{"id":3622,"date":"2025-03-12T13:39:45","date_gmt":"2025-03-12T12:39:45","guid":{"rendered":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=3622"},"modified":"2025-01-31T13:42:59","modified_gmt":"2025-01-31T12:42:59","slug":"aus-willy-hellpach-die-geistigen-epidemien-1906","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=3622","title":{"rendered":"Aus: Willy Hellpach, \u201eDie geistigen Epidemien\u201c (1906)"},"content":{"rendered":"<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">Von Krankheit reden die Leute gern, h\u00f6ren sie gern reden. Und darum ist es denen, die die Menschheit tagt\u00e4glich von berufswegen zu unterhalten haben, nicht zu verdenken, wenn sie ihre Bilder und Gleichnisse mit Vorliebe aus dem Schatz der Pathologie w\u00e4hlen. Die Feuilletonisten \u00fcberm und unterm Strich, der Politik und des Pl\u00e4siers reden m\u00f6glichst viel von Krankheit. Sie reden vom Fieber der Spekulation und von Bildungshypertrophie, von einer Goldplethora und von finanziellen Aderl\u00e4ssen, von den verstopften Poren des Volksk\u00f6rpers und von einer Embolie der Schlagadern des Verkehrs, von den Geburtswehen einer neuen Epoche und dem Todeskampf eines absterbenden Regimes. Sie reden am meisten und liebsten von einem Geschw\u00fcr, das am Organismus der Gesamtheit zehre, oder von einer Eiterbeule, die zum Aufstich reif sei, von einem sozialpathologischen Ph\u00e4nomen und von einer geistigen Epidemie. Sie reden t\u00e4glich davon; und den Geschmackvollen unter den Zuh\u00f6rern wird es auf die Dauer schon ein bisschen viel. Es ist nicht h\u00fcbsch, wenn der Doktor in einem fort fachsimpelt. Und es ist nicht gut, wenn auch die harmlosesten Vorg\u00e4nge des \u00f6ffentlichen Lebens gewaltsam jodoform- und karbolr\u00fcchig gemacht werden. Mit allen solchen Dingen geht es schlie\u00dflich wie mit Zettel dem Weber, oder um in unseren Tagen zu bleiben, wie mit dem Makler Sigismund Gosch in den \u201eBuddenbrooks\u2018\u2018: er m\u00f6chte ein Mephisto sein, und doch durchschaut ihn jedermann als einen ollen ehrlichen L\u00fcbecker. Wenn Tag f\u00fcr Tag jede Partei, ob politisch, k\u00fcnstlerisch, religi\u00f6s, wirtschaftlich, die andere als das am Volksk\u00f6rper fressende Leiden diagnostiziert, so ist \u201eKrankheit\u2018 kein Begriff und kein Bild mehr, sondern einfach ein Schimpfwort, und Schimpfw\u00f6rter werden bekanntlich nicht dadurch wertvoller, dass man sie m\u00f6glichst oft wiederholt. (S. 7f)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">Der franz\u00f6sische Denker Comte hat bekanntlich eine Wissenschaft erfunden \u2014 oder besser noch einen Namen f\u00fcr eine Wissenschaft: die Soziologie; und wie es mit jeder erfundenen Wissenschaft geht, es gab bald sehr viele Soziologien, ein Dutzend und mehr, und eine davon war die organizistische. Die lehrte, die Gesellschaft sei ein Organismus und die verschiedenen Institutionen: Regierung, Schulen, Banken, Armee, Kirche usw. seien die einzelnen Organe. Das Bild wurde hier und da recht h\u00fcbsch, und hier und da recht gewaltsam, und hier und da sogar unappetitlich durchgef\u00fchrt; denn es ist schlie\u00dflich kein Vergn\u00fcgen f\u00fcr irgend eine Institution, sich als den Urin oder den After des Volksganzen betrachtet zu wissen. Der Organismus konnte selbstverst\u00e4ndlich erkranken. Und die Bilderserie, die man hief\u00fcr entwarf, f\u00fchrte die Etikette \u201eSoziale Pathologie und Therapie\u2018\u2018. So ist z.B. der unlautere Wettbewerb eine Kinderkrankheit des Kapitalismus (ob Zahnkr\u00e4mpfe, Brechdurchfalloder Rachitis, hat man, soviel ich sehe, nicht entschieden). Wie gesagt, das war alles ganz am\u00fcsant, aber wie jemals jemand darin eine wissenschaftliche Leistung hat sehen k\u00f6nnen, das geh\u00f6rt zu jenen R\u00e4tseln, die auch im Denken der von Beruf Denkenden niemals gefehlt haben. (S. 8f)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">Es gibt n\u00e4mlich Erscheinungen im menschlichen Seelenleben, deren Eigenart gar nicht besser bezeichnet werden kann, als wenn man sie sozialpathologisch, v\u00f6lkerpathologisch, gemeinschaftspathologisch nennt. Ja, man kann sie beim besten Willen eigentlich nicht anders taufen. Aber in welchen begrifflichen Sumpf ger\u00e4t man nun mit solcher Benamsung! (S. 9f)<!--more--><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">Wir wissen, da\u00df wir durch zweckm\u00e4\u00dfig ausgew\u00e4hlte und zugeteilte Arbeit die Verbl\u00f6dung in vielen F\u00e4llen wohlt\u00e4tig beeinflussen, ihr entgegenwirken k\u00f6nnen; wir wissen, wie sorgsam vorzeitige seelsorgerische Bem\u00fchung vom Melancholischen ferngehalten werden mu\u00df. Man sei so skeptisch wie denkbar, dies eine wird unter allen Umst\u00e4nden allem seelisch Krankhaften zuzugestehen sein: verschlimmern k\u00f6nnen die Einwirkungen von au\u00dfen her es sicher. Alles Pathologische, dem Zufall \u00fcberlassen, greift rapide um sich, zieht immer weitere seelische Provinzen in sein Netz hinein \u2014 und wenn das selbst an den Psychosen sich aufzeigen l\u00e4\u00dft, um wieviel mehr gilt es nun f\u00fcr die Psychopathien! (S. 17)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">Ich denke, wir h\u00e4tten den Begriff jetzt eingefangen und wie einen Falter aufs Brett gespannt: sozialpathologische Erscheinungen (oder gemeinschaftspathologische) sind alle solche seelischen Krankheitserscheinungen, deren Wesen von sozialen Momenten bestimmt oder doch erheblich mitbestimmt ist. (S. 20)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">Im stillen Suff ist das Stadium der psychomotorischen Erregung und der gehobenen Stimmung verk\u00fcrzt, wird jene rascher von der Tr\u00e4gheit, der L\u00e4hmung also, abgel\u00f6st, die Euphorie aber kaum oder doch nur andeutungsweise zur st\u00fcrmischen Ausgelassenheit entwickelt. Das Zusammenzechen gibt dem Rausche ein anderes Bild, grellere Farben m\u00f6cht\u2019 ich sagen, die Lustigkeit und die erleichterte Beweglichkeit bleiben l\u00e4nger vorherrschend und \u2014 treten auch schon fr\u00fcher ein. (\u2026) Es ist ein Vorgang, wie er im seelischen Leben immer und immer wiederkehrt: seelische Ver\u00e4nderung ins Krankhafte wird beschleunigt, indem den anf\u00e4nglichen, erst leise pathologischen Wandlungen ihr schrankenloses Austoben gew\u00e4hrt wird \u2014 und seelische Ver\u00e4nderung ins Krankhafte wird auf dem n\u00e4mlichen Wege nun auch ver\u00e4ndert, indem durch eben dieses Austoben die Erregtheitsmomente in den Vordergrund geschoben und im Vordergrunde. unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig lange gehalten werden. \u201eAustoben\u2018 aber, dieses vulg\u00e4re Wort, ist im Lichte psychologischer Erw\u00e4gung immer dasselbe, n\u00e4mlich: Mimik und Rede, Ausdruck und Mitteilung. Seelische Erlebnisse k\u00f6nnen sich auf gar keine andere Weise austoben, als indem sie mitgeteilt oder indem ihre nat\u00fcrlichen Ausdrucksweisen durchgelebt werden, oder indem beides miteinander geschieht. (S. 24f)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">Freude, Zorn, Begeisterung, Erbitterung, auf ihren Tr\u00e4ger angewiesen, klingen unvermeidlich ab und in ruhigere Stimmungen aus; sie wachsen in Geste und Wort, die ihr Ausdruck sind, wachsen desto rascher, je h\u00e4ufiger die Gelegenheit dieses Ausdrucks sich wiederholt. Es sind jene Affekte, deren Gewalt aller Berechnung spottet, wenn sie die \u201a\u201eMasse\u2018\u2018 packen \u2014 die Masse, die ja die gr\u00f6\u00dfte Verk\u00f6rperung alles Zusammenseins ist. (S. 26)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">Pr\u00e4zise formuliert hei\u00dft die Frage: wie geht es zu, dass der Mitmensch irgend einen seelischen Vorgang des Menschen, irgend eine Vorstellung, eine Regung, eine Stimmung, einen Geschmack, eine Begierde, einen Entschluss, miterlebt \u2014 nicht zuf\u00e4llig (was ja auch wohl vorkommt), sondern in einer Weise miterlebt, die uns das Miterleben des zweiten als die Folge des Erlebens des ersten offenbart? Wie ist es m\u00f6glich, dass irgend etwas in einer Psyche B eintritt, weil es vordem in einer Psyche A eingetreten war?<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">Es ist auf dreierlei Art m\u00f6glich; n\u00e4mlich 1. durch Einredung, 2. durch Einf\u00fchlung, 3. durch Eingebung.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">Die Einredung weist uns mannigfache Nuancen, vom Beschwatzen bis zum \u00dcberzeugen, allen aber ist gemein, dass versucht wird, mit Gr\u00fcnden der Seele des Mitmenschen eigene Erlebnisse aufzudr\u00e4ngen \u2014 \u201aGr\u00fcnden\u2018 im allerweitesten Sinne: es ist nicht immer und meist wohl nicht sublimierte Logik, die da ihre K\u00fcnste spielen l\u00e4sst, der Appell an allerlei obskure \u201aErfahrung\u2018 und an den hochber\u00fchmten \u201egesunden Menschenverstand\u2018 nimmt einen breiten Platz ein, allerlei Fragmente und Gemengsel von logischen Operationen in sich schlie\u00dfend. Trotz aller Br\u00fcchigkeit bleibt aber das die Pointe, dass der Einredende versucht, \u00fcberzeugend zu wirken. Es ist die Methode, mit der die Demagogie von heute, sei\u2019s in der Presse, im Parlament in der Volksversammlung, am liebsten arbeitet, so wenig sie, wie wir sehen werden, die beiden anderen Mittel: Einf\u00fchlung und Eingebung verschm\u00e4ht. Es ist \u00fcberhaupt die eigentlich \u201a\u201amoderne\u2018\u2018 Methode, dem Mitmenschen einen Seelenvorgang oder -zustand aufzudr\u00e4ngen. Sie ist dadurch erst zu ihrer Wichtigkeit gelangt, dass das Bed\u00fcrfnis und die Gepflogenheit, die \u00dcberlegungen nach dem Gesichtspunkte von Grund und Folge zu ordnen, heute auch in den Seelen der breiten Massen, der primitiv Denkenden, eine Macht erreicht hat wie nie zuvor. So misslich auch alle statistischen Behauptungen \u00fcber seelische Geschehnisse sind, so wird es doch unanfechtbar sein, dass heutzutage die weitaus meisten \u201aBekehrungen\u2018 der Seele B zu irgend einem Vorgange der Seele A auf dem Wege der (beschwatzenden oder \u00fcberzeugenden) Einredung sich vollziehen. Wir \u201a.modernen\u2018\u2018 Menschen haben uns auch im Seelischen gew\u00f6hnt, die Chaussee zu benutzen \u2014 die gerade, ebene und wohlgepflegte Stra\u00dfe, die zum sicheren Ziele f\u00fchrt und von zuverl\u00e4ssigen Meilensteinen ges\u00e4umt ist. (S.31)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">Einf\u00fchlung nun ist das elementare Mit- oder Nacherleben fremder Seelenzust\u00e4nde bei der Wahrnehmung von deren Ausdruck. Auch wo dem Ausdruck die Mitteilung zu Hilfe kommt, bleibt jener die entscheidende Macht. (\u2026) Und die Seelenwissenschaft ist wohl auf der rechten F\u00e4hrte, wenn sie das R\u00e4tsel, wieso denn ein fremder Seelenvorgang einfach durch meine Wahrnehmung in mir selber lebendig werden k\u00f6nne (wenngleich nur angedeutet, wie in leiser Resonanz) \u2014, wenn sie dies R\u00e4tsel auf das mehr umspannende Oberr\u00e4tsel zur\u00fcckf\u00fchrt, wieso denn der Ausdruck eines Seelenzustandes, indem er wahrgenommen wird, \u00e4hnlichen Ausdruck erzeuge? Denn so denkt man sich den noch \u00fcberaus dunkeln Gang der Dinge: dass der Anblick des Weinens die leise Regung zum Weinen im Mitmenschen und damit das dieser Regung untrennbar verbundene Gef\u00fchl der Traurigkeit erwecke. (S. 33)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">Das Einreden an sich vermag also nur die \u00dcberzeugung von einer k\u00fcnftigen Gem\u00fctsverfassung, die Vorstellung dieser Verfassung \u2014 also etwas durchaus \u201a\u201aIntellektuelles\u201c zu erwecken; keineswegs die Verfassung selber. Immer nur auf dem Umwege \u00fcber Vorstellungen, Begriffe, Erinnerungen, Urteile kann die Einredung auch Gef\u00fchlsvorg\u00e4nge, Erlebnisse des Gem\u00fcts, beeinflussen. Und gerade umgekehrt steht es mit der Einf\u00fchlung. Aller \u201eAusdruck\u201c verr\u00e4t immer nur Gef\u00fchle und Affekte. Die intellektuelle Grundlage dieser Gem\u00fctserregungen, der Eindruck, der Gedanke, die Schlussfolgerung, das Phantasiebild, wor\u00fcber Einer lachen, weinen, die Faust ballen muss, kann jeweils ganz verschieden sein; es findet im Ausdruck keine besondere Spiegelung. (S. 35f)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">Ich bilde mir ein, von Fr\u00e4ulein Helene vernachl\u00e4ssigt zu werden, ich bilde mir ein, ein bedeutendes Buch geschrieben zu haben, ich bilde mir ein, keinen Wein zu vertragen. Es ist nicht so, hei\u00dft das, oder es ist doch verdammt zweifelhaft, aber ich glaube, dass es so sei, und \u00fcber die Motive dieses Glaubens vermag ich mir selber keine rechte oder doch keine den Andern einleuchtende Rechenschaft zu geben. Trotz einiger Verschwimmung \u00fcberschreitet also auch hier die Sprache nicht den Kreis der fr\u00fcher erw\u00e4hnten Merkmale: in jeder Einbildung steckt ein St\u00fcckchen Sinnwidriges oder doch Masswidriges. (S. 39)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">Wer irgend einmal mit der ber\u00fcchtigten ,Soziologie\u2018\u2018 zusammengetroffen ist, der kennt den Versuch eines Belgiers, Gabriel Tarde, alles Gemeinschaftsleben aus der Nachahmung herzuleiten. Der Fehler dieser Rechnung liegt an der Oberfl\u00e4che. Nachahmung \u2014 das w\u00fcrde eben f\u00fcr eine allerroheste Klassifizierung ausreichen. Denn Nachahmung besagt doch weiter nichts, als dass Handlungen, Stellungen, Haltungen, Mienen von einem Individuum B. vollzogen, erlernt, angenommen werden, nachdem dieses Individuum B. sie an einem Individuum A. wahrgenommen hat. \u00dcber den seelischen Grund dieser \u201aNachahmung\u2018\u2018 aber lehrt der Begriff Nachahmung noch gar nichts. Und es ist in Wahrheit gar nicht ein Grund, es sind viele. (S. 43)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">Das sind die beiden Probleme, in die unsere Frage nach dem Anteil von Einredung, Einf\u00fchlung und Eingebung in der Entstehung seelischer Epidemien ausm\u00fcndet: die Probleme vom Herd und von den Opfern der seelischen Epidemie. (S. 47)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">Je nachdem wir eine Geisteskrankheit \u2014 eine Psychose \u2014 aus \u00e4u\u00dferen Ursachen herleiten k\u00f6nnen oder nicht, gruppieren wir das ganze Gebiet in exogene und endogene Krankheiten. Der Typus jener sind etwa die Psychosen, die der unm\u00e4\u00dfige Alkoholgenu\u00df erzeugt. Wir haben da (abgesehen von der akuten Alkoholvergiftung, dem Rausch, den wir schon betrachtet haben) erstens eine einfache fortschreitende Versimpelung und Verrohung, einen seelischen Verfall, den einfachen chronischen Alkoholismus: das h\u00e4ufigste Bild. Dann aber, auf dessen Boden, nicht weniger als vier verschiedene Psychosen: einen akut ausbrechenden Erregungszustand mit Angst und Halluzinationen, Schlaflosigkeit und Zittern, der nach Tagen zur Heilung kommt, das bekannte Delirium tremens; eine chronische Wahnbildung, den. Alkoholwahn; eine auf das Gebiet der ehelichen Beziehungen konzentrierte Wahnbildung, den alkoholischen Eifersuchtswahn; endlich eine mit Erregung delirienhaft einsetzende und dann unter enormer Ged\u00e4chtnisschw\u00e4chung und mancherlei anderen Nebensymptomen langsam in tiefe Verbl\u00f6dung ausklingende Krankheit, die Korssakowsche Geistesst\u00f6rung. Von andern Giften sind es Morphium und Kokain, die ausgepr\u00e4gte Psychosen bei chronischem Missbrauch hervorrufen. Die Syphilis kann unmittelbar geistige St\u00f6rung, meist nur vor\u00fcbergehende oder unbetr\u00e4chtliche, hervorrufen \u2014 viel bedeutungsvoller aber wird sie durch die mittelbare, in Verbindung mit andern Sch\u00e4digungen stehende Wirkung, die in ihren Einzelheiten noch dunkel ist, die aber zu der v\u00f6lligen Zerst\u00f6rung des seelischen Lebens, dem traurigen Bilde der paralytischen Demenz, des Bl\u00f6dsinns mit L\u00e4hmung (Gehirnerweichung nennt\u2019s der Laie) hinf\u00fchrt. Vor\u00fcbergehende Seelenst\u00f6rungen kann jede lumpige Fieberkrankheit machen; jeder kennt die Fieberphantasien, die Fieberdelirien. Aber die schweren fieberhaften Krankheiten ziehen manchmal recht lange dauernde geistige Schw\u00e4chezust\u00e4nde nach sich. Die v\u00f6llige k\u00f6rperliche Ersch\u00f6pfung erzeugt einen Aufregungszustand deliri\u00f6ser Art, der auch in wochenlange Verwirrtheit umschlagen kann. Die Verh\u00e4rtung und Verlegung der Blutgef\u00e4\u00dfe im Gehirn, wie sie namentlich im Alter hervortritt, macht die verschiedenen krankhaften Seelenver\u00e4nderungen, die wir senile nennen: geistige Schw\u00e4che, aber auch Aufregungszust\u00e4nde, Wahnbildungen, endlich Bilder, die der paralytischen, syphilitisch vorbereiteten Demenz \u00e4hneln. Hirngeschw\u00fclste aller Art lassen das Seelenleben abnorm werden. Die Produktion des Schilddr\u00fcsensaftes, im Zuviel oder Zuwenig, zieht das Seelische in Mitleidenschaft: im Zuviel (bei der Basedowkrankheit) durch Aufregung mit allerlei Wahnbildungen, im Zuwenig (bei Schilddr\u00fcsenverk\u00fcmmerung oder -entfernung) durch apathische Verbl\u00f6dung, die wir Myx\u00f6dem und (in h\u00f6heren Graden) Kretinismus hei\u00dfen. Alle m\u00f6glichen, pflanzlichen, tierischen, unorganischen Gifte, die in den Kreislauf gelangen, st\u00f6ren das Gleichgewicht des seelischen Lebens. Und dass mangelhafte Gehirnbildung von Anbeginn an nur ein gest\u00f6rtes Seelenleben zul\u00e4sst, das wir je nach seinem Verk\u00fcmmerungsgrade Debilit\u00e4t, Imbezillit\u00e4t oder Idiotie nennen, ist ja bekannt und begreiflich. Unersch\u00f6pflich ist somit die Zahl der exogenen Psychosen, so gro\u00df eben wie die Zahl ihrer nur m\u00f6glichen Ursachen.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">Gewaltig schien ehedem auch die Mannigfaltigkeit der endogenen Seelenst\u00f6rungen zu sein. Unerm\u00fcdliches Bem\u00fchen hat hier aber eine \u00fcbersichtliche Ordnung geschaffen, die im wesentlichen zwei gro\u00dfe Bilder eigentlicher Psychosen hervortreten l\u00e4sst: das zirkul\u00e4re Irresein und die Jugendverbl\u00f6dung. (S. 48ff)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">Jede dieser hunderterlei M\u00f6glichkeiten krankhaft gest\u00f6rten Seelenlebens soll Ausgangspunkt seelischer Massenerkrankung werden k\u00f6nnen? Ist es denn vorstellbar ?<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">Doch. Es l\u00e4sst sich nicht daran r\u00fctteln. Jede kann geistiger Ansteckungsherd werden. Wieso sie es kann, werden wir bald begreifen. Ob jede es schon einmal geworden ist, entzieht sich bei der Unm\u00f6glichkeit, f\u00fcr einen gro\u00dfen Teil der historisch weit zur\u00fcckliegenden oder unsicher \u00fcberlieferten die richtige Diagnose des Herdes zu finden, der Feststellung. Immerhin scheinen gewisse Krankheiten f\u00fcr die M\u00f6glichkeit, Herd einer seelischen Epidemie zu werden, andern voranzustehen. Fasst man sie n\u00e4her ins Auge, so pr\u00e4sentieren sie sich als von zwei Symptomgruppen beherrscht: es sind einmal die gehobenen Stimmungen und Erregungszust\u00e4nde, und dann Sinnest\u00e4uschungen und Wahnbildungen, denen die st\u00e4rkste epidemische Kraft innewohnt. Da nun solche Stimmungen und Erregungen, Sinnest\u00e4uschungen und Wahnbildungen gelegentlich in jeder Psychose wiederkehren, so erhellt auch hieraus die durchg\u00e4ngige F\u00e4higkeit der geistigen St\u00f6rungen, geistige Epidemien zu erregen. Freilich l\u00e4sst sich schon theoretisch annehmen, dass solche Geistesst\u00f6rungen, die von einem oder gar von mehreren jener Symptome zugleich beherrscht werden, besonders geeignet zur Herdbildung sein m\u00fcssten. Die Erfahrung best\u00e4tigt das vollauf. (S. 52f)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">Bei allem unverkennbaren \u00dcberwiegen einzelner Krankheiten als Herde seelischer Epidemien h\u00e4ngt es schlie\u00dflich doch von den Opfern ab, ob diese oder jene Psychose epidemische Kraft gewinnt. Sie sind das eigentlich Entscheidende; auch gehobene Stimmung und Erregung, Halluzination und Wahnvorstellung wirken nicht ansteckend \u201ean sich\u2018, aus sich heraus, sondern je nachdem andere Seelen der Ansteckung durch sie zug\u00e4nglich sind.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">Jede Psychose, jede Psychopathie kann Herd einer seelischen Epidemie werden. Welche es im einzelnen Falle wird, das bestimmt keineswegs die Beschaffenheit des Herdes, sondern die der Ergriffenen. Ist das Pulver gut, so explodiert es an der Streichholzflamme wie am elektrischen Funken; ist es schlecht, so w\u00fcrde man es vergeblich selbst an einem Scheiterhaufen anz\u00fcnden wollen. Und wenn dennoch bestimmte seelische Krankheitssymptome \u00f6fter als andere einen Herd. seelischer Massenerkrankung gebildet haben, so weist diese Auslese nur darauf hin, dass diesen Zust\u00e4nden (der gehobenen Stimmung und Erregung, der Sinnest\u00e4uschung und dem Wahn) zu vielen oder vielleicht zu allen Zeiten eine besondere Empf\u00e4nglichkeit der \u00fcbrigen Menschenseelen entgegenkam. (S. 53f)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><a href=\"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?attachment_id=3571\" rel=\"attachment wp-att-3571\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-3571 alignright\" src=\"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/files\/2025\/01\/hellpach_epidemic-300x213.jpg\" alt=\"\" width=\"382\" height=\"271\" srcset=\"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/files\/2025\/01\/hellpach_epidemic-300x213.jpg 300w, https:\/\/liberadio.noblogs.org\/files\/2025\/01\/hellpach_epidemic-768x544.jpg 768w, https:\/\/liberadio.noblogs.org\/files\/2025\/01\/hellpach_epidemic.jpg 947w\" sizes=\"auto, (max-width: 382px) 100vw, 382px\" \/><\/a>Alkoholwahn, Myx\u00f6dem, Paralyse, Fieberdelirium kann mich nur befallen, wenn ich selber saufe, selber zu wenig Schilddr\u00fcsensaft absondere, selber syphilitisch war, selber fiebere. Auf keine andere Weise. Die Ursache muss an mir, in mir, auf mich wirken. F\u00fcr die exogenen Psychosen kann also \u00dcbertragung, Ansteckung, epidemisches Umsichgreifen niemals bedeuten, dass andere von ihnen heimgesucht werden, nur weil sie sie miterleben, mitansehen. Es kann nur bedeuten, dass Andere, die an Einem \u00c4u\u00dferungen einer solchen Psychose mit ansehen, \u00fcberhaupt seelisch erkranken. (\u2026) Im Bereiche der k\u00f6rperlichen Epidemien gibt es ein Seitenst\u00fcck hierzu. \u00c4ngstliche Leute kriegen, wenn sie vom Nahen der Cholera h\u00f6ren, leicht Diarrh\u00f6e. Es ist dieselbe Diarrh\u00f6e, die sie auch bef\u00e4llt, wenn sie eine Reise, eine Rede, ein Examen vorhaben. Die Cholera ist es nicht; die kann erst mit den Kommabazillen ihren Einzug halten. Trotzdem glaubt Mancher, wenn ein paar Angstmeier das Klosett frequentieren, nun sei die Cholera auch hierorts epidemisch. Die ernsthafte \u00dcberlegung nennt das nat\u00fcrlich nicht eine Choleraepidemie. (S.55)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">Also f\u00fcr die Psychopathien liegt jedenfalls im Bereiche des Diskutablen, was f\u00fcr die Betrachtung der Psychosen ausscheidet: die M\u00f6glichkeit, durch seelische Ursachen erregt zu werden \u2014 und damit nun die M\u00f6glichkeit echter \u00dcbertragung, echter Ansteckung, d. h. des Aufflammens in einer zweiten Psyche, die dieselbe Psychopathie in einer ersten Psyche sich abspielen sieht. Hier darf man wirklich sagen: es sei m\u00f6glich, dass die seelische Erkrankung von ihrem Herd aus auf so und soviel Opfer sich verbreite. Bei den exogenen und endogenen Psychosen d\u00fcrfte es nur hei\u00dfen, dass die seelische Erkrankung von ihrem Herd aus in so und soviel Opfern wiederum seelische Erkrankung, aber anders geartete, errege. (S. 59)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">Nervenschw\u00e4che nun ist heute ein leider ja \u00e4u\u00dferst verbreiteter Zustand der Menschen, weil die durch Alkohol, Tuberkulose, Syphilis und k\u00fcnstliche S\u00e4uglingsern\u00e4hrung an sich schon geschw\u00e4chten Generationen dem \u00fcberst\u00fcrzten Hereinbruch unseres Zeitalters mit seiner Unrast und seinen tausend kleinen aufreibenden Plackereien nicht gewachsen sein konnten. Darum wimmelt\u2019s denn auch von Hypochondern, und die fr\u00fcher nie so gekannte hygienische Belehrung, die jeden Menschen zum Halbdoktor macht, tut das ihrige, um der Ausmalung von Krankheitsm\u00f6glichkeiten eine reiche Palette zu liefern. Die Nervenschw\u00e4che nun, als Ergebnis der neuen Lebensbedingungen, ist notwendig dem ver\u00e4nderten Seelenzustande der Menschen, den diese selben Lebensbedingungen auch in den Gesunden erweckt haben, verwandt. Unser ganzes Leben ist so geartet, dass wir sensibler, im Stimmungsleben labiler, im allgemeinen unruhiger geworden sind, wir alle, die wir dieses Leben ja doch selbstt\u00e4tig mitleben, mitmachen m\u00fcssen; man redet vom \u201a\u201anerv\u00f6sen\u2018 Zeitalter und denkt dabei nicht immer ans Pathologische, sondern an den durchschnittlichen Zeitgeist \u00fcberhaupt. Darum aber bewegen sich auch die leidlich gesund Gebliebenen immer nahe am Abhange der Neurasthenie. (S. 63)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">die Ausmalung von Krankheitsm\u00f6glichkeiten, dominiert. Wir sagten ja fr\u00fcher schon, selbst Simulation von Geistesst\u00f6rung k\u00f6nne Herd einer Epidemie sein. Wir kommen hier noch weiter. Es reicht die zuf\u00e4llige \u00dcbereinstimmung eines wichtigen Charakterzuges hin. Der hygienische Aufkl\u00e4rer malt Krankheiten aus und der hypochondrische auch. Das gen\u00fcgt, Jenen zum Herd f\u00fcr das Aufflackern einer hypochondrischen Epidemie werden zu lassen. (S. 64f)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">In der Geschichte krankhafter religi\u00f6ser Massenbewegungen hat die Askese eine eminente Rolle gespielt. Ihre Wirkung aber besteht zun\u00e4chst und zu allermeist in einer Steigerung der Einf\u00fchlbarkeit, im Verlust der Beherrschung eigener Miterregung durch fremde Gem\u00fctserregungen. Askese ist ja weiter nichts als methodische Ersch\u00f6pfung, die an sich schon \u00dcbererregung in sich schlie\u00dft, und diese \u00dcbererregung selber meist noch methodisch in die H\u00f6he geschraubt durch positiv erregende Ma\u00dfnahmen, wie Gei\u00dfelungen und Selbstpeinigung aller Art. Die pathologische Erregung, die so geschaffen wird, ist gleichzeitig sensorisch und psychomotorisch: Trugwahrnehmungen sind erleichtert, ebenso auch Bewegungsausl\u00f6sungen. Und sicherlich ist sie fr\u00fcher psychomotorisch als sensorisch. (S. 68)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">Ist es \u00fcberhaupt noch n\u00f6tig, \u00fcber den Unterschied in der faszinierenden Gewalt der Befehlshaber, die ihre Schar dem Tode entgegentreiben, und derer, die sie dem Tode entgegenf\u00fchren, zu reden? Bei welchen die Gewissheit der Herrschaft \u00fcber die Masse liegt? Es ist eigentlich nicht n\u00f6tig. (S. 70)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">Man braucht hysterisch Veranlagte, sog. Hysteropathen, oder Hysterische nur in die N\u00e4he von Kranken zu bringen, und sehr bald beginnt eine \u00fcberreiche Produktion von Symptomen. Auch scheint es, als sei der wirklich Kranke der g\u00fcnstigste \u201eHerd\u201c hierf\u00fcr. Blo\u00dfe Simulation bleibt oft ganz wirkungslos, genau wie absichtliche Suggerierung. Offenbar verr\u00e4t die Einf\u00fchlung, die ja auch uns h\u00e4ufig \u00dcbertreibung von Beschwerden sofort durchschauen l\u00e4sst, dem Hysterischen, ob der Andere wirklich unter einer Heimsuchung leidet, oder nicht. Es ist erstaunlich, wie rapide beispielshalber eine echte Chorea, jene Kinderkrankheit also, die in einem Schlenkern der Glieder und in Grimassen des Gesichts, in einer st\u00e4ndigen motorischen Unruhe sich kundgibt, wie rapide die zum Herd einer hysterischen Schulepidemie werden kann. (S. 79)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">Das Ergebnis ist uns sicher: dass eine seelische St\u00f6rung, die in der Nachbildung von Krankheits\u00e4u\u00dferungen, in der Nachbildung n\u00e4chstdem des Auffallenden, Ungew\u00f6hnlichen, Extravaganten, sofern es mit einer Nuance des Leidens und Leidenm\u00fcssens durchsetzt ist, ihre Triumphe feiert \u2014 dass eine solche seelische St\u00f6rung ein eminent g\u00fcnstiges Feld f\u00fcr die Miterregung durch Miterlebung fremder Krankheit darbieten muss. Vorz\u00fcglich in einer Richtung wird diese St\u00f6rung allen andern \u00fcberlegen sein, in der Aneignung ungew\u00f6hnlicher Vorstellungen und Vorstellungskreise, und deren S\u00e4ttigung mit eigenen Farben bis zur halluzinatorischen Verwirklichung. Hier liegt die eigentliche Stelle der Hysterie in der Geschichte der seelischen Epidemien. Sie ist die gewaltigste vision\u00e4re Macht, die wir kennen. Sie ist es vor allem darum, weil sie ihre Visionen bei aller \u00e4u\u00dferen Anregung aus sich heraus gestaltet, und nicht, wie der Epileptiker, der auch Visionen erlebt, diesen Erscheinungen als passives Opfer gegen\u00fcbersteht. (\u2026) Mit der hysterischen Seelenver\u00e4nderung ist das Sch\u00f6pferische vereinbar, und die Geschichte zeigt uns Gestalten genug, in denen das hysterisch Halluzinatorische im Dienste gro\u00dfer Pl\u00e4ne und gro\u00dfer Verwirklichungen stand. Vielleicht geh\u00f6rt Mohammed hierher (wiewohl seine angeblichen \u201a\u201eAnf\u00e4lle\u2018\u201c noch recht sehr der fachm\u00e4nnischen Bearbeitung bed\u00fcrfen). (S. 80f)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">Eine Zeit nun hat die Auswicklung offenbarer Hysterie aus der hysterieg\u00fcnstigen Seelenverfassung besonders wirksam besorgt: das sterbende Mittelalter. Die h\u00e4ufigen, langwierigen und gewaltig gro\u00dfen, aber auch die dazwischen verstreuten Tausende von kleinen seelischen Epidemien jener Zeit tragen in der Mehrzahl unzweifelhaft hysterisches Gepr\u00e4ge. Trommelsucht, Stigmatisation, Tarantismus, Lykanthropie, Johannistanz: es mag in den Schilderungen der Chronisten vieles daruntergeraten sein, was diesen Dingen nur oberfl\u00e4chlich \u00e4hnelte und an sich formloser war, in der Hauptsache scheinen die Bewegungen richtig beobachtet zu sein, und unsere Diagnose wird vorwiegend auf Hysterie lauten. Strengerer Kritik sind eher die Klosterepidemien bed\u00fcrftig, wo gewiss oftmals nur Ersch\u00f6pfung durch Askese und mancherlei Hysterie\u00e4hnliches vorgelegen hat. Wie immer die Verteilung sei, echte Hysterie hat um jene geschichtliche Wende eine ungew\u00f6hnlich dominierende Rolle in der seelischen Epidemiebildung gespielt. (S. 84)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">Im ruhigen, selbstsicheren Mittelalter, bis zum 13. Jahrhundert, h\u00f6ren wir noch nichts von hysterischen Epidemien. Wir h\u00f6ren nichts mehr von ihnen seit dem Ende des drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges. Es ist deutlich die gro\u00dfe Krisis auf allen Lebenslinien, die von 1250 an etwa sich vorbereitet, um 1500 kulminiert und bis 1700 abklingt \u2014 die jene krankhaften Wellenbewegungen erzeugt hat. (\u2026) Darum hat auch die Reformation die Epidemien nicht beseitigt, sondern zun\u00e4chst gesteigert, denn, wie es bei jedem religi\u00f6sen Zusammenbruch unvermeidlich ist, trug sie Anarchie, Haltlosigkeit, grenzenlose Verwirrung in Tausende von Gem\u00fctern, entfesselte nicht blo\u00df den \u00e4u\u00dferen, sondern auch den inneren religi\u00f6sen Kampf aufs wildeste. Die Balken des alten Glaubens krachten zusammen, und man klammerte sich, in seiner Hilflosigkeit Gott allein gegen\u00fcbergestellt, an die Strohhalme, die der neue Glaube lie\u00df: Teufel und D\u00e4monen. Die Scheiterhaufen der Hexenverfolgung illuminierten den Siegeszug der kirchlichen Befreiung. (S. 86)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">Ich wei\u00df es nicht besser zu sagen, als ich es k\u00fcrzlich schon einmal gesagt habe und stelle darum die S\u00e4tze aus einem Essay in der \u201eNeuen Rundschau\u2018 nochmals hierhin: \u201aDa ist im Kleinen alles, was einst im Gro\u00dfen war. Und wir stehen davor, wie der Geolog vor seinen Gletschern und Mor\u00e4nen und Findlingsbl\u00f6cken, die ihn eines der gewaltigsten St\u00fccke Erdgeschichte ahnen und erdeuten lassen. Darum sollte keine M\u00fche uns zu sauer sein, solche Schauspiele mitanzusehen. Warum entsendet der Staat nicht l\u00e4ngst Psychiater dorthin, wo immer eine Epidemie aufglimmt? Er bezahlt doch die Beobachtung einer Sonnenfinsternis und das Studium tropischer Seuchen; ja sogar das platonische Vergn\u00fcgen, den Pol zu erreichen. Wird die Erforschung der Menschenseele jemals so hoch in Kurs kommen?\u201c (S. 97)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">Das Religi\u00f6se gerade ist fast \u00fcberall und immer in krankhaftem Gewande in die Geschichte eingetreten und hat auf den Fl\u00fcgeln seelischer Massenkrankheit seine Ausbreitung, seine entscheidenden Umbildungen erlebt. Die Wunder liegen dicht bei den Erscheinungen der Hysterie, und die Offenbarung wohnt im psychopathischen Geh\u00e4use. Die Wissenschaft aber hat nicht immer die Grenzen ihrer Aufgabe zu finden gewusst. Sie sind dort, wo die Wertungen anfangen. Wenn das Religi\u00f6se aus dem Krankhaften entspross, so hat die Wissenschaft diese Kausalkette darzulegen; und wenn der Glaube sich dagegen wehrt, so ist er befangen und wird er schlie\u00dflich nachgeben m\u00fcssen. Nicht aber hat die Wissenschaft, nie und nirgends hat sie zu entscheiden, ob jener Zusammenhang das heilig Gehaltene an seiner Heiligkeit sch\u00e4dige.e. Man muss immer. wieder zu dem alten Vergleich seine Zuflucht nehmen: die Perle ist eine Mi\u00dfbildung der Muschel, ein Krankheitsprodukt; das hat die Wissenschaft festgestellt; aber wer m\u00f6chte der Wissenschaft das Recht einr\u00e4umen, fortzufahren, dass folglich die Perle nichts Sch\u00f6nes sein k\u00f6nne? Jeder w\u00fcrde sie auslachen. Im Bereich der \u201a\u201ageistigen\u2018\u2018 Werte ist dieses Grenzbewusstsein noch immer mangelhaft. Noch immer wettern die Philologen gegen die Pathologen, die der Krankheit der Genies nachsp\u00fcren \u2014 als ob Krankhaftigkeit das Geniale beeintr\u00e4chtigte! \u2014 aber freilich, es hat nicht an Pathologen gefehlt, die es so gemeint haben. Der Patholog zeigt eine Offenbarung als hysterische Vision auf; sagt der Priester: unm\u00f6glich, es war eine Offenbarung \u2014 so ist er im Unrecht; sagt aber der Patholog: es war also keine Offenbarung, sondern Krankheitserscheinungsymptom \u2014 so ist auch er im Unrecht. Das Geschehnis ist, wissenschaftlich gesehen, Krankheitserscheinungsymptom, und doch kann niemand dem religi\u00f6sen Bed\u00fcrfnis wehren, es als Offenbarung zu bewerten. (S. 98f)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">Warum so oft Krankheit der Weg zur Sch\u00f6pfung, zur Vernichtung, zur Umbildung gro\u00dfer oder kleiner Werte ist: es kann keine Frage der Wissenschaft sein. Es lie\u00dfe sich denken, da\u00df ein Philosoph diese Frage stellte. Gewi\u00df, eine Metaphysik der Krankheit ist m\u00f6glich. Sie ist noch nicht geschrieben; aber wenn sie einmal geschrieben wird, so wird sie, wie alle Metaphysik, auf dem Blatte des Glaubens und nicht des Wissens stehen. (S. 100)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Krankheit reden die Leute gern, h\u00f6ren sie gern reden. Und darum ist es denen, die die Menschheit tagt\u00e4glich von berufswegen zu unterhalten haben, nicht zu verdenken, wenn sie ihre Bilder und Gleichnisse mit Vorliebe aus dem Schatz der Pathologie &hellip; <a href=\"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=3622\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1968,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[22,190,90,92],"class_list":["post-3622","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-text","tag-books","tag-health","tag-psychoanalysis","tag-religion"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3622","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1968"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3622"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3622\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3623,"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3622\/revisions\/3623"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3622"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3622"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3622"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}