{"id":403,"date":"2011-07-11T17:07:37","date_gmt":"2011-07-11T15:07:37","guid":{"rendered":"http:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=403"},"modified":"2018-09-09T12:49:45","modified_gmt":"2018-09-09T10:49:45","slug":"psychogeo_wuerzburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=403","title":{"rendered":"Ein ph\u00e4nomenologisch-geographischer Versuch \u00fcber W\u00fcrzburg mit psychologischen und gyn\u00e4kologischen Komplikationen"},"content":{"rendered":"<p><!-- p { margin-bottom: 0.21cm; }a:link { } --><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es ist nicht immer von Bedeutung, wie mensch sich mit solchen Gedanken ansteckt. Nur manchmal ist es n\u00fctzlich, sich w\u00e4hrend der teilnehmenden Beobachtung zu vergewissern, wo mensch steht und wie mensch hingekommen ist. Wie ein gewisser Alexej Zvetkow, einer der neu-linken Gurus der post-sowjetischen Epoche, vor langer Zeit schrieb: Suche nicht das Guerilla Radio, es findet dich selbst. Fr\u00fcher oder sp\u00e4ter wird das schon geschehen, wenn du auf der \u201erichtigen\u201c Welle bist. Wir wissen, die Welle ist eigentlich gar nicht richtig, sondern grudfalsch in dieser Welt, aber das ist gerade das Spannende an ihr. Und das Guerilla Radio hat vielleicht was mit Guerilla, aber nicht wirklich mit Radio zu tun, lassen wir das lieber undefiniert. Dieses Etwas wird aber im Folgenden weiter so bezeichnet.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">Selbst diejenigen von uns, die eine gl\u00fcckliche sowjetische Kindheit f\u00fchren konnten (bzw. mussten \u2013 wer wurde da schon gefragt?), d.h. nicht sehr weit hinter der Polarkreisgrenze in den sogenannten Kinderkombinaten eingesperrt, der zwischenmenschlichen W\u00e4rme systematisch entw\u00f6hnt und dazu von etwas, was sich als Schicksal ausgibt, verdonnert, f\u00fcr den Rest des so genannten Lebens jeden Fr\u00fchling mickrige Kartoffeln in der lehmigen Erde zu verbuddeln, um sie im Herbst wieder (und in derselben Menge) auszugraben, wurden vom Guerilla Radio erreicht. Die einzige Gelegenheit f\u00fcr ein Kind, in der trostlosen Tundra ein wenig Farbe zu sehen, war die wunderbare Kinderzeitschrift namens \u201e<em>Wesjolyje Kartinki<\/em>\u201c. Eben f\u00fcr diesen Zweck auf Empfehlung vom h\u00f6chsten Rat der Kinder\u00e4rzte der UdSSR gegr\u00fcndet, erf\u00fcllte sie noch eine wichtige ideologische Aufgabe: sie sollte suggerieren, dass es irgendwo noch etwas au\u00dfer der Tundra existiert bzw. schon sehr bald existieren wird. Genau da gelang es dem Guerilla Radio, von Zensurbeh\u00f6rden unbemerkt, das Ambivalente des Heillandversprechens auszunutzen, sich in die Spaltung einzuklinken und eine furchtbare Sabotageakt an der Kindererziehung durchzuf\u00fchren. Der Saboteur, der in diese Geschichte leider als namenloser Zeichner eingehen wird, lie\u00df ganz offiziell Abertausenden von kleinen grimmigen Menschleins ein Brettspiel als Sonderbeilage zukommen, wo er zwei Pioniere \u2013 Mascha und Sascha \u2013 auf einen psychogeographischen Trip durch Moskau schickte.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">\n<p style=\"text-align: justify\">Zarte kindliche Gem\u00fcter entwickelten eine Pers\u00f6nlichkeitsspaltung, indem sie immer und immer wieder Mascha und Sascha durch ihre bunten Abenteuer auf dem Brettspiel begleiteten und sich in ihre Lage versetzten. Das massenhafte Auftreten von Kindern, die mit suspekt leuchtenden Augen durch die Gegend rannten, Selbstgespr\u00e4che f\u00fchrten, die darauf bestanden, dass sie etwas komplett Anderes auf den Stra\u00dfen sehen, und sich auf irgendwelche Mascha und Sascha als Zeugen beriefen, ist zwar von Kinderpsychologen dokumentiert, aber nicht erkl\u00e4rt worden. Das so genannte \u201eMascha-Sascha-Syndrom\u201c konnte nur durch das harte p\u00e4dagogische Eingreifen fast vollst\u00e4ndig verdr\u00e4ngt und beseitigt werden.<!--more--><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">\n<p style=\"text-align: justify\">Einige Jahre sp\u00e4ter machte die Tundra der ganzen Welt vor, keine Tundra mehr zu sein; die Kinder wurden etwas gr\u00f6\u00dfer, wurden aus den Kinderkombinaten in die grauen Schulen der Monost\u00e4dten entlassen. Zum Ver- und Ausbuddeln von Kartoffeln kam eine kaum verbl\u00fcmte Abrichtung auf Fabrikarbeit hinzu. Indessen gestattete die Tundra in ihren kurzen liberalen Zuckungen so Einiges an literarischen Publikationen. So z.B. das Jahrzehnte zuvor im Ausland erschienene psychogeographische Alkopamphlet <a href=\"http:\/\/www.petuschki.net\/pmwiki\/pmwiki.php?n=Main.Moskau-Petuschki#\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201e<em>Die Reise nach Petuschki<\/em>\u201c<\/a> von Wenedikt Jerofejew. Weil \u201e<em>Die Reise<\/em>\u201c erstmals 1973 in Israel erschien, haben wir allen Grund zu vermuten, dass diesmal die weltweite j\u00fcdische Verschw\u00f6rung die Rolle des Guerilla Radios \u00fcbernahm. Au\u00dferdem fanden Pamphleten von Guy Debord und Fredy Perlman Verbreitung, die wir hier wohl nicht vorzustellen brauchen. Tut jetzt wohl nichts zur Sache. Das Resultat war wichtiger: die durch \u201e<em>Wesjolye Kartinki<\/em>\u201c verdorbene Jugend f\u00fchlte sich sicherer im Umgang mit alkoholischen Getr\u00e4nken und schlich umso tatenfreudiger zwischen Betonkl\u00f6tzen der Monost\u00e4dte. Au\u00dferdem wurde deutlich, dass die Jugendlichen in anderen St\u00e4dten \u00e4hnlich f\u00fchlten, sie beschrieben ihre Erfahrungen mit Betonkl\u00f6tzen woanders in ihren Punk-Zines. Es war so neu, so spannend, so gef\u00e4hrlich, diese Flaschenpost in den H\u00e4nden zu halten&#8230;<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">Was in den Jahren danach geschah, war zwar dramatisch, aber auch banal genug, um es wegzulassen. Die wichtigsten Beteiligten sind praktisch dieselben geblieben: das erwachsene Kind, die seltsamen Stimmen im Kopf und das Saufen. Die Dekorationen sind nur etwas putziger, das muss mensch schon zugeben, aber \u2013 wie dank K.L. Reinholdt allgemein bekannt sein sollte &#8211; alle Erfahrung steht unter der Bedingung, eine Tatsache des Bewusstseins zu sein&#8230; Ob es Zvetkow, der anscheinend in der besten Manier der \u201eNeuen Linken\u201c in der Redaktion eines Hochglanzmagazins gelandet ist, heute besser geht? Hoffen wir es f\u00fcr ihn und tun wir, was wir nicht lassen k\u00f6nnen: eidologisch den <a href=\"http:\/\/www.stadtplan.net\/bayern\/reg-bez-unterfranken\/wurzburg-stadt\/wurzburg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stadtplan von W\u00fcrzburg<\/a> sezieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Lassen wir einen Stadtplan von W\u00fcrzburg (am Besten doch einen mit 1:100000 Aufl\u00f6sung) auf uns wirken. Der Main, der auf mehr oder weniger gerade von S\u00fcd-Ost nach West-Nord flie\u00dft, teilt die Stadt entzwei. Auf beiden Seiten H\u00fcgel oder Erh\u00f6hungen, auch wenn die Erh\u00f6hung auf der Innenstadt-Seite etwas weiter vom Main ansetzt. Noch ein H\u00fcgel im Norden, von Weinst\u00f6cken bedeckt. Das innere Auge sieht sofort diese zierlichen, sich kr\u00e4uselnden Pflanzen. Bismarckw\u00e4ldchen, Straubm\u00fchle und Versbach auf der einen, Zellerau und Oberzell auf der anderen Seite bilden gewisserma\u00dfen die obere, etwas breitere Grenze des Stadtbildes. Beachten wir auch ein ziemlich dichtes Netz von wichtigen Transportwegen um die Stadt &#8211; Autobahnen, Bundesstra\u00dfen, Eisenbahnen \u2013 Blutgef\u00e4\u00dfknoten, die unabdingbar f\u00fcr das Leben der Stadt sind.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">Es l\u00e4sst sich nicht mehr hinausz\u00f6gern, von b\u00f6ser Ahnung erf\u00fcllt m\u00fcssen wir endlich das aussprechen, was von allen, die die Stadt von innen gut genug kennen: das Ganze sieht den \u00e4u\u00dferen Genitalorganen einer Frau verdammt \u00e4hnlich aus. Der Schamh\u00fcgel von Bismarckw\u00e4ldchen, der nasse Schlitz des Mains. Ja, meine Damen und Herren, es bedarf vielleicht einer regen Phantasie oder eines gewissen Abstraktionsverm\u00f6gens, aber dank der eidetischen Reduktion ist es endlich begrifflich fassbar: <strong>W\u00dcRZBURG IST EINE VAGINA<\/strong>.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">Dass der Stadtplan uns die Vulva nicht als ein gerades und sofort erkennbares Bild pr\u00e4sentiert, soll uns nicht l\u00e4nger irritieren. \u201e<em>Der perfekte Liebhaber. Sextechniken, die sie verr\u00fcckt machen<\/em>\u201c von Lou Paget, im Club Bertelsmann 2001 erschienen, belehrt uns, dass es v\u00f6llig in Ordnung ist, dass die so genannte Norm in diesem Fall sehr breit gefasst ist.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">Die schockierende Erkenntnis und vor allem unsere Vorgehensweise lassen aber eine ganze Reihe von Fragen offen. Zum Beispiel, ob Heuchelhof, Rottenbauer und Randesaker zum Bild geh\u00f6ren? Wo soll mensch in dieser Stadt z.B. die Klitoris vermuten? Welche Rolle spielt die Festung? F\u00fcr was stehen die Br\u00fccken? Aber das bis jetzt unklare Lebensgef\u00fchl der BewohnerInnen der Stadt beschreibt die Theorie m.E. treffend, also bleibt es die Aufgabe der kommenden Generationen, die Thesen der Theorie zu verifizieren.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">Die Weichen f\u00fcr die kommende ph\u00e4nomenologisch-geographische (und zumindest Ph\u00e4nomenologie hat in W\u00fcrzburg eine Tradition) Erforschung des Stadtbildes, die wir vielleicht <em>W\u00fcrzburger Vulvologie<\/em> nennen sollten, k\u00f6nnten wir jetzt schon stellen. Um es mit einem \u00e4u\u00dferst interessanten Raumforscher der Vergangenheit, Georg Simmel, der immer noch was f\u00fcr und parat hat, zu sagen: \u201eWas bedeutet dieses unendliche Gef\u00e4\u00df um uns herum, in dem wir als verlorne P\u00fcnktchen schwimmen und das wir doch samt seinem Inhalt vorstellen, das also ebenso in uns ist, wie wir in ihm sind?\u201c (G. Simmel: <em>Kant. Sechzehn Vorlesungen gehalten an der Berliner Universit\u00e4t<\/em>, 1905)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">Was hei\u00dft es eigentlich, in der Vagina zu leben? Die katholische Beschaulichkeit, die um sich greifende Langeweile, Passivit\u00e4t der BewohnerInnen, ihre Anf\u00e4lligkeit f\u00fcr jegliches reaktion\u00e4res Gedankengut, ihre infantile Staatsgl\u00e4ubigkeit bilden gerade das Gegenteil von erwarteter sexueller Entspannung oder einer besonderen Kreativit\u00e4t. Sie umrei\u00dfen viel mehr ein tiefes psychologisches Problem: die Abschottung von der Au\u00dfenwelt im dunklen Scho\u00df der Mutter, das Fehlen, ja, die Unm\u00f6glichkeit eines autonomen m\u00fcndigen Individuums. Wenn das zutrifft, sind massenhaftes Ablegen der Individualit\u00e4t und Todestrieb in langer Sicht die Zukunft W\u00fcrzburgs?<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">An dieser Stelle m\u00f6chte ich daran erinnern, dass die gewonnenen Erkenntnisse nur vorl\u00e4ufig gelten, was der Unpr\u00e4zisheit der Methode geschuldet ist. Sie stimmen wahrscheinlich nur f\u00fcr die Atmosph\u00e4re der Stadt, f\u00fcr die allgemeine geistige Tendenz. Denn die Symptome der Depression und Desorientiertheit m\u00f6gen individuell feststellbar sein, aber die Kollektivit\u00e4ten in W\u00fcrzburg tendieren dazu, autorit\u00e4r und sehr obrigkeitsh\u00f6rig zu sein. Also, w\u00e4re doch ein starkes \u00dcber-Ich zu vermuten. Wie vertr\u00e4gt sich aber ein starkes Es mit einem starken \u00dcber-Ich unter der Bedingung des Ablegens der Individualit\u00e4t? Diese Frage ebenso wie die oben genannten, genau wie die ehrenhafte Aufgabe die ganze Theorie zu best\u00e4tigen oder zu verwerfen, delegiere ich an die kommenden Generationen von ForscherInnen. Das Guerilla Radio wird sich schon welche aussuchen.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-family: Times New Roman,serif\"><em>Krop Petrotkin<\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist nicht immer von Bedeutung, wie mensch sich mit solchen Gedanken ansteckt. Nur manchmal ist es n\u00fctzlich, sich w\u00e4hrend der teilnehmenden Beobachtung zu vergewissern, wo mensch steht und wie mensch hingekommen ist. 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