Überlegungen zur Unmöglichkeit der Revolution im Theater

 von Good Paulman, erschienen in GaiDao Nr. 28/2013

Die Folgenden Überlegungen entstanden während einer kurzen Mitarbeit in einem kleinen Laientheater. Die Überlegungen sind als Vorschlag, als Inspiration und Arbeitsthesen gedacht und sind daher nichts Endgültiges. Sie werden diskutiert, überdacht, hoffentlich noch ergänzt oder ggf. verworfen. So quälen sie sich mit dem traditionellen Theater ab und reflektieren nicht die Potentiale des „Theaters der Unterdrückten“ nach Augusto Boal. Wir hoffen aber, dass sie Impulse für interessierte Menschen geben und zum Ideenaustausch oder gar Zusammenarbeit führen.

  1. Im Folgenden sind Annäherungen an die eventuelle Aufgabe, mit den Mittel des Theater im Theater, d.h. auf der Bühne, ein revolutionäres Ereignis darzustellen. Trotz dem, dass die Aufgabe vorerst nur gedanklich gelöst werden soll, werde ich versuchen, so weit wie möglich konkret zu werden.

  1. Eine wichtige Frage: Warum ausgerechnet ein „revolutionäres Ereignis“, lasse ich beiseite. Die Gründe dafür sind gewichtig, jedoch ist es nicht der Ort, auf sie einzugehen. Es geht vielmehr um die Frage: Wie?

  1. Nehmen wir an, das Theater wäre ein Ort der Kultur-, vielmehr der Ideologieroduktion: ein Ort der Täuschung und der Illusion. Das ist seine ganze Funktionsweise: die passiven ZuschauerInnen einer erzählten / gespielten Geschichte auszusetzen, die mit ihnen meistens nur indirekt was zu tun hat. Verlieren sich die ZuschauerInnen während der Darstellung darin, werden zum Mitfühlen und Nachdenken angeregt, ist die Aufgabe des Theaters erfüllt. Mag die Wirkung bei besonders „gut“ erfüllten Aufgaben andauern, der Bann der Illusion bricht jedoch noch vor dem Verlassen des Zuschauerraumes ab. Bereits das Klatschen befreit die ZuschauerInnen von dieser Versetzung in eine fremde Geschichte: es ist vorbei, eine Erleichterung.

  1. Analog zum Verhältnis Bild / Bildrahmen (das Namedropping ist zwar Scheiße, aber siehe dazu z.B. Essays zur Ästhetik von Georg Simmel), wo der Bildrahmen zwar noch zum Bild gehört, deutet jedoch die Grenze zur Umwelt an: hier hört das womöglich Unbequeme des Bildes auf, die Umwelt darf beruhigt sein. Dies ist die Funktionsweise aller Kunst der bürgerlichen Gesellschaft, einer museumtauglichen, eingesperrten Kunst. Das Theater macht da keine Ausnahme. Was ist der Rahmen des theatralischen Geschehens, der Täuschung? Es ist offensichtlich das Gebäude, das einladende Foyer, und gemäß dem Sprichwort, das Theater würde bereits an der Garderobe anfangen, die Garderobe.

  1. Nun, die Aufgabe, im Theater ein revolutionäres Ereignis dazustellen, wird aufgrund der Mittel immer ambivalent, zweischneidig bleiben. Der Widerspruch ergibt sich aus der grundsätzlichen Unmöglichkeit dar revolutionäre Akt der Befreiung, der Aufhebung aller Täuschungen und Entfremdungen mit den konventionellen Mitteln der theatralischen Illusion zu versöhnen.

  1. Geben wir jedoch diesen Widerspruch nicht auf, sondern denken ihn zu Ende. Die revolutionären Appelle an den „gesunden“ Verstand versagen meist: entweder an der ideologischen Vorgeprägtheit der passiven Mehrheit, oder an der sprachlichen Unzulänglichkeit der unruhigen Minderheit. Hier: das absichtliche und hartnäckige Nichtverstehen der emanzipatorischen Theorie einerseits und die Unmöglichkeit und der Unwille, die Theorie soweit übers Knie zu brechen, dass sie schließlich nicht mehr emanzipatorisch ist. Wir versprechen uns, dass die ästhetischen Mittel unter den Panzer des „gesunden“ Verstandes eindringen können. Die Einwände in diesem Fall sind jedoch: Appelle an das Archetypische, an die „ewigen“ Fragen des menschlichen Daseins (siehe z.B. Nietzsches „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“) verlieren leicht den Bezug zur konkreten Realität der Angesprochenen. Vielmehr, sie sind längst vom Bildungsbürgertum ideologisch vorgekaut und unschädlich gemacht; sie werden vielmehr dazu benutzt, zu suggerieren, die „ewigen“ Fragen des Verlorenseins, Blindseins, Einsam- und Unglücklichseins, Ausgeliefertseins tatsächlich ewig, sprich: unlösbar sind.

  1. Die Menschen machen bekanntlich ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. (nach K. Marx) Und weil nicht nur die Tradition aller toten Geschlechter als Alptraum auf unserem Gehirne lasten (ebenfalls nach K. Marx), sondern auch die Zukunft der Lebenden immer alptraumähnlichere Züge annimmt, stellen wir fest (das müssen wir), dass wir zwar die überlieferten ästhetischen Mittel benutzen, aber sie dabei aufbrechen, aus ihnen gewissermaßen ausbrechen müssen. In der Hoffnung, dass dieser Vorgang auch seine Rezeption verändert. Das ist das Spiel mit der bereits angedeuteten Ambivalenz der dieser Gesellschaft entliehenen ästhetischen Mittel.

  1. Wieder zur am Anfang formulierten Aufgabe: ein dargestelltes revolutionäres Ereignis, das das Theaterpublikum mitreißt. Was wäre solch ein Ereignis im Konkreten? Alle obige Ausführungen beachtend, kann es wohl keine Darstellung von Schlachten und Stadtbelagerungen sein, keine geschichtlichen Ereignisse, die dem ideologisch vorgeprägten Publikum als „fremd“ und somit nur als nur eine erzählte Geschichte erscheinen. Selbst technisch und inhaltlich gelungene Inszenierungen der Pariser Kommune, des Spanischen Bürgerkrieges oder des Kronstadter Aufstands können somit der Aufgabe nicht gerecht werden. Auch wenn’s fürs „deutsche Publikum“ die bayerische Räterepublik und die Rote Ruhr Armee wären. Obwohl Erinnerungen und Verweise auf sie vielleicht gar nicht unnützlich wären.

  1. Angesichts der aktuellen Situation in Europa und in der Welt (und der totalen Arbeitswelt) muss es der Streik sein, der Generalstreik vielmehr. Im postnazistischen versozialdemokratisierten Deutschland auch eine unwahrscheinliche Sache, wird aber in der Krise von etwas anständigeren EuropäerInnen immer wieder ausprobiert. Vielleicht rüttelt die Krise auch die „deutsche“ Arbeiterschaft und macht aus den Tarifstreiks mal politische Streiks, aus den politischen – Generalstreiks, aus dem Generalstreik eines Tages „endless human strike“ (the imaginery commitee).

  2. Der mögliche / sehr wahrscheinliche Schwachpunkt hier: die Zusammensetzung des Theaterpublikums. Verdinglichen muss sich allerdings auch das Bildungsbürgertum, Dienstleistungen und Ideologieproduktion erfolgen auch als Lohnarbeit. So wichtig wäre diese Tatsache für einen wirklichen Generalstreik, die Vermutung, dass das Theater einfach kulturell-ideologisch nicht die für „die Sache“so sehr relevanten Bevölkerungsgruppen bedient, ist nicht von der Hand zu weisen.

  3. Nun, wie sieht ein Generalstreik auf der Bühne, und zwar unter allen von uns ausgemachten Bedingungen, aus? Am besten als eine möglichst unillusorische Illusion: als BühnenarbeiterInnen, Akteure und andere Beschäftigte (o ja, das Theater ist meistens auch ein Betrieb mit Lohnarbeit), die bei den Vorbereitungen zu einem Stück sich über Nachrichten über eine Streikwelle unterhalten. Konkrete Bezüge lassen sich in den Nachrichten immer finden. Lassen wir sie drüber streiten, wie die Ereignisse zu bewerten sind. Gerne mit dem Publikum. Es ließe sich auch eine Interessenspaltung zwischen BühnenarbeiterInnen, Akteuren und z.B. dem Intendanten ausmachen. Die Dialoge wären mit einer Unmenge an Details, Beispielen (die Lohnarbeit im Allgemeinen, steigende Kosten auf praktisch alles, die Enttäuschung von der konventionellen Politik – das alles ist sehr real und präsent), Vorurteilen und Argumenten für und gegen den Streik füllen. Die Arbeit stockt bereits jetzt schon. Der Intendant / die verantwortliche Person drängt immer harscher. Der Konflikt platzt heraus, die „werktätige“ Belegschaft beschließt, die Arbeit zu niederlegen und sich mit der Streikwelle solidarisch zu erklären. Wie eine Auseinandersetzung mit dem Intendanten aussehen kann – ist es eine Rangelei, sperren sie ihn ein, droht er die Polizei zu rufen, alle zu kündigen? – wäre noch zu überlegen.

  4. Eine weitere Möglichkeit wäre, das Unsichtbare Theater Augusto Boals reinzubringen: man/frau kündigt eine Workshop zu Boals Ideen, holt aber die erschienenen engagierten Studentengesichter und sonstige WutbürgerInnen nicht ab. Stattdessen setzen sich „verärgerte“ TechnikerInnen und Angestellten dazu und verwickeln das Publikum in Gespräche über schlechte Arbeitsbedingungen, mickrige Löhne ect. Das Publikum wird angehalten, sich für einen Streik zu organisieren bzw. beim Streik mitzumachen.

  5. Zugegeben, mein Gedankenspiel geht nicht ganz auf: vom Publikum wird es höchstwahrscheinlich trotzdem noch als Spiel, das es nicht direkt trifft, wahrgenommen. Nehmen wir dafür dem Publikum das erlösende Ende einer Theatervorstellung: die Streikenden verlassen den Raum, Licht aus. Das war`s. Auch im Foyer, wo das verunsicherte Publikum dann früher oder später auftaucht, ist niemand. Das angepisste Publikum wird sich entweder im Buffet vergnügen und die ersten Formen der Selbstorganisation ausprobieren (nicht sehr wahrscheinlich) oder sich verpissen.

  6. Die beste Darstellung eines Streiks im Theater ist das streikende Theater, und zwar als ganzer Mechanismus, als ganzer Betrieb, als Bild mit Rahmen. Sowie das Graffiti immer noch eine Wandmalerei ist, zwar eine ausufernde und Grenzen überschreitende, ist eine Theaterinszenierung immer noch eine DARSTELLUNG. Das ist die hier bereits mehrmals betonte Widersprüchlichkeit des Ausdrucksmittels. Love it or leave it.

  7. Eine geringe Chance, diese Widersprüchlichkeit wenigsten dem Anschein nach zu durchbrechen besteht wohl in der einmaligen Aufführung. Wer weiß, vielleicht nimmt das dann jemand wirklich für wahr? Das ist aber noch eine Sache, über die man sich noch klar werden müsste.

  8. Zum Abschluss ein Zitat aus dem Nachwort zur ersten Auflage von „Staat und Revolution“ von W. I. Lenin: „Die vorliegende Schrift wurde im August und September 1917 niedergeschrieben. Ich hatte bereits den Plan des nächsten, des siebenten Kapitels, „Die Erfahrungen der russischen Revolutionen von 1905 und 1917“, fertig. Aber außer der Überschrift habe ich keine Zeile dieses Kapitels schreiben können: Die politische Krise, der Vorabend der Oktoberrevolution von 1917, „verhinderte“ es. Über eine solche „Verhinderung“ kann man sich nur freuen. Allerdings wird der zweite Teil dieser Schrift (der den „Erfahrungen der russischen Revolutionen von 1905 und 1917“ gewidmet sein soll) wohl auf lange Zeit zurückgestellt werden müssen; es ist angenehmer und nützlicher, die „Erfahrungen der Revolution“ durchzumachen, als über sie zu schreiben.

    Petrograd, den 30. November 1917, Der Verfasser.“ Kleiner Scherz, aber auch nicht ganz.

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