Kurze Skizze der anarchistischen Bewegung in Polen

von Ndejra / erschienen in der GaiDao Nr. 42, 6/2014

a1Zugegeben, das Vorhaben, einen historischen Überblick über „den polnischen“ Anarchismus zu liefern, ist widersprüchlich in vielerlei Hinsicht: nicht nur, weil es praktisch unmöglich ist, ein so großes Thema in Kürze und unverzerrt darzustellen. Zum Einen ist die Darstellung der anarchistischen Bewegung ohne den Kontext der bürgerlichen Revolutionen und anderer sozialistischer Strömungen widersinnig; zum Zweiten – was soll schon an diesem Anarchismus „polnisch“ sein? So wie Bakunin und Proudhon ihre Rolle darin gespielt haben, spielten viele Vertreter*innen der polnischen sozialistischen Bewegung ebenfalls wichtige Rollen in der Geschichte des europäischen Sozialismus. Dieses Land (welches Land wäre das eigentlich in der Föderation von Königreich Polen und Großfürstentum Litauen?) mit einer langen republikanischen Tradition wurde zwischen den reaktionärsten Staaten des damaligen Europa zerrissen, daher mussten viele polnische Sozialist*innen entweder ins Exil (vorzugsweise ins schweizerische oder ins französische) oder sich der deutschen/österreichischen oder russischen Bewegung anschließen.

Dennoch versuche ich das Gemeinsame und das Besondere am polnischen Anarchismus wenigstens in groben Zügen, mehr oder weniger thesenhaft zu skizzieren, in der Hoffnung, dass geneigte Leser*innen sich veranlasst fühlen, ihren eigenen spannenden Forschungen nachzugehen.

Mensch könnte zwar wie der Anarchismus-Forscher A. Lanewski1 den Ursprung des libertären Denkens im Lande bei den sogenannten „Polnischen Brüdern“ (auch Sozinianer oder Ariener genannt) suchen, einer merkwürdigen protestantischen Sekte, die im 14. Jhd. entstand, die Göttlichkeit Jesu verwarf, Abschaffung der Leibeigenschaft, Gewaltlosigkeit und die allgemeine Brüderlichkeit forderte. Selbst wenn wir der Religiösität in Polen ihre zweifellos bedeutende Rolle lassen, kann dieser Ansatz den europäischen (in unserem Falle – den polnischen) Anarchismus als revolutionäres Projekt der Aufklärung weder angemessen fassen noch erklären.2 Die Arianer waren eben keine Anarchist*innen im engeren Sinne, auch wenn sie in ihrem historischen Kontext wie die Hussiten oder Anabaptisten durchaus revolutionär waren.

Ebenfalls zu nicht anarchistischen, aber zur demokratisch-republikanischen Tradition gehört die damals einzigartige politische Verfasstheit des polnisch-litauischen Unionstaates. Das polnische Kriegsadel, die sogenannte Szlachta, die sich selber ursprünglich aus dem Bauerntum rekrutierte, erkämpfte sich in zahlreichen Kriegen und innerpolitischen Konflikten Privilegien und schaffte im 14. Jhd., nach dem Aussterben der Jagellonen-Monarchie eine Wahlmonarchie – polnische Könige waren dementsprechend nur noch vom Adel gewählte Repräsentanten des Staates. Die Vertreter der Szlachta waren rechtlich und politisch gleich und ebenbürtig und dürften ihre progressive Rolle noch spielen: die Verfassung von 1791 (d.h. eigentlich die erste in Europa) war für Karl Marx vor dem Hintergrund der russisch-preußisch-österreichischen Barbarei das einzige vom Geist der Freiheit durchtränkte Dokument, das Osteuropa jemals hervorgebracht hätte, das zudem noch von der privilegierten Schicht ausging. Das nannte Marx die edelste Tat der adeligen Klasse. Die 1795 zwischen Preußen, dem Russischen Zarenreich und Österreich aufgeteilte Rzeczpospolita (was nichts anderes hieß als „res publica“) war ihm „das osteuropäische Frankreich“.3 Die Forderungen der Wiederherstellung der polnischen Staatlichkeit waren in der 1. Internationale immer ein großes Thema.

Freilich war das Kriegsadel, das etwa 10% der Bevölkerung ausmachte und sich manchmal in Koalitionen zusammenrottete, um sich gegenseitig zu bekämpfen oder den gewählten König „zur Vernunft zu bringen“, eine immense wirtschaftliche Belastung für Bauern und Leibeigene. Ob mensch das unbedingt durch die Bezeichnung „feudale Anarchie“ schön reden muss, ist fraglich, aber – wie gesagt – diese demokratische Tradition4 spielte eine sehr wichtige Rolle im politischen Leben des Landes.

Wróblewski_-_Czerwona_religiaDie eigentlichen Ursprünge des polnischen Anarchismus sind von den national-demokratischen Bestrebungen im aufgeteilten und der politischen Souveränität beraubten Polen nicht klar abzutrennen. Das 19. Jhd. war reich an Aufständen in Polen: so sollte mensch die hoffnungslosen und blutig niedergeschlagenen Aufstände von 1831 und 1846 erwähnen, die sich gegen die politische Unterdrückung durch Russland und Preußen richteten und mit vielen sozialen Forderungen verbunden waren. Die Niederschlagung und Verfolgung von Beteiligten führte dazu, dass viele basisdemokratisch Gesinnte nach Frankreich oder in die Schweiz fliehen mussten, wo sie mit sozialistischen / anarchistischen Ideen Bekanntschaft schlossen. Der am 1831-er Aufstand beteiligte Historiker Joachim Lelewel wurde z.B. zum engen Freund von Marx und Engels, Josef Cwjartkewicz, Mitglied der 1. Internationale war Anhänger P.-J. Proudhons. Auch Michail Bakunin versuchte sich mit Exil-Polen anzufreunden, die ihm als Russen und seinem revolutionären antistaatlichen Programm jedoch misstrauten. Die Unterstützung der polnischen Revolution schien damals unter europäischen Demokraten selbstverständlich – bis auf wenige Ausnahmen. Während sich Alexander Herzen auf den Seiten seiner Zeitschrift „Kolokol“ wie selbstverständlich die polnischen Aufstände unterstütze und z.B. in „Vivat Polonia!“ (14.03.1861) russische Soldaten aufrief, eher zu sterben, als auf Polen und russische Bauern zu schießen, stellte sich Pierre-Joseph Proudhon entschieden gegen national-demokratische Bestrebungen in Polen. Nicht nur, dass er gegen Herzen polemisierte, indem er behauptete, dass das nationale Prinzip sich bereits damals überlebt hatte – worüber mensch sich hätte streiten können – stellte er sich auf die Seite der russischen Regierung als sie nach der Niederschlagung des Aufstands von 1864 populistische, konterrevolutionäre Bodenreformen in Polen beschloss und den polnischen Bauern mehr Boden zuteilte als den russischen oder weißrussischen. So gratulierte er einem russischen Reaktionären in einem Brief, der erst 1883 in der Zeitung „Rus’“ veröffentlicht wurde, zu dieser „echten Tat der Emanzipation des polnischen Volkes“ und pries den Zaren Alexander II als eine Art sozialistischen Befreier des Volkes vom korrupten Adel. Die Haltung, die ihm Bakunin bei all seinem Respekt nicht mehr verzeihen konnte; so kritisierte er Proudhons Broschüre „Si les traités de 1815 ont cessé d’exister“ (1864) schonungslos: „Das russische Reich, die irgendjemand befreit, das ist eine empörende Irrsinnigkeit, die weder dem Verstand noch dem revolutionären Instinkt Proudhons, natürlich, keine Ehre macht“.5

Januar 1864 ereignete sich erneut in Polen ein Aufstand gegen die Zarenherrschaft, er wurde ebenfalls brutal niedergeschlagen, weil es den aufständischen Adeligen und Bürgertum nicht gelang, die Bauern für „die Sache“ zu begeistern. „Die Sache“ war wohl tatsächlich nicht unbedingt die Sache der Bauern und einfacher Arbeiter*innen: das erklärte Ziel des Aufstands war die Wiederherstellung der Rzeczpospolita in den Grenzen von 1772, komme was wolle, und nicht die sozialen Forderungen. Besonders tragisch an diesem Aufstand ist die Tatsache, dass polnische National-Demokraten bereit waren, für ihre Unabhängigkeit die Unabhängigkeit der benachbarten Ukrainer*innen, Weißruss*innen und Litauer*innen zu opfern. Die Zerschlagung des Aufstands und die „Russisierung“ des polnischen Bildungssystems und Verwaltungsapparats zogen Unmut und erneute Emigrationswellen nach sich. Solche Anführer des Januaraufstands wie Jarosław Dąbrowski (1836 – 1871) und Walery Antoni Wróblewski (1836 – 1908) setzten ihre militärische Erfahrungen 1871 bei der Verteidigung der Pariser Kommune gegen preußische Truppen.

An dieser Stelle wäre vielleicht noch angemessen zu erwähnen, dass selbst die Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation 1864 auch nicht ohne „polnische Spur“ war. Trafen sich doch englische und französische Arbeiter*innen in London, um ihre Solidarität mit dem Januaraufstand in Polen zu demonstrieren, und kamen dabei zufällig zum Schluss, dass eine Organisation, die den proletarischen Kampf international koordinieren könnte, wohl auch nicht schaden würde.

Wie dem auch sei, aufgrund der Repressalien, mit denen das Zarenreich Polen überzog, war eine sinnvolle politische Arbeit zunächst nur noch im Exil möglich. So entstand 1872 in Zürich „Polnische Sozial-Revolutionäre Gesellschaft“ (Polskie Towarzystwo Socijalno-Rewolucyjne). Das erste Programm der Organisation schrieb Jơsef Tokarzewicz unter Assistenz von Michail Bakunin.6 Die russischen Revolutionär*innen fühlten sich zu bedingungslosen Solidarität mit der Sache der nationalen Befreiung Polens verpflichtet – schien ihnen das doch (berechtigterweise) notwendige Bedingung der sozialen Revolution in Russland zu sein. Die Ansicht teilten nicht ein mal alle polnischen Sozialist*innen: zu unterschiedlich die materiellen und kulturellen Umstände (Polen wurde ziemlich früh zum am meisten industrialisierten Gebiet des russischen Imperiums, was wohl auch die Unterschiede in den Sozialismus-Vorstellungen erklären würde: orientierten sich Tschernyschewski, Ogarew und Herzen an der russischen Bauern-Gemeinde „mir“, tendierten die polnischen Sozialist*innen Ruchtung Mutualismus). Zu stark war auch der Nationalismus und der Wunsch nach eigener Staatlichkeit, das Pochen auf „historische Rechte“, denen auch manche Sozialist*innen, die durchaus Bakunins Einsichten der antistaatlichen Revolution teilten, Zugeständnisse machen mussten; zu schwach war das Vertrauen zu den Vertreter*innen des Kolonisatoren-Volkes. So lehnte das Zentralkomitee der polnischen Nationalregierung mehrmals Vorschläge Bakunins, persönlich nach Polen zu kommen und bei den Vorbereitungen der Revolution mitzuhelfen. Dieser war geradezu besessen von der Idee, die russischen Offiziere des polnischen Regiments zu agitieren und ein „russisches Legion“ dort zu bilden, um den Aufstand 1863/64 zu unterstützen und, natürlich, die Revolution nach Russland zu exportieren.

ozz ipAls symptomatisch für dieses Misstrauen könnte mensch die Beziehungen zwischen Michail Bakunin und General Ludwig Mierosławski (1814 – 1878) betrachten. Dieser stand zwar im linken Flügel der national-demokratischen Bewegung, war aber zutiefst nationalistisch und eitel; die Vorstellung, dass die Bevölkerung Litauens, Weißrussland und der Ukraine nicht unbedingt von der Rzeczpospolita in den Grenzen von 1772 begeistert sein oder dass das „gemeine Volk“ in der Erhebung seine eigenen, sozialen Interessen verfolgen könnte, war ihm so zuwider, dass er keine Mühe scheute, Bakunin, Herzen und Co als Agenten des Zaren zu denunzieren, die die polnische Sache nur für Moskaus Belange opfern wollten. Er beanspruchte, alleine das demokratische Polen zu repräsentieren, jedoch als das geheime russische Militärkomittee sich direkt mit dem polnischen Zentralkomitee verband und sich im Sinne Bakunins Losung „Möge alles Polen sein, was Polen sein will!“7 einigte, wurde diese Forderung ziemlich grundlos, was Mierosławski noch mehr gegen die russischen Revolutionär*innen aufbrachte. Auch nach dem missglückten Aufstand widmeten sich beide Herren zahlreiche Broschüren und Zeitungsartikel, in denen sie ihre Feindschaft austrugen.

Ebenfalls erwähnenswert ist die letzte polnische Avantüre Bakunins. Im Februar 1863 begab er sich ohne die Einladung des polnischen Zentralkomitee abzuwarten, nach Stockholm, um von dort aus klandestine Beziehungen zwischen Finnland, Polen, Litauen und St. Petersburg herzustellen. Etwas später, völlig unabhängig davon, entstand in England unter der Leitung von Oberst Theophil Lapinski ein Plan, mit einem Schiff an die polnische Ostseeküste zu kommen, da einen militärischen Trupp abzusetzen und im Land für Unruhen zu sorgen. Die Expedition war dermaßen ungeschickt und unkonspirativ vorbereitet, dass sie russische Botschaft von Anfang an sehr gut Bescheid wusste. Unterwegs machte das Schiff mit etwa 200 Mann und Waffen an Bord einen Abstecher nach Helsingborg, um Bakunin abzuholen, in Kopenhagen floh allerdings der Kapitän und mit ihm der große Teil der Besatzung. In Malmǿ wurde das Schiff festgehalten. Am 11. Juni unternahm mensch doch einen Versuch, in der Nähe von Memel ans Land zu gehen, der aufgrund des schlechten Wetters tragisch endete. Wie dem auch sei, das Scheitern der Expedition lastete mensch Bakunin an, obwohl seine Rolle darin eher unbedeutend ist. Die Enttäuschung trieb übrigens Bakunin seinen Panslawismus aus.

Freilich kann mensch weder von einer theoretisch sowie organisatorisch einheitlichen anarchistischen oder sozialistischen Bewegung im zerstückelten Polen sprechen. Es wäre vielleicht sogar angebracht, anzunehmen, dass in verschiedenen Teilen des Landes auch unterschiedliche Ansätze existierten. So dominierten im „deutschen“ Teil marxistische, sozial-demokratische, im „österreichischen“ – eher reformistisch-syndikalistischen, während im „russischen“ Teil sich notwendigerweise eine terroristische Strömung entwickelte.8 Dennoch viele nicht explizit anarchistische Organisationen hatten anarchistische Elemente in ihren Programmen oder Statuten, was sich wahrscheinlich mit den Sympathien der polnischen National-Demokrat*innen für föderalistische und kooperative Gedanken Proudhons erklären ließe. Es gab im Exil auch libertäre Presse: „Trybun Ludowy“ z.B. erschien in Lwiw, „Swit“ erschien in London. Obwohl die polnische anarchistische Bewegung keine großartigen Theoretiker*innen vorzuweisen hat, war sie doch im Wesentlichen von Proudhon, Kropotkin und Tolstoj beeinflusst, gab es immerhin einige Namen, die für die Bewegung von Bedeutung waren.

Der bekannteste ist wohl Eduard Abramowski (1868 – 1918), Soziologe, Philosoph, einer der Mitbegründer*innen der Polnischen Sozialistischen Partei, Anhänger der Kooperativen-Bewegung. Theoretisch stand er Kropotkin und Tolstoj nahe: räumte die führende Rolle bei der Umgestaltung der Gesellschaft der Ethik zu und setze eher auf die friedliche Evolution zu einem nicht staatlichen sozialistischen Zustand hin. Er schaffte aber gleichzeitig, auf der Arbeit keinen Fetisch zu machen und kritisierte scharf den sog. Arbeiterbewegungsmarxismus.

f.aDer Neffe des Pariser Kommundarden Waleri Wróblewski, Augustyn Wróblewski (1866 – 1913), war Chemiker, während seines Studiums in St. Petersburg und Riga kam er mehrmals mit politischen Polizei in Konflikt. Zunächst glaubte er durch moralische Predigten die Gesellschaft von all ihren Krankheiten heilen zu können, startete viele öffentliche Kampagnen gegen das Rauchen, gegen Alkoholismus und Prostitution (gab auch mehrere Zeitungen heraus: neben denen, die die Naturwissenschaften oder Arbeiter*innenbewegung zum Thema hatten, gab es auch Presseerzeugnisse mit recht gruseligen Namen wie „Czystość“ (Sauberkeit) oder „Trzeźwość“ (Nüchternheit). Er setzte wie Abramowski auf Selbstbewusstsein und friedliche Veränderungen und wollte sogar eine Art „Rote Religion“ (Czerwona Religia, 1912), eine Synthese aus Freieheitsdrang, Gleichheit, Güte, Schönheit und Liebe, als Gegensatz zum Katholizismus kreieren.

Józef Zelinski (1866 – 1927) war Syndikalist, Arzt, widmete sich der Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Schutz von politisch Verfolgten. Zusammen mit seiner Frau Iza gründete er die Polnische Volksuniversität und eine Freidenkerliga. Arbeitete mit Jean Grave in „Les Temps Nouveaux“ und schrieb sogar noch Theaterstücke fürs Volkstheater. Gegen das Ende seines Lebens arbeitete Zelinski als Berater im Ministerium für Arbeit und Soziales, wo er einige recht progressive Arbeitsschutz-Maßnahmen durchsetzte.

Eine der bekannten Pesönlichkeiten des polnischen freiheitlichen Sozialismus war Jan Wacław Machajski (1866 – 1926), den mensch nicht in eine bestimmte Schublade stecken kann. Aus dem linken Flügel der polnischen Sozial-Demokratie kommend, wo er sich über die Nationalismus-Frage mit dem Genoss*innen verkrachte, entwickelte er ein originales Denksystem, das später „Machajewtschina“ genannt wurde. Vielleicht könnte er als einer der ersten Kritiker*innen des Staatssozialismus bolschewistischer bzw. sozial-demokratischer Art gelten: früh genug kritisierte er das Ausarten der politisierten Facharbeiter und Intellektuellen zu einer neuen Herrschaftsklasse, zur sozialistische Bürokratie. Machajski stand in seiner Intellektuellen-Kritik und seiner Militanz eher Bakunin und Johann Most nahe und war, so gesehen, der widersprüchlichste Vertreter des polnischen Sozialismus: er war ein sozialistischer Intellektueller, der sozialistischen Intellektuellen den Krieg erklärte. Wie Most, predigte er den allgemeinen Streik und die Bombe, ohne selbst jemals eine Bombe geworfen zu haben; sein Einfluss blieb zwar begrenzt, die Schriften wurden jedoch breit rezipiert und beeinflussten eine Reihe von anarchistischen Gruppen in der Ukraine, Weißrussland, Polen und Südrussland. Scharf kritisierte er auch Kropotkins Versuche, den Anarchismus wissenschaftlich zu fundieren, und legalistische Tendenzen im Syndikalismus.9

Die Popularisatorin der Ideen Kropotkins und Mitbegründerin der polnischen Kooperativenliga Maria Orsetti (1880 – 1957) lernte während ihres Studiums in England die dortige Genossenschaftsbewegung kennen und versuchte, Genossenschaften auch in Polen zu etablieren. So arbeitete sich in Lebensmittelläden, linken Verlagen und Buchhandlungen, die nach diesem Prinzip organisiert waren und übersetzte einige Werke P. Kropotkins ins Polnische.

Ebenfalls viel für die Herausbildung der Arbeiter*innen- und Genossenschaftsbewegung tat Jan Wolski (1888 – 1975), der Geschichtswissenschaftler war und u.A. an der Volksuniversität von Eduard Abramowski lehrte. Wolski war außerdem Freimauerer, die Tätigkeit in Freimauer-Logen war ihm ein Mittel an der moralischen Erziehung der Menschheit mitzuwirken.

p.a.13Merkwürdigerweise (oder vielleicht doch gar nicht?) widersprach die Praxis der meisten explizit anarchistischen Gruppen in Polen am Anfang des 20. Jhd. den Lehren ihrer Vordenker*innen: viele gehörten dem verarmten jüdischen Milieu an, nannten sich Kommunist*innen und pflegten den rücksichtslosen bewaffneten Kampf gegen die bürgerliche Gesellschaft im Sinne Jan Wacław Machajskis oder Jehuda Grossman-Roschtschins (damals noch im „Schwarzer Banner“ und noch kein Bolschewik).

Etwas später (1926) gründete sich aus Überresten der zionistischen Bundischen Jugend, enttäuschten Anhänger*innen der Sozialistischen und der Sozial-demokratischen Partei Polens und Litauens und Gewerkschaften die konspirative Anarchistische Föderation Polens (Anarchistyczna Federacja Polski, AFP). Die Föderation gab Zeitungen „Głos Anarchisty“ (Anarchistische Stimme), „Młody Rewolucjonista“ (Junge Revolutionär*innen) und „Walka Klas“ (Klassenkampf) heraus. Mitte 1930er Jahre gelang es der AFP den Einfluss auf die Landesgewerkschaft ZZZ zu nehmen und sie in die syndikalistische Richtung zu drängen. 1939, mit dem Überfall der Nazi-Deutschland auf Polen löste sich die AFP auf, Teile von ihr gingen nach Palästina, die anderen gingen während des 2. Weltkrieges in der syndikalistischen „Wolność“ auf. Während des Krieges bestand auch eine weitere syndikalistische, aber weniger radikale Organisation, „Związek Syndikalisów Polskich“ (ZSP, Vereinigung polnischer Syndikalist*innen), die zwar für den freiheitlichen Sozialismus eintrat, aber den Klassenkampf verwarf. Die ZSP gab diverse Zeitungen heraus und unterstützte den Aufstand im Warschauer Ghetto im April 1943.

Nach dem Krieg löste sich die anarchistische Bewegung fast vollständig auf: einige emigrierten, andere traten der Vereinigten Arbeiterpartei bei, die wiederum andere gingen in der Genossenschaftsbewegung auf, nachdem die neue Regierung die Legalisierung der anarchistischen Organisationen verweigerte. Organisierter Anarchismus taucht in Polen erst Anfang 1980er wieder auf: nämlich in Form der Jugendbewegung „Ruch Społeczeństwa Alternatywnego“ (RSA, Bewegung der alternativen Gesellschaft). Die RSA war eher subkulturell unterwegs, lieferte sich manchmal während offizieller Feierlichkeiten Straßenschlachten mit Ordnungskräften, protestierte gegen die Militarisierung der Gesellschaft und den Bau von AKWs und gab solche Zeitungen wie „Gilotyna“, „Homek“ (Der Mensch) und „Przekaż Dalej“ (Gib es weiter) heraus. Pazifistisch, ökologisch und für Rechte der Minderheiten war auch Ruch Wolność i Pokój (Bewegung Freiheit und Frieden), die zwar nicht anarchistisch, aber wohl eine Art Graswurzel-Bewegung war. Teile von diesen Bewegungen gründeten 1988 eine libertäre Vernetzungsplattform „Międzymiastówka Anarchistyczna“ (sinngemäß: Die anarchistische Überregionale), 1989 verwandelte sich die MA in die „Federacja Anarchistyczna“ (Anarchistische Föderation), die bis heute besteht und in ein paar Städten ihre Strukturen hat.

Die Aktivitäten der FA sind „klassisch“: Aufklärung, Bildung und Agitation, Antimilitarismus und Antifaschismus, Öko-Aktivismus, kommunale Selbstverwaltung, Unterstützung bei Arbeitskonflikte, Kampf gegen Gentrifizierung. Mit der FA ist der seit 1994 bestehender Squat „Rozbrat“10 verbandelt. Es erschienen auch viele Zeitungen, aktuell erscheint nur die „Inny Świat“11 (Eine andere Welt), die 2013 ihren 20. Geburtstag gefeiert hat, „Przegląd Anarchistyczny“ (Anarchistisches Revue) scheint 2011 eingegangen zu sein. Beide werden (wurden) im Verlag der FA „Bractwo Trojka“12 verlegt.

Da ich glaube, die anarcho-syndikalistische ZSP-IAA wird den meisten Leser*innen ein begriff sein, da die „Direkte Aktion“ ab und zu über deren Aktivitäten berichtet, und mir die ZSP die bekannteste libertäre Organisation in Polen zu sein scheint, erspare ich’s mir und verweise auf eine weitere anarcho-syndikalistische Organisation im Lande – auf die „Inicjatywa Pracownicza“ (Arbeiterinitiative), die von einigen FA-Aktivist*innen Anfang 2000er gegründet wurde.

Viele Gruppen und Organisationen zerbrechen wie z.B. „Lewicowa Alternativa“ oder „Inicjatiwa Antynuklearna“, gehen in anderen Projekten auf. Was mensch jedoch feststellen kann – der Anarchismus in Polen ist zwar immer noch in den Subkulturen verwurzelt, ist aber längst keine subkulturelle Veranstaltung mehr. Die zutiefst homophobe, nationalistische, erzkatholische Gesellschaft macht es polnischen Libertären natürlich nicht leicht, für Ideen zu werben. Mit Verweis konservative, patriotische Werte baut die Regierung die Überreste der Sozialstaatlichkeit und Rechte der Arbeiter*innen ab (8-Stunden-Arbeitstag z.B seit 2013 per Gesetz aufgehoben). Wie in allen post-sozialistischen Gesellschaften ist in Polen die Arbeiterschaft desorganisiert und gegen alles „Sozialistische“ allergisch, wozu auch „Heldentaten“ der Solidarność-Gwerkschaft wohl einiges beigetragen haben dürften.13 Die Extremrechte gewinnt an Einfluss.14 Jedoch schaffen es Anarchist*innen auch solche Projekte wie das parzipatorische Stadt-Budget populär zu machen, so war der 2010 verstorbene Mitglied der Krakauer FA-Gruppe Rafał Górski Autor des Budget-Projekts für Krakau. In den sozialen Konflikten, in Kampf gegen Neonazis und Umweltverschmutzung mischen Anarchist*innen kräftig mit. Wir werden sehen, was passiert.

Relevante Links:

http://ozzip.pl/ – OZZ IP, Arbeiterinitiative

http://www.zsp.net.pl/ – ZSP-IAA

http://www.ack.most.org.pl/ – Anarchist Black Cross Polen

http://www.federacja-anarchistyczna.pl/ – Anarchistische Föderation

http://cia.media.pl/ – Zentrum anarchistischer Information

http://pl.indymedia.org/ – Indymedia

http://antifa.bzzz.net/ – Antifa.Polska

http://161crew.bzzz.net/ – Antifa-Hooligans

1Lanewski Alexander, „Anarchizm v Pol’sche: Istorija i sovremennost’“, in Prjamuchinskije tschtenija, Moskwa 2010

2Vgl. zu sog. „broad anarchist tradition“, einem Analyse-Ansatz, der den Anarchismus eindeutig in der Moderne verortet und nicht etwa im antiken Griechenland oder alten China „Schwarze Flamme. Revolutionäre Klassenpolitik im Anarchismus und Syndikalismus“ von Lucien van der Walt und Michael Schmidt, Hamburg 2013, S. 28ff

3Vgl. Djakow, W.A., „Marks, Engel’s i Pol’scha“, Moskwa, 1989

4Obwohl mensch fairerweise schon sagen muss, diese Demokratie war nicht so sehr der modernen Art, sondern erinnerte eher an die antike griechische Demokratie bewaffneter Bürger (und eben nicht Bürgerinnen).

5Zit. nach „Michail Alexandrowitsch Bakunin, ego zhisn’ i deajtel’nost’, tom 2, 1861-1868“ von Juri Steklow, Moskwa 1927, S. 154ff

7Bakunins panslawistische Positionen, die den General so ärgerten, sind unter dem Titel „Die Sache des Volkes“ 1868-69 als Artikelserie erschienen, von der Zeitschrift Mierosławskis „Baczność“ verrissen und als pro-zaristisch missinterpretiert.

8Vgl. dazu „The russian Anarchists“ von Paul Avrich, 1967

9Leider gibt es so gut wie keine Literatur über Machajski auf Deutsch. Daher empfiehlt sich das schon etwas ältere Buch von Marshall S. Shatz „Jan Wacław Machajski. A Radical Critic of the russian Intelligentsia and Socialism“, Pittsburgh, 1989; glücklicherweise auch im Internet zu finden: http://libcom.org/history/jan-waclaw-machajski-radical-critic-russian-intelligensia-socialism-marshall-s-shatz

13Die mächtige Solidarność erschütterte in den 1980ern die kriselnde Republik mit den Massenstreiks und Forderungen nach gesellschaftlicher Selbstverwaltung und führte praktisch 1989 die Wende in Polen herbei. Danach wurde „des Papstes eigene Gewerkschaft“ zum Nationalmythos hochstilisiert. Die Losungen a la „Katholizismus statt Kommunismus“ kann mensch heute im Solidarność-Museum in Gdańsk beäugen. Das kollektive Selbstreinlegen der Arbeiterklasse mit den allerbesten syndikalistischen Methoden? „Heldentaten“ könnte mensch auch ohne Einführungszeichen schreiben…

14Kahrs, Andreas in Analyse & Kritik № 579/2013: Polens neue „Bewegung“. Die extreme Rechte in Polen befindet sich im Aufwind, https://www.akweb.de//ak_s/ak579/07.htm