{"id":2163,"date":"2019-05-28T10:03:32","date_gmt":"2019-05-28T08:03:32","guid":{"rendered":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=2163"},"modified":"2019-05-28T10:09:27","modified_gmt":"2019-05-28T08:09:27","slug":"buchrezension-the-colours-of-the-parallel-world-von-mikola-dziadok","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=2163","title":{"rendered":"Buchrezension: \u201eThe Colours of the Parallel World\u201c von Mikola Dziadok"},"content":{"rendered":"<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><em>von ndejra (erschienen in der <a href=\"https:\/\/fda-ifa.org\/gai-dao-no-100-april-2019\/\">April-Ausgabe der GaiDao<\/a>)<\/em><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">Manchmal \u00fcberkommt eine*n das Gef\u00fchl, linke Knastliteratur \u2013 Erinnerungen, Tageb\u00fccher, wissenschaftliche Abhandlungen und \u00c4hnliches \u2013 hat wieder Konjunktur. Die Welt ist so anders geworden seit den Zeiten als Leute wie Peter Kropotkin, Alexander Bergman oder Wera Figner \u00fcber ihr Leben hinter Gittern berichteten, als Warlam Schalamow und Alexander Solschenizyn die GULag-H\u00f6lle f\u00fcr kommende Generationen beschrieben haben. Nat\u00fcrlich hat der Staat, \u201eein unermesslicher Friedhof\u201c, wie ihn Bakunin bezeichnete, nie aufgeh\u00f6rt, mit seinem Repressionsapparat Leben und K\u00f6rper der Delinquent*innen zuzurichten und zu zermalmen. Manchmal wird die allt\u00e4gliche Repression nur sp\u00fcrbarer, manchmal gelingt es jemandem sie nur besonders eindrucksvoll zu schildern.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">So gelang es z.B. dem belarusischen Anarchisten Mikola Dziadok in seinem kleinen B\u00fcchlein. Es ist nicht \u201ebrandneu\u201c, es muss, wenn ich mich nicht t\u00e4usche, bereits 2017 oder Anfang 2018 erschienen sein. Dziadoks Buch f\u00fchrt gewisserma\u00dfen die Erz\u00e4hlung fort, die mit dem Ihar Alinevichs Bericht aus dem Minsker Untersuchungshaft <i>\u201eAuf dem Weg nach Magadan\u201c<\/i> begonnen wurde (siehe die Besprechung in GaiDao Nr. 82, Oktober 2017). Beide kamen 2010\/2011 infolge der Wahlproteste unter die R\u00e4der der belarusischen Staatsmaschine, beide (und einige andere Anarchist*innenen und Liberale) haben nach Farce-Prozessen hohe Gef\u00e4ngnisstrafen bekommen. Ihar bekam damals 8 Jahre und Mikola 4,5 Jahre des \u201estrengen Regimes\u201c, dem Letzteren hat man die Strafe sp\u00e4ter um ein Jahr noch verl\u00e4ngert. Beide wurden fr\u00fchzeitig entlassen. Wie Dziadok in einem Interview 2015 erkl\u00e4rte, das passierte nur, weil Belarus, das oft als die \u201eletzte Diktatur Europas\u201c bezeichnet wird, immer noch die sowjetische Staatssymbolik beibeh\u00e4lt und dessen Geheimdienst immer noch KGB hei\u00dft, versucht, auf den Spannungen zwischen der EU, den USA und Russland zu spielen und gewisse Liberalisierungen im Inneren demonstrieren musste.<!--more--><span id=\"more-2515\"><\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">Das kleine B\u00fcchlein gibt es nur auf Englisch, es ist gut geschrieben, gut lesbar und von ABC Bristol ausgelesen. Also man*frau kommt auch mit relativ bescheidenen Englisch-Kenntnissen ganz gut zu recht. Es sind die Inhalte, die einem schwer zusetzen. Hat Alinevich, wie gesagt, mit der Untersuchungshaft und dem Schauprozess aufgeh\u00f6rt, kommt Dziadok mit dem Leben im eigentlichen Gef\u00e4ngnis bzw. in mehreren Kolonien, durch die ihn sein H\u00e4ftlingsweg f\u00fchrte. Das Buch beinhaltet mehrere kurze Geschichten, manche sind allgemeiner Natur, manche sind sehr pers\u00f6nlich. Mal erkl\u00e4rt Dziadok die grausame Funktionsweise der Gef\u00e4ngniswelt, die geschriebenen und ungeschriebenen Regeln, die Isolierung im eiskalten Kerker bei kleinsten Regelverletzungen, st\u00e4ndige Zellendurchsuchungen, widersinnige \u201eSicherheitsvorkehrungen\u201c, die alle zu befolgen absolut unm\u00f6glich ist. Das Gef\u00e4ngnis erniedrigt, f\u00fchrt selbst den mickrigsten Bereich des Privaten, des Pers\u00f6nlichen ad absurdum, regelt und unterdr\u00fcckt werden selbst die elementarsten k\u00f6rperlichen Bed\u00fcrfnisse. Ausf\u00fchrlich werden das Kastensystem und die groteske sexuelle Ethik beschrieben; beides bildet keinen Gegenpol zur Kontrolle, obwohl es oft so missverstanden wird. Das willk\u00fcrliche System der Kontrolle und die inoffiziellen Regeln des Kastensystems bedingen sich gegenseitig und machen erst das Leben der Gefangenen zur richtigen H\u00f6lle, in der viele den Verstand verlieren und folglich noch tiefer in der Hierarchie herabsinken. Doch die Hauptbotschaft des B\u00fcchleins ist wohl: Leben, W\u00fcrde und Menschlichkeit gibt es auch in der H\u00f6lle, trotz allem. Ach wenn man*frau Selbstmord simulieren muss, um zu \u00fcberleben und sich schlie\u00dflich gegen die Leitung der Kolonie zu behaupten.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">Von Interesse ist auch die Abhandlung \u00fcber die altgriechische Mythologie, \u00fcber das immer wiederkehrende Motiv der scheiternden Rebellion gegen die Hierarchien der g\u00f6ttlichen und der menschlichen Welt. Eine Frage bleibt dann aber: welche Farben meint er denn? Des z\u00e4hen, widerspenstigen nackten \u00dcberlebens im Gef\u00e4ngnis? Farben, einer Welt, die noch erschaffen werden muss und hier nur verkehrt, als Negativabdruck sichtbar wird?<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\">Dziadoks Prognose aus dem besagten Interview hat sich bewahrheitet: das vor\u00fcbergehende Tauwetter w\u00fcrde im Inneren nur solange dauern, bis in Belarus neue Protestbewegungen entstehen. \u201eThe belarusian Five\u201c von 2010\/2011 sind mittlerweile alle auf freiem Fu\u00df, belarusische Polizei und der Geheimdienst drangsalieren mit neuem Elan junge linke Aktivist*innen, Antifaschist*innen und Anarchist*innen.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><em>Das B\u00fcchlein kann z.B. bei Black Mosquito f\u00fcr 7\u20ac gekauft werden.<\/em><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><a href=\"https:\/\/abc-belarus.org\/?lang=en\">https:\/\/abc-belarus.org\/?lang=en <\/a><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><a href=\"https:\/\/mikola.noblogs.org\/\">https:\/\/mikola.noblogs.org\/<\/a><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><a href=\"https:\/\/black-mosquito.org\/\">https:\/\/black-mosquito.org\/<\/a><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"justify\"><a href=\"https:\/\/pramen.io\/en\/main\/\">https:\/\/pramen.io\/en\/main\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von ndejra (erschienen in der April-Ausgabe der GaiDao) Manchmal \u00fcberkommt eine*n das Gef\u00fchl, linke Knastliteratur \u2013 Erinnerungen, Tageb\u00fccher, wissenschaftliche Abhandlungen und \u00c4hnliches \u2013 hat wieder Konjunktur. 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