{"id":2224,"date":"2019-11-10T00:45:26","date_gmt":"2019-11-09T23:45:26","guid":{"rendered":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=2224"},"modified":"2019-11-10T00:45:26","modified_gmt":"2019-11-09T23:45:26","slug":"den-entschluss-zu-fassen-die-freiheit-zu-denken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=2224","title":{"rendered":"\u201e&#8230;den Entschluss zu fassen, die Freiheit zu denken\u201c"},"content":{"rendered":"<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Eine Hommage an Simone Weil<\/span><\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\"><i>von Seepferd<\/i><\/span><\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Angeblich war sie das alles gleichzeitig: Anarchistin, Marxistin, scharfe Kritikerin von Marxismus und Anarchismus, politische Philosophin, Mittelschichtstochter, ungelernte Arbeiterin, J\u00fcdin, Skeptikerin, katholische Mystikerin, Feministin, Pazifistin und militante Antifaschistin. Vermutlich konnte sie das alles sein \u2013 und zwar gleichzeitig \u2013, weil sie nichts davon sein wollte. Nichts ausschlie\u00dflich. Das muss man sich trauen. Vermutlich ist das auch der Grund, warum so wenige mit ihr was anfangen k\u00f6nnen. Die KatholikInnen zerren sie auf ihre Seite, die AnarchistInnen beanspruchen sie f\u00fcr sich. Die einen meinen, irgendwo in ihrem recht kurzen Lebenslauf \u201eBr\u00fcche\u201c ausmachen zu k\u00f6nnen, wo und aus welchen Gr\u00fcnden sie sich vom sozial-revolution\u00e4ren Engagement in die religi\u00f6se Kontemplation zur\u00fcckgezogen h\u00e4tte; die anderen betonen vielmehr die \u201eKontinuit\u00e4ten\u201c: die R\u00fcckbesinnung auf christliche Ethik w\u00fcrde dem Engagement f\u00fcr alle Unterdr\u00fcckten dieser Erde nicht widersprechen. Das Bildungsb\u00fcrgertum gedenkt ihrer in periodischen Abst\u00e4nden: Es ist ja l\u00e4ngst kein Tabu mehr, ein wenig (selbst)ironisch \u00fcber tote Revolution\u00e4re und andere Verr\u00fcckte zu sprechen. (1) Man (ge)braucht sie, \u00e4hnlich wie Albert Camus, zur Selbstvergewisserung, ohne angeben zu k\u00f6nnen, wessen man sich eigentlich vergewissert und wie ernst es gemeint ist. (2) Eine Kuriosit\u00e4t also, \u201erote Jungfrau\u201c, weiblicher Nietzsche, durchgeknallt und letztlich f\u00fcr nichts n\u00fctze. Ich pers\u00f6nlich trage das Interesse an der Person Weil schon lange mit mir herum, es h\u00e4tte wom\u00f6glich ein Vortrag in den R\u00e4umen am Josef-Stangl-Platz in W\u00fcrzburg werden k\u00f6nnen, doch dazu kam es nicht. Und das ist vielleicht besser so. Nun scheint es mir abseits von runden Daten und irgendwelchen Jubil\u00e4en angebracht, bei einer derma\u00dfen unpraktisch veranlagten Person nach gesellschaftlicher Praxis nachzufragen. <\/span><\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Jedes noch so d\u00fcnnes B\u00fcchlein \u00fcber sie bzw. von ihr ist, wie z.B. \u201eAnmerkungen zur generellen Abschaffung der politischen Parteien\u201c, mit einer kleinen biographischen Notiz versehen. Es ist also bei ausreichendem Interesse nicht schwer, Simone Weil historisch und ideengeschichtlich einzuordnen. In aller K\u00fcrze also, obwohl ich es nicht schaffe, das unterhaltsamer als Antje Schrupp 2009 (3) oder Heinz Abosch 1990. <\/span><\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Simone Weil wurde 1909 in einem guten b\u00fcrgerlichen Haus in Paris geboren, hatte j\u00fcdische Wurzeln, genoss gute Ausbildung und wurde schlie\u00dflich Lehrerin f\u00fcr Philosophie. Interessierte sich f\u00fcr Politik und soziale K\u00e4mpfe, zeigte sich solidarisch mit Arbeitern und Arbeitslosen, was ihr den Ruf der \u201eroten Jungfrau\u201c einbrachte. Sie trat anarchistischen Zirkeln und revolution\u00e4r-syndikalistischen Gewerkschaften bei und las kommunistische Zeitungen, stritt sich mit Trotzki und de Beauvoir. \u201eDie Erfahrung hat gezeigt, dass eine revolution\u00e4re Partei sich wohl, nach einer Formel von Marx, des b\u00fcrokratischen und milit\u00e4rischen Apparats bem\u00e4chtigen kann, aber sie kann diesen nicht brechen. Damit die Macht wirklich an die Arbeiter \u00fcbergeht, m\u00fcssen diese sich vereinigen, nicht nur entlang illusion\u00e4rer Verbindungen, die von einer Ansammlung gleicher Meinungen ausgehen, sondern entlang wirklicher Verbindungen einer Gemeinschaft, die auf derselben Funktion im Produktionsprozess basiert\u201c, schreibt sie Anfang 1930er gegen die Bestrebungen des Komintern, Gewerkschaften anzuf\u00fchren. (zit. nach Jacquier 2006, S. 86) Gleichzeitig aber zutiefst individualistisch: \u201eDenken wir daran, dass wir dem Individuum, nicht dem Kollektiv den h\u00f6chsten Wert beimessen. (\u2026) Nur im Menschen als Individuum finden wir Voraussicht und Willenskraft, die einzigen Quellen einer effizienten Aktion. Aber die Individuen k\u00f6nnen ihre Anstrengungen vereinigen, ohne dabei ihre Unabh\u00e4ngigkeit zu verlieren\u201c. (zit. nach Jacquier 2006, S. 104)<\/span><\/span><!--more--><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Etwa um 1933 wendet sie sich von der schw\u00e4chelnden syndikalistischen Bewegung ab und wird \u2013 nicht zuletzt Hitlers Macht\u00fcbernahme unter der Mitwirkung der SPD und der Komintern vor Augen \u2013 zunehmend skeptisch, was Politik \u00fcberhaupt angeht. <\/span><\/span><\/p>\n<blockquote>\n<p align=\"justify\">\u201e<span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\"><span lang=\"de-DE\">Man findet bei Kommunisten, Sozialisten oder Syndikalisten dieser oder jener Tendenz keine klarere oder pr\u00e4zisere Kenntnis unserer Gesellschaft als bei den Bourgeois, Konservativen oder Faschisten. Selbst wenn die Arbeiterorganisationen eine \u00fcberlegene Kenntnis bes\u00e4\u00dfen (was jedoch nicht zutrifft), w\u00fcrden sie noch nicht \u00fcber die erforderlichen Aktionsmittel verf\u00fcgen. Praktisch ist die Wissenschaft nichts ohne die Ressourcen der Technik; sie gibt diese nicht, sie erlaubt nur, sich ihrer zu bedienen. Noch falscher w\u00e4re es zu behaupten, die Wissenschaft erlaubte, einen baldigen Sieg der Arbeitersache vorauszusehen. Das ist unwahr, und guten Gewissens muss man \u00fcberhaupt daran zweifeln, wenn man nicht hartn\u00e4ckig die Augen verschlie\u00dft. Auch erlaubt nichts, den Arbeitern zu versichern, sie h\u00e4tten eine Mission zu erf\u00fcllen, eine \u201ahistorische Aufgabe\u2018, wie Marx sagte, die ihnen zufalle, um die Welt zu retten. Kein Grund berechtigt dazu, ihnen eine solche Mission eher zu \u00fcbertragen als den Sklaven des Altertums oder den Leibeigenen des Mittelalters. \u00c4hnlich wie die Sklaven, die Leibeigenen, sind sie ungl\u00fccklich, ungerechtfertigt ungl\u00fccklich. Es ist gut, dass sie sich verteidigen, es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn sie sich befreiten; mehr l\u00e4sst sich nicht sagen. Die Illusionen, die man verbreitet in einer Sprache, die kl\u00e4glich die Gemeinpl\u00e4tze der Religion mit denen der Wissenschaft vermischt, sind ihnen unheilvoll. Denn sie erwecken den Glauben, die Dinge seien leicht zu vollbringen, ein moderner Gott namens Fortschritt treibe sie nach vorn, eine moderne Vorsehung namens Geschichte mache f\u00fcr sie die Hauptanstrengung. Schlie\u00dflich erlaubt nichts, ihnen am Ende des Befreiungskampfes Genuss und Macht zu versprechen. Eine leichtfertige Ironie hat viel Schaden angerichtet durch die Abwertung des hohen Idealismus, des fast asketischen Geistes der sozialistischen Gruppen am Anfang des 19. Jahrhunderts; sie hat nichts anderes bewirkt, als die Arbeiterklasse zu erniedrigen\u2026 <\/span><span lang=\"de-DE\">(Weil 1975, S. 271f)<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\"><span lang=\"de-DE\">Den Marxismus kritisiert sie als den h\u00f6chsten geistigen Ausdruck der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft, der notwendig verkennen muss, dass die \u00c4nderung der Besitzverh\u00e4ltnisse aus der Misere nicht hinaus f\u00fchren w\u00fcrde. Eine radikale \u00c4nderung der Arbeitsverh\u00e4ltnisse tut Not.<\/span><span lang=\"de-DE\"> Die arbeitenden Massen werden nicht nur zu blo\u00dfen Anh\u00e4ngseln ihrer Produktionsmittel degradiert, sie leiden nicht nur physisch \u2013 es geht nicht zuletzt um die Verk\u00fcmmerung des Geistes, des (potentiell) widerst\u00e4ndigen Denkens. Es geht darum, die Massen passiv und gleichzeitig auf Trab zu halten. 1934 schreibt sie in \u201eR\u00e9flexions sur les causes de la libert\u00e9 et de l&#8217;oppression sociale\u201c: <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<blockquote>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">\u201e<span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Von den Menschen ist nichts zu erhoffen, und w\u00e4re es anders, w\u00e4ren sie doch von vornherein durch die Macht der Dinge besiegt. Die bestehende Gesellschaft stellt keine anderen Mitteln zum Handeln bereit als Maschinen zur Zermalmung des Menschlichen; was immer die Absichten derer sind, die sie in die Hand nehmen, diese Maschinen werden alles zermalmen, solange es sie gibt. (\u2026) Mit Kanonen, Flugzeugen oder Bomben kann man Tod und Schrecken oder Unterdr\u00fcckung verbreiten, aber nicht das Leben oder die Freiheit. Mit Gasmasken, Luftschutzkellern oder Alarmsirenen kann man elende Herden ver\u00e4ngstigter Wesen z\u00fcchten, die sich den verr\u00fccktesten Despoten ergeben und dankbar die sch\u00e4ndlichsten Tyranneien begr\u00fc\u00dfen, aber keine B\u00fcrger. Mit Rundfunk und Massenpresse kann man ein ganzes Volk zum Fr\u00fchst\u00fcck oder zum Abendessen mit vorgefertigten Meinungen f\u00fcttern und diese dadurch ad absurdum f\u00fchren, weil auch die vern\u00fcnftigsten Ansichten verdreht und falsch werden, wenn sie der Kopf gedankenlos aufnimmt.(&#8230;) Und ohne Fabriken, Waffen und Presse l\u00e4sst sich nichts gegen diejenigen ausrichten, die das alles besitzen\u201c. (Weil 2012, S. 109) <\/span><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\"><span lang=\"de-DE\">Man hat das Gef\u00fchl, als h\u00e4tte Weil in ihrer Zeitdiagnose fast an die Forschungsergebnisse der Kritischen Theorie herangereicht. <\/span><span lang=\"de-DE\">So diagnostiziert sie eine o<\/span><span lang=\"de-DE\">bjektive Anf\u00e4lligkeit f\u00fcr allerlei Widersinniges, im schlechtesten Sinne Religi\u00f6ses, Verschw\u00f6rungstheorien, <\/span><span lang=\"de-DE\">antisemitische Ger\u00fcchte<\/span><span lang=\"de-DE\"> etc.: <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<blockquote>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">\u201e<span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Wie so oft lassen geistige Verwirrung und Passivit\u00e4t der Phantasie freien Lauf. \u00dcberall ist man besessen von einer Vorstellung des sozialen Lebens, die zwar in den unterschiedlichen Kreisen erheblich differiert, aber stets aus Mysterien, okkulten Qualit\u00e4ten, Idolen oder Schreckbildern besteht; jeder glaubt, dass die Macht auf geheimnisvolle Weise in einem jener Kreise liegt, die ihm verschlossen sind, weil kaum jemand begreift, dass sie nirgendwo liegt, so dass das vorherrschende Gef\u00fchl \u00fcberall jene abgr\u00fcndige Angst ist, die durch den Verlust des Bezugs zur Realit\u00e4t entsteht. Jedes soziale Milieu stellt sich von au\u00dfen als Gegenstand eines Albtraums dar\u201c. (Weil 2012, S. 107f)<\/span><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">So schm\u00e4chtig und kr\u00e4nklich sie war, begibt sie sich Ende 1934 in die industrielle H\u00f6lle, um zu erfahren, wie sich die reelle Subsumtion unter das Kapital anf\u00fchlt. Aus dieser Zeit stammt der herzzerrei\u00dfende Bericht \u00fcber das Leben einer ordin\u00e4ren Fabrikarbeiterin, das nur aus Dem\u00fctigung, k\u00f6rperlichen Leiden und angsterf\u00fcllten \u00dcberlegungen, was am Monatsende auf dem Lohnzettel stehen w\u00fcrde, besteht. <\/span><\/span><\/p>\n<blockquote>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">\u201e<span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Ich h\u00e4tte daran zerbrechen k\u00f6nnen. Es kam beinahe so weit \u2013 mein Mut, meine W\u00fcrde wurden ersch\u00fcttert. Die Erinnerung k\u00f6nnte mich erniedrigen, h\u00e4tte ich nicht sozusagen jede Erinnerung eingeb\u00fc\u00dft. In Angst erhob ich mich morgens, mit Furcht ging ich in die Fabrik. Ich arbeitete wie eine Sklavin; die Mittagspause war ein zerrei\u00dfender Schmerz; nach Arbeitsschluss um 5.45 Uhr wieder zu Hause, war ich sofort damit besch\u00e4ftigt, gen\u00fcgend zu schlafen (was ich nicht tat) und fr\u00fch genug wach zu werden. Die Zeit war ein unertr\u00e4gliches Gewicht. Die Furcht \u2013 die Angst \u2013 lastete auf den Samstagnachmittagen und Sonntagvormittagen. Gegenstand der Furcht waren die Befehle.<\/span><\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Das Gef\u00fchl pers\u00f6nlicher W\u00fcrde, so wie es die Gesellschaft hervorgebracht hat, wurde gebrochen. (&#8230;) Endlich gibt man sich Rechenschaft \u00fcber seine eigene Bedeutung. Die Klasse derjenigen, die nicht z\u00e4hlen \u2013 in keiner Situation \u2013 in den Augen anderer (\u2026) und die nicht z\u00e4hlen werden, niemals, was auch geschehen mag, trotz des letzten Verses der ersten Strophe der Internationale\u201c. (Weil 1978, S. 120)<\/span><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Bis es 1936 zu einer Streik- und Betriebsbesetzungswelle in der Metallindustrie in Frankreich kommt (4), die \u2013 wenn nur f\u00fcr eine kurze Zeit \u2013 alles ver\u00e4ndert. Weil war zwar nicht mehr dabei, ein halbes Jahr als Arbeiterin hat ihr offensichtlich vollkommen ausgereicht. Aber sie kam ihre ehemaligen KollegInnen besuchen:<\/span><\/span><\/p>\n<blockquote>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">\u201e<span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Ich besuchte Kumpels in einer Fabrik, in der ich vor einigen Monaten gearbeitet habe. Einige Stunden verbrachte ich mit ihnen. Freude, in die Fabrik hineinzugehen mit der l\u00e4chelnden Erlaubnis eines das Tor bewachenden Arbeiters. Freude, soviel L\u00e4cheln zu beobachten, so viele Worte br\u00fcderlicher Begr\u00fc\u00dfung zu vernehmen. Wie sehr man unter Genossen f\u00fchlt in diesen Werkhallen, wo sich jeder, als ich dort arbeitete, allein f\u00fchlte an seiner Maschine! Freude, durch diese Werkhallen, an deren Maschinen man geschmiedet war, frei zu gehen, Gruppen zu bilden, zu reden, zu essen. Freude, anstelle des h\u00f6llischen Maschinenl\u00e4rms \u2013 eindringliches Symbol des Zwanges, dem man sich beugte \u2013 Musik, Gesang, Lachen zu h\u00f6ren. Man spaziert zwischen diesen Maschinen, denen man in vielen Stunden seine Lebenssubstanz opferte \u2013 und sie schweigen, verletzen nicht mehr, verursachen keine Schmerzen mehr. Freude, an den Chefs mit erhobenem Kopf vor\u00fcberzugehen. Endlich bedarf es nicht mehr eines ununterbrochenen Kampfes, um die eigene W\u00fcrde zu wahren gegen eine fast unbezwingbare Neigung, sich mit K\u00f6rper zu Seele zu unterwerfen. Freude zu sehen, wie die Chefs vertraulich zu sein versuchen, H\u00e4nde sch\u00fctteln, darauf verzichten, Anweisungen zu erteilen. Freude zu sehen, wie jetzt sie gehorsam warten, um den vom Streikkomitee ausgestellten Passierschein in Empfang zu nehmen. Freude zu sagen, was man auf dem Herzen hat, jedem, den Vorgesetzten und Genossen, an diesem Ort, an dem zwei Arbeiter, Seite an Seite, monatelang arbeiten konnten, ohne dass einer der beiden erfahren h\u00e4tte, was der Nachbar dachte. Freude, unter stummen Maschinen zu leben, im Rhythmus des menschlichen Lebens \u2013 dieser Rhythmus folgt der Atmung, dem Herzschlag, den nat\u00fcrlichen Bewegungen des Organismus \u2013 und nicht im vom Zeitnehmer diktierten Rhythmus. Sicher wird das harte Leben in einigen Tagen wieder beginnen. Aber man denkt nicht daran, \u00e4hnlich wie Soldaten auf Urlaub w\u00e4hrend des Kriegs. Und was auch immer in der Folge geschehen mag, man hat immerhin dies erlebt. Zum ersten Mal und unausl\u00f6schlich werden um diese Maschinen andere Erinnerungen kreisen als die der Stummheit, Zwang, Unterordnung; Erinnerungen, die das Herz mit ein wenig Stolz erf\u00fcllen und ein wenig W\u00e4rme auf dem Metall zur\u00fccklassen werden. Vollkommene Entspannung. Man kennt hier nicht jene sprungbereite Energie, jene mit Angst gepaarte Entschlossenheit, die so h\u00e4ufig bei Streiks zu beobachten sind. Gewiss herrscht Entschlossenheit, aber sie ist frei von Furcht. Man ist gl\u00fccklich. Man singt, aber nicht die \u201aInternationale\u2018 oder \u201aDie junge Garde\u2018; man singt ganz einfache Lieder, und das ist gut so. einige machen Sp\u00e4\u00dfe, \u00fcber die man lacht, aus Freude, sich und die anderen lachen zu h\u00f6ren. Es herrscht keine Bosheit. Nat\u00fcrlich ist man froh, die Vorgesetzten sp\u00fcren zu lassen, dass sie nicht die St\u00e4rkeren sind. Jetzt sind sie an der Reihe. Das ist lehrreich f\u00fcr sie. Aber man ist nicht grausam. Man ist fr\u00f6hlich\u201c. (Weil 1978, S. 186f)<\/span><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Ich durfte auch einmal beobachten, wie sich die bedr\u00fcckende Atmosph\u00e4re einer Produktionshalle blitzschnell in eine Karnevalsstimmung verwandelte, nachdem das Flie\u00dfband von einem Kurzschluss lahmgelegt worden ist. Kein Betriebsfest konnte jemals so eine Fr\u00f6hlichkeit und Geselligkeit in der Halle herstellen.<\/span><\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Sie half den aus Deutschland fliehenden SozialistInnen, schmuggelte einen Koffer mit Dokumenten von Lew Sedow \u00fcber die Grenze und war eng befreundet mit Boris Souvarine, der sehr fr\u00fch Stalinismus und die franz\u00f6sische KP kritisierte als das, was sie damals bereits waren: die \u201eNegation des Kommunismus\u201c. Weil sie alles selbst erfahren und immer dabei sein wollte, bereiste sie Deutschland und Italien, um Totalitarismus \u201eaus der N\u00e4he\u201c zu betrachten. Die Situation in Deutschland begriff sie als \u201erevolution\u00e4r\u201c, in der allerdings \u201ealles passiv\u201c sei; die KPD und die NSDAP, die einzigen revolution\u00e4ren Kr\u00e4fte, gleichen sich in ihrem Nationalismus und Antisemitismus. Sie zog sogar als \u00fcberzeugte Antimilitaristin in den spanischen B\u00fcrgerkrieg, auf der Seite der Internationalen Kolonne Durutti. Dieses Abenteuer endete aber aufgrund einer selbstverursachten Verletzung sehr schnell. Ungef\u00e4hr hier wollen die meisten den \u201eentscheidenden Bruch\u201c in ihrem Leben und Denken ausmachen: auch auf der Seite der Guten sah sie viel sinnlose Gewalt und Brutalit\u00e4t, die die Sache der sozialen Revolution in ihren Augen komplett entwertete. So schildert sie die Gr\u00e4uel des B\u00fcrgerkriegs auf der republikanischen Seite in einem ber\u00fchmt gewordenen Brief an den konservativen Schriftsteller Georges Bernanos, das ehemalige Mitglied der faschistischen Action Fran\u00e7aise, da sie das Gef\u00fchl hat, niemand auf der radikalen Linken w\u00fcrde sie verstehen:<\/span><\/span><\/p>\n<blockquote>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">\u201e<span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Ich war vor dem B\u00fcrgerkrieg durch Spanien gereist \u2013 ziemlich wenig eigentlich, aber dennoch genug, um f\u00fcr dieses Volk die Liebe zu empfinden, die man ihm einfach entgegenbringen muss; ich hatte in der anarchistischen Bewegung den nat\u00fcrlichen Ausdruck seiner St\u00e4rken und seiner Schw\u00e4chen, seiner legitimsten und illegitimsten Bestrebungen gesehen. CNT und FAI waren eine erstaunliche Mischung; sie standen jedermann offen und so trafen sich dort Sittenlosigkeit, Zynismus, Fanatismus und Grausamkeit, zugleich aber auch Liebe, der Geist der Br\u00fcderlichkeit und insbesondere die Forderung nach Ehre, die bei gedem\u00fctigten Menschen so sch\u00f6n ist. Die von einem Ideal Geleiteten schienen mir zahlreicher zu sein als diejenigen, die von der Gier nach Gewalt und Chaos getrieben waren. (\u2026) Ich f\u00fchlte keine innere Notwendigkeit mehr, bei diesem Krieg dabei zu sein, der nicht mehr, wie es mir fr\u00fcher schien, ein Krieg von ausgehungerten Bauern gegen die Grundbesitzer und die mit ihnen verb\u00fcndete Geistlichkeit war, sondern ein Krieg zwischen Russland, Deutschland und Italien. (\u2026) In einer solchen Atmosph\u00e4re verwischt sich rasch auch das Ziel des Kampfes selbst. Denn das Ziel kann man nur bestimmen, wenn man es auf das Allgemeinwohl, auf das Wohl der Menschen zur\u00fcckf\u00fchrt \u2013 und die Menschen bedeuten nichts mehr. (\u2026) Diese bedauernswerten, gro\u00dfartigen Bauern von Aragon, die sich trotz aller Erniedrigungen ihren Stolz bewahrt hatten, weckten bei den Milizsoldaten nicht einmal Neugierde. Es gab keine Unversch\u00e4mtheiten, keine Beleidigungen, keine Brutalit\u00e4ten \u2013 zumindest habe ich nichts dergleichen gesehen, und ich wei\u00df, dass auf Diebstahl und Vergewaltigung in den anarchistischen Kolonnen die Todesstrafe stand \u2013 und dennoch lag ein Abgrund zwischen den Bewaffneten und der entwaffneten Bev\u00f6lkerung, ein Abgrund, der durchaus dem zwischen arm und reich vergleichbar ist.\u201c (zit. nach Jaquier 2006, 123f) <\/span><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">In der Tat, wer kann es besser als ein (wenn auch ehemaliger Faschist) begreifen, dass im Krieg \u201edie Macht in Despotismus und die Knechtschaft in Mord\u201c (zit. nach Abosch 2005, S. 93) sich verwandle? Zwar war es die offen proklamierte Maxime von Weil, das eigene Denken nie zugunsten irgendeiner (Gesinnungs-)Partei aufzugeben. Nie wollte sie sagen: \u201eIch als Sozialistin\u201c oder \u201eIch als Christin\u201c, wissend, dass es nicht ihr komplettes Wesen bzw. Denken ersch\u00f6pfen oder auch nur beschreiben w\u00fcrden. (Im Prinzip handelt ihr letztes Pamphlet \u201eAnmerkungen zur generellen Abschaffung&#8230;\u201c genau davon; aus diesem Grunde verweigerte sie auch sp\u00e4ter die katholische Taufe). Diesen Brief an Bernanos hat man in der Tat auf der radikalen Linken zumindest verst\u00e4ndnislos zur Kenntnis genommen. (5) <\/span><\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Danach folgt die viel zitierte Wende zur christlichen Spiritualit\u00e4t, ihre Reisen nach Italien, die Suche nach einer Wahrheit, die nur noch jenseits der hoffnungslosen Menschenwelt zu liegen scheint. Sie erlebt die Gottesliebe sehr pers\u00f6nlich und intensiv, was Abosch allerdings nicht zuletzt auf sublimierte Erotik zur\u00fcckf\u00fchrt:<\/span><\/span><\/p>\n<blockquote>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">\u201e<span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Ich hatte bohrende Kopfschmerzen; jeder Ton tat mir weh wie ein Schlag; und da erlaubte mir eine \u00e4u\u00dferste Anstrengung der Aufmerksamkeit, aus diesem elenden Fleisch herauszutreten, es in seinen Winkel hingekauert allein zu lassen und in der unerh\u00f6rten Sch\u00f6nheit der Ges\u00e4nge und Worte eine reine und vollkommene Freude zu finden. Dank dieser Erfahrung versuchte ich, mit Hilfe eines Analogieschlusses, die M\u00f6glichkeit besser zu verstehen, die g\u00f6ttliche Liebe quer durch das Ungl\u00fcck zu lieben. Selbstverst\u00e4ndlich ist w\u00e4hrend jener Gottesdienste die Passion Christi ein f\u00fcr allemal in mich eingedrungen\u201c. (zit. nach Abosch 2005, S. 105)<\/span><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Nach dem Ausbruch des 2. Weltkrieges flieht sie nach S\u00fcdfrankreich, dann 1942 mit der Familie in die USA, geht aber kurz darauf nach Gro\u00dfbritannien. Sie kann es nicht ertragen, so fern vom europ\u00e4ischen Schlachtfeld zu bleiben, sie muss mitwirken. Sie muss \u201ean den Gefahren und an den Leiden dieses gro\u00dfen Kampfes\u201c teilnehmen. So arbeitet sie in London f\u00fcr die Exilregierung de Gaulles, f\u00fcr France libre. F\u00fcr die soll sie eine Art \u201ePlan\u201c f\u00fcr die institutionelle Wiedererrichtung des franz\u00f6sischen Staates ausarbeiten. De Gaulle ist mit dem sehr moralisierenden und weniger sachlichen Ergebnis unzufrieden. Ein m\u00f6glichst gef\u00e4hrlicher geheimer Einsatz \u2013 so war Weils Wunsch &#8211; im besetzten Frankreich wird ihr verweigert. Ihre Idee, mit einer Krankenschwester-Truppe dem Kampfgeist der SS entgegenzutreten, wird ebenfalls als wohl nicht staatstragend genug verworfen. In London schreibt sie ihr einziges gro\u00dfes zusammenh\u00e4ngendes Werk, \u201eDie Verwurzelung\u201c, in dem die Widerspr\u00fcche ihrer Praxis-Auffassung sichtbar werden. Sie f\u00e4llt offensichtlich in eine Art proudhonistische Utopie zur\u00fcck, wo der neue franz\u00f6sische Staat die Arbeiterklasse mittels Kleineigentum und die Bauernschaft mittels Religiosit\u00e4t und Kunst wieder zu einer Bauern-Handwerker-Gesellschaft zusammenschmiedet. Der Staat werde heilig, da er einem \u201eheiligen\u201c Zweck der \u201eVerwurzelung\u201c diene, darf aber nicht \u201everg\u00f6tzt\u201c werden. Er bleibt vielmehr das Mittel zur Errichtung neuer Gemeinschaft, das es noch zu verstehen gelte: \u201eDie Sozialwissenschaft ist die Untersuchung des Gro\u00dfen Tiers und sie muss seine Anatomie, Physiologie, seine nat\u00fcrlichen und konditionierten Reflexe, die M\u00f6glichkeiten seiner Dressur beschreiben\u201c. (Weil 2011, S. 272) Der Arbeiter bei aller Freude soll nat\u00fcrlich nicht vergessen, wie man sich f\u00fcgt und zu toter Materie macht. Man wird das Gef\u00fchl nicht los, man lese Heidegger: <\/span><\/span><\/p>\n<blockquote>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">\u201e<span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Jasagen zur k\u00f6rperlichen Arbeit ist nach dem Jasagen zum Tod die vollkommenste Form der Tugend des Gehorsams. (\u2026) Das ist von strahlender Evidenz, wenn man wie das Altertum die Passivit\u00e4t der tr\u00e4gen Materie als die Vollkommenheit des Gehorsams und die Sch\u00f6nheit der Welt als Glanz des vollkommenen Gehorsams betrachtet. (&#8230;) Die k\u00f6rperliche Arbeit ist ein t\u00e4glicher Tod. Arbeiten hei\u00dft, sein eigenes Sein, Leib und Seele, in den Kreislauf der tr\u00e4gen Materie einzubringen, es zu einem Vermittler zwischen einem Zustand und einem anderen Zustand eines Fragmentes der Materie zu machen, zu einem Werkzeug zu machen. Der Arbeiter macht aus seinem K\u00f6rper und seiner Seele eine Verl\u00e4ngerung des Werkzeugs, das er handhabt. Die Bewegungen des K\u00f6rpers und die Aufmerksamkeit des Geistes funktionieren, wie es das Werkzeug verlangt, das seinerseits der Materie der Arbeit angepasst ist\u201c. (Weil 2011, S. 273ff) <\/span><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">1943 erkrankt sie an Tuberkulose und stirbt schlie\u00dflich am 24. August im Alter von 34 Jahren an den Folgen der Unterern\u00e4hrung, da sie sich weigerte, sich halbwegs vern\u00fcnftig zu ern\u00e4hren w\u00e4hrend Menschen in Frankreich nicht genug zu essen bekamen.<\/span><\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Worauf es Weil w\u00e4hrend ihrer syndikalistisch-revolution\u00e4ren Jugend und selbst w\u00e4hrend ihrer n\u00e4heren Bekanntschaft mit dem katholischen Gott ankam, war wohl die Aktion, die vor allem \u201erein\u201c sein sollte. Aus diesem Grund vertraute sie auf die Besonderheiten der anarchistischen, anti-b\u00fcrokratischen Organisierung und Aktion der Werkt\u00e4tigen, die diese bef\u00e4higen sollte, ihre Kr\u00e4fte zu b\u00fcndeln und trotzdem keine einzelne Stimme an die h\u00f6here Macht zu delegieren, kein Individuum hinter das Kollektiv zu stellen. Es ist das uralte Dilemma von Mitteln und Zielen politischer Aktion, welches unter Umst\u00e4nden den Organisationen (f\u00fcr Weil sind das Parteien) jegliche Ethik austreiben und sie zu Apparaten der Machterhaltung und -gewinnung machen. Es ist nicht so, dass diese anarchistische Organisationsskepsis ohne Grund in der Arbeiterbewegung entstanden ist. Die Frage ist immer noch nicht gel\u00f6st: effizient oder ethisch? Ist es \u00fcberhaupt angebracht, an die eigene (anti-)politische Organisation moralische Erwartungen zu stellen? Oder nur an deren Mitglieder? K\u00f6nnen CNT-Milizion\u00e4re w\u00e4hrend eines B\u00fcrgerkriegs die revolution\u00e4re Gewalt unn\u00f6tig machen? Das Verzweifeln an diesen und \u00e4hnlichen Fragen f\u00fchrte Weil zur Abwendung von allem, was halbwegs nach \u201eunsauberen\u201c, kompromittierten (6) politischen Gesch\u00e4ften roch, was die \u201ereine\u201c Aktion verf\u00e4lschte \u2013 au\u00dfer einem defensiven Pazifismus. Das ist wom\u00f6glich ohne einen starken Einfluss von Georges Sorel in ihrer Jugend nicht zu erkl\u00e4ren. Sorel propagierte bekanntlich Opferbereitschaft im \u201esozialen Krieg\u201c und verglich militante Gewerkschaften mit M\u00f6nchsorden. \u201eDie Freiheit darf man nicht in einsamen Aktionen suchen, sondern allein in Aktionen, die ein Mensch zusammen mit anderen Menschen und f\u00fcr andere Menschen unternimmt oder mit Gott oder f\u00fcr Gott: denn Gott ist der Mythos der Menschheit\u201c. (zit. nach Abosch 2005, S. 36) Was ihr in letzter Konsequenz nur den Weg zum christlichen Gott der Erl\u00f6sung er\u00f6ffnen konnte, dem alleine es zustand, in den weltlichen Dingen herumzupfuschen, ohne sich schmutzig zu machen, und vielleicht eines Tages eine Bresche in diese geschlossene Welt zu schlagen. Sie war so oft bereit, f\u00fcr eine gerechte Sache zu leiden und zu sterben, doch ihr Denken kapitulierte vor der Gewalt der Gesellschaft. Daher auch trotz des erstaunlich scharfen Blicks f\u00fcr die gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen jenes groteske \u201eProgramm\u201c der \u201eVerwurzelung\u201c, welches auf das Niveau von Fourier und de Saint-Simon (der \u00fcbrigens zu den Begr\u00fcndern der katholischen Soziallehre z\u00e4hlt) zur\u00fcckf\u00e4llt; aus der viel beschworenen Freiheit wird die Pflicht zum Gehorsam. Als ihr 1942 aufgrund antisemitischer Gesetze eine Wiedereinstellung an der Schule verweigert wurde, schrieb sie einen Brief an die Schulbeh\u00f6rde, in dem sie auseinandersetzte, dass sie sich \u201enie als J\u00fcdin verstand\u201c und sehe daher keine Gr\u00fcnde, sie auszuschlie\u00dfen. Obwohl ihre, von tiefem Zweifel erf\u00fcllte, negative Theologie sie eher in die N\u00e4he der mittelalterlichen Gnostik und des Judaismus (7) brachte, pflegte sie einen regelrechten, christlich argumentierenden Antijudaismus. Dieser wurde allerdings in die deutsche Ausgabe von \u201eSchwerkraft und Gnade\u201c nicht \u00fcbernommen und ist dem deutschsprachigen Publikum kaum bekannt. Dennoch hie\u00df es 1934: <\/span><\/span><\/p>\n<blockquote>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">\u201e<span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Versuche, die Unterdr\u00fcckung unter der Beibehaltung der Technik abzusch\u00fctteln, haben sofort solche Unordnung und Unt\u00e4tigkeit zur Folge, dass alle, die sich dem hingaben, fast sogleich wieder ihre K\u00f6pfe unter das Joch beugen mussten; diese Erfahrung wurde im Kleinen in den Produktionsgenossenschaften und im Gro\u00dfen w\u00e4hrend der russischen Revolution gemacht. Es scheint fast, als sei der Mensch als Knecht und zur Knechtschaft geboren. (\u2026) Und doch kann nichts auf der Welt dem Menschen das Gef\u00fchl nehmen, dass er zur Freiheit geboren ist. Nie, was auch immer geschieht, kann er die Knechtschaft ertragen; denn er kann denken. Er hat nie aufgeh\u00f6rt, von einer Freiheit ohne Grenzen zu tr\u00e4umen, ob in Form des vergangenen Gl\u00fccks, das ihm zur Strafe genommen wurde, oder des zuk\u00fcnftigen Gl\u00fccks, das ihm der Pakt mit einer geheimnisvollen Vorsehung verb\u00fcrgen soll. Der von Marx vorgestellte Kommunismus ist die j\u00fcngste Form dieses Traums. Dieser Traum blieb immer vergeblich, wie alle Tr\u00e4ume, oder wenn er ein Trost war, dann nur als ein Opium. Es ist an der Zeit, von der Freiheit nicht mehr zu tr\u00e4umen und den Entschluss zu fassen, die Freiheit zu denken\u201c. (Weil 2012, S. 64f)<\/span><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Der greise Bloch, der inzwischen in der monolithischen Langeweile der DDR \u201evor den Apparatschiks mit dem Schwanz zu wedeln\u201c keine Lust mehr hatte, sodass er pl\u00f6tzlich so g\u00fctig war, dem sogenannten utopischen Sozialismus seinen Wert anzuerkennen, fasste es sinngem\u00e4\u00df so: um die Orthop\u00e4die des aufrechten Gangs zu entwickeln, muss man anfangen, aufrecht zu gehen und nicht warten, bis die Verh\u00e4ltnisse es einer\/m erlauben. \u201eDer Antritt dieses Erbes, als dem der nicht mehr b\u00fcrgerlichen, der sozialistisch verwirklichten Emanzipation, wird k\u00fcnftig \u00fcber das Freiheitsgesicht des Kommunismus entscheiden\u201c. (8) Einen anderen Weg gibt es nicht.<\/span><\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><strong><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Fu\u00dfnoten:<\/span><\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\"><span lang=\"de-DE\">1) Siehe z.B.: <\/span><\/span><\/span><a href=\"https:\/\/www.kath.ch\/medienspiegel\/simone-weil-linke-denkerin-ungetaufte-katholische-mystikerin-lebte-radikal-und-in-extremen-1\/\"><span style=\"font-size: medium\">https:\/\/www.kath.ch\/medienspiegel\/simone-weil-linke-denkerin-ungetaufte-katholische-mystikerin-lebte-radikal-und-in-extremen-1\/<\/span><\/a><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\"><span lang=\"de-DE\"> \u201eZum Idol freilich, das man nachahmen k\u00f6nnte, taugt sie nicht. Niemandem m\u00f6chte man das Leben von Simone Weil w\u00fcnschen, und noch weniger m\u00f6chte man es selber f\u00fchren. Es ist wichtig, sich das einzugestehen. Sonst verstellt ihre Verehrung den Blick auf die eigene Mittelm\u00e4\u00dfigkeit, lenkt ab vom Wohlstand und der gesicherten Existenz, in der man selbst lebt\u201c. So selbstironisch spricht man \u00fcber die Revolution\u00e4re und Verr\u00fcckte, die man in sich pers\u00f6nlich und kollektiv als Klasse abget\u00f6tet hat.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\"><span lang=\"de-DE\">2) So etwa Susan Sontag 1963: \u201e\u201eThere are certain eras which are too complex, too deafened by contradictory historical and intellectual experiences, to hear the voice of sanity. Sanity becomes compromise, evasion, a lie. Ours is an age which consciously pursues health, and yet only believes in the reality of sickness. The truths we respect are those born of affliction. We measure truth in terms of the cost to the writer in suffering\u2014rather than by the standard of an objective truth to which a writer\u2019s words correspond. Each of our truths must have a martyr. (\u2026) Some lives are exemplary, others not; and of exemplary lives, there are those which invite us to imitate them, and those which we regard from a distance with a mixture of revulsion, pity, and reverence. It is, roughly, the difference between the hero and the saint (if one may use the latter term in an aesthetic, rather than a religious sense). Such a life, absurd in its exaggerations and degree of self-mutilation\u2014like Kleist\u2019s, like Kierkegaard\u2019s\u2014was Simone Weil\u2019s. I am thinking of the fanatical asceticism of Simone Weil\u2019s life, her contempt for pleasure and for happiness, her noble and ridiculous political gestures, her elaborate self-denials, her tireless courting of affliction; and I do not exclude her homeliness, her physical clumsiness, her migraines, her tuberculosis. No one who loves life would wish to imitate her dedication to martyrdom nor would wish it for his children nor for anyone else whom he loves. Yet so far as we love seriousness, as well as life, we are moved by it, nourished by it. In the respect we pay to such lives, we acknowledge the presence of mystery in the world\u2014and mystery is just what the secure possession of the truth, an objective truth, denies. In this sense, all truth is superficial; and some (but not all) distortions of the truth, some (but not all) insanity, some (but not all) unhealthiness, some (but not all) denials of life are truth-giving, sanity-producing, health-creating, and life-enhancing\u201c. <\/span><\/span><\/span><a href=\"https:\/\/www.nybooks.com\/articles\/1963\/02\/01\/simone-weil\/\"><span style=\"font-size: medium\">https:\/\/www.nybooks.com\/articles\/1963\/02\/01\/simone-weil\/<\/span><\/a><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\"><span lang=\"de-DE\">3) <\/span><\/span><\/span><a href=\"http:\/\/antjeschrupp.de\/simone-weil\"><span style=\"font-size: medium\">http:\/\/antjeschrupp.de\/simone-weil<\/span><\/a><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-size: medium\">4) F\u00fcr den politisch-\u00f6konomischen Kontext dieser Streikwelle kann man bei Michael Seidman (2011) reinschauen, trotz aller berechtigten Kritik, die dem Buch in den Fachkreisen zukam. <\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">5) Dass der belgische Anarchist Louis Mercier-Vega sich dar\u00fcber ziemlich zur\u00fcckhaltend \u00e4u\u00dfert, liegt vermutlich daran, dass er bereits viele Jahre nach Weils Tod schreibt. Siehe \u201eSimone Weil \u00fcber die Aragon-Front\u201c in Jacquier (2006).<\/span><\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">6) Kommt, \u00fcbrigens, vom \u201eKompromiss\u201c.<\/span><\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">7) Es gab \u00fcbrigens noch einen Anarchisten, der (zumindest am Anfang) sein J\u00fcdisch-Sein leugnete und sich der christlichen Gnosis bediente, \u00fcber den ich schon mal am Josef-Stangl-Platz einen Vortrag gehalten habe \u2013 Gustav Landauer: \u201e&#8230;Wahrheit ist aber ein durchaus negatives Wort, die Negation an sich und darum in der Tat Thema und Ziel aller Wissenschaft, deren bleibende Erkenntnisse immer nur negativer Natur sind\u201c. (2011, S. 83)<\/span><\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">8) \u201eMarx, aufrechter Gang, konkrete Utopie. Vortrag in Trier zum 150. Geburtstag von Karl Marx\u201c, S. 454 in: Bloch (1985).<\/span><\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><strong><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Literatur:<\/span><\/span><\/strong><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Bloch, Ernst (1985): Politische Messungen, Pestzeit, Vorm\u00e4rz. Frankfurt a.M.<\/span><\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Jacquier, Charles (Hrsg.) (2006): Lebenserfahrung und Geistesarbeit. Simone Weil und der Anarchismus. Nettersheim<\/span><\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Landauer, Gustav (2011): Skepsis und Mystik. Versuche im Anschluss an Mauthners Sprachkritik. Lich<\/span><\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Seidman, Michael (2011): Gegen die Arbeit. \u00dcber die Arbeiterk\u00e4mpfe in Barcelona und Paris 1936-38. Heidelberg<\/span><\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Weil, Simone (1952): Schwerkraft und Gnade. M\u00fcnchen<\/span><\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Weil, Simone (1975): Unterdr\u00fcckung und Freiheit. Politische Schriften. Berlin<\/span><\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-size: small\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Weil, Simone (1978): Fabriktagebuch und andere Schriften zum Industriesystem. Frankfurt a.M. Eine kurze Zusammenstellung der Zitate daraus findet sich unter: <a href=\"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=1551\">https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=1551<\/a> <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Weil, Simone (2009): Anmerkung zur generellen Abschaffung der politischen Parteien. Z\u00fcrich-Berlin<\/span><\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Weil, Simone (2011): Die Verwurzelung. Vorspiel zu einer Erkl\u00e4rung der Pflichten dem Menschen gegen\u00fcber. Z\u00fcrich-Berlin<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Simone Weil (2012): \u00dcber die Ursachen von Freiheit und gesellschaftlicher Unterdr\u00fcckung. <\/span><\/span><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Z\u00fcrich-Berlin<\/span><\/span><\/p>\n<p>p { margin-bottom: 0.25cm; line-height: 120%; }a:link { }<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Hommage an Simone Weil von Seepferd Angeblich war sie das alles gleichzeitig: Anarchistin, Marxistin, scharfe Kritikerin von Marxismus und Anarchismus, politische Philosophin, Mittelschichtstochter, ungelernte Arbeiterin, J\u00fcdin, Skeptikerin, katholische Mystikerin, Feministin, Pazifistin und militante Antifaschistin. 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