{"id":2960,"date":"2024-01-01T11:24:17","date_gmt":"2024-01-01T10:24:17","guid":{"rendered":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=2960"},"modified":"2023-11-21T11:44:37","modified_gmt":"2023-11-21T10:44:37","slug":"tomas-g-mazaryk-russische-geistes-und-religionsgeschichte-1913","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=2960","title":{"rendered":"Tom\u0103\u0161 G. Mazaryk: Russische Geistes- und Religionsgeschichte, 1913"},"content":{"rendered":"<p lang=\"de-DE\"><b><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Bd. 1, FfM 1992<\/span><\/b><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Die zerntralisierende Administration vollendete, was sie \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisse begonnen hatten &#8211; eigentlich kam zu der privatrechtlichen die \u00f6ffentlichrechtliche \u00d6konomie hinzu: der neue Staat brauchte f\u00fcr seine Einrichtungen mehr Geld, das wenig bev\u00f6lkerte Land brauchte Arbeitsh\u00e4nde, das Heer Soldaten,, und so wurde der Bauer \u201ebefestigt\u201c &#8211; \u201eBefestigung\u201c (prikr<\/span><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">\u0115<\/span><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">plenie) ist der russische Ausdruck f\u00fcr die H\u00f6rigkeit und Schollenpflichtigkeit, aber auch f\u00fcr die Leibeigenschaft, due sich aus der H\u00f6rigkeit bald entwickelte. (S. 29)<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Die russische Leibeigenschaft ist von der europ\u00e4ischen dadurch verschieden, dass sie \u00e4ltere Mirverfassung beibehalten wurde; aber der Mir und sein Agrarkommunismus hat eine andere wirtschaftliche und rechtliche Bedeutung erlangt. Die wachsende Macht des Gro\u00dff\u00fcrsten und Zaren zeitigte die Vorstellung, der gesamte Boden sei sein Eigentum und werde den Gutsherren und durch diese den Bauern zu Nutznie\u00dfung \u00fcberlassen; faktisch waren die Gutsherren neben dem Gro\u00dff\u00fcrsten Eigent\u00fcmer des Bodens, sowohl ihres Familiengutes als auch des Bauerngutes. Der Gutsherr konnte darum des Bauer aus der Gemeinde nach dem Belieben wegnehmen und hineinbringen.<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Der zentralisierte Staat benutzte den Mir fiskalisch dadurch, dass er die Steuern v<\/span><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">on<\/span><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"> de<\/span><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">r<\/span><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"> ganzen Gemeinde, nicht von den einzelnen Bauern eintrieb; diese Gemeinb\u00fcrgschaft hat den Mir fester gef\u00fcgt und ihm eine gewisse Macht \u00fcber den einzelnen verliehen; aber die Theorie, der Mit sei \u00fcberhaupt aus der Gemeinb\u00fcrgschaft <\/span><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">entstanden, ist unrichtig. (S. 31)<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Das Christentum konnte von den Russen nicht geistig aufgefasst werden, dazu fehlte ihnen die Bildung \u2013 in Byzanz, in Rom wurde das gebildete, philosophisch geschulte Volk christianisiert, die sp\u00e4teren westlichen V\u00f6lker haben an der r\u00f6mischen Bildung teilgenommen; die Russen waren ganz unvorbereitet, was sollte ihnen die byzantinische Gottesgelehrsamkeit und theologische Religionsphilosophie? Die Russen nahmen darum von Byzanz vorwiegend den Kultus und Kirchenzucht auf. Die Moral dieser Christen blieb vielfach \u00e4u\u00dferlich und wurde durch \u00e4u\u00dferliche Dressur verbreitet und befestigt; die Strafen, die die Kirche mit ihrer selbst\u00e4ndigen Judikatur verh\u00e4ngen konnte, wirkten mehr als das \u201eWort\u201c; am st\u00e4rksten war der Einfluss der m\u00f6nchischen Moral mit ihrer Askese und dem Klosterwesen. Der M\u00f6nch war das lebendige Beispiel, das im Laufe der Zeit am meisten wirkte. Die Byzantiner brachten mit dem Evangelium der Liebe nicht zu viel Menschlichkeit mit sich; es sind byzantinische Sitten, die sich in den neu eingef\u00fchrten Strafen geltend machten \u2013 das Blenden, Handabhauen u. dgl. Grausamkeiten mehr, die dann sp\u00e4ter durch die tatarischen Sitten vermehrt und verst\u00e4rkt wurden. <\/span><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">(S. 35f)<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">D<\/span><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">ie byzantinische Kirche war erstarrt, trotzdem gerade die Griechen die Lehre und die Moral ausgebildet hatten; die Byzantiner begn\u00fcgten sich mit der fast mechanische Tradition, die Religion war vornehmlich \u00dcbung des Kultes. Die Russen haben die Lehre, den Kult, die Moral und Kirchenorganisation von Byzanz fertig \u00fcbernommen, an der Ausbildung des kirchlich-religi\u00f6sen Lebens nicht weitergearbeitet, die Erstarrung war wom\u00f6glich noch intensiver.<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Das Gesagte gilt vom Klerus, das Volk begn\u00fcgte sucg mit der passiven Rezeption der Kirchenzucht und mit dem blinden Wunderglauben, wie derselbe die niedere Stufe der mythischen Weltbetrachtung bedingt.<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Die Byzantiner waren scholastisch gebildet, die philosophische Tradition der Griechen erhielt sich in einer Art theosophischer Gnosis; die Russen bem\u00fchten such, ihren lehren auch da nachzukommen, aber es gelang ihnen besser, im Kultus ihre religi\u00f6se Befriedigung zu finden. Die Mystik war in Moskau weniger theosophisches Schauen, als vielmehr praktische Mystagogie. (S. 38)<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Die Geschichte so vieler russischer Sekten zeigt und diesen Tiefstand des religi\u00f6sen Empfindens und zugleich die M\u00e4ngel der offiziellen Kirche. Die Europ\u00e4er haben die moskovitischen Russen sehr oft nicht als Christen, sondern als Polytheisten hingenommen, die Russen selbst aber feierten ihr Land als das \u201eheilige Russland\u201c. (S. 39)<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><!--more--><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Die Kirche hat die m\u00f6nchische Moral mit ihrer Askese zur Geltung gebracht; die unschuldigsten Freuden, sogar das Lachen wurde von den Eiferern verp\u00f6nt, die untheologische Dirchung verfolgt. Das Wesen sieser Moral kann man an den Anschauungen bemessen, die \u00fcber das Weib und die Familie herrschend werden. Man vergleiche die Lehren des \u201eDomostroj\u201c (Haushalt Sylvesters, der 1560 ins Kloster verbannt wurde) oder des Stoglav (das hundert Kapital enthaltende Kirchengesetz vom Jahre 1551) mit der \u201eBelehrung Monomachs\u201c, um sich zu \u00fcberzeugen, wie Moskau unter der strammen Kirchenzucht widernat\u00fcrlich geworden ist. Die Frau wird nach tatarischer Weise in den Harem (Terem, das tatarische Wort f\u00fcr den Palast und speziell f\u00fcr das Frauengelass) verwiesen, die Familie wird dem Vater &#8211; \u201ePatriarchen\u201c &#8211; so untergeordnet wie die Bauern dem Herrn, die Herren dem Zaren. Die soziale und politische Sklaverei erh\u00e4lt in der moralischen Sklaverei der Familie ihren st\u00e4rksten R\u00fcckhalt.<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Das Kloster beherrschte geistig Russland. Die Hierarchie wird der Klostergeistlichkeit entnommen, die weltliche (wei\u00dfe) Geistlichkeit wird der kl\u00f6sterlichen (schwarzen) ganz untertan; darum siegt auch die Moral der m\u00f6nchischen Z\u00f6libat\u00e4re \u00fcber die Moral der verheirateten Weltpriester. <\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Das Kloster mit seiner Weltflucht, aber Menschenbeherrschung wurde trotz oder gerade wegen der Askese reich und \u00fcbte mit seinem Reichtum an Land seine gro\u00dfe soziopolitische Macht aus; die M\u00f6nche selbst gaben nicht selten das wirksamste Beispiel eines nichts weniger als asketischen Lebenswandels. <\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Die Menschen, die derart die Welt und das Leben betrachteten, haben Gott und das G\u00f6ttliche ganz anthropomorphistisch und soziomorphistisch aufgefasst; die Macht des Zaren, der \u00fcber die Feinde der Kirche gesiegt und die inneren Gegner seiner Autokratie unterworfen hat, musste dem ungebildeten Volke und den ungebildeten Priestern die Macht Gottes garstellen.<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Josif, der rauhe und harte Erneuerer des M\u00f6nchideales im XV. Jahrhundert, hat diese allgemeine Anschauung von der theokratischen Stellung des Zaren dahin formuliert, der Zar sei von Natur aus zwar allen Menschen \u00e4hnlich, aber an Macht sei er dem Gotte \u00e4hnlich. <\/span><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">(&#8230;)<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Dem Gro\u00dff\u00fcrsten und Zaren wird als wichtigste Pflicht auferlegt, die Kirche zu sch\u00fctzen und die Kirchenlehre rein zu halten; dieser Schutz ist nicht blo\u00df gegen die andersgl\u00e4ubigen Feinde von ausw\u00e4rts, sondern auch gegen die Her\u00e4sien und Sekten im Inneren auszu\u00fcben. In der Beziehung hat der nicht weniger harte Novgoroder Erzbischof Gennadij (1485-1504) gegen die rationalistische Sekte der Judaisierenden, die als Protest gegen die M\u00f6nchherrschaft aufgefasst werden aknn, das Beispiel des spanischen K\u00f6nigs bef\u00fcrwortet und eine radikale Reinigung des orthodoxen Russlands verlangt. Ivan der Schreckliche hat seinem Gegner Kurbskij die Lehre gegeben, die wichtigste Aufgabe des Zaren sei, die Untertanen religi\u00f6s und erziehen, auf dass die Menschen den einzigen, wahren, dreieinigen Gott und den ihnen von Gott gegebenen Zaren erkennen. Im Stoglav, dem Protokoll des altrussischen Konzils von 1551, auf dem die Anh\u00e4nger Josifs die Majorit\u00e4t behaupteten, ist die theokratische Stellung des Zaren und die theologische Grundlage der russischen Theokratie \u00fcberhaupt endg\u00fcltig kodifiziert worden; in der Bestellung des Patriarchen Filaret zum Mitkaiser neben seinem Sohne Michail, dem ersten Romanov, hat die Theokratie auch \u00e4u\u00dferlich ihr wahres Wesen dokumentiert. <\/span><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">(S. 39f)<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Moskau wehrte nach Kr\u00e4ften und mit aller Strenge die katholosierenden Tendenzen der Kiever Scholasten (\u2026) ab, aber nicht mit durchschlagendem Erfolge; in der Abwendung vom Katholizismus verfiel Moskau um so mehr dem \u2013 Protestantismus. <\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Gleich die tschechische Reformation, der Husitismus und noch mehr die Br\u00fcderunit\u00e4t, fand Anh\u00e4nger in Polen und Litauen, die deutsche Reformation verbreitete sich ca. 1583 in Litauen; von Litauen und Polen aus gelangte der Protestantismus mit den Deutschen in das Herz Russlands selbst. Noch st\u00e4rker und stetiger wurde der Einfluss des Protestantismus von Schweden und Ostseeprovinzen ausge\u00fcbt. <\/span><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">(\u2026)<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Der Einfluss dieser Fremden, vorwiegend Protestanten, was sehr bedeutend; wohl in erster Reihe kulturell und gesellschaftlich, aber dadurch regte protestantisches Wesen, protestantische Fr\u00f6mmigkeit auch weitere Kreise zum Vergleichen und Nachdenken an. Sehr bald machte such dieser protestantische Einfluss auch kirchlich und religi\u00f6s merkbar, die russischen Theologen gingen zur protestantischen Theologie in die Lehre. Dieser Einfluss, der sich bald auch literarisch und sogar k\u00fcnstlerisch gelten machte (\u2026), war positiv und umso st\u00e4rker, als doe Protestanten f\u00fcer weniger gef\u00e4hrlich angesehen wurden als die Katholiken; als 1631 aus Europa Lehrer f\u00fcr die zu reorganisierende Armee verschrieben wurden, hat der Zar ausdr\u00fccklich den Befehl gegeben, keine Franzosen und \u00fcberhaupt keine Katholiken zu engagieren, aber es wurden Schweden, Holl\u00e4nder, Engl\u00e4nder, D\u00e4nen u.a. angeworben. (S. 41f)<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">\u2026 <span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">in Europa waren nicht nur Hegel und Proudhon, sondern auch de Maistre und Stahl; die Russen konnten an Europa fortschrittlich und reaktion\u00e4r, revolution\u00e4r und konservativ werden; nach der Revolution gab es eben auch in Europa eine sehr starke Reaktion, auch Europa war und ist entzweit, in das fortschrittliche, demokratische und in das konservative, aristokratische Europa. Man muss darum sowohl Slawophilen als auch die Westler auf diesen Hauptunterschied hin sowohl als Richtung als auch einzelne Vertreter der Richtungen beurteilen \u2013 und die einzelnen Lehren ihrer Systeme scheiden. (S. 294)<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">E<\/span><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">s ist beachtenswert, dass die Anf\u00e4nge der Westler und Slawophilen in pers\u00f6nlichem Verkehr sich bildeten und dass erst sp\u00e4ter die Ansichten schriftlich formuliert wurden; M\u00e4nner, wie <\/span><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">\u010c<\/span><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">aadajev, Stankevi<\/span><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">\u010d<\/span><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"> und Granovskij haben keiner viel geschrieben; &#8211; es handelte sich eben nicht nur um Ideen und Ansichten, sondern um neue Lebensideale und Lebensrichtungen. An diese Lebensideale wird auf beiden Seiten geglaubt, mit Begeisterung geglaubt; &#8211; die Westler glauben an die europ\u00e4ischen Ideale, die Slawophilen glauben an Russland. <\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Zwischen dem Inhalte dieses Glaubens ist allerdings zwischen den Westlern und Slawophilen der gro\u00dfe Unterschied , dass die Westler die kirchliche Orthodoxie ablehnen, w\u00e4hrend die Slawophilen, wenngleich in idealisierter Form, dieselbe annehmen.<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Philosophisch wird der Unterschied der Westler und Slawophilen zum Unterschied von Hegel und Schelling: Mit Hegel haben die Westler dem von den Slawophilen verp\u00f6nten Rationalismus gehuldigt, auch wird Schellings Glaube an das Absolute durch Hegels Relativismus ersetzt. Wenn die europ\u00e4ischen Restauratoins- und Reaktionsphilosophie mit de Bonald den Verstand selbst al teuflisch erkl\u00e4rt, so geh\u00f6ren die Westler zu denjenigen, die an dem Verstande nicht irre werden, wenn sie auch manchmal das Einseitige des Rationalismus zugeben.<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Die Differenzierung: Hegel \u2013 Schelling setzte sich auch erst mit der Zeit durch, die ersten Westler waren, wie die Slawophilen, Schellingianer. <\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Die religi\u00f6se und metaphysische Frage wird jedorch auch innerhalb des Westtums der Grund f\u00fcr die Trennung in das rechte und linke Lager. Und zwar geschah diese Trennung ganz so wie im deutschen Hegelianismus. (S. 295f)<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Die Hegelsche Linke in Russland stellte sich in radikale Opposition gegen den Absolutismus, ganz so wie es die deutsche Hegelsche Linke machte; der positivistische Materialismus Herzens und seiner radikalen Gesinnungsgenossen hatte seinen grimmigsten Gegner in Nikolaus\u2018 und Uvarovs theokratischen Programme, in der offiziellen Orthodoxie. Weil in Russland (\u00fcbrigens auch in Europa) der Staat mit der Kirche so innig verquickt ist, wurde die metaphysische Gegnerschaft gegen die Kirche und ihre Lehre zugleich zur politischen Gegnerschaft gegen den Staat. Diese Gegnerschaft entwickelt sich mit der Zeit und weist \u00fcberhaupt verschiedene Grade der Intensit\u00e4t auf. War schon der \u00e4ltere Liberalismus wegen seiner politischen Forderung der Konstitution zur Emigration gezwungen worden (N. Turgenev), um so eher musste der Herzensche Radikalismus sein Lager in Europa aufschlagen.<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Die politische Tendenz unterscheidet das Westtum scharf vom Slawophilentum; die Slawophilen sind unpolitisch, sie w\u00fcnschen nur die \u201einnere\u201c, moralische und religi\u00f6se Reform, die Westler jedoch wollen gerade die \u201e\u00e4u\u00dfere\u201c, die politische Reform; &#8211; das Westtum wird radikal, oppositionell und direkt revolution\u00e4r. (S. 297f)<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><b>BD.2<\/b><\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Zeitlich stehen wir im Dezennium der Reaktion nach dem Tode Alexanders II., in den achtsitziger Jahren. Noch vor dem verh\u00e4ltnisreichen 13. M\u00e4rz 1881 hat sich das revolution\u00e4re Lager gespalten, und unter dem Einflusse von Marx und Engels organisiert sich die marxistische Sozialdemokratie; die terroristische Richtung ist stark geschw\u00e4cht, aber nicht vernichtet.<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">\u00dcberblicken wir die Entwicklung des \u201erussischen Sozialismus\u201c (oder \u201eKommunismus\u201c) seit Herzen, so dr\u00e4ngt sich uns Erkenntnis auf, dass die russischen Sozialisten, sowie die franz\u00f6sischen und deutschen, im Sozialismus eine neue Weltanschauung und eine neue Moral suchen \u2013 das ganze Leben soll erneut werden, die Gesellschaft soll auf ganz neuen Grundlagen umgebaut werden.<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Theoretisch ist diese Grundlage der Positivismus und Materialismus, der Gegensatz und die Negation des offiziellen Theokratismus; Dostojevskij hat insofern ganz recht, wenn er den Sozialismus dem Atheismus gleichsetzt und den Atheismus als Hauptlehre des Sozialismus hinstellt.<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Der positivistische Materialismus und Atheismus erstrebt ethisch den neuen Menschen, politisch den sozialen Umsturz: die sozialistische Praxis wird ethisch fundiert &#8211; das Ideal ist eine Um\u00e4nderung von Grund aus, eine soziale Revolution, die alle Ungerechtigkeit und Ungleichheit auf immer und auf einmal verbannen w\u00fcrde.<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">In praxi f\u00fchrt dieses Ideal bei einem Teile der revolution\u00e4ren Sozialisten zum Terrorismus; der offene Massenaufstand der Dekabristen hat die Unm\u00f6glichkeit der Massenrevolution ad oculos demonstriert.<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Die sozialistische und philosophische Revolution f\u00fchrt der Intellektuelle, die Intelligenz, und zwar soll diese Revolution den Mu\u017eik \u2013 das war damals Russland \u2013 befreien, das Narodni\u010destvo, die Mu\u017eikophilie, charakterisiert den russischen Sozialismus; der Arbeiter, die Stadt wird erst in sp\u00e4terer Zeit f\u00fcr den Sozialismus wichtig, aber der Stadtarbeiter der wachsenden Industrie ist schlie\u00dflich wiederum der russische Dorfmu\u017eik. An den Arbeiter wendet sich der Marxismus. (S. 279)<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Die Bol\u0161eviki haben sich in ihrem radikalen linken Fl\u00fcgel zu Anarchosozialisten ausgebildet; diese Elemente akzeptieren im Namen des orthodoxen Marxismus die Expropriationen, der Konstitution und dem Parlament gegen\u00fcber treten sie unter dem Namen der Otzovisten (Abberufer, n\u00e4mlich ihrer Dumamitglieder) und Ultimatisten auf (Ultimatismus ist die Methode, ihren Dumaabgeordneten und allen Organisationen \u00fcberhaupt das Ultimatum zu stellen, n\u00e4mlich die Unbotm\u00e4\u00dfigen mit dem Boykott seitens der Parteileitung zu terrorisieren).<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Auch die Men\u0161eviki haben in derselben Zeit ihre politische Krankheit durchgemacht; sie verp\u00f6nten in ihrem Streben, eine reine Proletarierpartei zu sein, die Intelligenz und stellten auf ihrem radikalsten Fl\u00fcgel sogar die Forderung auf, die Partei g\u00e4nzlich in der Masse aufgehen zu lassen, die Parteileitung \u2013 dieselbe ist nat\u00fcrlich auch illegal \u2013 zu liquidieren (\u201eLiquaditorentum\u201c).<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Die Antipathie gegen die Liberalen gab sich gleichzeitig in einer mehr theoretischen als praktischen Richtung anarchistischen Richtung in der 1904 unter dem Namen Machajevtum (nach dem Begr\u00fcnder der Richtung) auftretenden Polemik gegen die Intelligenz kund.<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Auch die Sozialrevolution\u00e4re verfielen innerlich. Es bildete sich ebenfalls ein rechter und linker Fl\u00fcgel, die Minimalisten und Maximalisten; wie dieselben auch in den Fraktionen der Sozialdemokratie analog zur Geltung kommen. (S. 287)<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Die R\u00fcckkehr zur Religion, die die Revisionisten vollzogen haben, geschah zum Teile durch das Beispiel der deutschen Revisionisten; in der Hauptsache folgen aber die russischen Revisionisten der Str\u00f6mung, die durch Solovjev und Dostojevskij repr\u00e4sentiert wird. Heute, wie gesagt, kann man von Struve, Bulgakov und den anderen nicht mehr als Revisionisten sprechen; dagegen gibt es religionsfeindliche Marxisten, von denen Luna\u010darskij der baknnteste ist, wenn man Gorkij nicht nennen will, der das Wort: Gottesbildner (nicht Sucher!) gepr\u00e4gt hat, das von den Gegnern zur Bezeichnung der Richtung verwendet wird. (S. 334) \u2192 schildert auf folgenden Seiten den Streit zw Plechanov und Lunacarskij wg. Religion und Sozialismus <\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Das Gro\u00df der russischen Liberalen richtet ihr Verhalten zur Religion so ein wie ihre europ\u00e4ischen Vorbilder. Sie halten sich im Grunde an den alten Tati\u0161c\u011bv, der seinem Sohne die Lehre mitgegeben hat, niemals \u00f6ffentlich vom Glauben abzufallen und den Glauben nicht zu \u00e4ndern. Oder wie diese Regel Descartes\u2018 der Philosoph und P\u00e4dagoge Pirogov in seinem Tagebuch ausgedr\u00fcckt hat: Wenn ich den Scho\u00df der Staatskirche nicht zu verlassen strebe, wenn ich nicht gegen sie auftrete, wenn ich ihr alle Ehren erweise, mit einem Worte, wenn ich an die National- und Staatsreligion, zu der ich mich nebst der Familie bekenne, nicht r\u00fchre, wes geht die Leute mein individueller Glaube an, \u00fcber den ich hier nicht Rechenschaft ablegen werde?<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Auch der russische Liberalismus ist religi\u00f6s zu einem System des Indifferentismus geworden, und in diesem Indifferentismus ist alle seine Schw\u00e4che beschlossen. Der Liberalismus ist nicht blo\u00df skeptisch, er ist indifferent, und der Indifferentismus ist der eigentliche Unglaube, nicht die Skepsis. Und dieser liberale Unglaube klammer sich an die Kirche, an die er nicht mehr glaubt, ganz so, wie sich derr Zar an sie klammert\u2026 (S. 408)<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Das russische Denken, die russische Philosophie, tritt nicht blo\u00df als Geschichtsphilosophie auf, sondern sie besch\u00e4ftigt sich auch zugleich ganz besonders intensiv mit dem religi\u00f6sen Probleme. Darin unterscheidet sie sich nicht von der Philosophie in Europa: es ist der Gegensatz gegen die kirchliche Theologie, der die neue Philosophie zur Religionsphilosophie macht (\u2026). (S. 427)<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Die Russen haben Kant deshalb nicht angenommen, weil sie noch mythischer waren und sind als die Europ\u00e4er: die Russen vermochten, durch Europa angeregt, den Mythus \u2013 die Theologie \u2013 zu negieren, aber nicht zu kritisieren: das russische Denken ist negativ, aber nicht kritisch, die russische Philosophie ist Negation ohne Kritizismus.<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Das ist der Grund f\u00fcr die Tatsache, dass diese russische Negation gl\u00e4ubig bleibt. Der gebildete Russe gibt seinen Kinderglauben auf, aber er akzeptiert sogleich einen anderen Glauben \u2013 er glaubt an Feuerbach, an Vogt, an Darwin, an den Materialismus und Atheismus. Wir haben gesehen, wie B\u0115linskij, wie Herzen und ihre Nachfolger gegen die Skepsis nach Glauben ringen. Ich habe an allen den Mangel an Kritik nachgewiesen und betont. Wie z.B. Lavrov von Kant auf Bruno Bauer herabgreift.<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Ganz charakteristisch ist das unvermittelte Aufgeben des alten und die Annahme des alten Glaubens: B\u0115linskij liefert daf\u00fcr in seiner Entwicklung geradezu klassische Belege. An ihm erssieht man, was Negation ohne Kritik \u2013 erkenntnistheoretische Kritik \u2013 ist.<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Diese Glaubenssucht gegen\u00fcber der Skepsis ist nicht blo\u00df Sucht nach religi\u00f6sem Glauben \u2013 der Russe will an etwas immer glauben, an die Eisenbahn (B\u0115linskij), an den Frosch (der Nihilist Bazarov), an den Byzantinismus (Leontjev) usw. Leontjev hilft gegen die Skepsis sogar mit Gewalt nach: er zwingt sich selbst, er \u00fcberredet such zum Glauben. <\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Das russische Denken erweist sich auch darin als mythisch, dass bis heute die Dichter, vielmehr als in Europa, die eigentlichen Volksbildner sind. Pu\u0161kin, Gogol, Turgenev, Dostojevskij, Tolstoj, \u010cechov, Gorkij sind die russischen Denker. Die Dichterdenker, nicht die philosophischen und wissenschaftlichen Denker werden in Russland geh\u00f6rt. Der Dichter steht dem Mythus n\u00e4her als der Philosoph.<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Darum hat Russland seine vielen literarischen Kritiker, aber es hat so wenig erkenntnistheoretische Kritik; wird aber das Problem der Kritik philosophisch behandelt, so wird dasselbe charakteristischerweise auf das ethische Problem reduziert. <\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Und wir begreifen jetzt auch, warum Schelling und Hegel den Russen lieber waren als Kant oder Hume. Mit Schelling ist gegen Kant die Mythologie in die Philosophie eingezogen, und Hegel hat mit seiner das Prinzip des Widerspruches aufhebenden Dialektik, trotz seiner Opposition gegen die Theologie, die Theologie und Mythologie auch gef\u00f6rdert. (S. 430ff) <\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Das vorpetrinsische Russland war ohne weltliche und eigentlich auch ohne geistliche Bildung; darum tritt die europ\u00e4ische Bildung sogleich als Gegensatz zur russischen Bildung auf. Zwar ist die Europ\u00e4isierung, wie gezeigt wurde, nicht ganz pl\u00f6tzlich und auf einmal durchgef\u00fchrt worden, aber sie kam doch innerlich unvermittelt, denn die russische Kirche, die die geistige F\u00fchrung des Volkes hatte, hatte nicht nur keine Philosophie (Scholastik), sondern nicht einmal eine Theologie. In Konstantinopel, in Rom und gar in Deutschland und England gab es eine Philosophie und Theologie, die Scholastik bereitete die Menschen Jahrhunderte f\u00fcr das wissenschaftliche und kritische Denken vor. Es gab die gro\u00dfe geistige Bewegung der Renaissance und des Humanismus; die neue Philosophie und Wissenschaft wurde \u00fcberdies durch die Reformation und stufenweise Entwicklung innerhalb des Protestantismus vorbereitet. In Europa war Voltaire, Hume, Kant, Comte, Fichte. Hegel, Feuerbach ein organischen Glied der Entwicklung, in Russland bedeuteten sie eine radikale Revolution.<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Das geistesstille orthodoxe Russland \u00fcberflutete vorerst der franz\u00f6sische antiklierikale und antireligi\u00f6se Rationalismus; Voltaire, Diderot, Rousseau, Montesquieu usf. werden in Russland (d.h bei Hofe und in der \u201eGesellschaft\u201c) heimisch (Voltaire wird in einer russischen Dorfdruckerei herausgegeben!). Zu dem franz\u00f6sischen kommt der deutsche Einfluss, besonders Hegel und die radikale Hegelsche Linke, Feuerbach, Strau\u00df; mit Feuerbach kam der Materialismus (Vogt usw.) und der Positivismus Comtes und Mills und der naturalistische Evolutionismus Darwins und Spencers. Ihre politische Bildung suchten die zu Hause geknechteten Russen bei den liberalen und sozialistischen F\u00fchrern und Schriftstellern Europas; Constant, St. Simon, Fourier, Proudhon, Owen, dann Lassalle und Marx lieferten die sozialen und politischen Ideale \u2013 Hegel und Feuerbach l\u00f6sen die byzantinische Orthodoxie ab. Man stelle sich die Situation nur recht deutlich vor: Marx\u2018 staatsloser Kommunismus soll die mittelalterliche agrarische Naturalwirtschaft des theokratischen Russlands abschaffen und ersetzen! (S. 442)<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">In Europa konnte man schon im XIII. Jahrhundert dem Kaiser den Ausspruch De tribus impostoribus zuschreiben, und wir haben Beispiele ungl\u00e4ubige P\u00e4pste \u2013 wie muss aber ein solches Wort in Russland wirken, in einem Lande, wo bisher die Kirche und ihre Kl\u00f6ster die h\u00f6chste und allgemein anerkannte geistige Autorit\u00e4t waren und wo der Staat der rechte und der linke Arm dieser Autorit\u00e4t ist! In England werden Mill und Darwin in der Westminsterabtei begraben, in Russland wandern die Anh\u00e4nger von Mill (\u010cerny\u0161evskij!) und Darwin in das Zuchthaus nach Sibirien! (\u2026) <\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">So wird in Russland die Philosophie und Wissenschaft, Kunst und Technik zur revolution\u00e4ren Waffe; die Literatur wird zum sozialen und politischen F\u00fchrer, allerdings auch zu einem \u201eRegister von Str\u00e4flingen\u201c (Herzen), Verbannten und Emigranten. <\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Die Folge der pl\u00f6tzlichen Erleuchtung ist die Revolution \u2013 die geistige und politische Revolution gegen die herrschende Theokratie. Die Negation, der Pessimismus, der Nihilismus sind die nat\u00fcrliche Folge des unvermittelten \u00dcbergangs von der Orthodoxie zum Atheismus, Materialismus und Positivismus. (S. 443) <\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Tats\u00e4chlich charakterisiert die russische Religion und Religiosit\u00e4t der Glaube an die andere Welt \u2013 die Transzendent ist f\u00fcr den gl\u00e4ubigen Russen kein blo\u00dfes philosophisches Prinzip, sondern reale Wirklichkeit; der Gottes- und G\u00f6tterglaube und der Glaube an das andere, ewige Leben \u2013 die Unsterblichkeit \u2013 ist ganz lebendig. Darum das Bestreben, schon in diesem Leben des ewigen Lebens teilhaftig zu werden: Kontemplation, Mystik. Der russische Glaube ist Wunderglaube, Zauberglaube \u2013 Jesus als der heilende, die Toten erweckende Gott in Menschengestalt steht dem Russen nahe, der Gottmensch. Die Transzendenz wird nicht geistig und ethisch, sondern materiell gefasst &#8211; auch die Seele erscheint nur als feinere Materie, der Unterblichkeitsglaube ist wesentlich noch Animismus, Geisterglaube. Darum eben die anthropomorphische Betonung des Gottmenschen (\u2026), die Freude an materiellen Kultushandlungen und an der materialistischen Symbolik. Charakteristisch sind die rein formalistischen und materialistischen Lehren und Gebr\u00e4uche, die sich im Raskol ge\u00e4u\u00dfert haben, und die Tatsache, dass die Staatskirche, wenn auch nach einigem Z\u00f6gern und Schwanken, den Raskol nicht eigentlich ab- und ausgestossen hat. Auch die Mystik ist materialistisch. <\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Der lebendige Glaube an die Transzendenz f\u00fchrt praktisch zur Askese; der russische M\u00f6nch ist nur Asket, Einsiedler, Welt- und Lebensver\u00e4chter, w\u00e4hrend der r\u00f6mische auch Krankenpfleger, Arzt, Lehrer usw. geworden ist. Wenn Herzen im Christentum die Religion des Todes erblickt, so denkt er vornehmlich an die russische Religiosit\u00e4t. Trotzdem gilt auch vom russischen M\u00f6nche: contemptor suaemet ipsus vitae, dominus alienae.<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Folgerichtig ost das religi\u00f6se Verhalten der Russen passivistisch &#8211; blinde Annahme der Offenbarung und der Kirchenpraxis, die vom dem Gottmenschen eingesetzt ist; darum gibt es und kann es keinen Fortschritt, keine Entwicklung geben &#8211; Gott hat im Gottmenschen die h\u00f6chsten und f\u00fcr den Menschen wichtigsten Wahrheiten geoffenbart; diesen Wahrheiten kann der Mensch nichts hinzusetzen, nichts hinzuf\u00fcgen, er hat sich an ihnen zu erbauen und hat sie einfach zu befolgen. Selbst f\u00fcr Augustinus h\u00f6rt mit Jesus die Geschichte eigentlich auf \u2013 Solovjev hat darum nach Gr\u00fcnden gesucht, die geschichtliche Entwicklung nach Christus zu rechtfertigen.<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Die russische Kirche und Religion ist prinzipiell unfortschrittlich &#8211; so, wie sie schon im III. Jahrhundert von den gro\u00dfen griechischen (alexandrinischen) Dogmatikern festgelegt wurde, so will sie in Lehre und Praxis verbleiben. (S. 445ff)<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Die Russen haben die byzantinische Theologie, aber keinen Hellenismus erhalten, h\u00f6chstens soviel, als etwa in der Theologie enthalten war; mit dem Westen verglichen gab es keine Rezeption des Aristoteles und des Corpus juris, das Griechische hat in Russland nicht die Rolle gespielt wie das Latein im Westen, es gab auch keinen Humanismus, keine Renaissance, keine selbst\u00e4ndige Entwicklung der Wissenschaften und der neuen Philosophie und vor allem keine Reformation (und Anti-Reformation). Dagegen war der religi\u00f6se Einfluss Asiens auf Russland von Anfang ziemlich stark \u2013 Leontjevs Vorliebe f\u00fcr das Station\u00e4re des Asiatismus ist nicht so ganz unrussisch. <\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Die Slawophilen loben Russland, dass es keine Scholastik hervorgebracht hat. Russland hatte eben die Kirchenlehre nicht gegen die klassischen Heiden zu verteidigen, und man hatte nicht das Bed\u00fcrfnis, diese Lehre gegen das eigene Denken zu sichern \u2013 die Slawophilen sprechen darum ganz aus dem Geiste der russischen Kirche, wenn sie gegen die Logik und gegen Aristoteles auftreten und sich an Plato und seine Kontemplation der ewigen Ideen und Wahrheiten halten. Sie haben ganz russisch gedacht, wenn sie die Scholastik die Mutter des Protestantismus und Rationalismus \u00fcberhaupt nennen und den Rationalismus absolut verurteilen. (\u2026)<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Es wurde hervorgehoben, dass die russischen Religionsphilosophen die Kirche so stark betonen. Aber die Kirche ist f\u00fcr den Russen doch etwas anderes als f\u00fcr den Katholiken oder Protestanten. Der Russe \u2013 der Orthodoxe \u00fcberhaupt \u2013 sieht in dem Priester vor allem den Wundert\u00e4ter, den Zauberer, nicht den Religionslehrer und -f\u00fchrer; der Priester ist dem Russen ein lebendiger guter Leiter der g\u00f6ttlichen Gnade, ein passiver Vermittler. Der Russe ist konsequenter Passivist: ohne pers\u00f6nliches Zutun wird dem Menschen das Heil zuteil, auch der Priester ist pers\u00f6nlich dabei unbeteiligt. Darum wird in Russland (und im Osten) der M\u00f6nch viel h\u00f6her gewertet als der gew\u00f6hnliche Priester; der Priester ist verheiratet und steht darum dem Laien nahe, nur zur zeit seiner priesterlichen Funktionen wird er der eigenartige, passive Vermittler der h\u00f6heren Kr\u00e4fte. (\u2026)<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Der Staat in Byzanz war auch infolge der asiatischen und europ\u00e4ischen Feinde und ihrer Best\u00fcrmung des Reiches eine nationale Notwendigkeit, und die Kirche konnte sich bei der staatlichen und nationalen Isolierung nicht so international entwickeln, wie der westliche Papismus. Im Westen fiel das r\u00f6mische Kaisertum tausend Jahre fr\u00fcher als im Osten, erst nach einigen Jahrhunderten wurde dasselbe nach dem \u00f6stlichen Muster und zwar von dem schon erstarkten und als eigener Staat organisierten Papsttum begr\u00fcndet. <\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Auch in Russland hat sich die Kirche mit dem Staat im Sinne des C\u00e4saropapismus verbunden; zudem ist die Kirche besonders im Kampfe gegen die Mohammedaner, den katholischen und sp\u00e4ter gegen den protestantischen Westen nationaler geworden als die internationale Kirche des Westens. (S. 448f)<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Die ganze Methode Bakunins, das Sprunghafte, Zerfahrene, Abenteuerliche zeigt uns den gewohnheitsm\u00e4\u00dfigen Indeterministen, der das Wunder erwartet; hat Fourier t\u00e4glich den Million\u00e4r erwartet, der ihm zur Verwirklichung der Pl\u00e4ne das Geld bringen w\u00fcrde, so hat Bakunin t\u00e4glich das Wunder der Revolution erwartet. Bakunin ist der Fatalist, der auf das Vielleicht setzt (Herzen sagte ihm das ganz richtig), trotz Hegel, Comte, Feuerbach und Vogt bleibt er der an Wunder glaubende und hoffende mystische Indeterminist, der sich in die von der Wissenschaft erkannte Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit der Natur und Geschichte noch lange nicht eingelebt hat, trotzdem er eine positivistische Geschichtsphilosophie fordert. Bakunin handelt auch als Aristokrat, der noch nicht arbeiten gelernt hat; denn Arbeiten ist stetige Kleinarbeit, aber f\u00fcr diese hat der russische Gro\u00dfgrundbesitzer noch keinen rechten Sinn. Arbeiten und gar arbeitsam sein kann nur derjenige, der die deterministische Stetigkeit der berechnenden Voraussicht und Vorsicht sich angeeignet hat, der die Wichtigkeit der durchdachten Wirtschaft erkannt hat. Als Gro\u00dfgrundbesitzer ist Bakunin nicht in einer industriereichen Stadt aufgewachsen, in Europa hat er aber die Wirkung der Maschine und des modernen Handelns und Verkehrs f\u00fcr die Erziehung und Charakterbildung gar nicht beachtet. Bakunin ist politischer Okkultist, der Geheimbund, er an seiner Spitze, ist die \u00dcbersetzung des russischen Popen, wie er hinter dem Altarbild der Gemeinde entr\u00fcckt ist, ins Politische.<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Bakunin hat die deutsche Philosophie studiert, aber die franz\u00f6sische Politik mitgemacht, ohne zu ahnen, dass beides sich nicht gut vereinen l\u00e4sst. Darum seine Vorliebe f\u00fcr Proudhon und franz\u00f6sische Sozialisten und seine Abneigung gegen Marx. Bakunin ist nicht Marx, sondern Blanqui kongenial. Es ist die katholische Erziehung, die da und dort die Menschen positiv und negativ \u00e4hnlicher formt. Von den Deutschen werden die Ideen angenommen, aber die Franzosen sind die Muster der Praxis. Der Anarchismus Bakunins ist russisch, aber es ist orthodoxer Anarchismus und nur als Revolution gegen die russische Orthodoxie begreiflich. Mit dem franz\u00f6sischen Sozialismus jener Zeit hat dieser russische Anarchismus viel Verwandtes; auch der franz\u00f6sische Sozialismus war stark anarchisch, \u00fcberhaupt war und ist der Anarchismus bis jetzt bei den katholischen V\u00f6lkern zu finden. Dagegen hat sich der deutsche, zumal marxistische Sozialismus bei protestantischen V\u00f6lkern ausgebildet; bei ihnen ist der Anarchismus als philosophisches System, als Gesamtstimmung nicht in dem Ma\u00dfe zu finden, wie bei den katholischen Romanen, Deutschen (in \u00d6sterreich und S\u00fcddeutschland) und Slawen. Darum kann man den Anarchismus nicht schlechtweg als nationalrussisch hinstellen, und man muss auch zwischen Anarchismus und Revolutionismus den richtigen Unterschied machen. Der geistige Stillstand der russischen Theokratie, die Abwesenheit geistigen Lebens und Regens, die Unarbeitsamkeit des Absolutismus hat die gebildete Aristokratie zum Anarchismus getrieben: der Bakuninsche Anarchismus ist der Zorn und die Aufregung des zur Unt\u00e4tigkeit verurteilten und erzogenen Aristokraten. Wenn Bakunin am Ende seines Lebens mit gro\u00dfer Vorliebe Schopenhauer, den Philosophen der Galle, gelesen hat, so ist damit diese Seite seinen Anarchismus psychologisch ganz organisch charakterisiert. (S. 498f)<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bd. 1, FfM 1992 Die zerntralisierende Administration vollendete, was sie \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisse begonnen hatten &#8211; eigentlich kam zu der privatrechtlichen die \u00f6ffentlichrechtliche \u00d6konomie hinzu: der neue Staat brauchte f\u00fcr seine Einrichtungen mehr Geld, das wenig bev\u00f6lkerte Land brauchte Arbeitsh\u00e4nde, das &hellip; <a href=\"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=2960\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1968,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[10,113,22,102,72,209,40,116,19,117,115,92,133,50,18,43,132],"class_list":["post-2960","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-text","tag-anarchism","tag-bakunin","tag-books","tag-europe","tag-germany","tag-hegel","tag-liberalism","tag-marx","tag-marxism","tag-poland","tag-proudhon","tag-religion","tag-revolt","tag-russia","tag-state","tag-uk","tag-ukraine"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2960","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1968"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2960"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2960\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2961,"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2960\/revisions\/2961"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2960"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2960"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2960"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}