{"id":2168,"date":"2019-06-01T10:27:13","date_gmt":"2019-06-01T08:27:13","guid":{"rendered":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=2168"},"modified":"2019-06-04T20:59:21","modified_gmt":"2019-06-04T18:59:21","slug":"aus-simone-weil-die-verwurzelung-vorspiel-zu-einer-erklarung-der-pflichten-dem-menschen-gegenuber-2011-zurich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=2168","title":{"rendered":"Aus: Simone Weil, &#8220;Die Verwurzelung. Vorspiel zu einer Erkl\u00e4rung der Pflichten dem Menschen gegen\u00fcber&#8221;, 2011 Z\u00fcrich"},"content":{"rendered":"<p><em>(Ich hab&#8217;s endlich hingekriegt, was ich seit Jahren vorhatte und mich nicht so richtig rangetraut habe: \u00fcber Simone Weil geschrieben. Es hat sich da so einiges in den Notizen angesammelt, vieles davon habe ich schlie\u00dflich nicht verwendet. Es ist auch nicht einfach, Weil zu lesen, deswegen haue ich das ganze Geroll raus &#8211; vielleicht stolpert jemand dar\u00fcber und l\u00e4sst sich doch noch zur Lekt\u00fcre inspirieren oder hat nach dem Zitat gesucht und wei\u00df nicht mehr, wo es war. Hier, \u00fcbrigens, waren die Exerpte aus ihrem <a href=\"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=1551\">Fabriktagebuch<\/a>. Wie auch immer, enjoy! &#8211; liberadio)<\/em><\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><a href=\"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?attachment_id=2173\" rel=\"attachment wp-att-2173\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-2173\" src=\"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/files\/2019\/05\/weil_df-300x169.jpg\" alt=\"\" width=\"344\" height=\"194\" srcset=\"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/files\/2019\/05\/weil_df-300x169.jpg 300w, https:\/\/liberadio.noblogs.org\/files\/2019\/05\/weil_df.jpg 634w\" sizes=\"auto, (max-width: 344px) 100vw, 344px\" \/><\/a>\u201eDie Pflicht besteht nur zwischen einzelnen Menschen\u201c. (S.8.)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">\u201eDiese Pflicht beruht auf keiner \u00dcbereinkunft. Denn all \u00dcbereink\u00fcnfte k\u00f6nnen nach dem Willen der Vertragspartner ge\u00e4ndert werden, w\u00e4hrend an dieser Pflicht keinerlei \u00c4nderung eines menschen Willens auch nur irgendwas \u00e4ndern k\u00f6nnte. Diese Pflicht ist ewig. Sie entspricht dem ewigen Geschick des Menschen. Nur der Mensch hat ein ewiges Geschick. Die Gemeinwesen haben es nicht. Auch bestehen ihnen gegen\u00fcber keine direkten Verpflichtungen, die ewig w\u00e4ren. Einzig und allein ewig ist die Pflicht dem Menschen als solchen gegen\u00fcber. Diese Pflicht ist nicht an Bedingungen gekn\u00fcpft. Wenn sie auf etwas gegr\u00fcndet ist, geh\u00f6rt dieses Etwas nicht unserer Welt an. In unserer Welt ist sie auf nichts gegr\u00fcndet. Dies ist die einzige Pflicht, die sich auf die menschlichen Dinge bezieht, aber keiner Bedingung unterworfen ist\u201c. (S. 9)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">\u201eDie franz\u00f6sische Arbeiterbewegung, die aus der Revolution hervorging, war im Wesentlichen ein Schrei, nicht der Revolte, sondern des Protests gegen die erbarmungslose H\u00e4rte des Schicksals aller Unterdr\u00fcckten. (\u2026) Sie endete 1914; seitdem ist nur noch ein Nachhall geblieben (\u2026) Das konkrete Verzeichnis der Schmerzen der Arbeiter liefert die Liste der Dinge, die ge\u00e4ndert werden m\u00fcssen\u201c. (S. 53) \u201eNur die JOC (Jeunesse Ouvri<span style=\"font-family: Nimbus Roman No9 L, serif\">\u00e8<\/span>re Chr<span style=\"font-family: Nimbus Roman No9 L, serif\">\u00e9<\/span>tienne) hat sich mit dem Leid der jungen Arbeiter befasst; dass es diese Organisation gibt, ist vielleicht das einzige sichere Zeichen daf\u00fcr, dass das Christentum bei uns noch nicht ganz gestorben ist\u201c. (S. 62)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">\u201eAuf jeden Fall w\u00e4re eine solche soziale Lebensweise weder kapitalistisch noch sozialistisch. Der Proletarierstand w\u00fcrde abgeschafft, anstatt auf alle Menschen ausgedehnt zu werden, wozu der sogenannte Sozialismus tendiert\u201c. (S. 74)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">\u201eEr wird keine gesunde Arbeiterbewegung geben, wenn sie nicht \u00fcber eine Lehre verf\u00fcgt, die dem Begriff des Vaterlands einen bestimmten Platz zuweist, das hei\u00dft einen beschr\u00e4nkten Platz\u201c. (S. 97)<!--more--><\/p>\n<p lang=\"de-DE\">\u201eIn einer christlichen Seele wirkt das Vorhandensein der heidnischen Tugend des Patriotismus zersetzend. Sie ist von Rom in unsere H\u00e4nde gekommen, ohne getauft worden zu sein. Merkw\u00fcrdigerweise lie\u00dfen sich die Barbaren oder die, die man so nannte, zur Zeit der Invasionen fast ohne Schwierigkeiten taufen; das Erbe des alten Roms aber hat nie die Taufe empfangen, wahrscheinlich weil es nicht getauft werden konnte, und das, obwohl das r\u00f6mische Kaiserreich das Christentum zur Staatsreligion erhob\u201c. (S. 133)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">\u201eDa der Gehorsam des Volkes den \u00f6ffentlichen Gewalten gegen\u00fcber ein Bed\u00fcrfnis des Vaterlandes ist, wird er zu einer heiligen Pflicht, die den \u00f6ffentlichen Gewalten, weil sie deren Gegenstand sind, denselben Charakter des Heiligen verlieht. Es handelt sich aber keineswegs um die Verg\u00f6tzung des Staates, die mit dem Patriotismus im r\u00f6mischen Sinn zusammenh\u00e4ngt. Sondern um das Gegenteil. Der Staat ist heilig, aber nicht wie ein G\u00f6tzenbild, sondern wie die Kultgegenst\u00e4nde oder die Steine des Altars, das Taufwasser oder andere \u00e4hnliche Dinge. Jedermann wei\u00df, dass es sich nur um stoffliche Dinge handelt. Aber diese stofflichen St\u00fccke werden als heilig betrachtet, weil sie einem heiligen Gegenstand dienen. Und diese Art von Majest\u00e4t steht dem Staate zu\u201c. (S. 169)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">\u201eDa Faschismus, Kommunismus und Chaos nur leicht unterschiedene, fast gleichwertige Ausdr\u00fccke f\u00fcr ein einziges \u00dcbel sind&#8230;\u201c (S. 170)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">\u201eSo ist das Christentum, von einigen Lichtblicken abgesehen, in Wirklichkeit eine \u00e4u\u00dfere Form f\u00fcr die Interessen derer, die das Volk ausbeuten\u201c. (S. 229)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">\u201eDie Sozialwissenschaft ist die Untersuchung <a href=\"https:\/\/dasgrossethier.wordpress.com\/\">des Gro\u00dfen Tiers<\/a> und sie muss seine Anatomie, Physiologie, seine nat\u00fcrlichen und konditionierten Reflexe, die M\u00f6glichkeiten seiner Dressur beschreiben\u201c. (S. 272)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">\u201eJasagen zur k\u00f6rperlichen Arbeit ist nach dem Jasagen zum Tod die vollkommenste Form der Tugend des Gehorsams\u201c. (S. 273)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">\u201eDas ist von strahlender Evidenz, wenn man wie das Altertum die Passivit\u00e4t der tr\u00e4gen Materie als die Vollkommenheit des Gehorsams und die Sch\u00f6nheit der Welt als Glanz des vollkommenen Gehorsams betrachtet\u201c. (S. 277)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">\u201eDie k\u00f6rperliche Arbeit ist ein t\u00e4glicher Tod. Arbeiten hei\u00dft, sein eigenes Sein, leib und Seele, in den Kreislauf der tr\u00e4gen Materie einzubringen, es zu einem Vermittler zwischen einem Zustand und einem anderen Zustand eines Fragmentes der Materie zu machen, zu einem Werkzeug zu machen. Der Arbeiter macht aus seinem K\u00f6rper und seiner Seele eine Verl\u00e4ngerung des Werkzeugs, das er handhabt. Die Bewegungen des K\u00f6rpers und die Aufmerksamkeit des Geistes funktionieren, wie es das Werkzeug verlangt, das seinerseits der Materie der Arbeit angepasst ist\u201c. (S. 278)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Ich hab&#8217;s endlich hingekriegt, was ich seit Jahren vorhatte und mich nicht so richtig rangetraut habe: \u00fcber Simone Weil geschrieben. Es hat sich da so einiges in den Notizen angesammelt, vieles davon habe ich schlie\u00dflich nicht verwendet. 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