{"id":2170,"date":"2019-06-07T10:47:01","date_gmt":"2019-06-07T08:47:01","guid":{"rendered":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=2170"},"modified":"2019-06-12T12:44:32","modified_gmt":"2019-06-12T10:44:32","slug":"aus-simone-weil-uber-die-ursachen-von-freiheit-und-gesellschaftlicher-unterdruckung-zurich-2012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=2170","title":{"rendered":"Aus: Simone Weil, &#8220;\u00dcber die Ursachen von Freiheit und gesellschaftlicher Unterdr\u00fcckung&#8221;, Z\u00fcrich, 2012"},"content":{"rendered":"<p><em>(Reflexions sur les causes de la liberte et de l&#8217;oppression sociale, 1934)<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?attachment_id=2175\" rel=\"attachment wp-att-2175\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-2175\" src=\"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/files\/2019\/05\/simone_weil_07-300x234.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"234\" srcset=\"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/files\/2019\/05\/simone_weil_07-300x234.jpg 300w, https:\/\/liberadio.noblogs.org\/files\/2019\/05\/simone_weil_07-768x598.jpg 768w, https:\/\/liberadio.noblogs.org\/files\/2019\/05\/simone_weil_07.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Tats\u00e4chlich erkl\u00e4rt Marx ausgezeichnet den Mechanismus kapitalistischer Unterdr\u00fcckung; er erkl\u00e4rt ihn aber so gut, dass man sich kaum vorstellen kann, wie er aufh\u00f6ren k\u00f6nnte zu funktionieren. S. 12<\/p>\n<p>Die Arbeiterbewegung konnte die Illusion der Macht erwecken, solange sie dazu beitrug, die Reste des Feudalismus zu beseitigen oder die kapitalistische Herrschaft zu errichten, sei es in Form des privaten Kapitalismus oder in der des Staatskapitalismus, wie dies in Russland geschah; jetzt wo sie auf diesem Gebiet ihre Funktion erf\u00fcllt hat und von der Krise vor das Problem der wirklichen Machtergreifung durch die Arbeitermassen gestellt wird, zerf\u00e4llt sie mit einer Schnelligkeit, die alle, die an sie geglaubt hatten, mutlos macht. Auf ihren Tr\u00fcmmern spielen sich endlose Kontroversen ab, die sich nur durch die zweideutigen Formeln befrieden lassen, weil unter all denen, die immer noch von Revolution sprechen, kaum zwei mit diesem Begriff dasselbe verbinden. Revolution ist ein Wort, f\u00fcr das get\u00f6tet wird, f\u00fcr das gestorben wird, f\u00fcr das die Volksmassen in den Tod geschickt werden, das aber keinen Inhalt hat. S 30f<\/p>\n<p>Ganz allgemein haben die Blinden, die wir heute sind, kaum eine andere Wahl als die zwischen Abenteuern und Kapitulation. S. 38<\/p>\n<p>Der Herr muss den Knecht gerade deshalb das F\u00fcrchten lehren, weil er von ihm gef\u00fcrchtet wird, und umgekehrt; das gilt auch f\u00fcr rivalisierende M\u00e4chte. S 43<!--more--><\/p>\n<p>Menschen aber sind vor allem aktive Wesen, sie haben eine F\u00e4higkeit zur Selbstbestimmung, auf die sie nie, auch wenn sie wollten, verzichten k\u00f6nnen, solange sie nicht durch den Tod in den Zustand tr\u00e4ger Materie zur\u00fcckfallen. So birgt jeder Sieg \u00fcber Menschen den Keim der m\u00f6glichen Niederlage, wenn er nicht bis zur Vernichtung geht. Die Vernichtung aber beseitigt mit dem Gegenstand der Macht auch die Macht. So gibt es im Wesen der Macht einen Widerspruch, durch den sie nie im strengen Sinne bestehen kann. Die, die man Herren nennt, sind st\u00e4ndig gezwungen, ihre Macht zu festigen, damit sie ihnen nicht genommen wird, sie jagen st\u00e4ndig einer Herrschaft nach, die ihrem Wesen nach nicht zu besitzen ist, eine Jagd, deren H\u00f6llenquallen die griechische Mythologie in gro\u00dfartigen Bildern geschildert hat. Anders w\u00e4re es, wenn ein Mensch allein von sich aus eine Kraft bes\u00e4\u00dfe, die den vereinten Kr\u00e4ften aller anderen Menschen \u00fcberlegen ist; aber das ist nie der Fall. Die Instrumente der Macht \u2013 Waffen, Gold, Maschinen, magische oder technische Mysterien \u2013 sind denen, die dar\u00fcber verf\u00fcgen, stets \u00e4u\u00dferlich und k\u00f6nnen von anderen ergriffen werden. So ist jede Macht instabil. S. 44f<\/p>\n<p>Ganz allgemein ist diese pl\u00f6tzliche Umkehrung des Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisses, die man f\u00fcr gew\u00f6hnlich mit dem Begriff Revolution verbindet, nicht nur ein in der Geschichte unbekanntes Ph\u00e4nomen, sondern auch, genauer betrachtet, im strengen Sinne undenkbar. Es w\u00e4re ein Sieg der Schw\u00e4che \u00fcber die St\u00e4rke, gleichbedeutend mit einer Waage, bei der sich die Schale mit dem geringeren Gewicht senkt. S. 58<\/p>\n<p>Versuche, die Unterdr\u00fcckung unter der Beibehaltung der Technik abzusch\u00fctteln, haben sofort solche Unordnung und Unt\u00e4tigkeit zur Folge, dass alle, die sich dem hingaben, fast sogleich wieder ihre K\u00f6pfe unter das Joch beugen mussten; diese Erfahrung wurde im Kleinen in den Produktionsgenossenschaften und im Gro\u00dfen w\u00e4hrend der russischen Revolution gemacht. Es scheint fast, als sei der Mensch als Knecht und zur Knechtschaft geboren. \u2026 Und doch kann nichts auf der Welt dem Menschen das Gef\u00fchl nehmen, dass er zur Freiheit geboren ist. Nie, was auch immer geschieht, kann er die Knechtschaft ertragen; denn er kann denken. Er hat nie aufgeh\u00f6rt, von einer Freiheit ohne Grenzen zu tr\u00e4umen, ob in Form des vergangenen Gl\u00fccks, das ihm zur Strafe genommen wurde, oder des zuk\u00fcnftigen Gl\u00fccks, das ihm der Pakt mit einer geheimnisvollen Vorsehung verb\u00fcrgen soll. Der von Marx vorgestellte Kommunismus ist die j\u00fcngste Form dieses Traums. Dieser Traum blieb immer vergeblich, wie alle Tr\u00e4ume, oder wenn er ein Trost war, dann nur als ein Opium. Es ist an der Zeit, von der Freiheit nicht mehr zu tr\u00e4umen und den Entschluss zu fassen, die Freiheit zu denken. S. 64F<\/p>\n<p>Sich vorzustellen, man k\u00f6nne die Geschichte in eine andere Richtung lenken und das System durch Reformen oder Revolutionen ver\u00e4ndern, das Heil in der Hoffnung auf eine Abwehr- oder Offensivaktion gegen Militarismus und Tyrannei zu suchen, ist Tagtr\u00e4umerei. Es gibt nichts, worauf auch nur blo\u00dfe Versuche sich st\u00fctzen k\u00f6nnten. Die Formel von Marx, dass das System seine eigenen Totengr\u00e4ber hervorbringen w\u00fcrde, wird Tag f\u00fcr Tag grausam widerlegt&#8230; S. 106<\/p>\n<p>Wie so oft lassen geistige Verwirrung und Passivit\u00e4t der Phantasie freien Lauf. \u00dcberall ist man besessen von einer Vorstellung des sozialen Lebens, die zwar in den unterschiedlichen Kreisen erheblich differiert, aber stets aus Mysterien, okkulten Qualit\u00e4ten, Idolen oder Schreckbildern besteht; jeder glaubt, dass die Macht auf geheimnisvolle Weise in einem jener Kreise liegt, die ihm verschlossen sind, weil kaum jemand begreift, dass sie nirgendwo liegt, so dass das vorherrschende Gef\u00fchl \u00fcberall jene abgr\u00fcndige Angst ist, die durch den Verlust des Bezugs zur Realit\u00e4t entsteht. Jedes soziale Milieu stellt sich von au\u00dfen als Gegenstand eines Albtraums dar. S. 107f<\/p>\n<p>Von den Menschen ist nichts zu erhoffen, und w\u00e4re es anders, w\u00e4ren sie doch von vornherein durch die Macht der Dinge besiegt. Die bestehende Gesellschaft stellt keine anderen Mitteln zum Handeln bereit als Maschinen zur Zermalmung des Menschlichen; was immer die Absichten derer sind, die sie in die Hand nehmen, diese Maschinen werden alles zermalmen, solange es sie gibt. \u2026 Mit Kanonen, Flugzeugen oder Bomben kann man Tod und Schrecken oder Unterdr\u00fcckung verbreiten, aber nicht das Leben oder die Freiheit. Mit Gasmasken, Luftschutzkellern oder Alarmsirenen kann man elende Herden ver\u00e4ngstigter Wesen z\u00fcchten, die sich den verr\u00fccktesten Despoten ergeben und dankbar die sch\u00e4ndlichsten Tyranneien begr\u00fc\u00dfen, aber keine B\u00fcrger. Mit Rundfunk und Massenpresse kann man ein ganzes Volk zum Fr\u00fchst\u00fcck oder zum Abendessen mit vorgefertigten Meinungen f\u00fcttern und diese dadurch ad absurdum f\u00fchren, weil auch die vern\u00fcnftigsten Ansichten verdreht und falsch werden, wenn sie der Kopf gedankenlos aufnimmt&#8230; Und ohne Fabriken, Waffen und Presse l\u00e4sst sich nichts gegen diejenigen ausrichten, die das alles besitzen. S. 109<\/p>\n<p>Insgesamt gleicht unsere Situation der von Reisenden, die in einem f\u00fchrerlosen Wagen mit Vollgas durch unbekanntes Gel\u00e4nde rasen. Wann kommt es zum Crash, nach dem man versuchen kann, etwas Neues aufzubauen? Das mag eine Frage von Jahrzehnten, vielleicht von Jahrhunderten sein. S. 111<\/p>\n<p>Ich habe das Gef\u00fchl, im revolution\u00e4ren Bewegungsmilieu, wie es sich heute darstellt, zu ersticken. Eine einzige Anstrengung wird partout vermieden, diejenige n\u00e4mlich, die Augen auf die aktuelle Situation zu richten, eine Kritik der alten Dogmen im Lichte der j\u00fcngsten Erfahrungen zu leisten und daraus die Konsequenzen zu ziehen. S.?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Reflexions sur les causes de la liberte et de l&#8217;oppression sociale, 1934) &nbsp; Tats\u00e4chlich erkl\u00e4rt Marx ausgezeichnet den Mechanismus kapitalistischer Unterdr\u00fcckung; er erkl\u00e4rt ihn aber so gut, dass man sich kaum vorstellen kann, wie er aufh\u00f6ren k\u00f6nnte zu funktionieren. S. &hellip; <a href=\"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=2170\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1968,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[80,53,116,28,92,133,50,27,147,79],"class_list":["post-2170","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-text","tag-capitalism","tag-crisis","tag-marx","tag-militarism","tag-religion","tag-revolt","tag-russia","tag-war","tag-weil","tag-work"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2170","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1968"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2170"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2170\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2177,"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2170\/revisions\/2177"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2170"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2170"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2170"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}