{"id":2172,"date":"2019-06-14T10:59:28","date_gmt":"2019-06-14T08:59:28","guid":{"rendered":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=2172"},"modified":"2019-06-21T09:13:13","modified_gmt":"2019-06-21T07:13:13","slug":"aus-simone-weil-unterdruckung-und-freiheit-politische-schriften-1975-berlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=2172","title":{"rendered":"Aus: Simone Weil, &#8220;Unterdr\u00fcckung und Freiheit. Politische Schriften&#8221;, 1975, Berlin"},"content":{"rendered":"<p class=\"western\" lang=\"de-DE\"><a href=\"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?attachment_id=2174\" rel=\"attachment wp-att-2174\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-2174\" src=\"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/files\/2019\/05\/weil_book.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"352\" \/><\/a>Ganz allgemein kann man die Welt, in der wir leben, nur dann als gesetzm\u00e4\u00dfig betrachten, wenn man annimmt, dass jedes Ph\u00e4nomen darin begrenzt ist. Und dies gilt auch f\u00fcr das Ph\u00e4nomen der Macht, wie Plato es erkannt hatte. Will man die Macht als ein verst\u00e4ndliches Ph\u00e4nomen ansehen, dann muss man danken, dass sie die Grundlagen, auf denen die beruht, nur bis zu einem gewissen Punkt ausdehnen kann. Danach st\u00f6\u00dft sie gegen eine un\u00fcberwindliche Mauer. Dennoch vermag sie nicht stehen zu bleiben; der Stachel der Rivalit\u00e4t zwingt sie, immer wieder vorzudringen, d.h. \u00fcber die Grenzen hinaus, innerhalb derer sie effektiv wirken kann. Sie verbreitet sich jenseits dessen, was sie zu kontrollieren vermag; sie befiehlt jenseits dessen, was sie aufzuerlegen mag; sie verschwendet jenseits ihrer eigenen Ressourcen. Das ist der innere Widerspruch, den jedes repressive Regime als t\u00f6dlichen Keim in sich tr\u00e4gt. Er entsteht durch den Gegensatz zwischen dem notwendig begrenzten Charakter der materiellen Machtgrundlagen und dem notwendig unbegrenzten Charakter des Machtkampfes als einer zwischenmenschlichen Beziehung. \u2026 So besiegelte das r\u00f6mische Heer, das zuerst den Reichtum Roms geschaffen hatte, seinen Untergang. So verw\u00fcsteten schlie\u00dflich die mittelalterlichen Ritter, deren K\u00e4mpfe zuerst den Bauern eine relative Sicherheit gegen Raub\u00fcberf\u00e4lle gaben, die Landwirtschaft, die sie ern\u00e4hrte. Und auch der Kapitalismus scheint eine Phase solcher Art zu durchqueren. \u2026 So bildet allein die Natur der Dinge jene von den Griechen unter dem Namen Nemesis verehrte Gottheit, die Ma\u00dflosigkeit bestraft. (S. 190f)<!--more--><\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\">Aber was versteht man unter revolution\u00e4r? Dieses Wort kann auf verschiedene Weise interpretiert werden. Hei\u00dft revolution\u00e4r sein, in naher Zukunft eine gl\u00fcckliche Katastrophe erwarten, eine Umw\u00e4lzung, die auf der Erde eine Teil der Versprechungen des Evangeliums verwirklicht und uns endlich eine Gesellschaft bringt, in der die Letzten die Ersten werden? Wenn es das ist, bin ich nicht revolution\u00e4r, denn eine solche Zukunft, die \u00fcbrigens meinen W\u00fcnschen ganz entspr\u00e4che, ist in meinen Augen unwahrscheinlich, wenn nicht sogar unm\u00f6glich. Und ich glaube nicht, dass jemand heute ernsthafte Gr\u00fcnde haben kann, um in diesem Sinne revolution\u00e4r zu sein.<\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\">Oder hei\u00dft revolution\u00e4r sein, im Wort und Tat alles zu vollbringen, was, direkt oder indirekt, die Last vermindern oder beseitigen kann, die die Masse der Menschen erdr\u00fcckt: die ketten der Arbeitsschmach, die L\u00fcgen, mit deren Hilfe die systematische Erniedrigung der Mehrzahl verschleiert oder entschuldigt werden soll? In diesem Falle handelt es sich um eine Ideal, ein Werturteil, einen Willen &#8211; nicht um eine Interpretation der Menschheitsgeschichte und des Gesellschaftsmechanismus. In solchem Sinne ist der revolution\u00e4re Geist so alt wie die Unterdr\u00fcckung selber, und er wird auch so lange vorhanden sein wie sie. Sogar noch l\u00e4nger, denn sollte je die Unterdr\u00fcckung verschwinden, m\u00fcsste der revolution\u00e4re Geist fortbestehen, um ihre R\u00fcckkehr zu verhindern. Er ist ewig, er bedarf keiner Revision, aber er kann reicher, sch\u00e4rfer werden und er muss von allen fremden Einfl\u00fcssen gereinigt werden, die ihn verschleiern und entstellen k\u00f6nnen. Dieser ewige Revoltegeist, der die r\u00f6mischen Plebejer bewegte, der fast gleichzeitig am Ende des 14. Jahrhunderts die Wollarbeiter in Florenz, die englischen Bauern, die<a href=\"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?attachment_id=2174\" rel=\"attachment wp-att-2174\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-2174\" src=\"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/files\/2019\/05\/weil_book.jpg\" alt=\"\" width=\"134\" height=\"229\" \/><\/a> Handwerker in Gent entflammte: was kann er im Werke von Marx finden, um es sich anzueignen? Es ist gerade das, was der so genannte Marxismus fast vergessen hat: die Verherrlichung der produktiven Arbeit als der h\u00f6chsten T\u00e4tigkeit des Menschen; die Behauptung, dass allein eine Gesellschaft, in der der Arbeitsakt alle menschlichen F\u00e4higkeiten beansprucht, in der der Arbeitende den ersten Platz einnimmt, die F\u00fclle der menschlichen Gr\u00f6\u00dfe verwirklichen w\u00fcrde. In den Jugendschriften von Marx sind lyrische Passagen der Arbeit gewidmet; man findet sie auch bei Proudhon, bei den Dichtern, bei Goethe, bei Verhaeren. Diese neue Poesie, die unserer Epoche eigen ist und vielleicht ihre entscheidende Gr\u00f6\u00dfe darstellt, darf nicht verloren werden. Darin m\u00fcssen die Unterdr\u00fcckten das Bild ihres eigenen Vaterlandes finden, das eine Hoffnung ist.<\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\">Man findet bei Kommunisten, Sozialisten oder Syndikalisten dieser oder jener Tendenz keine klarere oder pr\u00e4zisere Kenntnis unserer Gesellschaft als bei den Bourgeois, Konservativen oder Faschisten. Selbst wenn die Arbeiterorganisationen eine \u00fcberlegene Kenntnis bes\u00e4\u00dfen (was jedoch nicht zutrifft), w\u00fcrden sie noch nicht \u00fcber die erforderlichen Aktionsmittel verf\u00fcgen. Praktisch ist die Wissenschaft nichts ohne die Ressourcen der Technik; sie gibt diese nicht, sie erlaubt nur, sich ihrer zu bedienen. Noch falscher w\u00e4re es zu behaupten, die Wissenschaft erlaubte, einen baldigen Sieg der Arbeitersache vorauszusehen. Das ist unwahr, und guten Gewissens muss man \u00fcberhaupt daran zweifeln, wenn man nicht hartn\u00e4ckig die Augen verschlie\u00dft. Auch erlaubt nichts, den Arbeitern zu versichern, sie h\u00e4tten eine Mission zu erf\u00fcllen, eine \u201ehistorische Aufgabe\u201c, wie Marx sagte, die ihnen zufalle, um die Welt zu retten. Kein Grund berechtigt dazu, ihnen eine solche Mission eher zu \u00fcbertragen als den Sklaven des Altertums oder den Leibeigenen des Mittelalters. \u00c4hnlich wie die Sklaven, die Leibeigenen, sind sie ungl\u00fccklich, ungerechtfertigt ungl\u00fccklich. Es ist gut, dass sie sich verteidigen, es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn sie sich befreiten; mehr l\u00e4sst sich nicht sagen. Die Illusionen, die man verbreitet in einer Sprache, die kl\u00e4glich die Gemeinpl\u00e4tze der Religion mit denen der Wissenschaft vermischt, sind ihnen unheilvoll. Denn sie erwecken den Glauben, die Dinge seien leicht zu vollbringen, ein moderner Gott namens Fortschritt treibe sie nach vorn, eine moderne Vorsehung namens Geschichte mache f\u00fcr sie die Hauptanstrengung. Schlie\u00dflich erlaubt nichts, ihnen am Ende des Befreiungskampfes Genuss und Macht zu versprechen. Eine leichtfertige Ironie hat viel Schaden angerichtet durch die Abwertung des hohen Idealismus, des fast asketischen Geistes der sozialistischen Gruppen am Anfang des 19. Jahrhunderts; sie hat nichts anderes bewirkt, als die Arbeiterklasse zu erniedrigen\u2026 (S. 271f)<\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\">\u2026 So pr\u00fcfe man die marxistische Formel n\u00e4her: Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein. Es gibt darin mehr Widerspr\u00fcche als W\u00f6rter. Da das \u201eGesellschaftliche\u201c nur im menschlichen Geist vorhanden sein kann, ist das \u201egesellschaftliche Sein\u201c an sich bereits Bewusstsein. Es vermag folglich kein Bewusstsein zu determinieren, das im \u00dcbrigen noch definiert werden m\u00fcsste. \u2026 Will man jedoch dieses r\u00e4tselhafte \u201eSein\u201c als ein Element der zwischenmenschlichen Beziehungen auffassen, das von gewissen Einrichtungen wie dem Gelde abh\u00e4ngt, so wird man sofort klar erkennen, dass dieses Element nur als Ergebnis der von Individuen ausgef\u00fchrten bewussten Handlungen auftritt. Folglich h\u00e4ngt es vom Bewusstsein ab und ist weit davon entfernt, es zu bestimmen. (S. 250)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ganz allgemein kann man die Welt, in der wir leben, nur dann als gesetzm\u00e4\u00dfig betrachten, wenn man annimmt, dass jedes Ph\u00e4nomen darin begrenzt ist. Und dies gilt auch f\u00fcr das Ph\u00e4nomen der Macht, wie Plato es erkannt hatte. 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