Anarchismus in Russland nach dem Zerfall der Sowjetunion

[Wurde vor einem Jahr oder lägner schon für Libertad Para Todos geschrieben. Ganz aktuell ist’s nicht mehr – inzwischen ist jede Menge passiert, aber immer noch ein Überblick. Also passt.]

 

Die Bedeutung solcher Namen wie Bakunin, Kropotkin, Makhno, sogar Goldman, Tscherkesow oder Berkman ist für die weltweite anarchistische Bewegung nicht zu unterschätzen. All diese Leute kamen aus Russland, waren geprägt von der russischen Kultur, sie waren (Wahl)Exilanten und sind wahrscheinlich deswegen «im Westen» so bekannt geworden. Aber um auf Namen wie Tschornyj, Borowoj, Figner, Serge zu stoßen, muss mensch sich stärker und gezielter mit der Fachliteratur beschäftigen, obwohl diese Denker auch heute noch Interessantes zu bieten hätten. Nun, zum Aufblühen und Vergehen des Anarchismus in Russland gibt es genug Werke und Zeugenberichte – mensch lese nur «My Desillusionment in Russia» und die Fortsetzung von Emma Goldman, Makhnos Erinnerungen und Arschinows Berichte, «Der Aufstand von Kronstadt» von Volin, oder «Russian Anarchists» von Paul Avrich (nur mit einem Augenzwinkern zu genießen). Was Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts in Russland in Sachen Anarchismus los war, kann mensch schon mehr oder weniger sicher rekonstruieren. Was sich aber seit dem Zerfall der Sowjetunion getan hat, darüber gibt es sehr, sehr wenig Information. Aus diesem Grund geht es im Folgenden nicht um den «alten» Anarchismus, sondern um den jetzigen. Den «jüngsten», wenn mensch so sagen will.

  Ich kann keine Ansprüche auf Vollständigkeit oder Objektivität erheben, es geht nur darum, was ich kenne, was ich aus Dokumenten und Diskussionen erschließen oder anders in Erfahrung bringen konnte. Zudem hat Vadim Damier in der April-Ausgabe der GWR (Nr. 338) so einiges als Veteran der russischen anarchistischen Bewegung erzählen können. Ich versuche aber eine andere Zugangsweise – die (Wieder)Entstehung in groben Zügen zu skizzieren.

  Also, mensch kann mit Sicherheit sagen, dass auch nach Kronstadt und der Unterdrückung von Bauernaufständen in der Ukraine und Sibirien der anarchistische Widerstand gegen die kommunistische Diktatur weiter ging. Im Untergrund, sogar in Arbeitslagern und Gefängnissen. Aber die Tradition wurde schließlich unterbrochen. Die Zeit, wo der libertäre  Gedanke wieder zu erwachen beginnt, war das so genannte «Tauwetter» in den 60er Jahren. Aber zur praktischen Umsetzung durfte es erst während der «Perestrojka» kommen: 1986-1988. Im Jahre 1989 formierte sich die Konföderation der Anarcho-Syndikalisten (KAS) aus Vertretern politisierter Subkulturen. Sie war für alle anarchistischen Strömungen offen und befürwortete im Großen und Ganzen einen reformistischen Kurs in Richtung Sozialdemokratie und Markt-Sozialismus. An internen Widersprüchen zersplitterte die KAS und wurde 1992 aufgelöst. Aber was sich 1990 abspaltete, lebt heute noch und ist eine der wichtigsten Anarcho-Organisationen: die Assoziation der Anarchistischen Bewegungen (ADA). Um zu zeigen, dass es mit der Sozialdemokratie ernst gemeint war: Einige Veteranen der KAS haben sich inzwischen in den Machtapparat integriert, wie Alexander Schubin (Grüne Partei) oder Andrej Isajew (Partei Einiges Russland).

  1989-94/95 waren wohl in jeglicher Hinsicht die Jahre des Chaos. Nicht, dass es keine Bewegung in diesen Jahren gab, aber sie entsprach voll dem Zeitgeist: zahlreiche Gruppen formierten sich und lösten sich wieder auf, eine Menge an genial-ulkigen DIY-Zeitschriften erschien ein oder zwei mal, um wieder einzugehen. Das Internet hat dieser Kunstform das Ende bereitet… In dieser Zeit (92-93) entstand so ein interessantes und einst bedeutendes Netzwerk wie die Regenbogenbeschützer (Hraniteli radugi). Die Regenbodenbeschützer waren eher ideologisch als organisatorisch verbunden, sie machten sommerliche Öko-Camps dort, wo Stast oder Konzerne die Umwelt verschmutzten.. RB haben Ideen von Murray Bookchin und Andre Gorz in Russland bekannt gemacht, «Die Neugestaltung der Gesellschaft» Bookchins ins Russische übersetzt. Sie beschränkten sich dementsprechend auf Öko-Aktivismus, Kommunitarismus und manchmal auf Lobby-Arbeit. Da das Netzwerk so lose war, kann mensch auch schlecht sagen, wann es als RB aufgehört hat zu existieren. Die libertären Öko-Camps gibt es seit 2008 wieder, die RB sind anscheinend nach ein paar Jahren Pause wieder da.

  Aus den radikalen Überresten der KAS entstand 1990/91 die Initiative Revolutionärer Anarchisten (IReAn), weißrussische und ukrainische Genossen schlossen sich 1992 zur Föderation Revolutionärer Anarchisten (FRAn) zusammen. Während es in der Ukraine um 1998 zur Gründung der Revolutionären Konföderation der Anarcho-Syndikalisten (RKAS) kam, entstand 1994 aus IReAn die Konföderation Revolutionärer Anarcho-Syndikalisten, Mitglied der IAA (KRAS-MAT). KRAS ist im Unterschied zur KAS anarcho-kommunistisch und nun tatsächlich syndikalistisch. Die wichtigsten Presseorgane sind die mehr oder weniger regulär erscheinenden «Direkte Aktion» und «Der libertäre Gedanke». Die KRAS beschränkte sich Ende 90er eher auf Propaganda und Arbeitskampfmonitoring, jetzt, da die Arbeiterbewegung in Russland allmählich zu sich kommt, versucht KRAS aktiv mitzumischen. 2008 wurde wegen interner Widersprüche die Gruppe Interberufliche Arbeiterunion (MPST) aus der KRAS ausgeschlossen. Mit der Sibirischen Konföderation der Arbeit (SKT), die ebenfalls 1995 aus den KAS-Überresten hervor kam, bestehen z. Z. in Russland zwei anarcho-syndikalistische Organisationen. Wobei die SKT heute die größte und erfolgreichste unabhängige Gewerkschaft ist.

  Eine erwähnenswerte Episode ereignete sich 98/99: eine mysteriöse Terrororganisation namens «Neue Revolutionäre Alternative» bekannte sich zur mehreren Explosionen (u. a. direkt vor dem Stabsquartier des FSB), darauf startete der FSB eine Repressionswelle und schickte mit einem fabrizierten Prozess 2003 drei junge Aktivistinnen in den Knast.

  Die Generation der Aktivisten aus Moskau, Nizhnij Novgorod und Krasnodar, die die KAS nicht gekannt hat, bildete 1999 die Autonome Aktion (AD). AD übernahm die Ästhetik des westlichen Anarchismus, des nicht-autoritären Marxismus, der Neuen Linken und sprach vor allem junge Leute an. Mittlerweile ist AD die wohl größte in Russland anarcho-kommunistische Organisation, mit Schwesterorganisationen in Weißrussland und anderen GUS-Staaten. Die Zeitschrift «Avtonom» und Zeitung «Situacija» gehören zu den wichtigsten in der Bewegung. Von Bedeutung sind auch Zeitungen regionaler AD-Gruppen aus St. Petersburg und Wladiwostok, «PetrogrADec» und «Udar». Kritisierbar an der AD sind die Mehrheitsentscheidungen, manchmal der Hang zur Sektiererei und eine Tendenz zum Links-Kommunismus. 2003 spaltete sich aus diesen Gründen von der AD die Föderation der Anarcho-Kommunisten, die in den südlichen Regionen Russlands tätig war. So weit mir bekannt ist, gibt es die FAK nicht mehr.

  Nun zur ADA. Sie entstand 1990 mit dem Anspruch anarchistische Tätigkeiten in Osteuropa und Sibirien zu koordinieren. Das gelang der ADA nicht, aber sie ist nach wie vor für alle Strömungen offen: für Kommunisten, Syndikalisten und Individualisten, und im Gegensatz zur AD wendet sich ADA nicht so scharf gegen Religion. Sie vereinigte zeitweise Gruppen und Initiativen in bis zu 40 Ständen in Russland und in den Nachbarstaaten. Zur Zeit ist sie von den «rechten Anarchisten» dominiert und ihr wird nachgesagt anarcho-kapitalistisch zu sein. Tja, wenn mensch P.-J. Proudhon und J. Warren für Kapitalisten hält… Die wichtigsten Presseorgane sind z. Z. «Vintovka»  und die Zeitung der Jaroslawler Gruppe «TNT». Die  Petersburger Zeitung «Novij Swet» ist nach 17 Jahren Erscheinens 2006 eingestellt worden. Die Position der ADA zu den tschetschenischen Kriegen und nationaler Selbstbestimmung kleiner Völker sorgte für heftige Kontroversen mit KRAS und AD. Die ADA einigte sich darauf, die nationalen Befreiungsbewegungen im Kampf gegen „das russische Reich“ zu unterstützen, während Anarcho-Kommunisten die Herausbildung neuer Staaten für keineswegs libertär halten. Einer der Mitbegründer, Pjotr Rausch, musste wegen staatlichen Drohungen das Land verlassen und lebt seit 2007 im schwedischen Exil. In der ADA kriselt es momentan, mensch versucht Ziele und Organisationsprinzipien neu zu formulieren.

  Zu erwähnen wäre auch eine Gruppe aus Voronezh, Kirche des gestohlenen Brotes, die unter dem starken Einfluss der Ideen Hakim Beys und der Situationisten steht und immer wieder für Kontroversen in der «traditionellen» Bewegung sorgt. Daneben gibt es auch informelle Punker-Organisationen, RASH, Food Not Bombs u.A. Außerdem hat die Ukraine etwas Interessantes vorzuweisen: eine anarchistische Partei, Union der Ukrainischen Anarchisten (SAU), die auf Mutualismus, Legalität und eine Übergangsperiode setzt. Aber die Ukraine so wie Weißrussland würden getrennte Artikel verdienen.

  Die heutige Lage ist schwer einzuschätzen: Anarchismus in Russland befindet sich in der Defensive. Staatliche Repressionen, Nazi-Terror sowie die eigene Unfähigkeit aus dem subkulturellen Ghetto herauszukommen und den ArbeiterInnen eine Alternative zum Trotzkismus anzubieten, machen es den AnarchistInnen schwer. Solche „modischen“ Erscheinungen (Marx sei Dank – nur marginaler Natur) wie National-Anarchismus, Anarcho-Kapitalismus oder -Primitivismus sind für mich persönlich Anzeichen der Zersetzungsprozesse in der Bewegung. Andererseits mischen sich AnarchistInnen in der Umweltbewegung, in der Antifa und bei den Protesten gegen Gentrifizierung stark ein. Mit den Morden an Aktivisten, wird allmählich die Öffentlichkeit auf die Bewegung aufmerksam, anarchistische Stimmen werden in der linken Diskussion immer deutlicher. Zu hoffen ist, dass sie bald auch Anschluss an die Arbeiterbewegung finden, denn ohne diese können sie in Russland kaum Perspektive.

 

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