von persönlichen Fähigkeiten, dafür aber mehr von Seilschaften oder familiären Bänden bestimmt wird. (Vgl. dazu Furman / Kaariajnen 2007, S. 307-318)

34AG „Wital“ gehörte der nicht-kommerziellen Stiftung für christlich-orthodoxes Fernsehen und beteiligte sich mit 25% am „BMW-Russland“, bis das Unternehmen 2012 seine Werke in Kaliningrad schloss: http://www.compromat.ru/page_34656.htm

35So geschah es z.B. mit den alten protestanischen deutschen Gebetshäusern im Gebiet Kaliningrad: http://www.bbc.com/russian/russia/2011/08/110820_russian_orthodox_budget.shtml

40Die „soziale Bewegung Sorok sorokow“ (vierzig mal vierzig) z.B. wurde ausgerechnet zum Schutz der kirchlichen Baustellen gegründet und zählt mittlerweile ca. 10000 Mitglieder, unter ihnen – ein paar rechte Fußballfans und Nazis: http://vestnikburi.com/sorok-sorokov/ Eine ähnliche Organisation „Boschja wolja“ (der Wille Gottes) ist zum Teil aus der Kremlgesteuerten Jugendbewegung „Naschi“ hervorgegangen und verwüstet u.A. gerne Kunstausstellungen oder überfällt LGBT-Demonstrationen: http://www.svoboda.org/content/article/27215441.html

41Goldgeschäfte, die sich nicht zuletzt an TouristInnen ausrichten, dürften ein finanzieller Leckerbissen sein, denn die ROK ist von Steuerzahlungen befreit und in vielen Bauprojekten des Programms „200 Tempel“ sind Geschäftsräume vorgesehen: http://www.portal-credo.ru/site/?act=news&id=105839

43Der panorthodoxe Konzil sollte zum ersten mal seit 787 wieder Juni 2016 auf Zypern stattfinden. Die Bereitschaft des russischen Patriarch Kyrills zu Kompromissen in der Dogmatik im Verkehr mit anderen christlichen Konfessionen stößt allerdings bei konservativen Orthodoxen auf heftige Kritik: http://tinyurl.com/zygmeue

44Max Stirner — (1806-1856) deutscher Philosoph, Junghegelianer, einer der angeblichen Urväter des Anarchismus an dem sich die deutsche ideologiekritische Schule öfters blamiert.

45Ich nenne an dieser Stelle nur P. Lenhards Beitrag „Sekundärer Narzissmus als Gesellschaftsprinzip“ in Prodomo Nr. 13, 2010 als paradigmatisch und seitdem wegen seiner Argumentationsweise wegweisend für unzählige angehende AkademikerInnen: http://tinyurl.com/z7e9ucy

46Wie es manche prominenten Islamkenner tun, z.B. Thomas Maul hier: http://www.redaktion-bahamas.org/auswahl/web60-1.html

47Jörg Finkenberger, „Gott ist untot“ in Der letzte Hype, 2009 http://letzterhieb.blogsport.de/2009/04/21/gott-ist-untot/

48„Die Menschen haben Angst um die Früchte der Aufklärung, (…) deren guter Geschmack vielleicht erst wieder bewusst wird, wenn sie zu essen verboten worden ist“ – heißt es wiederum bei Binder auf der Seite 13. Wenn mensch manchen Autoren das Schreiben und Veröffentlichen erschwert, wären sie vielleicht dann fähig, eine treffendere Religionskritik zu formulieren?

Literatur:

Adorno, Theodor W. (1969): Vernunft und Offenbarung, in: Stichworte. Kritische Modelle 2. FfM

Adorno, Theodor W. und Max Horkheimer (2012): Dialektik der Aufklärung. FfM

Agnoli, Johannes (2014) : Die subversive Theorie. Die Sache selbst und ihre Geschichte. Stuttgart

Bakunin, Michail (2003): Gott und der Staat. Grafenau

(2010): Philosophische Betrachtungen über das Gottesphantom, über die wirkliche Welt und über die Menschen. Lich

Benjamin, Walter (1991): Gesammelte Schriften, Bd. 6, FfM

Binder, Alfred (2012): Religion. Eine kurze Kritik. Aschaffenburg

Buc, Philippe (2015): Heiliger Krieg. Gewalt im Namen des Christentums. Darmstadt

Gordienko, Nikolaj S. (1987): Sowremennoje russkoe prawoslawije. Leningrad

Graf, Friedrich Wilhelm (2014): Götter global. Wie die Welt zum Supermarkt der Religionen wird. Bonn

Furman, Dmitrij und Kimmo Kaariajnen (Hrg.) (2007): Nowyje cerkwi, staryje werujušije – staryje cerkwi, novyje werujušije. Religija w postsowetskoj Rossii. Moskwa – St. Petersburg

Hielscher, Karla und Gerd Koenen (1991): Die schwarze Front. Der neue Antisemitismus in der Sowjetunion. Reinbek bei Hamburg

Kasakowa, Natalija und Jakow Lurje (1955): Antifeodal’nyje jeretičeskije dviženija na Rusi: XIV – načala XVI weka. Moskwa

Kippenberg, Hans G. (2008): Gewalt als Gottesdienst. Religionskriege im Zeitalter der Globalisierung. Bonn

Marx, Karl (1977): Die Geschichte der Geheimdiplomatie des 18. Jahrhunderts. Über den asiatischen Ursprung der russischen Despotie. Berlin

Rocker, Rudolf (1999): Nationalismus und Kultur. Münster

Schumatsky, Boris (2016): Der neue Untertan. Populismus, Postmoderne, Putin. Salzburg, Wien