{"id":717,"date":"2011-12-31T09:28:59","date_gmt":"2011-12-31T08:28:59","guid":{"rendered":"http:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=717"},"modified":"2024-06-29T22:23:10","modified_gmt":"2024-06-29T20:23:10","slug":"es-erinnert-mich-an-februar-in-libyen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=717","title":{"rendered":"&#8220;Es erinnert mich an Februar in Libyen&#8230;&#8221;"},"content":{"rendered":"<p lang=\"de-DE\"><em><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">[Wie es aussieht, m\u00fcssen wir das alte Interview doch noch hierher r\u00fcberretten, auf der Seite der FdA ist es verschwunden, der BiKri-Blog wurde von blogsport gel\u00f6scht, damit ging auch ein Teil wenn nicht Bewegunggeschichte, dann wenigstens einer Geschichte der Unruhe in W\u00fcrzburg. Das Interview hat zwar nichts mit W\u00fcrzburg zu tun, wir haben&#8217;s damals eher gemacht, weil schon abzusehen war, dass wir gegen die dummen StudentInnen dieser Stadt verlieren, da zog man sich zur\u00fcck aufs Philosophenst\u00fcbchen und befasste sich virtuell mit der weiten Welt. Andererseits ausgerechnet 2011 haben sich an vielen Orten der Welt Dinge aufgemacht, die man auch in der deutschen Provinz nicht mehr h\u00e4tte ignorieren k\u00f6nnen. Hier ist ein St\u00fcck der neueren Geschichte der Unruhe in Russland. Schlie\u00dfelich um die Zeit warb die Stadt W\u00fcrzburg f\u00fcr sich mit dem Motto &#8220;Provinz auf Weltvineau&#8221;. Und da waren wir halt. Unser Dank f\u00fcrs Aufbewahren geht somit an den Syndikalismus.tk-Blog, vielen Dank Leute! Und ja, fuck KRAS-IAA! &#8211; liberadio, Sept. 2023]<\/span><\/span><\/em><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>(Einleitung von Syndikalismus.tk) <\/strong>Leider wissen wir viel zu wenig \u00fcber die anarchistische Bewegung Russlands. Dieses Interview versucht ein wenig Licht in das Dunkel unserer Unwissenheit zu bringen. Das Interview wurde mit jmd. aus der \u201eAnarchistischen Gruppe der Moskauer Region (PGA)\u201c gef\u00fchrt. Bis zu einem Konflikt in der \u201eAssoziation der Bewegungen der AnarchistInnen (ADA)\u201c war sie dort Mitglied. Zur PGA, dem Konflikt in der ADA, zur aktuelle \u00f6konomische und politische Situation in Russland, zur Situation in der libert\u00e4ren \/ anarchistischen Bewegung Russlands, zuraktuelle Lage der Proteste nach den Wahlen, zur Sozialstruktur der Wahl-Protesten in Russland und welche Hilfe aus dem europ\u00e4ischen Ausland von den Bewegungen kommen k\u00f6nnte, gibt das interview ausf\u00fchrliche und tiefe Einblicke. &#8211;<\/p>\n<p><strong>\u201eEs erinnert mich an Februar in Libyen\u2026\u201c Interview mit einem Anarchisten aus Russland<\/strong><\/p>\n<p><em>Lass uns damit beginnen, dass du dich selbst kurz vorstellst und \u00fcber deine Gruppe erz\u00e4hlst.<\/em><\/p>\n<p>Hallo erst ein mal. Ich repr\u00e4sentiere Anarchistische Gruppe aus Moskauer Region (PGA), die, wenn mich mein Ged\u00e4chtnis nicht t\u00e4uscht, seit 2008 existiert. Bis vor kurzem waren wir Mitglied in der Assoziation der Bewegungen der AnarchistInnen (ADA), aber aufgrund von Konflikten waren wir gezwungen, die Mitarbeit in dieser Organisation aufzuk\u00fcndigen (obwohl einige von uns da immer noch sind). Unsere ideologische Zugeh\u00f6rigkeit ist schwer zu beschreiben, ich kann nur eines sicher sagen \u2013 dass alle GenossInnen sich selbst als Anh\u00e4ngerInnen des sozialen Anarchismus ansehen, seien es Syndikalisten, Kommunisten oder Individualisten. Wir treten immer f\u00fcr direkte Demokratie und soziale Gerechtigkeit ein und stehen f\u00fcr antiimperialistische Positionen (denn Russland scheint uns ein viel gef\u00e4hrlicheres Imperium als die USA). Die Gruppe leistet seit Jahren agitatorisch-propagandistische Arbeit, gibt Flugbl\u00e4tter und Zeitungen mit geringer Auflage heraus. Insgesamt handeln wir nicht so wie die Mehrheit russischer AnarchistInnen \u2013 schlecht besuchten Kundgebungen mit Elementen von Punk-Konzerten haben wir schon immer Treffen mit streikenden Arbeitern oder Einwohnern, die f\u00fcr den Erhalt von Parks und W\u00e4ldern k\u00e4mpfen (ein sehr brisantes Thema in Russland), vorgezogen; Aktionen gegen den Krieg in Tschetschenien, landesweite Kampagnen f\u00fcr Arbeiterrechte (die von Mitgliedern der Konf\u00f6deration Revolution\u00e4rer Anarcho-SyndikalistInnen \u2013 IAA z.B. vernachl\u00e4ssigt und in Grund und Boden kritisiert werden). So ungef\u00e4hr.<\/p>\n<p><em>K\u00f6nntest du die aktuelle \u00f6konomische und politische Situation in Russland beschreiben? Anders gesagt, wie sehen die Anarchisten der PGA das heutige Russland?<\/em><\/p>\n<p>Naja, es ist ziemlich einfach \u2013 wir sind der Meinung, dass wir ein ziemlich offen autorit\u00e4res staatskapitalistisches Regime haben. Gro\u00dfe Konzerne sind so stark in den Machtapparat eingebunden, dass nicht einmal klar ist, was zuerst da war \u2013 entweder hat der Staat sich Anteile in diesen Unternehmen unter die N\u00e4gel gerissen, oder haben die Unternehmen eigene Leute in f\u00fchrende Posten gesetzt. Medwedjew z.B. war eine Weile lang in der F\u00fchrungsebene von \u201eGasprom\u201c, des m\u00e4chtigsten Konzerns in Russland. Und fast jeder Direktor eines Industrie- oder landwirtschaftlichen Betriebs oder einer Bildungseinrichtung ist Mitglied der Partei \u201eEiniges Russland\u201c. Sieht der UdSSR \u00e4hnlich, die die Planwirtschaft gegen etwas anderes eingetauscht hat (als freien Markt kann man unsere Wirtschaft wohl nicht bezeichnen).<\/p>\n<p>Hinsichtlich der politischen Freiheit ist es im Prinzip genau so schlimm: f\u00fcr das Anbringen von Flugbl\u00e4ttern kann man einfach 5 Tage Arrest bekommen, Druckereien sind f\u00fcr das Drucken von politisch heikler Literatur unzug\u00e4nglich, das Internet wird in Bildungseinrichtungen oder mancherorts sogar in privater Nutzung zensiert. Aber seit Dezember dieses Jahres wackelt die Macht und ist gezwungen worden, sich unter dem Druck von gro\u00dfen Demonstrationen zur\u00fcck zu ziehen. Au\u00dferdem m\u00f6chte ich anmerken, dass bereits seit 10 Jahren in den s\u00fcdlichen Regionen ein bewaffneter Konflikt entlang der Linie Polizeieinheiten \/ Partisanen von Kaukasus andauert. Wir neigen nicht dazu, dies f\u00fcr Aktivit\u00e4ten einer mysteri\u00f6sen Al-Qaida zu halten, daran ist in erster Linie die brutale und zynische Politik der Machthaber schuld. Was die soziale Lage angeht \u2013 damit ein durchschnittlicher russischer B\u00fcrger sich z.B. ein modernes Fernsehger\u00e4t kaufen kann, muss er 2-3 Monate was vom Lohn zur\u00fccklegen, h\u00e4ufiger ein halbes Jahr lang. Um eine Wohnung zu kaufen, muss man entweder Jahrzehnte lang sparen, oder einen Kredit bei einer Bank aufnehmen. Damit will ich keine Statistiken auspacken, sondern am Beispiel zu zeigen, was und wie bei uns passiert.<\/p>\n<p><em>Wie ist die Situation in der libert\u00e4ren \/ anarchistischen Bewegung Russlands (oder der ehemaligen UdSSR)?<\/em><\/p>\n<p>Lass mich \u00fcber Russland erz\u00e4hlen. Die Situation ist in der Tat katastrophal. Die Bewegung kann man in vier Tendenzen aufteilen.<!--more--><\/p>\n<p>1) Stubentheoretiker. Die bekanntesten in Russland sind die hiesige Sektion der IAA. Sie sind ber\u00fchmt f\u00fcr Skandale innerhalb der Bewegung, werfen anderen AnarchistInnen Reformismus vor oder dass sie Interessen anderer Staaten bedienen. W\u00e4hrend der Dezemberproteste gaben sie eine Serie von Karikaturen heraus, wo sie Protestierende als \u201eHunde der Demokratie\u201c bezeichneten (in der Tat \u2013 \u201eorangefarbene Hunde\u201c, diese Variante wird man aber in Deutschland nicht verstehen, glaube ich). (Eigentlich nach der liberal-demokratischen \u201eOrangenen Revolution\u201c in der Ukraine benannt, die den M\u00e4chtigen in Russland ein Schreckgespenst ist \u2013 A.d.\u00dc.) Ihre Hauptbesch\u00e4ftigung ist das \u00dcbersetzen von Texten europ\u00e4ischer AnarchistInnen und deren Ver\u00f6ffentlichung auf ihrer Seite, im echten Leben hat sie selten jemand gesehen.<\/p>\n<p>2) Bewegung \u201eAutonome Aktion\u201c \u2013 subkulturelle Gruppen von Jugendlichen, die sich AnarchistInnen nennen. Es gibt kein Programm, kein Statut, aber auf Kongressen wird regelm\u00e4\u00dfig ein Zentralkomitee gew\u00e4hlt, es gibt Mitgliedsbeitr\u00e4ge f\u00fcr eben dieses Komitee usw. Gilt als eine anarchistische Organisation, in der Praxis aber versammeln sie unter eigenen Flaggen sozial-demokratische Jugendliche. Verstehen sich ganz gut mit russischen TrotzkistInnen. Neigen dazu, schlecht besuchte Kundgebungen mit Pyrotechnik zu organisieren. Vor kurzem veranstalteten sie eine Demo gegen muslimische Feiertage (die ihrer Meinung nach gegen die GESETZE versto\u00dfen), von denen h\u00f6chstens sie selber wissen. Eine sehr komische Organisation, die zudem noch mit Insurrektionalisten sympathisiert.<\/p>\n<p>3) Insurrektionalisten. Bekannt ist nur, dass sie versuchen, Polizeist\u00fctzpunkte abzufackeln, die sich in Russland in der Regel in den ersten Etagen von Wohnh\u00e4usern befinden. Meinen, dass sie gegen den Staat und die konservative Gesellschaft k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>4) Kleine Gruppen wie die unsere, die Positionen des klassischen Anarcho-Kommunismus und Individualismus einnehmen (wie die von Tucker, Spooner, Alexej Borowoj).<\/p>\n<p><em>In dieser Hinsicht w\u00e4re interessant, was momentan ADA ist und was sie macht. Du sagtest, die PGA war bis vor kurzem noch in der ADA. K\u00f6nnt ihr mit anderen Gruppen im Rahmen der \u00e4ltesten synthetischen anarchistischen Organisation Russlands nicht auskommen? Was sind die Gr\u00fcnde?<\/em><\/p>\n<p>Naja, das ist eine heikle und komplizierte Frage \u2013 ein Teil unserer Genossen ist in der ADA geblieben. Es ist nicht so, dass wir nicht miteinander auskommen konnten, die Sache ist anders \u2013 wir fanden keine Unterst\u00fctzung. Au\u00dfer zwei Personen hat kein anderes Mitglied der F\u00f6deration in den letzten JAHREN ein einziges unserer Agitationsprojekten unterst\u00fctzt, niemand ist an der Entwicklung der Druckpresse interessiert. Z.B. nach dem Teilaustritt der Gruppe aus der Assoziation hat diese die Einstellung ihres einzigen Presseorgans \u201eWintowka\u201c (&#8220;Die Flinte&#8221; &#8211; A.d.\u00dc.) bekanntgegeben. Von unseren ehemaligen Genossen haben wir nur Vorschl\u00e4ge mitgekriegt, in den sozialen Netzen aktiv zu arbeiten und lange Artikel \u00fcber den freien staatenlosen Markt gesehen. Nein, das alles ist nicht schlimm, hat doch noch Kropotkin \u00fcber die Vielfalt der Eigentumsformen geschrieben. Es ist einfach nicht unser Ding, wir sind in vieler Hinsicht \u201eMenschen der Tat\u201c.<\/p>\n<p><em>Wie siehst du die aktuelle Lage der Proteste nach den Wahlen? Was ist das \u2013 eine reale Krise der Repr\u00e4sentation, wie es auch immer \u00f6fters anderswo passiert, oder einfach Spiele der Opposition?<\/em><\/p>\n<p>Unsere Opposition ist schwach.<\/p>\n<p>Die Roten arbeiten traditionell unter der Schirmherrschaft des Kremls \u2013 nur wenige Kommunisten in Russland sind nicht emp\u00f6rt \u00fcber den Zerfall der Armee des b\u00fcrgerlichen Staates und stimmen Putin nicht zu in der Kritik des Westens.<\/p>\n<p>Die liberale Opposition ist einfach schwach, bis Dezember war sie \u00e4u\u00dferst negativ gegen\u00fcber den Massen eingestellt und die gerade stattfindenden Demos waren f\u00fcr sie eine \u00dcberraschung.<\/p>\n<p>Die Bev\u00f6lkerung Russlands war nicht \u00fcber das Wahlergebnis ver\u00e4rgert \u2013 es haben im Prinzip alle gewusst, wer gewinnt, sondern die Perspektive, noch 5 Jahre unter demselben Regime zu leben. Binnen weniger Monate sind in verschiedenen St\u00e4dten informelle Zusammenschl\u00fcsse von Menschen aller Altersgruppen entstanden, die selbstbestimmt K\u00e4mpfe gegen die regierende Partei und auch gegen alle anderen gef\u00fchrt haben. Am 5. und 10. Dezember fanden gl\u00fccklicherweise liberale Kundgebungen statt. H\u00e4tten am 5.12. Kommunisten (gemeint ist die KPRF, die k\u00e4ufliche Nachfolgerin der KPdSU \u2013 A.d.\u00dc.) demonstriert, w\u00e4ren die Leute zu ihnen gegangen, so aber\u2026 Also, ein gl\u00fccklicher Zufall. Momentan kann man unter den Protestierenden zwei Tendenzen ausmachen \u2013 der gr\u00f6\u00dfte Teil tritt aktiv gegen das Aufkommen von selbsternannten Anf\u00fchrern wie Nemtzow, Ryzhkow (Liberaler und Alt\u201edemokrat\u201c \u2013 A.d.\u00dc.) usw. ein, der seine Auftritte mittels Internetseiten vorbereitet und versucht, bekannte Intellektuelle an seine Seite zu locken, die ohnehin die Welle der Wut im Dezember unterst\u00fctzt haben. Das sind Journalist Parfjonow und Schriftsteller Boris Akunin (seine Krimis sind in Russland sehr beliebt), deren Auftritte am 10. Dezember st\u00fcrmischen Applaus von hunderttausend Menschen hervorriefen. Dieselben Protestierenden kritisieren vehement die Teilnahme von Kommunisten und Nationalisten an kommenden Kundgebungen, arbeiten allm\u00e4hlich neue Losungen der Bewegung heraus. Also, die Bev\u00f6lkerung ist erwacht und versucht, die Welt aktiv ohne Zensur und Autoritarismus zu erforschen. Ich w\u00fcrde das eine spontane demokratische selbstorganisierte f\u00f6derative Bewegung nennen. Den zweiten Teil bilden ewige Radikale (Liberale, Nationalisten usw.), die versuchen, das Ganze als eine demokratische russische Revolution darzustellen. Eigentlich ist gegen sie die ganze Kritik des erstes Teils der AktivistInnen gerichtet, denn heute str\u00f6men B\u00fcrgerInnen auf die Stra\u00dfen mit einem einzigen Wunsch \u2013 sich vom Joch des zentralisierten Staates zu befreien. Was daraus wird, kann ich schwerlich sagen, ich glaube aber, dass weder ein nationalistischer Putsch oder Neoliberalismus das Resultat sein werden. Die Bev\u00f6lkerung ist sowohl des Staatskapitalismus als auch des Staatskommunismus m\u00fcde, von nationalistischen Parolen ist jedeR zweiteR angewidert\u2026 Die Bewegung vom 10. Dezember (so nennen viele die winterliche Protestwelle in Russland) hat momentan zwei Probleme: nicht ausformulierte soziale Losungen und nicht ausreichende Koordinationszentren vor Ort. Daran wollen wir in der n\u00e4chsten Zeit arbeiten.<\/p>\n<p><em>Von irgendwelchen Occupy-Protesten hab ich pers\u00f6nlich den Eindruck, dass auf die Stra\u00dfen nicht diejenigen gegangen sind, die reale Gr\u00fcnde zur Emp\u00f6rung hatten, sondern aufgeschreckte Mittelschichten und StudentInnen, d.h. wiederum Kinder der Mittelschicht. Wie ist die Sozialstruktur der Wahl-Protesten in Russland, wer ist das auf den Stra\u00dfen?<\/em><\/p>\n<p>Die Occupy-Bewegung kann ich \u00fcberhaupt nicht ernst nehmen \u2013 habe den Eindruck, dass es einfach so eine Meute ist, die sich um Probleme nicht k\u00fcmmert, es geht nur darum, Masken aufzusetzen und irgendwas zu blockieren. Eine gef\u00e4hrliche Weise also, sich auszudr\u00fccken. Im Dezember sind ein bisschen alle auf die Stra\u00dfen gegangen, wie ein Kumpel von mir sagt. Arbeiterjugend, Studenten, B\u00fcroangestellte, d.h. es gibt keine dominante soziale Kraft. Es waren auch viele Menschen, die mit ihrer materiellen Lage nicht zufrieden sind\u2026 Insgesamt ist drum herum eine Mischung von Menschen aus unteren und mittleren Schichten; es erinnert mich an Februar in Libyen, als Anw\u00e4lte und Stra\u00dfenkehrer, Lehrer und Nomaden die Stra\u00dfen von Bengasi f\u00fcllten. Es wird hier noch nicht geschossen, ich hoffe, dass es auch ohne geht, aber die soziale Zusammensetzung sieht ganz \u00e4hnlich aus.<\/p>\n<p><em>Wie in Libyen? D.h. es gibt eine Chance, dass das Putin-Regime f\u00e4llt und nicht durch ein noch brutaleres ersetzt wird?<\/em><\/p>\n<p>Nein, nat\u00fcrlich nicht. Als ich von Libyen gesprochen habe, meinte ich nicht den Umsturzprozess, sondern die unterschiedliche Gruppen der Protestierenden, d.h. die einzigen Analogien mit der Situation in diesem Land bestehen nur in der sozialen Zusammensetzung des Protestes in Russland. Habe gerade eben im Internet gelesen, LehrerInnen einer der Moskauer Schulen rufen zu neuen Protesten auf, und heute fr\u00fch sah ich einen Stra\u00dfenkehrer mit einem Button \u201eNein zur Partei Einiges Russland\u201c. Haben uns gut \u00fcber Politik unterhalten. Das Regime Putin ist st\u00e4rker als wir alle \u2013 die Gr\u00f6\u00dfe des Polizeiapparates betr\u00e4gt 3 Millionen Menschen, es ist sogar besser bewaffnet als Eliteeinheiten des Milit\u00e4rs. Und in der letzten Zeit gibt die Macht klein bei, indem die Zensur gelockert wird (obwohl nicht so sehr \u2013 im Fernsehen sind 99% der Berichte \u00fcber Proteste verboten). Also, dieses Jahr werden wir kein Gl\u00fcck haben, dieses Jahr sicher nicht\u2026<\/p>\n<p><em>Ja, die Analogie mit dem B\u00fcrgerkrieg in Lybien war ungl\u00fccklich. Willst du aber sagen, dass es auch nicht zu Tahrir am Roten Platz kommt? In diesem Jahr nat\u00fcrlich nicht mehr, aber in der Perspektive \u2013 was haben diese Proteste f\u00fcr eine Tendenz? Was suchen dann die Libert\u00e4ren in diesen Protesten?<\/em><\/p>\n<p>Demn\u00e4chst wird das auch nicht passieren, denn die Menschen haben erst vor einem Monat versucht, die Macht offen zu kritisieren und gesehen, dass es eigentlich gar nicht so gef\u00e4hrlich ist. Eine andere Sache ist, dass Erfahrungen bei der Koordination fehlen und die \u00c4u\u00dferungen zu sozialen Fragen sehr diffus sind. Die Tendenz der Proteste ist jetzt folgende \u2013 sie haben ein wenig an Massencharakter eingeb\u00fc\u00dft, sind aber stabil geworden. Ich denke, dass wir bis zu den Pr\u00e4sidentenwahlen noch einige mehr oder wenige gro\u00dfe Kundgebungen erleben und dann kommt das entscheidende Moment \u2013 entweder geht die Bewegung ein oder sie entwickelt sich zu einem organisierten Massenprotest. F\u00fcr Libert\u00e4re will ich nicht sprechen, denn ich z\u00e4hle mich selbst zu Anarchisten. Libert\u00e4re sind die bereits erw\u00e4hnte Autonome Aktion und KRAS-IAA. Die ersten werden ihren Schwachsinn fortsetzen, werden bei gro\u00dfen Demos Schl\u00e4gereien mit Nationalisten provozieren (wovon sie schon stolz berichtet haben), und die letzteren \u2013 werden nach wie vor gegen \u201edie vom Washington bezahlten\u201c Liberalen hetzen. Es ist also wirr. Wir aber, Gruppen von Anarchisten, werden versuchen, neue Mitglieder zu gewinnen und in den Massen Ideen von der Notwendigkeit der Selbstorganisation in Protestkampagnen zu s\u00e4en. Mehr werden wir nicht schaffen, aber auch das wird ein echter Durchbruch vor dem Hintergrund des klinischen Todes der anarchistischen Bewegung in Russland.<\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?attachment_id=2880\" rel=\"attachment wp-att-2880\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-2880 alignright\" src=\"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/files\/2011\/12\/fda-300x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/files\/2011\/12\/fda-300x300.jpeg 300w, https:\/\/liberadio.noblogs.org\/files\/2011\/12\/fda-150x150.jpeg 150w, https:\/\/liberadio.noblogs.org\/files\/2011\/12\/fda.jpeg 340w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Und wie reagieren die Protestierenden auf die anarchistische Agitation?<\/em><\/p>\n<p>Wei\u00dft du, mit gro\u00dfem Interesse. Die Leute haben die traditionelle Opposition satt und \u201enicht-systemische\u201c Nationalisten nimmt niemand ernst, wie ich bereits gesagt habe. Eine andere Sache ist, dass es wie ein Zirkus angesehen wird, wenn die Agitation in Form einer lauten vermummten Menge r\u00fcberkommt, wie es ein Teil der Moskauer Anarchisten am 10. Dezember getan haben. Also schauen wir den Erfolgen der Agitation optimistisch entgegen.<\/p>\n<p><em>Wie k\u00f6nnten deiner Meinung nach europ\u00e4ische Libert\u00e4re \/ AnarchistInnen \/ KommunistInnen euch bei dieser Sache unterst\u00fctzen?<\/em><\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht. Europ\u00e4ische Libert\u00e4re \/ AnarchistInnen verstehen offensichtlich die Realit\u00e4t in Russland nicht und sind eher bereit, den bekannteren Vertretern unserer anarchistischen Subkultur zu lauschen als denen, die tats\u00e4chlich vor Ort organisieren und k\u00e4mpfen. Ehrlich gesagt, nach einem Briefwechsel mit Mitgliedern der IFA (Internationale F\u00f6deration der AnarchistInnen \u2013 A.\u00dc), sind mir westliche GenossInnen etwas suspekt \u2013 also mir pers\u00f6nlich wurde geschrieben, dass man gegen Religion k\u00e4mpfen, \u201efreemarkets\u201c und mehr Konzerte organisieren m\u00fcsse \u2013 und das in einem Land, in dem z.B. kleinere St\u00e4dte von der Mafia kontrolliert werden. Wenn meine westliche LeserInnen endlich kapieren, dass wir keine Ratschl\u00e4ge brauchen, dass europ\u00e4ische Taktik unter unseren Bedingungen nicht anwendbar sind, so k\u00f6nnen vielleicht noch einige Vorstellungen von der Unterst\u00fctzung entstehen. Ich w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, dass Europa unsere Aktionen unterst\u00fctzt, das ist das Programm-Minimum.<\/p>\n<p><strong><em>R\u00fcbergerettet vom Syndikalismus-Blog: <a href=\"https:\/\/syndikalismus.wordpress.com\/2011\/12\/29\/%E2%80%9Ees-erinnert-mich-an-februar-in-libyen-interview-mit-einem-anarchisten-aus-russland\/\">https:\/\/syndikalismus.wordpress.com\/2011\/12\/29\/%E2%80%9Ees-erinnert-mich-an-februar-in-libyen-interview-mit-einem-anarchisten-aus-russland\/<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[Wie es aussieht, m\u00fcssen wir das alte Interview doch noch hierher r\u00fcberretten, auf der Seite der FdA ist es verschwunden, der BiKri-Blog wurde von blogsport gel\u00f6scht, damit ging auch ein Teil wenn nicht Bewegunggeschichte, dann wenigstens einer Geschichte der Unruhe &hellip; <a href=\"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=717\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1968,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[10,45,80,53,128,102,75,40,17,25,51,92,133,50,18,15,27,78,79],"class_list":["post-717","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-text","tag-anarchism","tag-borovoy","tag-capitalism","tag-crisis","tag-ecology","tag-europe","tag-islam","tag-liberalism","tag-link","tag-lybia","tag-nationalism","tag-religion","tag-revolt","tag-russia","tag-state","tag-syndicalism","tag-war","tag-left","tag-work"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/717","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1968"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=717"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/717\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3327,"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/717\/revisions\/3327"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=717"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=717"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=717"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}