{"id":593,"date":"2011-09-25T00:01:33","date_gmt":"2011-09-24T22:01:33","guid":{"rendered":"http:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=593"},"modified":"2023-09-10T15:09:02","modified_gmt":"2023-09-10T13:09:02","slug":"593","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=593","title":{"rendered":"\u00abDen Krieg wollen nur die Politiker\u00bb"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Pjotr Rausch<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>[Ein etwas \u00e4lterer Text eines russischen Anarchisten zum Tschetschenischen Krieg, der vielleicht an manchen Stellen etwas skurill scheinen mag &#8211; es wird ja schlie\u00dflich u.A. Partei f\u00fcr &#8220;islamistische Terroristen&#8221; ergriefen, ansonsten aber sehr interessante Gedanken zur Staatlichkeit und zum Krieg enth\u00e4lt.]<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/c\/cc\/Evstafiev-chechnya-palace-gunman.jpg\" alt=\"\" width=\"361\" height=\"236\" \/>Das ist beinahe eine der Hauptlosungen der endlich beginnenden Antikriegskampagne. Und sie scheint nicht gut gew\u00e4hlt zu sein. Eigentlich ist es ein Problem bei fast allen Losungen. Wenn mensch im Wort \u201enoch\u201c (\u201e\u0435\u0449\u0451\u201c &#8211; A.d.\u00dc.) f\u00fcnf Fehler machen kann, so wundert mensch sich, wenn sich nicht deutlich mehr Fehler in sechs W\u00f6rtern finden. Was ist das aber, was uns als Fehler scheint?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Auf den ersten Fehler haben wir bereits hingewiesen \u2013 wenn jemand kapiert hat, dass die Kriegsproblematik ihn oder sie betrifft, w\u00e4re es nicht schlecht, wenn er oder sie auch kapieren w\u00fcrde, dass das ein politisches Problem ist. Nehmen Sie an einer Aktion, die eine bestimmte Einstellung gegen\u00fcber dem Krieg demonstriert, oder unmittelbar an kriegerischen Auseinandersetzungen teil, mischen Sie sich in politische Ereignisse ein. Ihre aktive und bewusste Teilnahme bedeutet, dass Sie einE PolitikerIn sind. Die Losung aber, um das Wort im negativen Kontext zu benutzen, zielt darauf ab, dass es angeblich eine Kaste geben soll, die sich mit solchen Fragen professionell besch\u00e4ftigt und gleichzeitig vollkommen pervertierte Interessen hat, die fatalerweise mit den Interessen der Mehrheit nicht \u00fcbereinstimmen. Das hei\u00dft dann, dass die gro\u00dfe Mehrheit der Bev\u00f6lkerung aus apolitischen humanistischen Pazifisten besteht, die aus absolut unerkl\u00e4rlichen Gr\u00fcnden einer Clique blutr\u00fcnstiger Kannibale erlauben, etwas mit sich zu machen, was den Menschen gar nicht gef\u00e4llt. Leider ist es in Wahrheit noch wesentlich schlimmer.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der zweite Fehler der Losung besteht darin, dass sie der Wirklichkeit nicht entspricht. Die Wirklichkeit ist aber so, dass der Krieg von viel zu vielen gewollt wird. Unmittelbar von denen, f\u00fcr die das Gef\u00fchl der nationalen Einheit nicht nur einfach Realit\u00e4t geworden ist, sondern auf der pers\u00f6nlichen Werteskala die \u201eBefehlshochheit\u201c eingenommen und sich Logik, die Menschenw\u00fcrde und den Selbsterhaltungstrieb unterworfen hat. Oder von denen, bei welchen die Rolle der nationalen Idee in diesem Sinne die Idee der Herrschaft gespielt hat. Viele Menschen, die den Krieg im Fernsehen verfolgen, brauchen ihn als eine Art Droge &#8211; so versuchen sie das Gef\u00fchl der eigenen Ohnmacht durch die Selbstidentifizierung mit der strafenden Macht der staatlichen Einheit. Erinnern wir uns schlie\u00dflich daran, dass die ganze Industrie Russlands \u2013 seit dem 17. Jahrhundert \u2013 gegr\u00fcndet und danach als ein Branche entwickelt wurde, die sich in erster Linie am Krieg orientierte, und dass trotz Revolutionen, Perestrojkas und konservative (Nations-) Projekte hat sich die Lage nicht zum Besseren ge\u00e4ndert. Was bedeutet das? Die Industriearbeiter der Welt<span style=\"color: #000000\"> (das milit\u00e4risch-industrielle Komplex ist doch kein ausschlie\u00dflich russisches Ph\u00e4nomen), auf die Pataud, Pouget und Lagardelle so viele Hoffnungen gesetzt hatten, waren im Gro\u00dfen und ganzen die<\/span> Industriearbeiter des Krieges! (Eine Art Wortspiel: im Russischen werden \u201eWelt\u201c und \u201eFriede\u201c mit demselben Wort \u201e\u043c\u0438\u0440&#8221; benannt \u2013 A.d.\u00dc.) Hier greift nicht direkt die Politik, sondern die Ableitung von ihr (und keinesfalls umgekehrt!) &#8211; die \u00d6konomie, auf der die Bolschewiki so lange rumgeritten sind: \u201eHer mit den staatlichen Auftr\u00e4gen f\u00fcr die Waffenindustrie!\u201c Wenn es Krieg gibt, braucht mensch neue Waffensysteme zu entwickeln und herzustellen. Je h\u00f6her die Ausgaben f\u00fcrs Milit\u00e4r, desto mehr Arbeitspl\u00e4tze wird es geben. Und Menschen, die selbst das Wort \u201ePolitikerIn\u201c nicht anders als ein Schimpfwort wahrnehmen, schalten sich in den realen \u201e\u00f6konomischen\u201c Prozess im Rahmen des einheitlichen milit\u00e4risch-industriellen Komplexes ein. Warum auch immer, wird dieses Einschalten nicht als Teilnahme an Massenmord empfunden. Warum auch immer, hei\u00dft es, dass die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung aus abstrakten Menschen besteht, die \u201enichts verbrochen haben\u201c, w\u00e4hrend es vielleicht nur Kleinkinder sind, die nichts verbrochen haben, und die meisten Erwachsenen neben ihren T\u00e4tigkeiten im staatlichen Dienst und in der milit\u00e4rischen Produktion dazu noch W\u00e4hlerInnen und SteuerzahlerInnen sind. Die meisten von ihnen tun das nicht so sehr, weil sie sich vor staatlicher Repression f\u00fcrchten, sondern im Gegenteil \u2013 davor, dass an einem sch\u00f6nen Tage die Repression aufh\u00f6rt und in dem Moment ihr Leben keinen Sinn mehr machen wird. Also erschreckend ist nicht gerade das, dass die mythische \u201eStabilit\u00e4t\u201c mit den realen Arbeitspl\u00e4tzen verschwindet, sondern dass Generationen von Menschen, die vor sich hin gelebt und f\u00fcr den Staat gearbeitet haben, umsonst gearbeitet haben, sollte der Staat verschwinden. Diese Menschen brauchen den Krieg, da ihr Leben sich nur durch den Staat rechtfertigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Unsere Lagenanalyse hat sich bis jetzt aber nicht von einem pazifistischen Standpunkt wegbewegt. Lassen wir uns die Herangehensweise \u00e4ndern \u2013 brauchen denn wir selber den Krieg? Oder wollen wir den \u201eSieg der Anarchie\u201c, einen f\u00fcr alle, der aber mit rein gewaltfreien Mitteln erreicht werden sollte? Versuchen wir es zu kl\u00e4ren. Der Glaube an \u201egewaltfreie Mittel\u201c impliziert doch auch einen Druck auf das System. Oder einen moralischen Druck von solcher Kraft, die trotz unserer Minderz\u00e4hligkeit den Gegner zwingen wird, sich f\u00fcr eigene Handlungen zu sch\u00e4men (woran anscheinend nur Geistigbehinderte glauben k\u00f6nnen), oder aber einen radikalen Bruch in der Massenpsychologie, wenn Millionen von Menschen die Obrigkeitsh\u00f6rigkeit absch\u00fctteln, auf die Stra\u00dfe unter schwarzen Fahnen gehen und das Regime f\u00e4llt, erschrocken vom Volksprotest (die terroristische Komponente ist hier unvermeidlich!). Dieses im Prinzip realistisches Szenario nennt sich Revolution. Aber f\u00fcr ihre friedliche Realisierung ist so zahlenm\u00e4\u00dfige \u00dcbermacht n\u00f6tig, die beim Gegner selbst den Gedanken an einen eventuellen Widerstand verhindern w\u00fcrde. Merken wir an, dass selbst die antifaschistischen Demonstrationen in \u00d6sterreich, an denen k\u00fcrzlich Hunderte von Tausend Menschen teilnahmen, die Regierung immer noch nicht zum Sturz gebracht haben. D.h. der Staat ist nicht zu Kompromissen bereit, selbst in einer Frage, die nicht so prinzipiell ist wie die Frage seiner Abschaffung. D.h. wiederum, dass der Sieg ohne Gewalt \u2013 wenn nicht das absolute Mythos, so liegt er wenigstens am \u00e4u\u00dfersten Rande des M\u00f6glichen und es braucht nur einen einzigen Hitzekopf, damit der Weg zum Siege blutig werde. Den Kampf f\u00fcr den Sieg sagen wir doch nicht ab, oder? Das bedeutet, dass wir auch einen Krieg anstreben! Es bliebe nur zu kl\u00e4ren, was f\u00fcr einen. Oder sollen wir uns vielleicht aus konspirativen Gr\u00fcnden dieses Thema lieber nicht diskutieren \u2013 damit wir uns selber dar\u00fcber t\u00e4uschen, dass einige unserer GenossInnen bereits in Gef\u00e4ngnissen schmachten? So haben sich z.B. TrotzkistInnen wenigstens f\u00fcr einen Namen entschieden: sie wollen keinen Krieg au\u00dfer einem Klassenkrieg. D.h. einen gegen die Bourgeoisie. Einigen von uns gef\u00e4llt diese Losung. Der Krieg ist doch nicht nur gegen die Bourgeoisie, sondern auch gegen ein real existierendes System, das nach dem troztkistischen Verst\u00e4ndnis als bourgeois angesehen wird. An den kriegerischen Auseinandersetzungen nehmen aber die TrotzkistInnen nicht mehr als wir teil \u2013 und dass es sich jemals \u00e4ndern wird, ist ungewiss. Wom\u00f6glich, rechnen sie damit, dass fr\u00fcher oder sp\u00e4ter die \u00c4nderungen der Lage der Arbeiterklasse diese zu einem revolution\u00e4ren Bewusstsein bringen werden. Ohne dieses ist nicht nur kein Klassenkrieg m\u00f6glich, sondern erstreckt sich die Mobilisierung der Kr\u00e4fte daf\u00fcr sich auf Einzelg\u00e4ngerInnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Rede war aber nicht von TrotzkistInnen, sondern von uns. Weil jemand, der oder die sich f\u00fcr einen Anarchisten oder eine Anarchistin h\u00e4lt, seine oder ihre Praxis nicht auf marxistischen Dogmen gr\u00fcnden kann, denen zufolge die einzig m\u00f6gliche Freiheit eine uns bewusst gewordene (oder \u201ebewusst-gemachte\u201c \u2013 A.d.\u00dc.) Notwendigkeit ist, und der Weg dahin durch eine Diktatur des Staates f\u00fchrt. Unsere Lage scheint schon schlimm zu sein, wenn solche Erkl\u00e4rungen n\u00f6tig sind. Also, wie jetzt? K\u00f6nnen etwa Anh\u00e4ngerInnen dieser Anschauungen unsere taktische Verb\u00fcndete werden? Leider ja! Wenn wir eine Revolution anstreben, ist das sogar unvermeidlich, denn heute bei ihnen und bei uns ist der Gegner derselbe. Ein taktisches B\u00fcndnis aber darf keine unvermeidliche Angleichung unserer Anschauungen bedeuten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Aus ihnen, aus unseren Anschauungen sollte sich unsere Einstellung gegen\u00fcber dem Krieg als einem Krieg gegen den Staat ableiten. Theoretisch gegen den Staat \u00fcberhaupt. Praktisch aber gibt es \u201eden Staat \u00fcberhaupt\u201c nicht. Der Krieg im eigentlichen Sinne des Wortes kann nicht gegen einen abstrakten Begriff gef\u00fchrt werden. In der Praxis ist der Gegner nicht eine entr\u00fcckte Idee der Unterdr\u00fcckung, sondern ein konkretes System, das diese Unterdr\u00fcckung durchsetzt. Und wir leben nicht in Nordamerika, nicht in China und nicht einmal in der Kaukasus-Region. D.h. die Rede ist von einem Befreiungskrieg, der gegen den \u201elokalen\u201c Staat gerichtet ist, gegen die Russl\u00e4ndische F\u00f6deration. Wie kann denn dieser Krieg beginnen? Der wird schlie\u00dflich nicht auf einem anarchistischen Kongress beschlossen. Es scheint, am realistischsten ist es, wenn eine gen\u00fcgend gro\u00dfe Gruppe von Menschen sich praktisch weigert, die Befehle des Zentrums zu befolgen, wenn die Regierung im Gegenzug die Truppen in die Region schickt und die Aufst\u00e4ndischen anfangen, den bewaffneten Widerstand zu leisten. Andererseits ist aber klar, dass so was nicht \u00fcberall gleichzeitig passieren kann \u2013 der erste Aufstand wird notwendigerweise lokal begrenzt und die Ausdehnung des Konflikts wird nur in Form einer Kettenreaktion nach dem Domino-Prinzip m\u00f6glich sein. Sagen wir mal \u2013 er f\u00e4ngt in Bergbauregionen an, m\u00fcndet in einen Generalstreik und ArbeiterInnen-Unruhen in ganz Russland. Es fragt sich aber, inwiefern unterscheidet sich der eventuelle Verlauf von dem, was bereits in Tschetschenien passiert? Ach, geht es darum, dass TschetschenierInnen ihren eigenen Staat ausgerufen haben? Ja, das ist wirklich nichts besonders Gutes. Wo ist aber die Garantie, dass der Kusbass der aufst\u00e4ndischen ArbeiterInnen nicht zu einer Sowjetrepublik erkl\u00e4rt wird? Und dann \u2013 wird es denn gar unzul\u00e4ssig sein, sie zu unterst\u00fctzen? 1936 in Spanien, das f\u00fcr viele von uns fast schon als Vorbild gilt, landeten AnarchistInnen auf derselben Seite der Barrikaden wie die zentrale republikanische Regierung, die den faschistischen Putsch zu unterdr\u00fccken versuchte! Oder liegt das Problem darin, dass sie Freiheit f\u00fcr sich wollen und nicht f\u00fcr ganz Russland? Hei\u00dft das, wir warten bis Schamil (Bassajew \u2013 A.d.\u00dc.) einen Marsch auf Moskau ausruft? Zudem sagt mensch, sie w\u00e4ren nationalistisch. Ja, die nationale Komponente ist in der tschetschenischen Bewegung ma\u00dfgebend. Wie viele Avartzen, Laktzen, Darginer, Araber, Ukrainer und schlie\u00dflich Russen gibt es aber unter den K\u00e4mpfern? \u201eS\u00f6ldner\u201c? So nennen sie die f\u00f6deralen Massenmedia, aber manche unter ihnen haben ihr letztes Hab und Gut verkauft, um sich eine Maschinenpistole zu kaufen. Religi\u00f6se Fanatiker? Ein Fanatiker ist aber jemand, der bereit ist, eher zu sterben als seine Sache zu verraten. Der Krieg, den sie f\u00fchren, zielt nicht auf die Eroberung Russlands ab. Sie wollen Sezession Dagestans? Seit wann aber m\u00fcssen wir die territoriale Integrit\u00e4t kolonialer Imperien anerkennen? Indem aber wir gegen Gegner des tschetschenischen Widerstandes polemisieren, fangen wir unbewusst an, direkt antifaschistisch zu argumentieren. Kein Wunder, gerade FaschistInnen folgen der anti-kaukasischen Argumentationslinie am konsequentesten. Und das spricht auch f\u00fcr Modzhaheds. Also, k\u00f6nnen wir sagen, dass es nicht unser Krieg ist? Dass die eine Seite nicht besser ist als die andere? Dass \u201eden Krieg nur die PolitikerInen wollen\u201c?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das alles wird nat\u00fcrlich nicht gesagt, um f\u00fcr den Krieg zu werben. Einfach, wie ein amerikanischer Staatsmann angemerkt hat: \u201eEs gibt wichtigere Dinge als der Frieden\u201c. Was er konkret gemeint hat, bleibt nicht klar, aber wir unternehmen den Versuch, die mysteri\u00f6se Phrase in unserer Weise zu deuten \u2013 Wie schrecklich der Krieg auch sein mag, er ist besser als lebenslange Sklaverei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>\u00dcbersetzt aus dem Russischen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>\u00abFragen, die es nicht gibt. AnarchistInnen und der Krieg in Tschetschenien\u00bb, ADA-Press 2008.<\/em><\/p>\n<p lang=\"ru-RU\" style=\"text-align: justify\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pjotr Rausch [Ein etwas \u00e4lterer Text eines russischen Anarchisten zum Tschetschenischen Krieg, der vielleicht an manchen Stellen etwas skurill scheinen mag &#8211; es wird ja schlie\u00dflich u.A. 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