{"id":1674,"date":"2017-03-12T21:43:28","date_gmt":"2017-03-12T20:43:28","guid":{"rendered":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=1674"},"modified":"2017-02-22T21:49:14","modified_gmt":"2017-02-22T20:49:14","slug":"wir-sind-russen-gott-ist-mit-uns-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=1674","title":{"rendered":"\u00abWir sind Russen, Gott ist mit uns\u00bb, Teil 2"},"content":{"rendered":"<p>\u04dc \u04dc<\/p>\n<p>von Ndejra<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>Je \u00e4lter die Ansichten und die sie predigenden Menschen <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>sind, desto n\u00e4her liegen sie f\u00fcr ihn in der Zeit, wo die<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>Religion \u201egeoffenbart\u201c wurde, desto zuverl\u00e4ssiger erscheinen<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>sie ihm also. Dazu kommt, dass der Mensch sich immer an etwas<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>Konkretes, Wahrnehmbares halten muss, weshalb er den<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>Respekt vor dem G\u00f6ttlichen auch auf dessen Diener und<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>Stellvertreter aller Sorten ausdehnt. Da nun letztere<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>Seinesgleichen sind, so ger\u00e4t er in den komischen Widerspruch,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>seinesgleichen f\u00fcr gescheiter und vertrauenswerter zu<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>halten als sich selbst. So wuchert die Herrschaft des<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>Menschen \u00fcber den Menschen, die Autorit\u00e4t in jeder Form<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>und damit die Grundbedingung aller Knechtschaft und <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>Vormundschaft empor! Aberglaube f\u00fcr die Ansichten der<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>Eltern, der Lehrer, der Pfaffen auf Kanzel und Katheder,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>der F\u00fcrsten und der Beamten, das alles sind Fr\u00fcchte des<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>religi\u00f6sen Giftbaumes! (\u2026) Wie w\u00e4re es sonst m\u00f6glich, dass<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>bei sogenannten Religionslosen noch Autorit\u00e4tsglaube und<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>Staatskultus in H\u00fclle und F\u00fclle anzutreffen sind, obwohl solche<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>Narrheiten auf der Voraussetzung, dass es zwei Intelligenzen<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>in der belebten Welt gebe, beruhen, und daher nur im<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>religi\u00f6sen Wahn ihre Existenzberechtigung suchen k\u00f6nnen?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\">Johann Most, \u201eFr\u00fcchte des Gottesglaubens\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>Die Seele Russlands ist eine Christin,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>das Volk aber ist Stalinist.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\">Alexander Prochanow<sup>1<\/sup><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die orthodoxe Kirche, die weltweite christliche Orthodoxie ist eine Gemeinschaft von einzelnen Landeskirchen, die dem Glaubenssymbol von Nik\u00e4a anh\u00e4ngen und miteinander eucharistisch (d.h. Priester zweier verschiedener Kirchen k\u00f6nnen zusammen eine Messe abhalten) verkehren. Die christlichen Orthodoxen halten sich f\u00fcr die einzig wahren Nachfolgen der Kirche Jesu und somit f\u00fcr die einzig wahren Katholiken (und die Katholizit\u00e4t bedeutet nichts anderes, als dass die Kirche f\u00fcr sich eine r\u00e4umliche und zeitliche Einheit beansprucht, d.h. es wird nicht nur eine weltweite Einheitlichkeit postuliert, sondern auch eine direkte Verbundenheit mit den historischen urchristlichen Gemeinden). Der gr\u00f6\u00dfte und bedeutendste Verband der Kirchen, die sich um die Konstantinopeler Kirche gruppieren besteht z.Z aus 15 autokephalen Kirchen:<!--more--><\/p>\n<p>Die Konstantinopeler Kirche (wie gesagt, die Erste unter den Gleichen), die Alexandrinische (\u00c4gypten), die Antiochische (Syrien), die Jerusalemer, die Russische (die gr\u00f6\u00dfte darunter), die Serbische, die Georgische, die Rum\u00e4nische, die Bulgarische, die Zypriotische, die Griechische, die Polnische, die Albanische und schlie\u00dflich die Tschechisch-Slowakische. Es gibt noch einige mit Sonderstatus: die Orthodoxe Kirche in Amerika wird z.Z als eine autokephale nur vom Moskauer Patriarchat anerkannt, Konstantinopel h\u00e4lt sie f\u00fcr f\u00fcr eine autonome Kirche, die dem Moskauer Patriarchat untersteht. Au\u00dferdem gibt es auch einige autonome Kirchen wie z.B. die Chinesische, die Finnische, die Japanische, die Sinaier Kirche und \u00fcber den Status der Estnischen Apostolischen Kirche streiten sich wiederum Moskau und Konstantinopel. Die Hierarchie ergibt sich aus der Pflege der \u00dcberlieferung und aus der zeitlichen N\u00e4he zum historischen Wirken der heiligen Apostel. Die christliche Orthodoxie ist in theologischer Sicht entsprechend bem\u00fcht konservativ. Je \u00e4lter die Schriften, auf die man sich bezieht, desto angesehener ist man im Kirchenverband, desto weniger kann man allerdings der modernen Welt mitteilen \u2013 das Problem, welches jeder x-beliebigen Vierten Internationalen bekannt sein d\u00fcrfte. \u00c4hnlich verhalten sich die Herrschaften bei ihren offiziellen Zusammenk\u00fcnften<sup>2<\/sup>.<\/p>\n<p>Solch alte und angesehene orthodoxen Kirchen wie z.B. die Armenische, die Koptische, die \u00c4thiopische, die Erytr\u00e4ische, die Syrische und die Malankarische Kirche bilden noch mal eine eigene Gemeinschaft der Alt\u00f6stlichen orthodoxen Kirchen und geh\u00f6ren nicht zu dem Verband, der uns interessiert.<\/p>\n<p>Um noch mehr Verwirrung zu stiften, bleibt nur noch zu erw\u00e4hnen, dass es au\u00dfer all diesen oben genannten Kirchen noch jede Menge nicht kanonisch anerkannter orthodoxer Kirchen und Gemeinden existiert, obwohl sie in den einzelnen L\u00e4ndern durchaus einflussreich und bemerkbar sein k\u00f6nnen. So seien hier als Beispiele nur die Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche, die Ukrainische Orthodoxe Kirche des Kyiver Patriarchats (UOK-KP) \u2013 weil ich sie bereits erw\u00e4hnt hatte \u2013 Russische Wahrhaft Orthodoxe Kirche oder die Russische Orthodoxe Kirche im Ausland, die uns sp\u00e4ter noch besch\u00e4ftigen wird, angef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Schauen wir uns an, wie die christliche Orthodoxie sich entwickelt hat, wie sie historisch zu dem geworden ist, was sie heute ist. Wir werden uns auch mit anderen Kirchen, nicht zuletzt mit den ukrainischen befassen, der Schwerpunkt aber liegt selbstverst\u00e4ndlich auf der ROK, wie sie ihre glorreiche historische Aufgabe bew\u00e4ltigt hatte, \u201edas Brandmal des mongolischen Sklaven unter dem Mantel der im Pupur Geborenen<sup>3<\/sup> zu verbergen\u201c. (Marx 1977, S. 90) Wer sich f\u00fcr die feinen Unterschiede in der Theologie und Liturgie der Ost- und Westkirchen interessiert, m\u00f6chte sich woanders detailliert belesen, dazu gibt es reichlich apologetische und kritische Literatur<sup>4<\/sup>. Die Katholiken werden vielleicht noch die \u00e4u\u00dferliche Verwandtschaft bemerken: die prachtvolle, aufw\u00e4ndige Messe \u2013 die zum Teil noch das kaiserliche Hofzeremoniel nachahmt, ein besonderer Kult der Mutter Gottes<sup>5<\/sup>, dieselbe Begeisterung f\u00fcr \u201eReliquien\u201c<sup>6<\/sup>; die Widerspr\u00fcche waren allesamt politischen Ursprungs. Das ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigte Philioque, der schicksalhafte Zusatz zum Glaubenssymbol, den die byzantinische Bisch\u00f6fe nicht anerkannten, diente eigentlich nur noch als eine d\u00fcrftige Ausrede f\u00fcr einen sich l\u00e4ngst anbahnenden Konflikt zwischen den Provinzen des Reiches. Selbst die politische Theologie, die im Westen mit Papst Gelasius eine Art Konkurrenz zwischen dem \u201eg\u00f6ttlichen\u201c und dem \u201eweltlichen\u201c Schwert postulierte und im Osten dagegen mit Kaiser Justinian I (483-565) die Lehre der \u201eSymphonia\u201c<sup>7<\/sup>, des Zusammenklangs der weltlichen und geistlichen Hierarchie hoch hielt, brachte nur die jeweiligen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse zum Ausdruck.<\/p>\n<p>Die b\u00fcrgerlichen ForscherInnen bem\u00fchen oft das verkl\u00e4rende Bild eines allt\u00e4glichen Mystizismus, einer immer w\u00e4hrenden Erfahrung Gottes, wenn sie die exotische Faszination des \u00f6stlichen Christentums beschreiben wollen. So zitiert z.B. Bernard Sartorius die schwammige Rede des russischen Theologen Wladimir Lossky (1903-1958):<\/p>\n<p>\u201eDie Tradition der Ostkirche hat niemals klar zwischen Mystik und Theologie unterschieden, zwischen der pers\u00f6nlichen Erfahrung der g\u00f6ttlichen Mysterien und dem von der Kirche gelehrten Dogma&#8230; Das Dogma, das eine offenbare Wahrheit zum Ausdruck bringt, die uns wie ein unerforschliches Mysterium erscheint, muss von uns derart gelebt werden, dass wir, statt das Mysterium unserer Art des Verst\u00e4ndnisses anzupassen, im Gegenteil darauf bedacht sein m\u00fcssen, uns zutiefst zu \u00e4ndern (\u2026), um zum mystischen Erlebnis f\u00e4hig zu sein. Theologie und Mystik stellen nicht nur keinen Gegensatz dar, sondern st\u00fctzen und erg\u00e4nzen sich gegenseitig. Das eine ist ohne das andere undenkbar. Das mystische Erlebnis ist eine pers\u00f6nliche Anwendung des Inhaltes des gemeinsamen Glaubens, die Theologie ist eine Ausdrucksform dessen was im Bereiche der Erfahrungsm\u00f6glichkeit eines jeden liegt, zum Nutzen der Allgemeinheit\u201c. (1973, S. 64f)<\/p>\n<p>Sein ber\u00fchmter Kollege, Theologe Pawel Florenskij (1882-1937), der uns sp\u00e4ter noch einmal begegnen wird, fasste in seinem Aufsatz \u201eDer rechte Glaube\u201c denselben Sachverhalt weniger blumig, daf\u00fcr aber um Vielfaches deutlicher zusammen:<\/p>\n<p>\u201eEine weitere Eigenart der orthodoxen Einstellung zur Kirche ist die \u00dcberbetonung des Kultes, insbesondere des Rituals gegen\u00fcber der Lehre und der moralischen Seite des Christentums. Das Fluchen und Raufen, die Trinksucht sind kleinere S\u00fcnden als die Nichteinhaltung des Fastens; einen Versto\u00df gegen die Keuschheit verzeiht der Priester leichter als das Nichterscheinen in der Kirche; die Teilnahme an der Messe rettet die Seele eher als das Lesen des Evangeliums; das Einhalten des Kultes ist wichtiger als die Sache der Wohlfahrt. (&#8230;) Vom &#8216;Popen&#8217; werden weder eine besonders sch\u00f6ne Messe, noch eine Predigt, noch eine Sorge um die Gemeinde erwartet \u2013 nicht einmal sittliche Anleitung. Seine Sache ist es, zu taufen, zu verm\u00e4hlen, zu bestatten, auf den Feldern zu beten, zu Ostern Kuchen und zur Verkl\u00e4rung Jesu die Fr\u00fcchteernte zu segnen. Ein energischer Priester kann nat\u00fcrlich seine Aufgaben etwas breiter auffassen und sich der Aufkl\u00e4rung seiner Gemeinde widmen, in seinen Gemeindemitgliedern sittliche Gewohnheiten kultivieren, anfangen die Trinksucht zu bek\u00e4mpfen und Familienverh\u00e4ltnisse zu verbessern, schlie\u00dflich kann er eine Kreditgenossenschaft oder einen Konsumladen aufmachen, aber all das wird als etwas Unn\u00f6tiges wahrgenommen, und ein wirklicher Orthodoxer wird hier wohl den lutherischen Geist vermuten und solche T\u00e4tigkeit verurteilen. (&#8230;) Die menschliche Welt ist mit der g\u00f6ttlichen unvergleichbar, das Kleine von dieser Welt wird im Reich Gottes gro\u00df genannt; Gottes Wege sind unvorhersehbar; der Mensch kann den Sinn des ganzen historischen Prozesses nicht verstehen, von daher zwei Schl\u00fcsse: der <strong>Irrationalismus und Ergebenheit<\/strong>. Auch hier der v\u00f6llige Gegensatz zum Katholizismus und Luthertum. Dort \u2013 das Vertrauen auf den menschlichen Verstand, das Bestreben, nicht nur zu begreifen, sondern auch das G\u00f6ttliche den Gesetzen des Verstandes zu unterwerfen \u2013 und das nicht nur in Luthertum, dessen Wesen Rationalismus ist, sondern auch im Katholizismus. Im orthodoxen Christentum ist es umgekehrt \u2013 der Glaube an g\u00e4nzlich unvern\u00fcnftige, alberne Dinge; der als Absage an die Vernunft verstandene Glaube; letztlich der tats\u00e4chliche Verzicht auf die Vernunft in religi\u00f6sen Fragen und daher die leichte und ungezwungene Anerkennung solch widerspr\u00fcchlicher und mit dem Verstand unbegreiflicher Fakten, von welchen ein Rationalist Bauchschmerzen bekommt\u201c. (2001, S. 475ff)<\/p>\n<p>Bedenkt man au\u00dferdem, dass sich das Christentum bei seiner Verbreitung flei\u00dfig mit allen m\u00f6glichen heidnischen Naturkulten vermischte und insbesondere in Russland noch Jahrhunderte lang vor allem in der Bauernschaft in der Form des so genannten Doppelglaubens, des christlich getarnten Heidentums praktiziert wurde, k\u00f6nnten wir an dieser Stelle die gesonderte Frage der Theologie ruhig abschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Die Logik gebietet, wenigstens kurz auf die Verstaatlichung des Christentums im R\u00f6mischen Reich einzugehen, denn dort beginnen sowohl die Karriere als auch der Appetit der \u2013 damals noch einen \u2013 apostolischen Kirche. Bevor Kaiser Konstantin I. (270-337) sich 312 taufen lie\u00df und die ehemalige Sklaven- und Katakombenreligion zun\u00e4chst von der Verfolgung befreite und sp\u00e4ter zur Staatsreligion erhob, galten die r\u00f6mischen Kaiser als G\u00f6tter. Da gerieten die Hoftheologen zun\u00e4chst in Schwierigkeiten: kaiserliche G\u00f6ttlichkeit war mit der christlichen Lehre ohne Weiteres nicht vereinbar. Dennoch versuchte man die Tradition der Verg\u00f6ttlichung der Staatsmacht fortzuf\u00fchren und erkl\u00e4rte den Kaiser zu Vicarius Christi \u2013 f\u00fcr \u201echristusgleich\u201c. Sp\u00e4ter stufte man den Kaiser noch ein wenig tiefer, er wurde \u201evon Gottes Gnaden\u201c und keineswegs mehr g\u00f6ttlich oder auch nur halbg\u00f6ttlich; der h\u00f6chste Priester des Reiches war er allerdings auch nicht. Die von Diokletian (236-312) m\u00fchsam errichtete Tetrarchie, das Prinzip des Mehrkaisertums, welches das Imperium Romanum unter vier (Teil-)Kaisern aufteilte, um es vor allem besser milit\u00e4risch nach au\u00dfen und innen absichern zu k\u00f6nnen, wurde vom Aufstieg Konstantins gest\u00f6rt und ver\u00e4ndert, da dieser Alleinherrschaft und die R\u00fcckkehr zum dynastischen Prinzip anstrebte. Von 324 an ernannten der westliche Kaiser Konstantin und der \u00f6stliche Lucinius ihre S\u00f6hne zu Caesares, zu Mitherrschern; selbst 395, als die Teilung des R\u00f6mischen Reiches in Ost- und Westrom eine politische Tatsache war, hielten sich beide Roms lediglich f\u00fcr zwei Teile desselben Imperiums. Obwohl beide Reiche im 4. Jhd. verst\u00e4rkt Angriffen slawischer, fr\u00e4nkischer und germanischer St\u00e4mme ausgesetzt waren, hatte Westrom in milit\u00e4rischer Hinsicht mehr Pech, weil die ostr\u00f6mische Verteidigung die Barbaren in den Westen trieb, w\u00e4hrend Westrom nicht \u00fcber so ein reiches und sicheres Hinterland wie der Nahe Osten verf\u00fcgte. 410 pl\u00fcndern die Westgoten Rom, Augustinus verleiht der weltlichen Ohnmachtsstellung der Kirche in seinem Traktat \u201eVom Gottesstaat\u201c Ausdruck, von der Symphonia der Gewalten konnte keine Rede sein. 476 kommt es schlie\u00dflich dazu, dass das westliche Kaisertum durch Odoaker (433-493), einen Offizier germanischer Herkunft endg\u00fcltig beendet wurde. Odoaker war als K\u00f6nig von Italien anerkannt, doch der R\u00f6mische Kaiser war er nicht; Ostrom blieb der einzige Reichsnachfolger. Im Osten beschlie\u00dft 451 die \u00d6kumenische Synode zu Chalzedon die kirchliche Pentarchie nach dem Muster der politischen Machtteilung im Reich: Rom, Konstantinopel, Alexandria, Antiochia und Jerusalem bilden die Hierarchie selbst\u00e4ndiger Kirchen, wobei sie alle gleichzeitig eine Einheit repr\u00e4sentieren. Die H\u00f6chste Entscheidungsgewalt liegt nur bei der Synode, die vom Kaiser, einem \u201eVertreter Gottes bzw. Christi\u201c einberufen wird. Zu dieser Zeit spaltet sich die Gemeinschaft der sogenannten alt\u00f6stlichen bzw. altorientalischen Kirchen ab. Was die Verstaatlichung im \u201eInneren\u201c der Religion ausgemacht hat, beschreibt Bernard Sartorius in treffender Weise:<\/p>\n<p>\u201e&#8230;vor allem wurde die Gegenwart Gottes statt etwas v\u00f6llig Neues zu sein, das den Menschen, der mit ihm konfrontiert wird, radikal in Frage stellt, immer mehr Grundlage einer f\u00fcr alle und jeden mehr oder weniger annehmbaren Moral, einer Moral, die schon damals im Grunde b\u00fcrgerlich war: &#8216;Christ&#8217; ist, wer nichts B\u00f6ses tut, wer ruhig seinen privaten Gesch\u00e4ften nachgeht, ohne die Sicherheit des christlichen Reiches zu gef\u00e4hrden. (\u2026) So entstand der &#8216;corpus christianum&#8217;, die &#8216;Christenheit&#8217;, womit eines neuen Lebens durch Christus, das den Menschen dazu zwingt, eine ganz pers\u00f6nliche Entscheidung zu treffen, seither zumindest teilweise mit der Schaffung von Institutionen, Gesetzen und Werken identifiziert wurde, die oftmals zu Unrecht die Bezeichnung &#8216;christlich&#8217; trugen\u201c. (1973, S. 24f)<\/p>\n<p>Um die Jahre 489-499 nehmen die Franken unter Chlodwig I. (466-511) das Christentum lateinischer Lehre an, was f\u00fcr alle Beteiligten ein vorteilhaftes Gesch\u00e4ft war. Chlodwig sicherte seine Herrschaft ideologisch ab, beseitigte konfessionelle Barrieren zwischen nun offiziell katholischen Franken und der Bev\u00f6lkerung Italiens einerseits und zwischen seinem Herrscherhaus und den ostr\u00f6mischen Kaisern andererseits (es ist noch immer dieselbe Religion und dieselbe Kirche; daf\u00fcr musste Chlodwig dem arianischen Glauben, den die ersten \u00f6kumenischen Konzile des 4. Jhd. als H\u00e4resie verurteilten, abschw\u00f6ren). Die R\u00f6mische Kirche allerdings, die einzige auf dem westr\u00f6mischen Territorium, bekam durch diese Allianz mit der weltlichen Macht wieder politisches Gewicht.<\/p>\n<p>Hin und wieder kommt es zu theologischen Streitigkeiten zwischen den Kirchen. So eskalierte der Streit bereits 484 (das sogenannte Akakianische Schisma) so weit, dass die Einheit der Kirchen vom Rom aufgek\u00fcndigt wurde bis sie sich 519 wieder auf eine gemeinsame Glaubensformel einigen konnten. Die Bereitschaft zur gegenseitigen R\u00fccksicht und zum Dialog sank im Laufe der Zeit auf beiden Seiten: die R\u00f6mische Kirche hatte als ideologische Agentur im Westen keine Konkurrenz, Byzanz versuchte seinen Einfluss auf dem Balkan und in den slawischen Territorien zu festigen. Karl der Gro\u00dfe (747-814) hatte ebenfalls den Ruhm der r\u00f6mischen Kaiser zum Vorbild als er die R\u00f6mische Kirche mit ihrem theologischen Primatsanspruch sich unterstellte und sich vorbehielt, eigene Synoden einzuberufen, Bisch\u00f6fe zu ernennen und in theologischen Fragen mitzubestimmen. So reagierte er ablehnend auf den Bilderstreit des 2. Konzils von Nik\u00e4a 787, wo im Osten die \u201eBildverehrer\u201c die Oberhand gewannen, unter Anderem, weil der Konzil unter der Schirmherrschaft der Kaiserin Irene von Athen stattfand. Auf dem Konzil von Aachen 809 wurde von Karl dem Gro\u00dfen jener Filioque-Zusatz \u2013 dass der Heilige Geist nicht nur von Gott, sondern auch vom Heiligen Sohn ausgeht \u2013 ins Glaubensbekenntnis als verbindlich beschlossen, setzte sich aber nur sehr langsam in der westlichen Liturgie durch. Die wahrhafte theologische Bedeutung der Formel l\u00e4sst sich daran beurteilen, dass sie damals gerne als unwesentlich \u00fcbersehen und erst 1054 zum Anlass f\u00fcr das n\u00e4chste endg\u00fcltige Schisma wurde. Indes l\u00f6ste sich die R\u00f6mische Kirche immer weiter vom Rest der Pentarchie hin zum Fr\u00e4nkischen Reich.<\/p>\n<p>F\u00fcr das damalige ambivalente Verh\u00e4ltnis der Ost- und Westkirche ist die Missionierung des Gro\u00dfm\u00e4hrischen Reiches und des bulgarischen Khanats beispielhaft, die im 9. Jahrhundert geschieht. Um M\u00e4hren vom karolingischen Einfluss zu befreien, l\u00e4sst F\u00fcrst Rastislav 863 zwei griechische M\u00f6nche, Kyrill und Methodius mit sowohl dem byzantinischen als auch r\u00f6mischen Einverst\u00e4ndnis zu sich kommen, welche die sogenannte kyrillische Schrift entwerfen und die kirchliche Literatur aus der griechischen in die slawischen Sprachen \u00fcbersetzen. In Bulgarien wird die t\u00fcrkotatarische Herrscherschicht langsam von der slawischen Bev\u00f6lkerung assimiliert. 864 l\u00e4sst sich F\u00fcrst Boris taufen, bekommt aber f\u00fcr seine Landeskirche von Konstantinopel keinen autokephalen Status. Er wendet sich mit derselben Bitte an Rom, wird ebenfalls abgewiesen und bekommt sie erst dann von Byzanz. 885 empf\u00e4ngt er die Sch\u00fcler Kyrills und Methods aus M\u00e4hren, dort setzt sich das \u201eKirchenslawische\u201c, also das Altbulgarische als Sprache der kirchlichen Literatur der slawischen V\u00f6lker durch. (Sp\u00e4ter ging das Gro\u00dfbulgarische Reich in den Kriegen mit Byzanz, den Mongolen und Osmanen unter).<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund mag das Schisma von 1054 eher unspektakul\u00e4r ausfallen. Konstantinopel bat Rom um milit\u00e4rischen Beistand gegen die Normannen, die in die byzantinischen Territorien in Norditalien einfielen. Rom sicherte dies nur zu, wenn die Ostkirche Eingest\u00e4ndnisse in der Liturgie macht, sprich das r\u00f6mische Primat anerkennt<sup>8<\/sup>. Als der p\u00e4pstliche Gesandte, Kardinal von Humbert in Konstantinopel eintraf, um die Streitigkeiten zu kl\u00e4ren, eskalierten die seit Jahrhunderten bestehenden gegenseitigen Aversionen, die Vertreter der beiden Kirchen exkommunizierten sich gegenseitig<sup>9<\/sup>.<\/p>\n<p>Die von der R\u00f6mischen Kirche abgesegneten Kreuzz\u00fcge b\u00fcndelten nat\u00fcrlich alle m\u00f6glichen staatspolitischen und wirtschaftlichen Interessen: sie sollten nicht zuletzt das Ansehen Roms im Nahen Osten steigern und milit\u00e4rische Hilfe f\u00fcr das von seldschukischen und mongolischen Nachbarn bedr\u00e4ngte Byzanz liefern. Die \u201ebewaffneten Wallfahrer\u201c jedoch versuchten immer wieder eigene Kleinstaaten zu gr\u00fcnden, was wiederum zur Schw\u00e4chung von Byzanz beitrug. Beim 4. Kreuzzug gegen \u00c4gypten und Jerusalem 1204 pl\u00fcnderten schlie\u00dflich venezianische und franz\u00f6sische Truppen \u201eversehentlich\u201c Konstantinopel und enthaupteten den Kaiser. Das ostr\u00f6mische Reich zerfiel in kleinere unbedeutende Staaten: das Lateinische Kaiserreich, das Kaiserreich Trapezunt, das Kaiserreich Nikaia, K\u00f6nigreich Tessalonike und einiges mehr. 1453 f\u00e4llt Konstantinopel und 1561 auch Trapezunt an die Osmanen. Das war das Ende des ostr\u00f6mischen Reiches. (Vgl. dazu Hage 1993 und Lilie 1994)<\/p>\n<p>F\u00fcr die Entstehung der Nationen, vor allem bei ost- und s\u00fcdslawischen St\u00e4mmen war die Frage ausschlaggebend, welchem der zwei (oder ggf. mehr) Machtpolen, welcher Konfession sie sich anschlie\u00dfen bzw. angeschlossen werden. Bei kleinen Ethnien auf dem Balkan, die fast alle bis zur Neuzeit unter Fremdherrschaft lebten, fehlte dementsprechend eine eigene Herrscherschicht, niederer und mittlerer Klerus bildete die Intelligenz-Schicht, die die Kultur gestaltete. Unter osmanischer Herrschaft z.B. in Bulgarien oder Serbien war es f\u00fcr die Unterscheidung zwischen den herrschenden und beherrschten Ethnien wichtig, welcher Konfession sie angeh\u00f6rten:<\/p>\n<p>\u201eUnter diesen Umst\u00e4nden ist es nicht erstaunlich, dass die einzige wirklich dynamische Bewegung, die die V\u00f6lker orthodoxen Glaubens w\u00e4hrend der t\u00fcrkischen Herrschaft beseelte, ein Nationalismus religi\u00f6sen Ursprungs war. Schon vor dem Fall von Konstantinopel entwickelte sich im Kaiserreich in gewissem Ma\u00dfe ein griechischer Nationalismus, so dass der &#8216;Hellenismus&#8217;, (\u2026) schlie\u00dflich als die Quelle alles dessen betrachtet wurde, was &#8216;echt byzantinisch und orthodox ist&#8217;. Dieser griechische &#8216;geistige Imperialismus&#8217; rief schlie\u00dflich Spannungen zwischen den griechischen und slawonischen Kirchen hervor (&#8230;) Es ist deshalb verst\u00e4ndlich, dass die orthodoxen Kirchen des Balkans nach der Befreiung von der t\u00fcrkischen Herrschaft sogleich ihre Unabh\u00e4ngigkeit vom (griechischen) Patriarchat von Konstantinopel forderten und bald das Bild einer Vielzahl von Kirchen boten, die einander beargw\u00f6hnten und &#8216;im Provinzialismus ihrer lokalen Traditionen absonderten&#8217;\u201c. (Sartorius 1973, S. 39f)<\/p>\n<p>Im 18. und 19. Jhd. in den s\u00fcdslawischen Provinzen von \u00d6sterreich-Ungarn, insbesondere in Bosnien und Herzegowina machte sich dieses Prinzip von religi\u00f6ser und ethnischer \u00dcbereinstimmung besonders bemerkbar: die nationalistischen Bewegungen der KatholikInnen, der orthodoxen ChristInnen und MuslimAs entwickelten sich parallel zueinander und vermischten sich nicht<sup>10<\/sup>.<\/p>\n<p>Um die Umst\u00e4nde der Christianisierung der alten Rus&#8217; zu umrei\u00dfen, muss man ebenfalls auf die politischen Zerw\u00fcrfnisse der Region zu der Zeit eingehen. In Osteuropa entlang der Handelsroute zwischen Skandinavien und Byzanz lassen sich War\u00e4ger, sprich Wikinger, nieder. Ihre Herrschaftsweise und Hauptbesch\u00e4ftigung \u2013 Raubkriege, Tribut eintreiben und Sklavenhandel \u2013 unterscheiden sich nicht im Geringsten von denen der Normannen in Mittel- und Westeuropa. Nach dem Tod des War\u00e4gerf\u00fcrsten Ryrik in Nowgorod 882 gr\u00fcndet sein Nachfolger Oleg weiter s\u00fcdlich entlang des Dnjeprs einen St\u00fctzpunkt in Kyiv, was der Sto\u00dfrichtung seiner Raubz\u00fcge gen Schwarzes Meer und Konstantinopel entspricht. 907 f\u00fchrt er Krieg gegen Byzanz, 911 schlie\u00dft er Frieden mit Ostrom \u2013 so kommt wohl der erste \u201eoffizielle au\u00dfenpolitische Vertrag\u201c seiner R\u00e4uberbande. Die sogenannte Kyiver Rus&#8217; wird dadurch auch zum ersten Mal bewusst von der \u201ezivilisierten Welt\u201c wahrgenommen. 912 stirbt Oleg, sein Sohn Igor l\u00e4sst die Hauptstadt aus Nowgorod nach Kyiv \u00fcbertragen. Nachdem er 945 von der Bev\u00f6lkerung umgebracht wird, weil er mit dem Tributeintreiben \u00fcbertrieben hat, regiert seine Witwe Olga (ca. 920-969) in Kyiv. Zwar ist von Olga bekannt, dass sie sich 954 oder 955 taufen lie\u00df, doch wo \u2013 in Kyiv oder Konstantinopel \u2013 ist nicht klar. Sie befasst sich mit administrativen Reformen und versucht, um die Unabh\u00e4ngigkeit von Byzanz zu wahren, politische Beziehungen mit dem Ottonenreich zu kn\u00fcpfen. So bestellt sie bei Otto I. (912-973) einen katholischen Bischof f\u00fcr Kyiv. Dieser musste allerdings 962 um sein Leben fliehen, da die Offenheit der Bev\u00f6lkerung f\u00fcr die Lehre Christi zum Einen weit \u00fcbersch\u00e4tzt wurde<sup>11<\/sup>, zum Anderen sitzt zu dieser Zeit Igors und Olgas Sohn Swjatoslaw (ca. 920-969) auf dem Thron. Diese Figur dient heute noch ukrainischen Neonazis wegen seines Beharrens auf Heidentum und der Zerschlagung des j\u00fcdischen Chasarien als historische Identifikationsfigur<sup>12<\/sup>. Das Hauptziel seiner Kriege liegt auf dem Balkan, deswegen will er sich an die Donau, nach Perejaslawetz absetzen und \u00fcberl\u00e4sst Kyiv seinem Sohn Jaropolk, Nowgorod \u2013 seinem Sohn Wladimir, der dritte Sohn Oleg bekommt Polesien (ein Gebiet zwischen Bug und Prypjat). Nach einem blutigen Bruderkrieg vereint Jaropolk alle Provinzen der Kyiver Rus&#8217; wieder unter seiner Herrschaft bis er 980 von Wladimir gest\u00fcrzt wird. Wladimir vertreibt sich die Zeit mir den \u00fcblichen Besch\u00e4ftigungen seiner Dynastie: mit Kriegen und Raubz\u00fcgen. Indes verwickelt sich der byzantinische Kaiser Basileus II. 986\/987 in einen Zweifrontenkrieg gegen Bulgaren und Rebellen im eigenen Land und fleht Wladimir um Hilfe an; dieser willigt nur ein, wenn er Kaisers Schwester Anna heiraten darf. 988 ist die Rebellion in Byzanz niedergeschlagen, Konstantinopel l\u00e4sst sich Zeit mit seinem Versprechen, Wladimir erkl\u00e4rt Byzanz den Krieg und erobert die byzantinische Kolonie Chersones auf der Krim<sup>13<\/sup>. Anna bekommt er ausgeh\u00e4ndigt und l\u00e4sst sich taufen, um sie heiraten und so die Allianz mit Byzanz eingehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wie die Taufe Wladimirs und seiner Garde \u2013 und am Wichtigsten wohl: die Massentaufe der Kyiver Bev\u00f6lkerung &#8211; genau vonstatten gegangen ist, wird niemand mehr wissen. Bekannt ist, dass ein Teil der Garde bereits christlich war und z.B. beim Abschlie\u00dfen von Vertr\u00e4gen mit \u201eden Griechen\u201c mit demselben Gott schw\u00f6ren konnte. Auch Konstantinopel warb sehr intensiv unter Kyiver Kriegsadel und Kaufleuten: die Pazifizierung und dauerhafte Bindung eines solch bedeutenden Nachbarn war f\u00fcr schw\u00e4chelnde Byzanz nicht nur ein milit\u00e4risch-politischer, sondern auch wirtschaftlicher Jackpot. Es war also in vielerlei Hinsicht alternativlos, obwohl der von der offiziellen Propaganda immer noch gerne wiederholte Mythos von einem Art Religions-Casting erz\u00e4hlt. So wei\u00df z.B. die erst Anfang des 12. Jhd. verfasste sogenannte Nestor-Chronik (\u201e Die Erz\u00e4hlung von vergangenen Jahren, woher das russische Land seinen Anfang nahm, wer in Kyiv zuerst herrschen begann und auf welche Weise das russische Land entstanden ist\u201c) von einer theologisch-philosophischen Anh\u00f6rung zu berichten, die es verdient h\u00e4tte, von Monthy Python verfilmt zu werden:<\/p>\n<p>\u201eIm Jahr 6494. Es kamen die Bulgaren mohammedanischen Glaubens und sprachen: &#8216;Du bist ein kluger und weiser F\u00fcrst, kennst aber das Gesetz nicht; so glaube denn an unser Gesetz und glaube an Mohammed&#8217;. Da fragte Wladimir: &#8216;Was f\u00fcr einen Glauben habt ihr?&#8217; Sie antworteten ihm: &#8216;Wir glauben an Gott, und Mohammed lehrt uns folgendes: die Beschneidung des m\u00e4nnlichen Gliedes, kein Schweinefleisch zu essen und keinen Wein zu trinken; daf\u00fcr k\u00f6nne man nach dem Tode mit den Frauen Unzucht treiben (\u2026)&#8217;. Wladimir h\u00f6rte sie an; da er selbst die Frauen und die Unzucht sehr liebte, lauschte er ihnen mit sichtlichem Genuss. Aber etwas gefiel ihm nicht: die Beschneidung des m\u00e4nnlichen Gliedes und der Verzicht auf Schweinefleisch, ganz besonders aber der Verzicht auf Wein. Deshalb sagte er: &#8216; F\u00fcr die Russen ist das Trinken ein Vergn\u00fcgen, ohne das wir nicht leben k\u00f6nnen&#8217;. Dann kamen die Fremden aus Rom (\u2026). Als die Juden davon erfuhren, kamen sie herbei und sagten (\u2026). Da sagte Wladimir: &#8216;Wie k\u00f6nnt ihr andere lehren, da ihr selbst von Gott versto\u00dfen und vertrieben seid? Wenn Gott euch und euer Gesetz liebte, w\u00e4ret ihr nicht \u00fcber fremde L\u00e4nder verstreut worden (\u2026)&#8217;\u201c.<\/p>\n<p>Endlich durfte auch ein griechischer Philosoph seine Religion darstellen. Wladimir konnte sich noch nicht entscheiden und entsandte Botschafter, die sich anschauten, wie der jeweilige Gottesdienst \u00fcberhaupt aussieht:<\/p>\n<p>\u201eSchlie\u00dflich kamen wir zu den Griechen. Sie f\u00fchrten und an die St\u00e4tte, wo sie ihrem Gott dienen, und wir wussten nicht, ob wir uns im Himmel oder auf Erden bef\u00e4nden (&#8230;)\u201c. (Zit. nach Nolte et al. 2014, S. 20f)<\/p>\n<p>So soll es angeblich abgelaufen sein. So witzig die Geschichte, so unglaubw\u00fcrdig ehrlich die Protagonisten<sup>14<\/sup>, aber man merkt, dass der christliche M\u00f6nch-Chronist seine sehr christlichen Vorurteile, sowohl gegen\u00fcber der benachbarten Religionsgemeinschaft der AlkoholabstinenzlerInnen als auch und insbesondere gegen\u00fcber den JudInnen, in die Geschichte hinein trug.<\/p>\n<p>Von der Taufe der Bev\u00f6lkerung wird dagegen nur sehr knapp berichtet, dass es nicht ohne Zwang abgelaufen ist, und dass gegen Nowgorod sogar Truppen losgeschickt werden mussten. Die Stadt Rostow hatte zwar den neuen Glauben relativ ruhig angenommen, aber nach Abzug der Truppen, verjagten die B\u00fcrgerInnen die aus Kyiv abgeordneten griechischen Bisch\u00f6fe. (Nikol&#8217;skij 1983)<\/p>\n<p>So weit die mehr oder weniger offizielle Geschichte der \u201eTaufe der Rus&#8217;\u201c. Weniger bekannt ist, dass es nicht die erste religi\u00f6se Reform Wladimirs war. Die erste war ein Versuch, die heidnischen Kulte seines territorial ausgedehnten Reiches zu unifizieren: 980 wurde der heidnische Gott Perun, der davor der Schutzpatron von Wladimirs Garde war, zum \u201eallgemeinen\u201c und h\u00f6chsten Gott von Kyiv und Nowgorod. Der neue F\u00fcrst, der Wladimir 980 war, versuchte seine Herrschaft zu legitimieren und sich bei der Bev\u00f6lkerung damit beliebt zu machen, was ihm nicht gelungen ist: die Bev\u00f6lkerung beharrt auf ihren lokalen Kulten und somit nicht zuletzt auf der lokalen politischen Autonomie. Auch vor diesem Hintergrund scheint Monotheismus in einer Standesgesellschaft attraktiver als eine Hierarchie der Gottheiten. (Vgl. dazu Wassil&#8217;jew 1999)<\/p>\n<p>Denn im gr\u00f6\u00dferen Kontext gesehen war die Kyiver Rus&#8217; das letzte heidnische Land Osteuropas: baltische Slawen, Polen, Ungarn und Skandinaven werden auf Druck seitens des Ottonenreichs christianisiert; die konkurrierende R\u00e4uberbande der Chasaren entschied sich f\u00fcr das Judentum, die Wolga-Bulgaren \u2013 f\u00fcr den Islam. Die Entscheidung f\u00fcr das \u00f6stliche Christentum der byzantinischen Pr\u00e4gung f\u00e4rbte auf die politische Kultur der Kyiver Rus&#8217; ab: w\u00e4hrend die Hansa-Stadt Nowgorod das f\u00fcr die mitteleurop\u00e4ische Reichsst\u00e4dte typische Korporations- und Entscheidungssystem hatte (\u201eder Gro\u00dfe Herr Nowgorod\u201c bezeichnete keinen Herrscher, sondern die Autonomie der B\u00fcrgerversammlung), \u00fcbernahm Wladimir in Kyiv das kaiserliche Konzept des Gottesgnadentums, machte alle BewohnerInnen des Landes zu seinen Untertanen, die unter sich gleich und rechtlos waren, weil nur der Kaiser \u201edas ganze Recht\u201c besa\u00df.<\/p>\n<p>Die christliche Lehre kam bei der einheimischen Bev\u00f6lkerung nur oberfl\u00e4chlich an; es entstand der sogenannte Doppelglaube \u2013 wenn f\u00fcr die Bauernschaft typische heidnische Naturverehrung und magische Rituale nur einen christlichen Anstrich bekamen, bis diese zwei Komponenten zu einem \u201eVolkschristentum\u201c zusammengewachsen waren<sup>15<\/sup>. Die neuen Heiligen k\u00fcmmerten sich um die Ernte oder die Naturgewalten, die alten Naturgeister wurden zu Teufeln, auch die auf dem zweiten Konzil von Nik\u00e4a beschlossene Ikonenanbetung durchlebte in der Kyiver Rus&#8217; ihre Modifizierung: Ikonen ersetzten die abgeschafften G\u00f6tzen im Dorf und jedem Haus \u2013 sie lebten und sch\u00fctzten die Menschen, wohl aber nicht im ganz christlichen Sinne. Von den anfangs auf Griechisch gehaltenen Messen wurde st\u00e4rkere magische Wirkung erwartet, als von alten religi\u00f6sen Formeln; um so abstruser waren laut Zeugenberichten die Messen, die von den ersten Generationen russischer Geistlicher, die \u00f6fters selbst kein Wort Griechisch konnten, abgehalten wurden. (Die Lage besserte sich erst im 17.-18. Jhd., als Priester zu einer allgemeinen Bildung verpflichtet wurden). Jedes Dorf, jede Stadt, jede Gilde, jeder herrschende Clan hatte eigene Heilige, meistens heiliggesprochene verstorbene Herrscher, die man bei gelegentlichen Fehden entweder vernichtete oder gefangen nahm, um sie dem eigenen Pantheon zu unterstellen \u2013 eine Tatsache, die man besonders gut bei den Kriegen des Moskauer F\u00fcrstentums gegen seine Nachbarn beobachten konnte.<\/p>\n<p>F\u00fcr das Konstantinopeler Patriarchat andererseits war die neue Landeskirche eine Art reiche Kolonie, in die man das \u00fcbersch\u00fcssige Personal entsorgen und zu Steuerzahlungen verpflichten konnte, denn die neue Kirche waren direkt der Konstantinopeler Kirche unterstellt. Auch f\u00fcr die neu gegr\u00fcndeten Kl\u00f6ster entlang des Dnjeprs wurde das griechische Organisationsmodel direkt \u00fcbernommen: gestiftet wurden sie meistens von M\u00e4chtigen und Wohlhabenden, die \u00f6fters auch ihre letzten Tage in den Kl\u00f6stern verbrachten, weil die Gebete von M\u00f6nchen, von sogenannten \u201eunbegrabenen Toten\u201c besonders gut bei Gott ankommen. Daf\u00fcr bekamen sie L\u00e4ndereien samt darauf lebendem Gesinde und wurden so zu wirtschaftlichen Einheiten, die menschliche Arbeitskraft ausbeuteten, \u00fcber L\u00e4nge- und Gewichtsma\u00dfen wachten und Geld anh\u00e4uften. Bisch\u00f6fe w\u00e4hlte man meistens aus adeligen Familien und sie rechtfertigten ihre Herrschaft \u00fcber die ihnen zugeteilten D\u00f6rfern und Bev\u00f6lkerung mit eben diesen Umstand. Der Einfall der Mongolen ins Land, der die Ostslawen von 1242 bis ungef\u00e4hr 1480 versklavte, zerriss die Rus&#8217; in drei gro\u00dfe Teile, \u00e4nderte aber wenig an den bestehenden Herrschaftsstrukturen \u2013 das \u201etataro-mongolische Joch\u201c beschr\u00e4nkte sich weitgehend auf Tributzahlungen und gelegentliche Milit\u00e4rdienste. Mit religi\u00f6sen Kulten eroberter V\u00f6lker hatten mongolische Herrscher bekanntlich kein Problem, die Kirche durfte unter dem \u201eJoch\u201c kaum gelitten haben: von den Tributszahlungen war sie jedenfalls befreit. W\u00e4hrend dieser Periode kommt allerdings die besagte Indifferenz<sup>16<\/sup> gegen\u00fcber dem westlichen Christentum zu Ende, eine Entfremdung vom katholischen Westen beginnt: Im S\u00fcden pl\u00fcnderten europ\u00e4ische Kreuzz\u00fcgler Konstantinopel, schwedische und deutsche Glaubensbr\u00fcder beschlossen, heidnische baltische St\u00e4mme zu christianisieren, fielen ihrerseits in die nordwestliche Gebiete der Rus&#8217; ein und belagerten Nowgorod. Der Einfall wird heute immer noch als eine offene Kriegserkl\u00e4rung des Katholizismus gegen das orthodoxe Christentum in Osteuropa interpretiert. (Bremer 2016, S. 31f)<\/p>\n<p>Besonders stark ausgepr\u00e4gt war die Feindschaft der Bauern gegen Kl\u00f6ster, diese Burgen mit eigener Gerichtsbarkeit, eigenem Ausbeutungs- und Steuerrecht, die f\u00fcr die Bauern in religi\u00f6ser Hinsicht keinen Nutzen hatten. Hagiographische Literatur schildert den Kampf der heiligen Gr\u00fcnder in neuen Gegenden gegen die feindliche Natur, wilde Tiere und andere satanische Widersacher \u2013 unter anderem Bauern, die die Klosterneugr\u00fcndungen zu verhindern versuchten und schon bestehende Kl\u00f6ster gerne brandschatzten und ausraubten. Die Bauernschaft, durch den Adel und die Gottesleute bedr\u00e4ngt und ausgebeutet, beginnt im Laufe der Zeit eine eigene antikirchliche Mystik zu entwickeln \u2013 besonders z.Z. der \u201egro\u00dfen Pest\u201c in Pskow und Umgebung (um 1352 herum) lie\u00dfen sich die untersten Volksschichten von der apokryphen Offenbarung des Petrus und Othitemtum<sup>17<\/sup> inspirieren. Diese sozialen Rachefantasien bleiben aber noch tr\u00f6stende Theologie, ohne dass sie zu einer kollektiven Tat werden. Der Adel bekommt auch ein seiner gesellschaftlichen Realit\u00e4t gerechtes theologisches Abbild \u2013 Joseph Wolotzki (1439-1515), bedeutender Mann Gottes jener Zeit, formuliert in seiner scharfen Polemik gegen regierungskritische M\u00f6nche einen Gott, der nichts direkt geregelt und geschaffen, wie er es im Sinn gehabt h\u00e4tte, sondern immer \u201egetrickst und geschummelt\u201c h\u00e4tte, andere unbewusst seine Gesch\u00e4fte h\u00e4tte erledigen lassen \u2013 ein typischer russischer F\u00fcrst, der zwischen Moskau, seinen f\u00fcrstlichen Nachbarn und der Goldenen Horde politisch lavieren musste. In dieser Zeit wird der Sieg des formellen Kultes \u00fcber den theologischen bzw. philosophischen Inhalt nochmals best\u00e4tigt, die Hauptaufgabe der zahlreichen Gottesleute wird es nicht mehr, \u00fcber die Gott und die Welt nachzudenken, sondern gegen Bezahlung f\u00fcr die Herrschenden zu beten \u2013 eine ganze Kaste der Betenden entsteht.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr verbreiten sich Ende des 14. Jhd. im \u201eniederen Volk\u201c, unter st\u00e4dtischen Handwerkern, die in den St\u00e4dten wie Pskow oder Nowgorod noch in halbwegs ausgepr\u00e4gten Selbstverwaltungstrukturen lebten, antifeudale H\u00e4resien, die es sogar nach Moskau schafften. \u201eWenn diese Klassenk\u00e4mpfe damals religi\u00f6se Schibboleths trugen, wenn die Interessen, Bed\u00fcrfnisse und Forderungen der einzelnen Klassen sich unter einer religi\u00f6sen Decke verbargen, so \u00e4ndert das nichts an der Sache und erkl\u00e4rt sich leicht auch aus den Zeitverh\u00e4ltnissen\u201c, schrieb einst Friedrich Engels \u00fcber die Religionskriege des europ\u00e4ischen Mittelalters. (1949, S. 56) Das trifft auch auf die seiner Meinung nach \u201egeschichtslosen\u201c V\u00f6lker Osteuropas zu. In den Hansast\u00e4dten z.B. waren die Handwerker und H\u00e4ndler in Gilden organisiert, jede Gilde hatte ihren eigenen Schutzpatron, ihre eigene Kirche. Die Gildenkirche diente gleichzeitig als eine Bank oder ein Ort, wo Gesch\u00e4fte stattfanden; die Priester waren zwar von den jeweiligen Gilden abh\u00e4ngig, unterstanden aber formell dem Nowgoroder Bischof. So unterst\u00fctzen sie z.T. notgedrungen die Opposition der Handwerker gegen die Besteuerung durch Nowgorod und wandten sich in durchaus Luther&#8217;scher Manier schlie\u00dflich gegen die korrupte professionalisierte Kirchenhierarchie, gegen das bl\u00fchende Gesch\u00e4ft der Simonie<sup>18<\/sup>. Dass die erste \u00f6ffentliche Hinrichtung von \u201eStrigolniki\u201c , so wurden sie genannt, mit 1375 datiert ist, l\u00e4sst vermuten, dass sie ihr Unwesen wenigsten eine Weile lang getrieben haben, bevor sie der Obrigkeit unertr\u00e4glich wurden. Die einzigen \u00fcberlieferten Zeugnisse ihrer Lehre sind die Widerlegungsschriften der offiziellen Kirche. Au\u00dfer Korruptionsvorw\u00fcrfen, betrieben Strigolniki, die sich anscheinend durch gute Handelsbeziehungen im regen theologischen Austausch Mittel- und Nordeuropa befanden, einen Kult der kritischen menschlichen Vernunft, argumentierten aber auf einem derma\u00dfen hohen theologischen Niveau, dass sie die Kirchenv\u00e4ter mit ihrem inhaltslosen Kultus sichtlich \u00fcberfordert haben. Nach der nicht argumentativen Zerschlagung in Nowgorod wandert die H\u00e4resie nach Pskow ab und radikalisiert sich weiter: manche Str\u00f6mungen lehnen sogar die Evangelien ab und predigen einen naturhaften Pantheismus und Monotheismus. Die H\u00e4resie der Strigolniki hielt sich rund 100 Jahre, musste aber eingehen, da sie die ebenfalls unzufriedene Bauernschaft, im Gegensatz z.B. zu tschechischen Hussiten, nicht erreichte. Das war der erste Versuch einer offen auftretenden antifeudalen ketzerischen Bewegung im Land.<\/p>\n<p>Das Moskauer F\u00fcrstentum, auf dem Machttrip, kann indes die herablassende Behandlung durch die Konstaninopeler Patriarchen nicht l\u00e4nger ertragen, bricht mit dem untergehenden Konstantinopel und setzt seine Autokephalie durch. Weil Konstantinopel auch mit dem Amt Simonie getrieben hat, existieren zwischen 1379 und 1389 vier aus der Byzanz zugesandte Mitropoliten, die mit einander um das Amt in Moskau streiten. Zun\u00e4chst wird als Ausweg aus der Situation sogar der Weg der Ann\u00e4herung an Rom eingeschlagen: Rom seinerseits verlor auch nie das Interesse an ostslawischen Gegenden. Auch Byzanz versucht sich vor der Zerschlagung durch die Osmanen zu retten, indem es B\u00fcndnisse in Westeuropa sucht. So kommt es 1438 zum \u00f6kumenischen Konzil im italienischen Ferrara, an dem sich eine Delegation aus Moskau beteiligt. Nach langen unfruchtbaren Streitereien nimmt die Unia-Partei ihre Gegner gefangen und foltert sie solange, bis diese der Unia zustimmen. So wird dem russischen Abgesandten Isidor die Rus&#8217;, Lettland, Litauen und Polen h\u00f6chstpers\u00f6nlich vom Papst zugesprochen. Auf dem Nachhauseweg wird er aus Lviv und Kyiv verjagt, 1441 in Moskau angekommen, ruft er die Unia aus und h\u00e4lt katholische Messen ab. Der Gro\u00dff\u00fcrst Wassilij verwirft die Unia, fordert neue Bisch\u00f6fe aus Konstantinopel an und stellt 1448 die christliche Welt vor die Tatsache, ohne die Bisch\u00f6fe oder eine Best\u00e4tigung von Byzanz abzuwarten: die russische Kirche wird autokephal.<\/p>\n<p>1478 f\u00e4llt Nowgorod, die Kirche wird weitgehend enteignet, in der Stadt wird der Kult von Moskauer Heiligen eingef\u00fchrt; die Hauptprotagonisten der Ketzerei werden zum Dienst nach Moskau berufen, wo sie sp\u00e4ter erheblichen Einfluss auf Ivan III. \u201eden Schrecklichen\u201c (1530-1584) aus\u00fcben und mit ihren Reformationsbestrebungen seinen Kampf gegen lokale Herrscher und in erster Linie gegen den kirchlichen Gro\u00dfgrundbesitz bef\u00f6rdern. Das gemeinsame erkl\u00e4rte Ziel der Moskauer F\u00fcrsten und der einberufenen Nowgoroder Geistlichen ist die Abschaffung der Kl\u00f6ster und die Schw\u00e4chung der Kirche. So weit ist es zwar nicht gekommen, aber die Eigengerichtlichkeit der Kirche wurde eingeschr\u00e4nkt und der Zuwachs ihrer L\u00e4ndereien unter staatliche Kontrolle gestellt. Die Allianz hatte ihren Preis: der Gro\u00dff\u00fcrst musste zum Herrscher \u201edes dritten Roms\u201c<sup>19<\/sup>, zum direkten Nachfolger der r\u00f6mischen Caesaren erkl\u00e4rt werden \u2013 die Herrscher Moskaus waren bis dahin \u201enur\u201c Gro\u00dff\u00fcrsten. Es lie\u00df sich zwar nicht so schnell durchsetzen, aber ausgerechnet Iwan \u201eder Schreckliche\u201c, der sich in seinen Jugendjahren weder f\u00fcr Staatsgesch\u00e4fte noch f\u00fcr Theologie interessierte und zu einem inbr\u00fcnstig Gl\u00e4ubigen erst nach dem Gro\u00dfbrand und der Pestepidemie in Moskau wurde, bekam schlie\u00dflich, was er wollte. So tagte 1549 in Moskau das Konzil, an dem hundert angesehene Geistliche teilnahmen (daher in die Geschichte als \u201edas Hundertk\u00f6pfige Konzil\u201c eingegangen), der u.a. der bereits oben genannten Sechsten Novelle des Kaiser Justinian, die von der \u201eSymphonia\u201c der Staatsgewalt und Kirche handelte, Gesetzesstatus verlieh. Mit diesem Wind im R\u00fccken forderte Iwan III. bei den nah\u00f6stlichen Patriarchen 1556 den Kaisertitel an. Diese willigten 1562 ein, w\u00fcnschten aber den Titel entweder vom damaligen griechischen Patriarchen Joasaph II. oder seinen Vertrauten pers\u00f6nlich zu \u00fcbergeben, um die Kontrolle \u00fcber die ehemalige Kolonie weiterhin zu behalten. Da man zu dieser Zeit auf Byzanz politisch nicht mehr R\u00fccksicht nehmen musste, l\u00e4sst Iwan sich zum \u201efreien Autokraten\u201c, zum Kaiser, eben zum Zaren ernennen.<\/p>\n<p>Ende des 15. bis Anfang des 16. Jhd. f\u00fchrt Moskau eine Reihe von Kriegen gegen benachbarte F\u00fcrstent\u00fcmer, verleibt sie sich ein, wird gr\u00f6\u00dfer und immer bedrohlicher f\u00fcr die \u00dcbriggebliebenen.Vor allem w\u00e4chst der feudale Gro\u00dfgrundbesitz der Kirche. Kurz vor dem Kriegszug des Moskauer Herrschers Iwan III. gegen Nowgorod entsteht in der Stadt eine Art religi\u00f6se Unruhe: F\u00fcr den lokalen Adel war der Moskauer Aggressor verst\u00e4ndlicherweise der \u201eAntichrist\u201c selbst, der den Weltuntergang f\u00fcr ihre Herrschaft bedeutete; die Handwerker und Handelsleute dagegen versprachen sich von der Vereinigung mit Moskau wirtschaftliche Vorteile. So rechneten sie &#8211; naiv wie der Adel \u2013 einerseits nach heiligen Schriften aus, dass die Zeit f\u00fcr das J\u00fcngste Gericht noch nicht gekommen sei. Andererseits wandten sie sich erneut gegen die Anbetung von Ikonen, gegen die menschliche Natur Jesu, gegen das M\u00f6nchtum, die Kaste der Betenden und stritten \u00fcberhaupt monotheistisch gegen die Dreieinigkeitslehre. Weil sie bei der Begr\u00fcndung ihrer Ausf\u00fchrungen sogar auf die j\u00fcdische Literatur zur\u00fcckgriffen, wurden sie von ihren Gegnern als \u201eheimliche Juden\u201c, ihre Lehre als die \u201eH\u00e4resie der J\u00fcdelnden\u201c denunziert. Obwohl die \u201eJ\u00fcdelnden\u201c einige politische Erfolge in Moskau hatten, scheiterten sie langfristig an Intrigen am Hof und fielen den Repressionen zum Opfer. Das Scheitern der H\u00e4resie hat seinen Grund wiederum darin, dass sie \u2013 im Unterschied zu deutschen und tschechischen Gegenden \u2013 von der Bauernschaft nicht unterst\u00fctzt wurde. (Vgl. dazu Dvorkin 1992, Kasakowa \/ Lurje 1955, Nikol&#8217;skij 1983, Ramm 1959)<\/p>\n<p>Trotz aller Berufungen auf den Hundertk\u00f6pfigen Konzil und die Symphonia-Lehre h\u00f6rt die G\u00e4ngelung der Kirche durch den Staat nicht auf: mit dem Dekret von 1649 verliert sie einen gro\u00dfen teil ihrer L\u00e4ndereien und ihre Eigengerichtlichkeit komplett. 1660 muss sie Zaren nicht nur als Stellvertreter Gottes auf Erden, sondern als Gottgleiche anerkennen, die gleiches Recht \u00fcber der Kirche haben wie Gott selbst. Mit der verst\u00e4rkten Besteuerung \u00e4ndert sich auch die Lage des niederen Klerus: Er muss noch mehr Abgaben an die kirchliche Hierarchie leisten und bekommt keinen Schutz bei lokalen Obrigkeiten. So wird der niedere l\u00e4ndliche und st\u00e4dtische Klerus zunehmend unzufrieden und tritt in Opposition gegen die Bisch\u00f6fe. Von dieser Protestwelle wird Nikon (1605-1681) auf die B\u00fchne der Geschichte gesp\u00fclt. Er soll die Kirche reformieren und macht sich auch mit gro\u00dfen Ehrgeiz an die Reformen heran, aber nicht an die, die seine Partei von ihm erwartet. Statt die W\u00e4hlbarkeit der Bisch\u00f6fe durchzusetzen, tr\u00e4umt Nikon von einem Patriarchenamt, das dem des Zaren zumindest gleich, wenn nicht sogar h\u00f6her gestellt sein soll \u2013 schlie\u00dflich werden die Zaren von Patriarchen getauft; auf dem Konzil von 1667 packt er sogar die westliche Lehre von den zwei Schwertern aus \u2013 einem weltlichen und einem geistlichen, die die Erde zu ihrem Besten regieren. Nikon kam recht weit: Er war Vertrauter des Zaren Alexej (1629-1676) und regierte an seiner Stelle, als dieser Krieg f\u00fchrte. Als Alexej das Spiel durchschaute, setzte er Nikon ab und schickte ihn ins Exil als einfachen M\u00f6nch.<\/p>\n<p>Doch in die Geschichte ging Nikon vor Allem ein, weil er mit seinen Reformen jenes ber\u00fchmte Schisma in der russischen Kirche anzettelte, welches das Selbstverst\u00e4ndnis der offiziellen russischen Orthodoxie bis heute tr\u00fcbt. Sein Ziel war vielleicht sogar gut gemeint, er versuchte n\u00e4mlich die Dogmatik mit dem Rest der orthodoxen Welt zu synchronisieren, stellte sich also gegen die regionale, z.T. noch sehr stark vom Heidentum beeinflusste Vielfalt in Kult und Theologie \u2013 was wohl auch den politischen Zentralisierungsbestrebungen Moskaus entsprach. Er lie\u00df Kirchenb\u00fccher pr\u00fcfen und es stellten sich erhebliche Abweichungen heraus. F\u00fcr Nikon war die Frage nach dem Vorbild bereits beantwortet: Die Griechen mit ihren \u00e4lteren B\u00fcchern und Riten hatten eindeutig Autorit\u00e4t, der Gro\u00dfteil des niederen Klerus aber benutzte noch die von Hand geschriebenen B\u00fccher in altslawischer Sprache. Auch an dieser Stelle sollte man keinen besonderen Schub in der eigenst\u00e4ndigen russischen Theologie erwarten: Das Hauptinteresse Nikons galt den technischen Fragen des Kultes, dagegen ignorierte er die theologischen Traktate und die Ratschl\u00e4ge, die man ihm aus Konstantinopel schickte, sich nicht so auf die \u00c4u\u00dferlichkeiten zu versteifen, wo doch der Glaube z\u00e4hle. So lie\u00df er die griechischen B\u00fccher neu \u00fcbersetzen und sie anhand von russischsprachigen Schriften korrigieren, die in Venedig f\u00fcr die litauischen Uniaten gedruckt wurden. Weil auch die griechischen Riten sich seit den Zeiten des hl. Wladimir ge\u00e4ndert hatten, schienen die Neuerungen den niederen, meist ungebildeten Priestern ein ganz anderer, \u201eneuer\u201c Glaube, eine ungeheuerliche Zumutung zu sein. Sie wiesen die neuen B\u00fccher entweder zur\u00fcck, oder mussten f\u00fcr neue Priester Platz machen. Viele distanzierten sich von der offiziellen Kirche und zogen ihre Gemeinden mit sich in das Schisma. Mit ihnen gingen alle in Opposition, die Probleme mit dem entstehenden Hofstaat hatten: der alte Lokaladel, Soldaten, Bauern.<\/p>\n<p>Die Abtr\u00fcnnigen wurden 1666-1667 von Armeetrupps verfolgt. Zum ersten offenen Kampf kommt es 1668, als das Kloster auf der Insel Solowki sich weigert, neue B\u00fccher aus Moskau anzunehmen. Das Kloster wird 8 Jahre lang von der Armee belagert, bis es von innen verraten wird und f\u00e4llt.<\/p>\n<p>Mit den Jahren differenziert sich das Schisma. In den St\u00e4dten sind viele H\u00e4ndler mit der prowestlichen Politik des Zaren, mit den Privilegien, die englische H\u00e4ndler von der Obrigkeit bekommen, unzufrieden, das Schisma bekommt deutlich nationalistische Untert\u00f6ne. Man weigert sich, an gemeinsamen Messen mit den \u201eNeugl\u00e4ubigen\u201c teilzunehmen, weicht auf \u201eHauskirchen\u201c aus, setzt eigene Priester ein. Die Bewegung bringt bald auch eigene \u201eApostel\u201c hervor, meistens sind es H\u00e4ndler. Eine andere Str\u00f6mung des Schismas bilden die sogenannten Streltzi, die Sch\u00fctzen \u2013 eine Armeeeinheit aus freien Bauern, die f\u00fcr ihren Dienst mit Grundst\u00fccken entlohnt wurden, ein \u00dcberbleibsel der feudalen Ordnung. Sie zahlen n\u00e4mlich seit 1649 mehr Steuern, bekommen weniger Sold und verlieren zunehmend ihre Stellung in der Armee, da der Staat immer mehr besser ausgebildete ausl\u00e4ndische S\u00f6ldner einsetzt. Als 1682 Zar Fjodor ohne Erben stirbt, mischt der Adel sich in den politischen Kampf ein und zieht die Sch\u00fctzen auf seine Seite. Der Machtkampf im Staat wird so religi\u00f6s. Der Anf\u00fchrer der Sch\u00fctzen, der Adelige Nikita Chowanki verspielte die Chance, einen politischen Umsturz und somit eine Gegenreformation einzuleiten. Die Reaktion der Zarin Sofia war brutal: ab 1685 verbrannte man die Abtr\u00fcnnigen in ihren H\u00e4usern. Die VerliererInnen zogen an die Grenzen des Reiches, in die n\u00f6rdliche \u00d6dnis, wo sie ihre Siedlungen mit demokratischen Entscheidungsstrukturen gr\u00fcndeten, nach dem Ende der Verfolgungen die Regierung anerkannten und sich als Partisanen am Krieg gegen Schweden beteiligten.<\/p>\n<p>Noch einmal andere Formen nahm das Schisma in der Bauernschaft an. Das 17. Jhd. bedeutete f\u00fcr die Bauern in erster Linie die Abschaffung der allerletzten Standesvertr\u00e4ge und die Einf\u00fchrung der Leibeigenschaft. Also ist es nicht allzu verwunderlich, dass die Lage der Welt nach den Epidemien 1654, Nikons Reformen und dem Erscheinen eines Komets am Himmel den Bauern schlichtweg finster und ausweglos schien. Nach einer weit verbreiteten Lehre h\u00e4uften sich die Anzeichen f\u00fcr das Ende der Welt: nach der Wiederauferstehung Christi war der Satan f\u00fcr 1000 Jahre gekettet, dann spaltete sich der Lateinische Westen von der Christenheit ab, weitere 600 Jahre sp\u00e4ter ging die westliche Rus&#8217; eine Unia mit Rom ein, noch einmal 60 Jahre sp\u00e4ter f\u00fchrt Nikon seine gottlosen Reformen durch und wiederum 6 Jahre sp\u00e4ter \u2013 1666 \u2013 sitzt der Antichrist in Moskau und versucht die letzten aufrechten ChristInnen mit Gewalt auszurotten. Man kann sich sicher sein, dass Nikons theologische Rabulistik ohnehin nicht die Sache der Bauern war, der \u201eneue Glaube\u201c bedeutete f\u00fcr sie das Ende ihrer letzten Freiheiten. Das b\u00e4uerliche Schisma bringt ihren eigenen Propheten hervor, den Protopopen Awwakum (1620-1682), den man \u00f6ffentlich auf dem Scheiterhaufen verbrannte. Awwakum, der sein Leben lang unter Bauern lebte, lehrte, dass die teuflische Dreifaltigkeit die Welt regiert: die Schlange ist der Satan selbst, das Biest ist der Zar und ihr Antiprophet ist der Patriarch. Die Bauernschaft sieht kein Entrinnen aus dem Reich des B\u00f6sen, verl\u00e4sst massenhaft D\u00f6rfer, zieht in die W\u00e4lder, hungert, lebt in S\u00e4rgen usw. Zar Peter I. \u201eder Gro\u00dfe\u201c (1672-1725) kehrte angeblich aus seinem Auslandsaufenthalt als Doppelg\u00e4nger zur\u00fcck, all seine prowestlichen Reformen, Pflicht zum Abrasieren des Bartes und \u00f6ffentliche Hinrichtungen der Sch\u00fctzen deuteten darauf hin, dass er der Antichrist selbst sei. Es entsteht ein neuer oppositioneller, au\u00dferkirchlicher Volkskultus mit zahlreichen Propheten und Heiligen, schamanischen ekstatischen Ritualen, freien Ehen, Flusstaufen, Massenfluchten in die \u00d6dnis weit weg vom Zugriff der Staatsgewalt<sup>20<\/sup>. Das allerletzte Mittel der Abwehr waren die massenhaften Selbstverbrennungen und andere Arten von kollektivem Suizid, die bis ins 18. Jhd. hinein andauerten. Wie viele es waren, ist schwer abzusch\u00e4tzen: W. D. Bon\u010d-Brujewi\u010d, der sich ausgiebig mit dem russischen Sektenwesen besch\u00e4ftigt hat, gibt alleine Zwanzigtausend Selbstverbrennungen an. (Vgl. 1973) Noch mehr zogen an die \u00e4u\u00dferen Grenzen des Reiches, gingen nach Schweden, Polen, Preu\u00dfen, in die T\u00fcrkei.<\/p>\n<p>Auf diese Weise ist am Don eine bemerkenswerte Bev\u00f6lkerungsgruppe entstanden: die Kosaken. Das waren Bauern, die vor Verfolgung in die ukrainische Steppe flohen, um sich dort in Freiheit niederzulassen. Bis Mitte des 17. Jhd. differenzierten sie sich auch in die \u201eguten\u201c, die l\u00e4nger da waren, und die \u201ebesitzlosen\u201c, neu zugezogenen, aus. Sie betrieben Handel, heuerten hin und wieder f\u00fcr die Regierung in Moskau an, beteiligten sich f\u00fcr Geld, seltene Waren und Rohstoffe an Russlands Kriegsz\u00fcgen. Von daher eine romantisierende Sicht auf die \u201efreiheitlichen\u201c Kosaken, wie man ihr z.B. bei Danyluk (2010) begegnet, stimmt zumindest nicht ganz. Die Wohlhabenden waren mit ihrem Dienst f\u00fcr Moskau recht zufrieden, die \u00c4rmeren arbeiteten f\u00fcr sie als Tagel\u00f6hner oder gingen auf Raubz\u00fcge, hassten Moskau aber abgrundtief. So waren z.B. die besitzlosen Kosaken die treibende Kraft hinter dem Aufstand unter dem Kommando Stepan Rasin (ca. 1630-1671), der von wohlhabenden Kosaken verraten und an die Regierung ausgeliefert wurde. Als Reaktion auf den Aufstand forderte Moskau 1671 von den Don-Kosaken, einen Treueeid auf den Zaren zu leisten. Um diese Zeit kommen auch geflohene Altgl\u00e4ubigen aus Nowgorod sowie Sch\u00fctzen aus Moskau am Don an und der alte Glaube bildet nach kurzer Zeit die revolution\u00e4re Ideologie des armen Kosakentums. 1683 und 1687 unternimmt man zwei Versuche, einen Kriegszug gegen \u201edas Zarenreich des Antichrists\u201c in Moskau zu organisieren, beide Versuche werden von den \u201eguten\u201c Kosaken vereitelt, die Anf\u00fchrer hingerichtet. Die Verschw\u00f6rer operieren zwar immer noch unter dem Banner des alten Glaubens, rufen die kaukasischen und Ural-Kosaken zum gemeinsamen Feldzug im Namen des rechten Glaubens gegen das Moskauer Reich auf, die Eschatologie ger\u00e4t aber immer mehr in den Hintergrund und wird zur Chiffre f\u00fcr den Kampf der unteren Klassen f\u00fcr soziale Gerechtigkeit. Um das Jahr 1693 wird dieser letzte Auswuchs des religi\u00f6sen Schismas nochmals verraten und endg\u00fcltig zerschlagen, die Kosaken schw\u00f6ren den Zaren ewige Treue und ihre \u201eFreiheitlichkeit\u201c kommt so zu Ende. Mit Nikol&#8217;skijs Worten ist hier der chiliastische Altglaube zu sich gekommen \u2013 <strong>das Ende der Welt ist <\/strong><strong>blo\u00df <\/strong><strong>d<\/strong><strong>ie<\/strong><strong> Chiffre f\u00fcr den Untergang<\/strong><strong> des Moskauer Reiches, die Wiedergeburt Christi ist nichts Anderes als die soziale Revolution<\/strong>. (1983, S. 186)<\/p>\n<p>Vom Ende des 17. bis Mitte 19. Jhd. lebt die russische Bauernschaft unter Leibeigenschaft, die Landwirtschaft orientiert sich langsam an der Produktion f\u00fcr den Markt um, das Handelskapital bringt allm\u00e4hlich das Industriekapital hervor. Peter der Gro\u00dfe k\u00fcmmert sich nicht mehr wie seine Vorg\u00e4nger um den rechten Glauben. Er verfolgt eine merkantilistische Wirtschaftspolitik, stellt das kirchliche Segment der Wirtschaft unter das Kommando des Staates und erhebt hohe Steuern. Eine Ministerialabteilung soll die L\u00e4ndereien der Kirche in Staatsbesitz \u00fcberf\u00fchren. 1721 wird daraus eine eigene Beh\u00f6rde nach dem Vorbild des protestantische Konsistoriums (nach dem Livl\u00e4ndischen Feldzug 1711 ist Peter der Gro\u00dfe der dortigen Konsistorien), die allerdings ohne Beteiligung der Geistlichen funktionieren sollte. Aus dem Projekt entsteht die Synode, das oberste Gremium der orthodoxen Kirche unter der F\u00fchrung eines nicht geistlichen Beamten, eines Oberstaatsanwalts, was eine Gleichschaltung der Kirche einleitet. Alle Versuche, dieses Schicksal abzuwenden, bleiben erfolglos, da die Kirche l\u00e4ngst nicht mehr \u00fcber eine materielle Basis verf\u00fcgt, die einen ernsthaften politischen Streit mit dem Staat erlauben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Sein Nachfolger, Peter III. (1728-1762) f\u00fchrt seine Reformen weiter und versucht Bauernunruhen mit der Verteilung der kirchlichen L\u00e4ndereien zu begegnen. Unter Katharina der Gro\u00dfen (1729-1796) schlie\u00dflich erf\u00e4hrt die Priesterschaft eine weitere Dem\u00fctigung, die Geistlichen werden verbeamtet. 1817 gr\u00fcndet man ein Ministerium f\u00fcr religi\u00f6se Belange und Volksaufkl\u00e4rung, die Synode wird zu einer Abteilung neben Abteilungen anderer Konfessionen der Russischen Reiches. 1824 aber erh\u00e4lt die Synode wieder Sonderrechte, ihr Oberstaatsanwalt wird zum Minister f\u00fcr religi\u00f6se Belange; die W\u00e4hlbarkeit des Klerus in der Gemeinde wird abgeschafft, die Simonie nochmals ausdr\u00fccklich verboten, daf\u00fcr werden Geistlichen zus\u00e4tzliche Pflichten auferlegt \u2013 sie m\u00fcssen von nun an aufkeimende Unruhen oder Dissens sowie das Aufkommen neuer Sekten bei der Polizei melden und bei jedem Gottesdienst f\u00fcr die Obrigkeit beten. Nicht, dass sie es davor nicht getan h\u00e4tten, aber die letzten Reste ihrer einstigen Autonomie schwinden immer mehr dahin. Die volkst\u00fcmliche theologisch-rituelle Kreativit\u00e4t wird noch st\u00e4rker unterbunden, der lokale Reliquien- und Heiligenkult muss von staatlichen Stellen genehmigt werden.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste wichtige Reformaufgabe ist die umfassende Ausbildung angehender Priester: Ihre M\u00e4rchengeschichten und magischen Rituale gen\u00fcgen l\u00e4ngst nicht mehr der Realit\u00e4t des 19. Jhds. Seit 1808 geh\u00f6ren auch zumindest Ans\u00e4tze weltlicher Wissenschaften und vertiefte Theologie zur Seminarausbildung; das Moskauer Seminar versucht das Ausbildungsniveau des hoch angesehenen Kyiver Seminars zu erreichen. Dies ist ungef\u00e4hr der Zeitpunkt &#8211; der Zeitpunkt des Senkfluges der verfassten russischen Kirche allerdings &#8211; ab dem man tats\u00e4chlich vom Anfang der, wenn auch theologisch angehauchten, Philosophie im Land sprechen kann. Denn sp\u00e4ter, in den 1870 bis 1880er Jahren zeigt sich ein Nebeneffekt dieser Ausbildung, als es notwendig erscheint auch aktive Propaganda gegen darwinistische und sozialistische Ideen in Russland zu betreiben, deutlich: Seminare und andere Priesterschulen werden zu Keimzellen des Freidenkertums unter den angehenden Priestern aus den unteren Klassen<sup>21<\/sup>.<\/p>\n<p>Die Zeit wirtschaftlicher Umbr\u00fcche geht auch an Sekten und anderen religi\u00f6sen Zusammenschl\u00fcssen nicht spurlos vorbei. Die \u00dcberreste des Altglaubens fliehen vor polizeilicher Verfolgung, wie gesagt, entweder an die \u00e4u\u00dferen Grenzen oder gar ins Ausland. In den neu besiedelten Gebieten, im Kaukasus, in der Ukraine, in Belarus, um das Kaspische Meer, hinter dem Ural, wo sie etwas freier atmen k\u00f6nnen, lassen sich viele Handwerker, H\u00e4ndler, Manufakturenbesitzer nieder. Gegenseitige Unterst\u00fctzung, das Gew\u00e4hren des Kredits an Gemeindemitglieder und andere wirtschaftliche Vorteile (z.B. Aufhebung der Pflicht, Leute oder anderes Material ans Milit\u00e4r abzuliefern) binden die Gemeinde noch fester zusammen und da sie \u00f6fters mit einer religi\u00f6sen Predigt verbunden sind, zogen viele Au\u00dfenstehende zu diesen trotz verst\u00e4rkter Besteuerung aufbl\u00fchenden Wirtschaftsstandorten. Gelegentlich wird von der fast schon calvinistischen Rede in diesen reichen Gemeinden berichtet: An deren Reichtum sei schon deutlich zu erkennen, auf wessen Seite Gott steht. Auch wenn die Obrigkeit das gewiss nicht so sah, sch\u00e4tzte sie diese wirtschaftliche Kraft: Bereits 1762 verabschiedete Katharina die Gro\u00dfe ein Manifest, das \u201ealle\u201c aus dem Land Geflohenen willkommen hie\u00df \u2013 alle, au\u00dfer J\u00fcdInnen.<\/p>\n<p>Eine Str\u00f6mung der Altgl\u00e4ubigen machte davon Gebrauch. Diejenigen, die aus welchen Gr\u00fcnden auch immer in ihrem religi\u00f6sen Leben auf eine professionalisierte Priesterkaste angewiesen waren, mussten feststellen, dass der alte Schisma-Klerus ausstarb und die bisch\u00f6fliche Nachfolge den Bedarf nicht decken konnte. Sie gingen mit dem Staat und seiner Kirche folgenden Kompromiss ein: Sie akzeptierten in ihren Gebetsh\u00e4usern Priester des Moskauer Patriarchats, die nach vorschismatischen Gebr\u00e4uchen dienten, und wurden ihrerseits 1800 zur\u00fcck in die orthodoxe Gemeinschaft aufgenommen. Die Str\u00f6mung besteht innerhalb der ROK auch heute noch und nennt sich \u201eder Einheitsglaube\u201c<sup>22<\/sup>.<\/p>\n<p>Diejenigen, die zu solchen Kompromissen nicht f\u00e4hig waren, verweilten in der Isolation etwas l\u00e4nger, praktizierten manchmal G\u00fctergemeinschaft innerhalb ihrer Gemeinden, hielten sich noch an den althergebrachten Chiliasmus. Doch die wirtschaftlichen Tendenzen zwangen auch sie, sich dem Markt zu \u00f6ffnen, was unabwendbar zu sozialer Differenzierung selbst der kommunistischsten Gemeinden und schlie\u00dflich zu ihrer Zersetzung f\u00fchrte. Die Reste folgten entweder den Einheitsgl\u00e4ubigen oder gingen in moderneren evangelikalen, protestantischen Sekten auf.<\/p>\n<p>Sekten waren eher in den St\u00e4dten als auf dem Land verbreitet. Die radikaleren unter ihnen trennten sich vom st\u00e4dtischen kleinb\u00fcrgerlichen Milieu, um auf dem Weg der Opposition zur falschen Welt zu bleiben. Mitte des 17 Jhd., als ein fahnenfl\u00fcchtiger Soldat namens Daniil den Geist Jesu in seinem K\u00f6rper empf\u00e4ngt und sich eine Bewegung der \u201eGottes Leute\u201c scharrt, die gew\u00f6hnlich als \u201eChlysten\u201c bezeichnet werden. \u00dcberall tauchen neue Messias&#8217; auf, die Leute um sich scharen, Offenbarung ohne B\u00fccher predigen, Selbstkasteiung, gnostische Tanz- und Sexorgien praktizieren. Solche Gemeinden nannten sich \u201eSchiffe\u201c, ihre Anf\u00fchrer &#8211; \u201eSteuerm\u00e4nner\u201c. Mit der nachfolgenden Ausdifferenzierung bildeten sich die st\u00e4dtischen \u201eSchiffe\u201c um Familienunternehmen, wo die \u201eSteuerm\u00e4nner\u201c ihre Besitzer waren, die \u201ePropheten\u201c- ihre Helfer, die \u201eM\u00fctter Gottes\u201c &#8211; ihre Ehefrauen oder Liebhaberinnen. Zu Anfang des 19. Jhd. waren \u201eChlysten-Schiffe\u201c unter H\u00e4ndlern und Industriellen sehr verbreitet, bildeten sie doch eine sehr bequeme M\u00f6glichkeit, die ArbeiterInnen im Namen Christi auszubeuten. Sexuell freiz\u00fcgig waren die \u201eSchiffe\u201c nat\u00fcrlich l\u00e4ngst nicht mehr. Im Gegenteil: Die Bewegung erfuhr eine weitere Entwicklung als sie sich z.T. mit der b\u00e4uerlichen Sekte der Skopzy (\u201eKastraten\u201c) vermischte. In der Kastration sah man ein notwendiges Mittel, um sich gegen die S\u00fcnde zu sch\u00fctzen. Das erste \u201eSkopzen-Schiff\u201c in Moskau entstand z.B.in einer Leintuchmanufaktur. Die reichen Skopzen kastrierten mit Vorleibe ihre Arbeiter und selbstverst\u00e4ndlich nicht sich selbst. (Vgl. dazu Bon\u010d-Brujewi\u010d 1973) Als es zum Massenph\u00e4nomen zu werden drohte, verfolgte die Regierung die \u201eSchiffe\u201c auf Sch\u00e4rfste.<\/p>\n<p>Die Ende des 18 Jhd. entstandene L\u00e4ufer-Sekte (sie liefen ja tats\u00e4chlich weg und waren als wandernde PredigerInnen in ganz Russland unterwegs) zahlte keine Steuer mehr, lie\u00dfen sich \u00fcberhaupt nicht als Alt- oder Andersgl\u00e4ubige registrieren. Die Wohlhabenden unter ihnen, die sich nicht so einfach von ihrem Gut trennen konnten, verpflichteten sich als \u201eGastgeber\u201c f\u00fcr Wanderprediger. So entstand ein ganzes Netz aus geheimen L\u00e4uferInnend\u00f6rfern, die eigene Sprachcodes, eine eigene verschl\u00fcsselte Geographie entwarfen und eigene Ausweise \u201eim Gottes Namen\u201c ausstellten. Trotz der Tatsache, dass sie den urchristlichen Kommunismus auf Erden predigten und zu leben versuchten, war durch die Aufteilung in eigentliche L\u00e4ufer und ihre \u201eGastgeberInnen\u201c ihr Zerfall vorprogrammiert.<\/p>\n<p>Ebenfalls aus den Chlysten hervorgegangen sind Duchoborzen, die wiederum eine Reaktion auf die b\u00fcrgerliche Verformung der \u201eSchiffe\u201c darstellten. Sie lehrten, dass der Mensch wundervoll sei, die Welt sei ihm zum Genie\u00dfen gegeben, hatten starke kommunistische und rationalistische Tendenzen. Ihre Dreieinigkeit bestand z.B. aus Ged\u00e4chtnis, Vernunft und Willen; es komme der neue Himmel und die neue Erde, alle Obrigkeit h\u00f6re dann auf und alle \u201eMauern zwischen den Menschen werde das Feuer durchfressen\u201c. Sie mussten ebenfalls weiter weg vom Zentrum des Reiches fliehen, z.B. in die kaukasische Region, wo sie, wie viele anderen aufgrund ihrer eigenen Wirtschaftsweise ihre kommunistischen Tendenzen nicht aufrechterhalten konnten und Frieden mit den \u201eKindern Kains\u201c drau\u00dfen schlie\u00dfen mussten. Ihr Niedergang in den 1830ern wurde von der Regierung dazu genutzt, sie auch im Exil endg\u00fcltig zu zerschlagen.<\/p>\n<p>Das sich noch langsam formierende Proletariat tritt in den St\u00e4dten allen m\u00f6glichen Str\u00f6mungen des alten Glaubens bei, nicht zuletzt, weil die Glaubensgenossen einander vom Milit\u00e4rdienst \u201ezu g\u00fcnstigen Bedingungen\u201c frei kauften. Skopzy indes waren immer noch fest im Handels- und Industriekapital, im Bankengesch\u00e4ft verankert und waren dem Staat gegen\u00fcber sehr loyal; auch durch die Kastration verunstaltete Bauern zogen in die Stadt auf der Suche nach neuer Arbeit \u2013 zu schweren Arbeiten in der Landwirtschaft waren sie nicht mehr f\u00e4hig. Alexander I. pers\u00f6nlich und viele am Zarenhof waren sehr angetan vom damaligen Skopzenanf\u00fchrer Kondratij Seliwanow, der nach St. Petersburg zog und dort das \u201eHauptschiff\u201c gr\u00fcndete. Seliwanow allerdings verfolgte eine theokratische Vision von einem messianischen Reich unter Skopzenherrschaft und versuchte seine Leute in die Regierung hinein zu schleusen, hatte viele Anh\u00e4nger unter Soldaten und Offizieren.<\/p>\n<p>Die Regierung ertrug dieses sp\u00e4te Aufbl\u00fchen des Altglaubens, bis dem Staat der Adeligen diese objektiv fortschrittliche Ideologie des Kapitals zu ungeheuer wird und Zar Nikoaus I. (1796-1855) dem bunten Treiben mit Repressionen und Enteignungen ein Ende setzt. In drei\u00dfig Jahren seiner Herrschaft verabschiedete Nikoaus I. etwa 495 geheime Dekrete, die meistens verschiedene Sekten betrafen. (Zum Vergleich: Sein Vorg\u00e4nger Alexander I. schaffte in 24 Jahren nur 59). So z\u00e4hlte man zu den \u201ebesonders b\u00f6sartigen\u201c die \u201eJ\u00fcdelnden\u201c, die Duchoborzen und ihre Abzweigungen, Skopzy und all diejenigen, die Priester, Ehe und das Gebet f\u00fcr den Zaren ablehnen; zu den einfach \u201eb\u00f6sartigen\u201c z\u00e4hlte man SektiererInnen, die nur den Berufsklerus ablehnen und \u201eau\u00dferdem dem demokratischen Geist fr\u00f6nen\u201c. (Bon\u010d-Brujewi\u010d 1973, S. 259f) Seit 1842 drohte f\u00fcr eine durchgef\u00fchrte Kastration lebenslange Katorga, Zwangsarbeit in Sibirien.<\/p>\n<p>Mit der Abschaffung der Leibeigenschaft 1861 wurde es einfacher, sich von der offiziellen Kirche zu l\u00f6sen. Ungef\u00e4hr ab diesem Zeitpunkt verliert das Sektentum seinen Massencharakter, selten kommt es zu Gerichtsprozessen gegen einzelne Sekten. Vermutlich die Einzigen, die bis Anfang des 20. Jhd. noch einen Aufschwung erleben, sind die sogenannten \u201eStundisten\u201c<sup>23<\/sup>: eine evangelisch-protestantische Bewegung in den ukrainischen, belarussischen und kaukasischen Siedlungsgebieten deutscher KolonistInnen, die nach und nach die einheimischen ArbeiterInnen anzog. Zwar entstanden auch hier fr\u00fcher oder sp\u00e4ter mystische Str\u00f6mungen wie z.B. die \u201eH\u00fcpfer\u201c, doch die kleinb\u00fcrgerliche \u201eStunda\u201c zerlegte sich wieder allm\u00e4hlich und ging im Baptismus auf. (Vgl. dazu Nikol&#8217;skij 1983) Die vermutlich einzige wirklich interessante Episode im Leben der offiziellen russischen Kirche war die allm\u00e4hliche theologische Ann\u00e4herung und Vorbereitung einer Sakramentsgemeinschaft mit der Altkatholischen und der Anglikanischen Kirche Gro\u00dfbritanniens, die seit 1830er Jahre bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs andauerten<sup>24<\/sup>.<\/p>\n<p>Anfang des 20. Jhd. befand sich die Staatskirche also bereits in der tiefsten Krise. Sie war jeglicher Eigenst\u00e4ndigkeit beraubt, mit immer weniger Anh\u00e4ngerInnen sowohl in den oberen Schichten als auch im gemeinen Volk und sogar die angehenden Priester suchten nach besseren Lebensperspektiven woanders. Bemerkenswert in dieser Hinsicht ist die Figur des Petersburger Geistlichen Georgij Gapon, der die Arbeiterorganisationen am 9. Januar 1905 in einer friedlichen Demonstration zum Zarenpalast f\u00fchrte, wo sie von der Armee blutig auseinander gejagt wurde (der sogenannte \u201eBlutsonntag\u201c). Gapon, der entkommen konnte, schrieb am n\u00e4chsten Tag einen Aufruf zum bewaffneten Kampf an die Arbeiterschaft. Das war der Anfang der ersten Russischen Revolution. Unter dem Druck der Ereignisse verabschiedete die Regierung Gesetze \u00fcber religi\u00f6se Toleranz und Gewissensfreiheit. Sie stellten einen schweren Anschlag auf die Positionen der Kirche dar, obwohl sie nur konstatierten was schon l\u00e4ngst gang und g\u00e4be war.<\/p>\n<p>In den Zeiten der revolution\u00e4ren Umw\u00e4lzungen stellte sich die ROK insgesamt unmissverst\u00e4ndlich auf die Seite der Reaktion<sup>25<\/sup>. Als die Revolution sich bereits unmissverst\u00e4ndlich ank\u00fcndigte, versuchte die Kirche Unruhen zu sch\u00fcren und die Bauernschaft gegen die st\u00e4dtische Arbeiterbewegung aufzuwiegeln. Die Teilnehmer des allrussischen Kirchenkonzils im August 1917 beschlossen, dass die Kirche eine entscheidende Rolle bei der Bek\u00e4mpfung der Revolution spielen sollte, welche letztere sie als deutschen Angriff auf die russische Souver\u00e4nit\u00e4t denunzierten. Zumindest die erste Einsch\u00e4tzung musste auch die provisorische Regierung teilen, denn unter den Anwesenden befand sich auch der damalige Regierungschef Alexander Kerensky (1881-1970). Direkt nach dem Umsturz verbreiten die Geistlichen Flugbl\u00e4tter und Predigten gegen die Bolschewiki. In Moskau, wo die K\u00e4mpfe um Einiges blutiger als in St. Petersburg waren, stellte die Kirche den regimetreuen Armeeeinheiten Glockent\u00fcrme am Roten Platz und im Kreml f\u00fcr das Aufstellen der Maschinengewehre zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Am 30. Oktober 1917 nutze die ROK ihrerseits den Kollaps der staatlichen Macht und f\u00fchrte einen russlandweiten Konzil durch, auf dem beschlossen wurde, das Patriarchenamt wiederherzustellen. Der neue Chef der Kirche wurde Tichon (1865-1925) \u2013 ehemaliger Vorsitzender der klerikalfaschistischen antisemitischen Organisation \u201eDie Vereinigung des russischen Volkes\u201c in Jaroslawl. Mit dieser organisatorischen Neuformierung intensivierte die Kirche ihre propagandistischen Bem\u00fchungen: noch aktiver als zuvor verschrie sie die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft als einen neuen babylonischen Turmbau, die Revolution als kulturelle Katastrophe und forderte vom Staat ihre im Zuge der Landreform weggenommene L\u00e4ndereien zur\u00fcck. Indes enteigneten hie und da die Bauern Kl\u00f6ster und Kirchen auf eigene Faust. Auf das Dekret Anfang 1918 \u00fcber die Trennung der Schule von der Kirche und der Kirche vom Staat reagierte Tichon mit einem Anathema gegen die Sowjetregierung. Diese aber rief ihrerseits trotz allem militantem Atheismus Gewissensfreiheit aus \u2013 nicht nur das Recht, jeder beliebigen Religion, sondern auch gar keiner Religion anzugeh\u00f6ren, und entfernte aus allen Akten und pers\u00f6nlichen Dokumenten Vermerke \u00fcber Religionsangeh\u00f6rigkeit \u2013 eine unabdingbare Grundlage des b\u00fcrgerlichen Rechts, f\u00fcr Russland jedoch ein Novum.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der milit\u00e4rischen Intervention der Antanta-M\u00e4chte mit dem Ziel der Restauration politischer Verh\u00e4ltnisse in Russland, erfuhren die Alliierten jede erdenkliche Unterst\u00fctzung seitens der ROK; im B\u00fcrgerkrieg dr\u00e4ngte sie auf den von der Wei\u00dfen Garde kontrollierten Territorien zur Aufhebung der bolschewistischen Enteigungsdekrete, sammelte Geld f\u00fcr die noch k\u00e4mpfenden \u00dcberreste der zaristischen Armee und beteiligte sich manchmal direkt an den Aufst\u00e4nden im sozialistischen \u201eKernland\u201c (so z.B. im Juli 1918 in Jaroslawl). In der Armee des zaristischen Admirals Koltschak (1874-1920) gab es Einheiten, die ausschlie\u00dflich aus Geistlichen bestanden: Kompanie Jesu, Kompanie der Muttergottes usw. Die ganze Zeit verbreitete die Kirche innerhalb wie au\u00dferhalb des Landes L\u00fcgen \u00fcber willk\u00fcrliche Repressionen gegen Geistliche.<\/p>\n<p>Die Repressionen folgten tats\u00e4chlich erst ab Juli 1918, als die Bolschewiki die rege gegenrevolution\u00e4re T\u00e4tigkeit der Kirche zu unterbinden suchten \u2013 doch selbst dann hie\u00df es, die ChristInnen w\u00fcrden verfolgt, weil sie eben ChristInnen seien. \u00dcberliefert sind allerdings auch Schilderungen brutaler Racheaktionen, denen der niedere d\u00f6rfliche Klerus zum Opfer fallen musste, doch galten sie nicht dem Christentum. So wie im folgenden Beispiel beim Eintreffen anarchistischer Machno<sup>26<\/sup>-Milizen in einem ukrainischen Dorf:<\/p>\n<p>\u201eThe accused did not cry out any more. Very pale, hardly conscious of what was happening, he stood up. His gaze was lost in the distance, and he moved his lips without speaking. The insurgent signalled to several comrades, who immediately surrounded the pope. \u201eComrades\u201d, he cries to the peasants, \u201eyou all say that this man, a proved counter-revolutionist, has drawn up and sent to the White authorities a list of &#8216;suspects&#8217; and than as a consequence of this denunciation several peasants ware arrested and executed. Is that right?\u201d \u201eYes, that is the truth!\u201d roared the crowd. \u201eHe had forty of us assassinated. The whole village knows it\u201d. And again they mentioned the names of the victims and called upon definite witnesses. Several relatives of the executed men came to confirm the facts. The authorities themselves had spoken to them of the list drawn up by the priest in explanation of their actions. The priest said no more. \u201eAre there any peasants here to defend this man?\u201d asked the insurgent. \u201eDoes anyone doubt his guilt?\u201d No one moved. Then the insurgent seized the pope. Brutally he took off his cassock. \u201eWhat fine cloth!\u201d he said. \u201e<strong>With this, we can make a beautiful black flag. Our&#8217;s is all worn out\u201d<\/strong>. Then he said to the pope. \u201eNow get on your knees and say your prayers without turning around\u201d. The condemned man did so. He went down on his knees, and with folded hands began to murmur. \u201eOur Father which art in heaven, hallowed be thy name, thy kingdom come&#8230;\u201d Two Insurgents came up behind him. The drew their revolvers, aimed and fires several bullets into his back. The shots rang out, dry and implacable. The body fell over. It was finished. The crowd disbanded slowly talking about the event\u201d. (Voline 1955, S. 153f)<\/p>\n<p>1922 ereigneten sich in weiten Teilen des Landes schlimme Hungersn\u00f6te, woraufhin die Regierung die Kirchen nochmals enteignete, um Mittel f\u00fcr hungernde Regionen zu sammeln. Dies geschieht unter heftigen Protesten und gewaltsamen Unruhen, was sogar viele bekennende Gl\u00e4ubige von der tichonschen Kirche abbringt. Im Mai 1922 wird Patriarch Tichon bei einem Gerichtsprozess aus einem Zeugen zum Angeklagten wegen Aufwiegeln gegen die Enteignungen.<\/p>\n<p>In kirchlichen Kreisen bleibt es nicht ohne Reaktion. Ungef\u00e4hr zur Zeit dieser Prozesse kommt in der ROK die Bewegung der sogenannten \u201eErneuerer\u201c, deren Vorl\u00e4ufer anscheinend die \u201eFreie Volkskirche im freien Volksstaat\u201c war. Die \u201eErneuerer\u201c wollen zur\u00fcck zum \u201eechten\u201c, unverf\u00e4lschten Christentum, wollen die Entfremdung der zaristischen Kirche vom Volk \u00fcberwinden. Sie erkannten das Recht der sozialistischen Revolution und der internationalen ArbeiterInnenbewegung und strebten durchaus demokratische Reformen innerhalb der Kirche an: u.a. die Abschaffung des Patriarchenamtes und der Kl\u00f6ster, Vereinfachung der Liturgie und ihre \u00dcbersetzung ins moderne Russische. \u201eDie sowjetische Regierung als die einzige auf der ganzen Welt, die sich mit staatlichen Mitteln an die Verwirklichung jener Gebote der sozialen Gerechtigkeit machte, die (&#8230;) vom Gott gelehrt wurde\u201c, hie\u00df es in eine Beschluss der \u201eErneuerer\u201c. (Zit. nach Plaksin 1987) Ihr Einfluss ging einerseits soweit, dass der zweite allrussische Konzil im Fr\u00fchling 1923 die gegenrevolution\u00e4ren Umtriebe Tichons und der Kirche insgesamt verurteilte und Tichon nicht nur des Patriarchenamtes, sondern sogar seines M\u00f6nchtums enthob und wieder zu einem \u201eweltlichen Menschen\u201c machte, und die sogenannte \u201eROK im Ausland\u201c aus der orthodoxen Kirche exkommunizierte. Am 16 Juni 1923 wandte sich Tichon an das oberste Gericht Sowjetrusslands mit einem Brief, in welchem er seine Taten bereute und um Vergebung bat. Andererseits ging die \u201eErneuerer-Bewegung\u201c als ein verzweifelter Versuch der ROK, sich neuen gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen anzupassen, bald selbst ein: Wenn 1923 etwa 70% aller Kirchengemeinden \u201eerneuerisch\u201c waren, so waren es 1926 etwa 22% und 1932 \u2013 \u00fcberhaupt 14%. (Vgl. dazu Plaksin 1987)<\/p>\n<p>Es gab auch eine andere Reaktion auf die Geschehnisse. Die bereits erw\u00e4hnte \u201eROK im Ausland\u201c (auch \u201eKarlovacker Kirche\u201c genannt) war eine erzkonservative Vereinigung orthodoxer Geistlichen im Exil. Das waren z.T. Bisch\u00f6fe, die auf den von der Wei\u00dfen Garde kontrollierten Territorien w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkrieges das Provisorische Obere Kirchengremium bildeten, nach der Niederlage in Sibirien sich den Truppen Barons von Wrangel (1878-1928) anschlossen, mit ihm ins Ausland flohen, wo sie sich 1921 in der serbischen Stadt Sremski Karlovci niederlie\u00dfen. In den 1920er Jahren betrieben sie rege monarchistische, revanchistische Propaganda in den russischen Exilkreisen. Nach der \u00f6ffentlichen Reue Tichons und vor allem nach dem Aufruf Sergijs (1867-1944), des stellvertretenden Moskauer Patriarchen 1927, Frieden mit Sowjetrussland zu schlie\u00dfen, brechen sie endg\u00fcltig mit der ROK und erkl\u00e4ren sich zur einzigen noch wahren russischen Kirche. Vor dem zweiten Weltkrieg setzt die \u201eROK im Ausland\u201c ihre Hoffnungen ganz unverbl\u00fcmt auf Hitler, der \u201edie christliche Welt vor dem gottlosen Bolschewismus retten\u201c sollte. Das Lieb\u00e4ugeln der Nazis mit russischen monarchistischen Kreisen fing vermutlich Anfang 1920 Jahre an und zwar mit Hilfe des Baltendeutschen Alfred Rosenberg, der Kontakte zum Oberen Monarchistenrat in Bad Reichenhall pflegte. 1936 fand in Berlin ein Konzil der \u201eKarlovacker Kirche\u201c statt. 1938 bauten Nazis eine Kathedrale f\u00fcr die \u201eKarlovacer\u201c und stellten Mittel zur Renovierung zahlreicher orthodoxen Kirchen zur Verf\u00fcgung \u2013 unter Bedingung allerdings, dass der deutschen Exsarchie ein Deutscher vorstehen soll. So war der Anfang einer wunderbaren Freundschaft gemacht \u2013 zumindest schien es so damals: 1941 schrieb Archimandrit Johann, der sp\u00e4ter russisch-orthodoxer Erzbischof von San-Francisco wurde:<\/p>\n<p>\u201eDie Vorsehung Gottes enthebt das Volk Russland von der Notwendigkeit eines neuen B\u00fcrgerkrieges, indem er eine fremde Macht dazu beruft, diese Pflicht zu erf\u00fcllen. Die blutige Operation zum Sturz der 3. Internationale wird einem sorgsamen, in seiner Wissenschaft erfahrenen deutschen Chirurgen aufgetragen&#8230; \u00dcber allem Menschlichen wirkt das Schwert Gottes. Eine neue Seite der russischen Geschichte wurde am 22. Juni aufgeschlagen, am Tag, an welchem die russische Kirche &#8216;aller Heiligen, die Russland erhellt haben&#8217;, gedenkt. Wenn das kein selbst f\u00fcr einen Blinden sichtbares Omen ist, dass die Ereignisse von einer h\u00f6heren Macht gesteuert werden\u201c. (Zit. nach Gordienko 1975)<\/p>\n<p>Die \u201eROK im Ausland\u201c wandte sich mehrmals an den US-Pr\u00e4sidenten Roosevelt mit der Bitte, keine milit\u00e4rische Hilfe der UdSSR zukommen zu lassen; der europ\u00e4ische Teil der Kirche formt in Jugoslawien den \u201erussischen Wehrkorps\u201c, um die Partisanen zu bek\u00e4mpfen; mit anderen Worten, selbst nach dem Zerfall der monarchistischen Exilkreise findet sie immer eine Kraft, die reaktion\u00e4r genug ist, um sich ihr anzuschlie\u00dfen. Nach dem Krieg sagt sich der US-amerikanische Teil auf Insistieren der Gemeinde von der Kirche in Europa los: Selbst den konservativsten Gl\u00e4ubigen war das offen profaschistische Treiben der Kirche ungeheuer. Teile der Kirchengemeinde im Ausland finden nach dem zweiten Weltkrieg entweder zur\u00fcck zum Moskauer (wie die US-amerikanische Mitropolie, die seit 1970 einen autokephalen Status genie\u00dft) oder zum Konstantinopeler Patriarchat, die \u201eROK im Ausland\u201c hatte ihre Gemeinden in den USA, Kanada, Australien, Lateinamerika und Westeuropa. 2007 wurde die \u201eROK im Ausland\u201c offiziell in die ROK aufgenommen und gilt seitdem als ihre autonome Teilkirche<sup>27<\/sup>.<\/p>\n<p>Interessant w\u00e4re es, vor allem mit Hinblick auf noch kommende gesellschaftliche Entwicklungen<sup>28<\/sup>, wenigstens kurz auf die Tradition der sogenannten religi\u00f6sen Philosophie in Russland einzugehen. Wegen theologischer Schw\u00e4che des orthodoxen Christentums \u2013 so war es wohl erst Mitropolit Platon (1737-1812), der die Glaubensprinzipien schriftlich systematisierte \u2013 stellt die philosophische Tradition sozusagen eine Sp\u00e4tgeburt dar: zwar f\u00e4ngt man \u00fcblicherweise mit dem ukrainischen Mystiker Gregorius Skoworoda (1722-1794) an, um sie mit vereinzelten apologetischen Schriften \u201eslawophiler\u201c<sup>29<\/sup> Denker fortzuf\u00fchren, die eigentlich interessante Periode ist jedoch die unmittelbar vor der ersten Russischen Revolution von 1905. Es ist die Schule, die mal \u201edas neue religi\u00f6se Bewusstsein\u201c, mal \u201edie Gottessuche\u201c, mal \u201edie geistige Renaissance\u201c bezeichnet wird. Ihre widerspr\u00fcchlichen Elemente bezieht sie aus der konservativen slawophilen Denktradition, aus dem Bewusstsein einer l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4lligen b\u00fcrgerlichen Revolution und religi\u00f6sen Erneuerung, Neokantianismus, Liberalismus und eines sehr gem\u00e4\u00dfigten Sozialdemokratismus. Zun\u00e4chst waren es mehr oder weniger heimliche, dann aber zunehmend \u00f6ffentliche Diskussionstreffen, auf welchen k\u00fcnstlerische Boheme, Intelligenzija und Geistliche zusammen kamen und Kirche und Politik kritisierten. Solch ber\u00fchmte Vertreter dieser Tradition entwickelten auch sehr unterschiedliche philosophischen Ans\u00e4tze \u2013 so bewegten sich etwa L. Schestow (1866-1938) und N. Berdjajew (1874-1948) eher Richtung eines christlichen Existenzialismus, S. Bulgakow (1871-1944), der bereits erw\u00e4hnte P. Florenskij<sup>30<\/sup> und S. Frank (1877-1950) entwickelten eine Philosophie der allumfassenden Einheit, W. Rosanow (1856-1919) \u2013 einen erotischen Pantheismus<sup>31<\/sup>. Das \u00fcbergeordnete Ziel dieser Bestrebungen wahr es wohl, einerseits die Kirche vor drohendem Untergang zu retten und mit ihrer Hilfe andererseits die auseinanderdriftende alte Gesellschaft zusammenzukitten. So wird es verst\u00e4ndlich, warum selbst die radikalsten und kritischsten unter ihnen (Berdjajew sympathisierte sogar eine Weile lang mit Anarchismus) angesichts kommender revolution\u00e4rer Umw\u00e4lzungen letzten Endes konservative, theokratische, obskurantistische Positionen bezogen. Einer der weltweiten Bestseller antisemitischer Literatur, die \u201eProtokolle der Weisen von Zion\u201c tauchten ebenfalls in diesem Milieu auf: \u201e&#8230;in dem Buch des orthodoxen Mystikers Sergej Nilus &#8216;Der Antichrist und seine politische M\u00f6glichkeit&#8217;, worin sie als original entdeckte &#8216;Dokumente&#8217; pr\u00e4sentiert wurden, in denen das Szenario der vergangenen Revolutionswirren und seiner Urheber enth\u00fcllt werde. Der Zar selbst zeigte sich, wie Randbemerkungen in seinem Exemplar beweisen, davon \u00fcberzeugt\u201c. (Hielscher \/ Koenen 1991, S. 127) Als nach der Oktoberrevolution dieser geistige N\u00e4hrboden wiederum von revanchistischen Stimmungen der \u201ewei\u00dfen\u201c, pro-monarchistischen Emigration in Europa befruchtet wurde, wurde Anfang 1920er die sogenannte \u201eeurasistische\u201c Idee geboren. Die Zur\u00fcckweisung des Liberalismus, Nationalismus, Imperialismus und Slawophilie fanden sich in dieser Idee unter der Schirmherrschaft der orthodoxen Kirche wieder, Russland wurde als ein grenzenloses \u201eKontinent-Ozean\u201c mit einer ganz eigenen, einzigartigen weder westlichen, noch \u00f6stlichen Mentalit\u00e4t und Geschichte ontologisiert. \u201eDer gelehrte Berg gebar eine kleine und zwar eine alte, wei\u00dfe slawophile Maus, die sich mit Spengler, Keyserling, Paul Ernst<sup>32<\/sup> und anderen Anf\u00fchrern der Niedergangs- und Zerfallsepoche der b\u00fcrgerlichen Ordnung schm\u00fcckte\u201c, &#8211; so charakterisiert den historischen Eurasismus Historiker Nikolai Meschtscherjakow. (Zit. nach Kuwakin1980, S. 125) So entsprach er den faschistischen Tendenzen europ\u00e4ischer Gesellschaften, verlor immer mehr die letzten Anfl\u00fcge der Philosophie und wurde allm\u00e4hlich zum technokratischen, klassischen faschistischen Staatskult. Und niemand von diesen sogenannten Philosophen hat so zum Ausdruck gebracht, worauf die ganze \u201eGottessuche\u201c samt ihrer eurasistischen Komponente hinaus wollte, wie Putins Lieblingsphilosoph Iwan Illjin (1883\u20131954), der im Berliner Exil die im heutigen Russland so dringend gebrauchte Ladung an Antiliberalismus, religi\u00f6s verbr\u00e4mten gro\u00dfrussischen Chauvinismus, der sich perfekt mit weltgeschichtlicher Opferrolle eines unschuldigen, unfreiwilligen Steppenimperiums und Weltversch\u00f6rungsphantasien reimt, verfasste<sup>33<\/sup>. Wie es aussieht, bedient sich der Kreml dankbar dieser Explorationswelle: Oktober 2005 wurden Iljins und seiner Frau sterbliche \u00dcberreste aus der Schweiz nach Russland transportiert und auf dem Friedhof des Donkloster in Moskau feierlich beigesetzt. Grabsteine bezahlte Wladimir Putin angeblich aus seinen privaten Mitteln<sup>34<\/sup>.<\/p>\n<p>Ende der 1930er Jahre befand sich die ROK aufgrund brutaler Repressionen und schonungsloser atheistischer Propaganda in einem recht erb\u00e4rmlichen Zustand. 1938 z\u00e4hlte sie nur noch 4 Erzbisch\u00f6fe au\u00dferhalb von Lagern und Gef\u00e4ngnissen. Die Lage \u00e4nderte sich mit der Westexpansion der Sowjetunion: Mit dem Anschluss westukrainischer, belarussischer, moldawischer und baltischer Territorien stieg die Anzahl der christlich-orthodoxen Gemeinden rapide: 1941 befanden sich etwa 90% der funktionierenden Kirchengemeinden im Land in diesen westlichen Gebieten. Wohl um die Bev\u00f6lkerung nicht zu reizen, gab es dort keine nennenswerten Repressionsma\u00dfnahmen gegen\u00fcber Gl\u00e4ubigen und Priestern. Nach dem \u00dcberfall Nazideutschlands auf seinen milit\u00e4rischen B\u00fcndnispartner geh\u00f6rte es zu den Grundprinzipien der Besatzungspolitik der Nazis, den Anschein der Religionsfreiheit zu erzeugen. Das Thema nutzten sie, um die Sympathien der einheimischen Bev\u00f6lkerung zu gewinnen. Sie verpflichteten die Geistlichen zu antibolschewistischer Propaganda und \u00f6ffentlichem Beten f\u00fcr den baldigen Sieg der deutschen Armee, spielten jeweilige nationale Gef\u00fchle gegen die Sowjetunion aus und versprachen Autonomie f\u00fcr lokale Kirchen (so z.B. in Estland, Belarus, Litauen, der Ukraine). Das Angebot wurde z.T. danken angenommen: 1943 funktionierten auf den besetzten Territorien etwa 6500 orthodoxe Gebetsh\u00e4user, doppelt so viel wie auf dem restlichen Territorium der Sowjetunion. In Belarus unterst\u00fctzten die Nazis mit Vorliebe die orthodoxen ChristInnen, da sie die katholische Minderheit f\u00fcr die \u201ef\u00fcnfte Kolonne\u201c Polens hielten. In der Ukraine dagegen waren sie den griechisch-katholischen UniatInnen gegen\u00fcber wohlwollend eingestellt, begrenzten aber ihre missionarische T\u00e4tigkeit auf Westukraine, im Rest des Landes setzten sie auf eine von Moskau unabh\u00e4ngige ukrainische orthodoxe Kirche.<\/p>\n<p>Der stellvertretende Moskauer Patriarch Sergij rief bereits am 23. Juni 1941 seine Gemeinde zum Kampf gegen die faschistische Invasion (Stalin lie\u00df sich bekanntlich ordentlich Zeit damit), sp\u00e4ter verurteilte er in einem Rundschreiben Priester in den besetzten Gebieten, die mit Nazis kooperierten. Die ROK sammelte Geld f\u00fcr die Rote Armee und f\u00f6rderte u.a. den Bau von Panzernkolonnen und Flugzeugstaffeln im Wert von rund 300 Mio. Rubel. Dabei nutzte sie ihre illegal gesammelten Spenden. Sergij wandte sich direkt an Stalin mit der Bitte, ein Bankkonto er\u00f6ffnen zu d\u00fcrfen, um diese Spenden legal zu machen. So wurde die ROK wieder eine offizielle, juristisch registrierte Organisation. Die staatliche Repressionen gegen Priester und Gl\u00e4ubige h\u00f6rten f\u00fcr die Zeit des Krieges auf, seit 1943 war es wieder m\u00f6glich, Kirchen zu er\u00f6ffnen und in Betrieb zu nehmen. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind vielf\u00e4ltig, die wichtigsten werden wohl aber zum einen das Vorbeugen der Entstehung einer \u201ef\u00fcnften Kolonne\u201c besonders in den westlichen Gebieten sein, zum anderen \u2013 was mir wichtiger scheint \u2013 das Ansehen bei den Alliierten. Gleichzeitig plante man beim Volkskommissariat f\u00fcr Staatssicherheit ein besonderes Gremium f\u00fcr Beziehungen zwischen der Regierung und der ROK. Der Staat nahm die treue Kirche wieder unter seine Fittiche, die Situation mit der Einrichtung der Synode unter Peter dem Gro\u00dfen wiederholte sich also noch einmal. Der neue \u201eOberstaatsanwalt\u201c wurde General-Major des KGB Grigory Karpow, ihm wurde auch die Aufgabe zuteil, den dezimierten Klerus wieder herzustellen. Daf\u00fcr entlie\u00df man Priester aus dem GULag oder befahl demobilisierten parteitreuen Armeeoffizieren, \u201eden Beruf zu wechseln\u201c, was viele auch taten, wie Historiker A. Krasikow berichtet. Ein \u00e4hnliches Modell der staatlich-kirchlichen Beziehungen gelang es, wenn auch nur teilweise, in Bulgarien, Tschechoslowakei und Rum\u00e4nien zu etablieren. (Furman \/ Kaariajnen 2007, S. 144ff)<\/p>\n<p>Sergijs Nachfolger, Alexij I. (1877-1970) wurde 1945 mit Zustimmung hoch angesehener christlich-orthodoxer Geistlicher anderer Kirchen zum Moskauer Patriarchen gew\u00e4hlt. Danach empfing Joseph Stalin die Delegation der ROK h\u00f6chstpers\u00f6nlich im Kreml, um die Rolle der Kirche in der sowjetischen Gesellschaft und in der Au\u00dfenpolitik zu besprechen. Wie sehr Stalin die Kirche zu der Zeit sch\u00e4tzte, zeigt sich daran, dass Alexij I. w\u00e4hrend der Siegesparade auf dem Roten Platz auf dem Mausoleum mit dabei sein durfte. (Vgl. dazu Pospelowskij 1995) \u00dcberliefert ist auch Stalins Wunsch, das Zentrum der \u00f6stlichen Orthodoxie nach Moskau zu verlagern und dort den \u201echristlich-orthodoxen Vatikan\u201c einzurichten. Das w\u00e4re allerdings nur auf einem Weltkonzil machbar gewesen, also berief man extra zu diesem Zweck 1948 in Moskau ein Konzil ein, das das n\u00f6tige Quorum nicht erreichte. (Vgl. Furman \/ Kaariajnen 2007)<\/p>\n<p>Nach Stalins Tod allerdings endete auch die F\u00f6rderungspolitik gegen\u00fcber der Kirche: Stalins Nachfolger, Nikita Chruschtschow (1894-1971) verwarf sie als \u201eErbschaft der stalinschen Epoche\u201c. Seit 1956 beteiligte sich die ROK aktiv an \u00f6kumenischen Weltkongressen, unterst\u00fctzte die internationale Friedensbewegung. Seit 1967-70 werden Kontakte zur r\u00f6misch-katholischen Kirche wieder aufgenommen. Das politische Klima in der UdSSR f\u00e4rbt selbstverst\u00e4ndlich auf die Kirche ab: so wurde 1977 vom Moskauer Patriarchat u.a. als Ziel formuliert, &#8216;die Treue gegen\u00fcber der christlichen Tradition mit der sozialistischen Denkweise\u201c zu vereinigen, Menschen zum verantwortungsvollen Dienst in Kirche, Gesellschaft und Staat zu erziehen. \u201eNicht nur in Fragen des Friedens und des Krieges, sondern auch beim Aufbau einer m\u00f6glichst gerechten Gesellschaft vertreten unsere Gl\u00e4ubigen keine andere Meinung als unsere s\u00e4kularen marxistischen Mitb\u00fcrgerInnen, die die Gesellschaft regieren. Wir verstehen die Hauptziele der Menschheit auf dieser Erde nicht anders als sie\u201c, hie\u00df es z.B. in der Zeitschrift des Moskauer Patriarchats aus dieser Zeit. Es werden auch vage Versuche unternommen, eine Art Theologie der Entwicklung und der Revolution zu formulieren, von denen heute Kirchenoberh\u00e4upter nichts mehr wissen wollen. So sollten sowjetische ChristInnen \u201etapfer, ehrlich und aktiv am Aufbau eines neuen Lebens mitarbeiten, welches auf sozialer Wahrheit und Gerechtigkeit fu\u00dft, und das christlich-revolution\u00e4re Ferment in die sozialen Revolutionen unserer Zeit hinein tragen\u201c. (Zit. nach Gordienko 1987) Es ist heute schwer zu beurteilen, ob diese Versuche der Befreiungstheologie<sup>35<\/sup> in der ROK wenigstens von einigen wenigen ehrlich und ernsthaft unternommen wurden, ob man sich dem offiziellen Duktus der Unterst\u00fctzung der Befreiungsbewegungen der \u201eDritten Welt\u201c nur angepasst hat oder ob das zynische KGB-Kader schrieben, die \u201eden Beruf gewechselt\u201c hatten?<\/p>\n<p>Nach 1991 werden die Forderungen laut, die KGB-Archive zug\u00e4nglich zu machen und die Agenten- und Informationsbeschaffungsnetzwerke in der Kirche offen zu legen, was beim Klerus nachvollziehbarerweise auf kein Verst\u00e4ndnis trifft. Denn die Nachforschungen legten offen, dass die Kirche restlos von KGB-Kadern durchsetzt war. Man zog aber vor, die gemarterte Kirche zu schonen und ihr nicht mehr zu Leibe zu r\u00fccken, sie w\u00fcrde schon selbst ihren eigenen Weg zur Heilung finden.1993 entsteht eine bedeutende kirchennahe Organisation, durch die die ROK den gesellschaftlichen Diskurs wirksam beeinflusst: die Weltversammlung des russischen Volkes (WdrV). W\u00e4hrend der ersten tschetschenischen Milit\u00e4rkampagne (1994-1996) sprach sich Patriarch Alexij II. (1929-2008) gegen gewaltsame L\u00f6sung des Konfliktes, genau so wie er sich bereits 1991 gegen den Truppeneinsatz in Litauen stellte. Er steuerte also entschieden gegen alle nationalistischen Versuche, dem Konflikt eine religi\u00f6se Komponente zu geben. Die deutlich weniger liberale WdrV stimmt dagegen der Resolution zu, die den patriotischen Dienst an der Waffe und den Schutz territorialer Integrit\u00e4t Russlands f\u00fcr heilig erkl\u00e4rt. In den 90er Jahren entfernt sich die Kirche in realer Politik immer weiter von einstigen \u00f6kumenischen Bestrebungen, seit Mitte 90er Jahre kommt es immer wieder zu Fraktionsk\u00e4mpfen im h\u00f6heren Klerus, zu ultranationalistischen antikatholischen, antiprotestantischen und antisemitischen Publikationen und \u00c4u\u00dferungen aus diesen Kreisen. Der Patriarch, wie es schien, war seinem Klerus \u201ezu liberal\u201c, zu \u00f6kumenisch, zu demokratisch. Bereits damals konnte man diagnostizieren, dass Alexij II. zwar formell der Kirchenoberste, aber nicht ihr \u201eAnf\u00fchrer\u201c war. Anf\u00fchrer der konservativen Kr\u00e4fte war der damalige Mitropolit von Smolensk und Kaliningrad, der heutige Patriarch Kyrill.<\/p>\n<p>Der Zerfall der UdSSR bedeutete f\u00fcr die ROK einige organisatorische Schwierigkeiten, die schnell zu au\u00dfenpolitischen wurden: die \u201esozialistischen Schwesterrepubliken\u201c trennten sich von Russland, in ihnen blieb aber noch eine bedeutende russischsprachige und christlich-orthodoxe Diaspora. W\u00e4hrend orthodoxe Kirchen in Lettland und Litauen sich f\u00fcr den Verbleib in der ROK entschieden, knallte es in Estland: noch 1923 versuchte die estnische Kirche dem Moskauer Patriarchat zu entkommen, gr\u00fcndete die Estnische Apostolisch-Orthodoxe Kirche und ordnete sich dem Patriarchat von Konstantinopel zu. Mit dem (Wieder-)Anschluss 1940 wurde die EAOK zwangsweise der Moskauer Kirche angegliedert, doch 1993 akzeptierten die VertreterInnen der EAOK das Autonomieangebot aus Moskau, was zu einem ernsthaften, bis heute nicht beigelegten Streit zwischen Moskau und Konstantinopel f\u00fchrte. Auch mit rum\u00e4nischen Glaubensbr\u00fcdern und -schwestern lag die ROK wegen der Frage, zu wem moldawische Orthodoxe geh\u00f6ren sollen, lange im Clinch, bis der Streit vor das Europ\u00e4ische Gericht f\u00fcr Menschenrechte kam und die Frage sich 2002 zugunsten Rum\u00e4niens entschied. Aber am meisten f\u00fcrchtet die ROK die separatistischen Bestrebungen in der ukrainischen Orthodoxie. Das Thema ist alt und seit jeher von Rivalit\u00e4ten zwischen dem Moskauer und dem Kyiver Patriarchat gepr\u00e4gt. Ukrainische Geistliche unternahmen je nach politischer Lage mehrere Versuche, von Moskau loszukommen: 1918-1920 w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkrieges, w\u00e4hrend des zweiten Weltkrieges und 1992 \u2013 nach dem Zerfall der Sowjetunion. Da gr\u00fcndete sich n\u00e4mlich, ohne R\u00fccksicht auf kanonische Regel der weltweiten Orthodoxie<sup>36<\/sup>, die oben bereits erw\u00e4hnte UOK-KP. Streitigkeiten, die wie im Fall der estnischen Kirche zu Spannungen in der weltweiten Orthodoxie resultieren, wurden oben erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p>Mag man die Geschehnisse von 1991-1993 als \u201eWende\u201c oder wie Wladimir Putin \u201edie gr\u00f6\u00dfte politische Katastrophe des 20. Jahrhunderts\u201c<sup>37<\/sup> bezeichnen, sie ersch\u00fctterten nicht nur das nationale Selbstverst\u00e4ndnis der Titelnation, sie ersch\u00fctterten zutiefst auch das individuelle Bewusstsein unz\u00e4hliger Menschen, sodass neue, \u201eexotische\u201c, \u201eesoterische\u201c Religiosit\u00e4t im postsowjetischen Russland einen massenhaften Charakter annahm. Der f\u00fcr seine naturwissenschaftliche Ausbildung weltweit gesch\u00e4tzte und in Marxismus-Leninismus gedrillte Sowjetmensch drehte durch, die Hysterie legte sich erst Anfang der 2000er. Auch wenn Traditionalisten und Konservative dieses Ph\u00e4nomen f\u00fcr einen Bestandteil eines ideologischen Krieges der Westens gegen das M\u00fctterchen-Russland halten, war es zum Einen \u201enur\u201c eine triumphale posthume Heimkehr Iwan Iljins, Helena Blawatskys<sup>38<\/sup> und anderer reaktion\u00e4rer OkkultistInnen aus der \u201ewei\u00dfen\u201c Emigration, zum Zweiten aber geschah es nicht ohne Dazutun des Staates. Am Witzigsten fasste letztens diese postmoderne Verwirrung Peter Pomerantsev in Worte:<\/p>\n<p>\u201eW\u00e4hrend die Sowjetunion unterging, wurden Sekten an die Oberfl\u00e4che gesprudelt. Tats\u00e4chlich war es der Kreml, der ihnen Auftrieb gab, und zwar durch das Instrument Ostankino. 1989 lief im Fernsehen eine neue Show. Statt der \u00fcblichen Ballettauff\u00fchrungen und Kost\u00fcmdramen sah das Publikum pl\u00f6tzlich eine Gro\u00dfaufnahme von einem Mann, der aussah wie ein Pornostar der 1970er Jahre: schwarzes Haar und noch schw\u00e4rzere Augen. Er hatte eine sehr tiefe Stimme. Langsam und gleichm\u00e4\u00dfig und immer wieder wies er seine Zuschauer an, tief einzuatmen, zu entspannen, tief einzuatmen. &#8216;Schlie\u00dfen Sie die Augen&#8217;, sagte er. &#8216;Mit der Kraft Ihrer Gedanken k\u00f6nnen Sie Krebs oder Alkoholismus oder jede andere Krankheit heilen&#8217;. Das war Anatoli Kaschpirowski. Er war ein professioneller Hypnotiseur, der das sowjetische Gewichtheberteam f\u00fcr die Olympischen Spiele vorbereitet hatte. Sein Auftauchen im sp\u00e4tsowjetischen Fernsehen sollte dazu beitragen, Ruhe und Ordnung im Land aufrechtzuerhalten. Die Leute vor den Fernseher bannen, w\u00e4hrend alles den Bach unterging\u201c. (Pomerantsev 2015, S. 225)<\/p>\n<p>Hauptsache, der nationalen Idee tut es keinen Abbruch:<\/p>\n<p>Dieser Gedanke vereinte alle postsowjetische Sekten: Das viele Leid, die vielen Ersch\u00fctterungen, die Russland durchlebt hatte, machten es zu dem Ort, wo der neue Mensch, die Zukunft geboren werden konnte. Und die Sekten griffen au\u00dferdem auf einen noch tieferen Mythos zur\u00fcck: die Idee, dass Russland die Geburtsst\u00e4tte eines neuen, messianischen Bewusstseins sein wird. Als Moskau im f\u00fcnfzehnten Jahrhundert die Hauptstadt des zuk\u00fcnftigen russischen Staates wurde, erkl\u00e4rte es sich selbst zur letzten Bastion der orthodoxen Christenheit, des wahren christlichen Glaubens: Europa war von der H\u00e4resie des Katholizismus besudelt, Byzanz an die T\u00fcrken gefallen, aber das Muskowi<sup>39<\/sup> von Iwan III. w\u00fcrde das dritte und letzte Rom werden, auf das die Heiligkeit vom Rom des hl. Petrus und von Byzanz \u00fcbergehen w\u00fcrde. Das Messianische findet sich \u00fcberall in der russischen Literatur und im russischen Denken. Dostojewskis Helden beteuern, dass die Russen das einzige &#8216;gottesf\u00fcrchtige Volk&#8217; seien und dass die Wiederkunft Christi in Russland stattfinden w\u00fcrde. Laut Berdjajew hat Russland ein &#8216;zutiefst messianisches Bewusstsein&#8217;, dem nur das Judentum Konkurrenz macht. Der internationale Kommunismus war der geopolitisch ehrgeizigste Ausdruck dieser Idee: Moskau als die Schmiede des neuen und letzten Zeitalters. Stalin baute seine sieben Gotham-City-Hochh\u00e4user, die die ganze Stadt dominieren und pr\u00e4gen, in Anlehnung an die sieben H\u00fcgel Roms. Jede Idee, auch wenn sie nicht zwangsl\u00e4ufig religi\u00f6s ist, wird hier bis ins Kultig-Extreme \u00fcberh\u00f6ht. (ebd. S. 230)<\/p>\n<p>Also, wie man an der etwas verworrenen (und ebenfalls verworren dargestellten) Geschichte der ROK hoffentlich sehen kann, die Geschichte war nicht besonders r\u00fchmlich. Sie wurde immer \u2013 und zwar wirklich immer! &#8211; durch den Staat ziemlich stiefv\u00e4terlich behandelt und musste ihm als innen- und au\u00dfenpolitisches Herrschaftsinstrument dienen. Sie spaltete sich entlang politischer Frage nicht nur einmal, ihre innere Konflikte und solche mit ihrem weltlichem Gebieter wurden beinahe durch ihre ganze Geschichte hindurch von Anfeindungen seitens volkst\u00fcmlicher christlicher Eschatologie begleitet, die hin und wieder gewaltsam in die politischen Konflikte einfiel. So redeten die Entrechteten mittels eigenst\u00e4ndig gedeuteten Evangeliums ihr Wort gegen den russischen Staat und die russische Kirche, da ihnen keine andere Sprache und Weltdeutung zu jener Zeit m\u00f6glich war. Heute mag es dagegen scheinen, dass ausgerechnet diese Kirche wieder so viel zu sagen h\u00e4tte \u2013 mitten in der postsowjetischen Postmoderne, wie es vielleicht Schumatsky und Pomerantsev nennen w\u00fcrden, wo l\u00e4ngst keine Notwendigkeit solch einer Sprache und solch einer Weltdeutung besteht.<\/p>\n<p>1Russischer zeitgen\u00f6ssischer Schriftsteller, Querfrontler: <a href=\"http:\/\/tinyurl.com\/hlvfxup\">http:\/\/tinyurl.com\/hlvfxup<\/a><\/p>\n<p>2Siehe z.B. den peinlichen panorthodoxen Konzil im Juli 2016 auf Zypern, den die Kirchengemeinschaft seit fast 1000 Jahren nicht zu begehen wagte: <a href=\"http:\/\/tinyurl.com\/habjtxl\">http:\/\/tinyurl.com\/habjtxl<\/a><\/p>\n<p>3Porphyrogeniti \u2013 die Bezeichnung der Mitglieder der byzantischen Kaiserfamilie.<\/p>\n<p>4<a href=\"http:\/\/syg.ma\/@Firsov\/nieviedomoie-pravoslaviie-i-viedomaia-rossiia\">http:\/\/syg.ma\/@Firsov\/nieviedomoie-pravoslaviie-i-viedomaia-rossiia<\/a><\/p>\n<p>5<a href=\"http:\/\/orthodoxeurope.org\/page\/14\/52.aspx#8\">http:\/\/orthodoxeurope.org\/page\/14\/52.aspx#8<\/a><\/p>\n<p>6Mit Reliquien l\u00e4sst sich nicht nur ein gro\u00dfartiger wirtschaftlicher Nutzen erwirtschaften, wie es z.B. Karlheinz Deschner (1999) am Beispiel der katholischen Kirche beschreibt, die ROK bestreitet damit auch Staatsgesch\u00e4fte: ein gewisser Igor Strelkow (Girkin), seines Zeichen ein sehr gl\u00e4ubiger FSB-Offizier, hat Monate vor der Annexion der Krim am von der ROK und der UOK-MP organisierten Konvoi der Reliquien auf der Krim, in der S\u00fcd- und Ostukraine teilgenommen, um den voraussichtlichen Einsatz auszukundschaften: <a href=\"http:\/\/tinyurl.com\/z2u3s8z\">http:\/\/tinyurl.com\/z2u3s8z<\/a><\/p>\n<p>7<a href=\"https:\/\/www.owep.de\/artikel\/769\/begriff-symphonia-in-russischen-geschichte\">https:\/\/www.owep.de\/artikel\/769\/begriff-symphonia-in-russischen-geschichte<\/a><\/p>\n<p>8Beigelegt ist der Streit auch heute noch keineswegs. Siehe dazu die Rede des russisch-orthodoxen Bischofs von Wien Hilarion auf der Baseler Bischofskonferenz 2005: <a href=\"http:\/\/orthodoxeurope.org\/page\/14\/57.aspx#8\">http:\/\/orthodoxeurope.org\/page\/14\/57.aspx#8<\/a><\/p>\n<p>9Der gegenseitige Ausschluss aus der Sakramentsgemeinschaft erfolgte erst im 18. Jhd, die Aufhebung der Exkommunikation wurde 1965 in Jerusalem vom Papst Paul VI. und dem Patriarchen von Konstantinopel Athinagoras ausgesprochen.<\/p>\n<p>10<a href=\"http:\/\/tinyurl.com\/z3rkgk3\">http:\/\/tinyurl.com\/z3rkgk3<\/a><\/p>\n<p>11<a href=\"http:\/\/www.krotov.info\/history\/11\/1\/taube.html\">http:\/\/www.krotov.info\/history\/11\/1\/taube.htm<\/a><a href=\"http:\/\/www.krotov.info\/history\/11\/1\/taube.html\">l<\/a><\/p>\n<p>12So errichtete z.B. der neonazistische Zivilkorpus \u201eAsow\u201c im Dezember 2015 ihm ein Denkmal in Mariupol: <a href=\"http:\/\/www.nihilist.li\/2015\/12\/22\/svyatoslav-i-fal-start\/\">http:\/\/www.nihilist.li\/2015\/12\/22\/svyatoslav-i-fal-start\/<\/a> Wie \u201eentschieden\u201c Swjatoslaw, Sohn der christlichen F\u00fcrstin Olga und Liebhaber der Christin Maluscha, gegen das Christentum im Lande k\u00e4mpfte, l\u00e4sst sich nur schwer bestimmen. H\u00f6chstwahrscheinlich wollte er die Beziehung zu seiner noch heidnischen Garde nicht \u00fcberstrapazieren.<\/p>\n<p>13Auf diese Weise kam der \u201eheilige Boden\u201c der Krim zustande, den Putin in seiner imperialen Geschichtsschreibung bem\u00fcht: <em><a href=\"http:\/\/tinyurl.com\/njok6nj\">http:\/\/tinyurl.com\/njok6nj<\/a><\/em><\/p>\n<p>14Aber auf diese \u00dcberlieferung bezogen sich Putin und Patriarch Kyrill aller Ernstes, als sie am 4.11.16 das Denkmal dem F\u00fcrsten Wladimir in Moskau er\u00f6ffnet haben: <a href=\"http:\/\/www.rbc.ru\/politics\/04\/11\/2016\/581c61a49a794740ee5dee98\">http:\/\/www.rbc.ru\/politics\/04\/11\/2016\/581c61a49a794740ee5dee98<\/a><\/p>\n<p>15Selbst der Theologe Florenskij gibt zu, dass der russische orthodoxe Glaube ohne Heidentum kaum denkbar ist. (Vgl. dazu Florenskij 2001)<\/p>\n<p>16<a href=\"http:\/\/www.krotov.info\/history\/11\/1\/taube.html\">http:\/\/www.krotov.info\/history\/11\/1\/taube.html<\/a><\/p>\n<p>17Ophiten \u2014 eine altchristliche gnostische Str\u00f6mung, sah in der Schlange im Paradies ein g\u00f6ttliches bzw. vom Gott abgesandtes Wesen. Ein Verweis auf diesen Mythos findet sich z.B. am Anfang von Michail Bakunins \u201eGott und der Staat\u201c (2003). Die Offenbarung des Petrus ist eine apokryphe Schrift des Urchristentums, die Petrus zugeschrieben wird und sich in erster Linie mit Schilderungen von H\u00f6llenqualen befasst.<\/p>\n<p>18Simonie \u2014 Handel mit kirchlichen \u00c4mtern, Reliquien und anderen Heiligt\u00fcmern.<\/p>\n<p>19Der Mythos vom \u201edritten Rom\u201c versucht die Nachfolge Moskaus unter der Hauptst\u00e4tten der weltweiten Christenheit herzustellen. \u201eDas zweite\u201c war bekannterma\u00dfen Konstantinopel, \u201edas dritte\u201c wurde kurz auch im bulgarischen Tyrnowo ausgerufen, w\u00e4hrenddessen ist \u201edas erste\u201c immer noch nicht von der Erdoberfl\u00e4che verschwunden.<\/p>\n<p>20Diese hatte alle Gr\u00fcnde, sich vom Bauernverstand zu f\u00fcrchten. Man sah n\u00e4mlich bereits an der Geschichte Mitteleuropas sehr deutlich, dass \u201e(e)in Subjekt, das sich in Personalunion mit dem h\u00f6chsten Herrn dachte, ihn so zugleich im Jenseits absetzte, (\u2026) wenn es damit Ernst machte, einen \u00e4u\u00dferst schlechten Leibeigenen ab(gab)\u201c. (Bloch 1985, S. 94)<\/p>\n<p>21Viele Kader kommunistischer und sozialistischer Parteien Russlands genossen eine theologische Ausbildung oder stammen aus Familien der Geistlichen, unter den bekanntesten seien Alexander Wassilewskij, Ewgenyj Preobraschenskij, Pitirim Sorokin und Anastas Mikojan genannt: <a href=\"https:\/\/www.proza.ru\/2012\/10\/04\/1099\">https:\/\/www.proza.ru\/2012\/10\/04\/1099<\/a> Von einem revolution\u00e4ren Bankr\u00e4uber ganz zu schweigen, der noch auf der H\u00f6her seiner staatsm\u00e4nnischen Karriere gerne in seinen Reden und Traktaten auf pseudo-religi\u00f6se, mannich\u00e4ische Floskeln zur\u00fcckgriff: Joseph Stalin (1878-1953). (Vgl. dazu Wajsskopf 2001)<\/p>\n<p>22Funny fact am Rande: Eine f\u00fcr solche, die das Aufkommen faschistischer Tendenzen in Russland beobachten, nicht unbekannte Figur, Alexander Dugin ist Einheitsgl\u00e4ubiger. Dabei folgte er seinem Vorbild, dem franz\u00f6sischen protofaschistischen Philosophen Ren\u00e9 Guenon (1886-1951), der des Okkultismus und Esoterik \u00fcberdr\u00fcssig zum Islam konvertierte. Laut Guenon n\u00e4mlich, muss ein \u201eTraditionalist\u201c sich f\u00fcr eine \u201etraditionelle\u201c Religion entscheiden. <a href=\"http:\/\/tinyurl.com\/zj4v7a2\">http:\/\/tinyurl.com\/zj4v7a2<\/a><\/p>\n<p>23Von dt. \u201eStunde\u201c &#8211; die Stunde n\u00e4mlich, in der gemeinsam die Bibel gelesen wurde.<\/p>\n<p>24<a href=\"https:\/\/www.sedmitza.ru\/lib\/text\/436411\/\">https:\/\/www.sedmitza.ru\/lib\/text\/436411\/<\/a><\/p>\n<p>25Aus diesem Grund interessierten sich revolution\u00e4re Kr\u00e4fte f\u00fcr religi\u00f6se Volksbewegungen in der Zeit vor und nach der Revolution. Schlie\u00dflich trafen die AgitatorInnen oft aufeinander in D\u00f6rfern und Fabriken. So sahen die AnarchistInnen in damaligen Sekten und Verzweigungen des b\u00e4uerlichen Schismas nicht zuletzt wegen ihrer Staatsfeindlichkeit, gut entwickelter Konspiration und kollektiver widerst\u00e4ndiger Lebensentw\u00fcrfe direkte, aber \u201enur intuitive\u201c Vorl\u00e4ufer des kommenden Massenanarchismus, von denen noch viel zu lernen war. (Vgl. dazu Borowoj 1926, S. 9-36) F\u00fcr das praktische Interesse seitens der Bolschewiki f\u00fcr umtriebige ChristInnen steht die akribische Erforschung der Frage durch Lenins Sekret\u00e4r W. D. Bon\u010d-Brujewi\u010d (1873-1950), der u.A. vollkommen zu Recht b\u00e4uerliche Altgl\u00e4ubige und \u201ewestliche\u201c ProtestantInnen f\u00fcr weit revolution\u00e4rer einsch\u00e4tzte als die b\u00fcrgerlichen \u201echristlich-anarchistische\u201c Zirkeln um Leo Tolstoi (1828-1910). Zu nennen w\u00e4re an dieser Stelle Bon\u010d-Brujewi\u010ds Vortrag vor dem 2. Kongress der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei 1904. (1973)<\/p>\n<p>26Nestor Machno (1888-1934) \u2014 ukrainischer Anarchist, f\u00fchrte w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkrieges die ukrainische Bauernarmee an, die \u00f6fters als Machnowschtschina bezeichnet wird.<\/p>\n<p>27<a href=\"https:\/\/lenta.ru\/articles\/2007\/05\/17\/church\/\">https:\/\/lenta.ru\/articles\/2007\/05\/17\/church\/<\/a> Der Rest, der damit nicht einverstanden war, bildet seitdem die sogenannte Russische Wahrhaft Orthodoxe Kirche.<\/p>\n<p>28Hier seien nur die bereits erw\u00e4hnten National-Bolschewistische Partei und einer ihrer Vordenker Alexander Dugin, die 2003 gegr\u00fcndete Internationale Eurasische Bewegung genannt, die dieses geistigen Erbes sehr gerne bedienen.<\/p>\n<p>29Slawophilie \u2014 eine meistens konservative, v\u00f6lkische Position im \u00f6ffentlichen Diskurs 1820-1830er Jahre, die sich gegen pro-europ\u00e4ische Tendenzen wandte.<\/p>\n<p>30Nach einem Ritualmordprozess gegen einen Kyiver Juden namens Beilis (auch \u201eBeilis-Aff\u00e4re\u201c genannt) 1911, kam es zu einer bemerkenswerten Zusammenarbeit von Florenkij und Rosanow, die wenigstens dem letzteren zum sp\u00e4ten Ruhm verhalf: Rosanow ver\u00f6ffentlichte 1913 eine \u201eethnologische\u201c Untersuchung unter dem Titel \u201eGeruchs- und gesp\u00fcrsm\u00e4\u00dfige Beziehung der Juden zum Blut\u201c, der Universalgelehrte Floreksij unter einem Pseudonym einige Artikel beisteuerte. <a href=\"http:\/\/www.lechaim.ru\/ARHIV\/192\/edel.htm\">http:\/\/www.lechaim.ru\/ARHIV\/192\/edel.htm<\/a><\/p>\n<p>31Ausf\u00fchrlicher \u00fcber Theologie und Religionsphilosophie in Russland schreibt Th. Bremer in seinem durchaus empfehlenswerten Buch \u201eKreuz und Kreml\u201c (2016). \u00dcber den ihnen immanenten christlichen Antijudaismus, der in den klassischen biologistischen Antisemitismus \u00fcbergeht, verliert der \u201eOstkirchenexperte\u201c selbstverst\u00e4ndlich kein Wort.<\/p>\n<p>32Oswald Spengler (1880-1936) und Hermann Graf Keyserling (1880-1946) \u2013 konservative deutsche Philosophen, Carl Friedrich Paul Ernst (1886-1933) &#8211; dt. Schriftsteller.<\/p>\n<p>33Ich erspare in erster Linie mir selbst das ganze herablassende Gerede \u00fcber \u201e\u00fcbertreibende j\u00fcdische Zeugen\u201c deutscher Zust\u00e4nde in den 1930er Jahren. 1937 schrieb er: \u201eDer italienische Faschismus, als er die Ideen von &#8216;soldato&#8217; und \u201esactificcio&#8217; als grunds\u00e4tzliche b\u00fcrgerliche Ideen hervorhob, sprach auf seine eigene, auf r\u00f6mische Weise das aus, worauf die Rus&#8217; seit jeher fu\u00dfte und aufbaute&#8230; Der Staat ist kein Mechanismus konkurrierender ehrgeiziger Interessen, sondern ein Organismus des br\u00fcderlichen Dienstes, eine Vereinigung des Glaubens, der Ehre und der Selbstlosigkeit; so ist das geschichtlich-politische Fundament Russlands. Russland entfernte sich davon und brach zusammen. Russland wird dazu zur\u00fcckkehren. Der Faschismus liefert uns keine neue Idee, sondern nur noch neue Versuche, diese christliche, russische, nationale Idee eigenst\u00e4ndig auf unsere Verh\u00e4ltnisse einzuwenden\u201c. <a href=\"http:\/\/www.rubezh.eu\/Zeitung\/2014\/11\/25.htm\">http:\/\/www.rubezh.eu\/Zeitung\/2014\/11\/25.htm<\/a><\/p>\n<p>34<a href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article135404575\/Putin-uebernimmt-Aengste-seines-Lieblingsphilosophen.html\">https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article135404575\/Putin-uebernimmt-Aengste-seines-Lieblingsphilosophen.html<\/a><\/p>\n<p>35\u00dcber die lateinamerikanische Befreiungstheologie existiert jede Menge Literatur, ich empfehle an dieser Stelle als kritische Einstiegslekt\u00fcre \u201eBefreiung. Perspektiven jenseits der Moderne\u201c von Helmut Thielen (1994).<\/p>\n<p>36Erinnern wir und, dass die Moskauer Kirche sich das schlie\u00dflich 1448 auch erlaubt hatte und bis 1562 auf Anerkennung ihrer Autkephalie warten musste.<\/p>\n<p>37<a href=\"http:\/\/tinyurl.com\/h7meyfr\">http:\/\/tinyurl.com\/h7meyfr<\/a><\/p>\n<p>38Helena Blawatsky (1831-1891) \u2013 deutsch-russische Adelige, Begr\u00fcnderin der Theosophie.<\/p>\n<p>39So bezeichnen Pomerantsev und\/oder seine \u00dcbersetzerInnen das Moskauer Gro\u00dff\u00fcrstentum, Moskowien. Hauptsache, man versteht, worum es geht.<\/p>\n<p>Literatur:<\/p>\n<p><em>Bakunin, Michail (2003): Gott und der Staat. Grafenau<\/em><\/p>\n<p><em>Bloch, Ernst (1985): Atheismus im Christentum. Zur Religion des Exodus und des Reichs. FfM<\/em><\/p>\n<p><em>Bon\u010d-Brujewi\u010d, Wladimir D. (1973): Isbrannyje ateisti\u010deskije proiswedenija. Moskwa<\/em><\/p>\n<p><em>Borowoj, Alexej (Hrg.) (1926): Mihailu Bakuninu. O\u010derki istorii anarhi\u010deskogo dwi\u0161enija w Rossii. Moskwa<\/em><\/p>\n<p><em>Bremer, Thomas (2016): Kreuz und Kreml. Geschichte der orthodoxen Kirche in Russland. Freiburg, Basel, Wien <\/em><\/p>\n<p><em>Danyluk, Roman (2010): Freiheit und Gerechtigkeit. Die Geschichte der Ukraine aus libert\u00e4rer Sicht. Lich<\/em><\/p>\n<p><em>Deschner, Karlheinz (1999): Oben ohne. F\u00fcr einen g\u00f6tterlosen Himmel und eine priesterfreie Welt. Reinbek bei Hamburg<\/em><\/p>\n<p><em>Dvorkin, Alexander (1992): Ivan the Terrible as a Religious Type. A Study of the Background. Genesis and Development of the Theocratic Idea of the First Russian Tsar and his Attempts to establish \u201eFree Autocracy\u201c in Russia. Erlangen<\/em><\/p>\n<p><em>Engels, Friedrich (1949) : Der deutsche Bauernkrieg. Berlin<\/em><\/p>\n<p><em>Florenskij, Pawel (2001): Hristianstwo i kul&#8217;tura. Moskwa<\/em><\/p>\n<p><em>Furman, Dmitrij und Kimmo Kaariajnen (Hrg.) (2007): Nowyje cerkwi, staryje weruju\u0161ije \u2013 staryje cerkwi, novyje weruju\u0161ije. Religija w postsowetskoj Rossii. Moskwa \u2013 St. Petersburg<\/em><\/p>\n<p><em>Gordienko, N. S , P. M. Komarow und P. K. Kuro\u010dkin (1975): Politikany ot religii. Prawda o \u201erusskoj sarubezhnoj zerkwi\u201c. Moskwa<\/em><\/p>\n<p><em>Gordienko, Nikolaj S. (1987): Sowremennoje russkoe prawoslawije. Leningrad<\/em><\/p>\n<p><em>Hage, Wolfgang (1993): Das Christentum im fr\u00fchen Mittelalter. G\u00f6ttingen<\/em><\/p>\n<p><em>Hielscher, Karla und Gerd Koenen (1991): Die schwarze Front. Der neue Antisemitismus in der Sowjetunion. Reinbek bei Hamburg <\/em><\/p>\n<p><em>Kasakowa, Natalija und Jakow Lurje (1955): Antifeodal&#8217;nyje jereti\u010deskije dvi\u017eenija na Rusi: XIV \u2013 na\u010dala XVI weka. Moskwa <\/em><\/p>\n<p><em>Kuwakin, Walerij A. (1980): Religiosnaja filosofija w Rossii. Na\u010dalo 20go weka. Moskwa<\/em><\/p>\n<p><em>Lilie, Ralph-Johannes (1994): Byzanz. Kaiser und Reich. K\u00f6ln-Weimar-Wien<\/em><\/p>\n<p><em>Marx, Karl (1977): Die Geschichte der Geheimdiplomatie des 18. Jahrhunderts. \u00dcber den asiatischen Ursprung der russischen Despotie. Berlin<\/em><\/p>\n<p><em>Most, Johann (2006): Anarchismus in einer Nu\u00dfschale. M\u00fcnster<\/em><\/p>\n<p><em>Nikol&#8217;skij, Nikolaj M.(1983): Istorija russkoj zerkwi. Moskwa<\/em><\/p>\n<p><em>Nolte, Hans-Heinrich, Bernhard Schalhorn und Bernd Bonwetsch (Hrg.) (2014): Quellen zur Geschichte Russlands. Stuttgart<\/em><\/p>\n<p><em>Plaksin, Roman J. (1987): Tichonowtschina i jejo krach. Posizija prawoslawnoj zerkwi w period Welikoj Oktjabr&#8217;skoj sozialisti\u010deskoj revoljuzii i grazhdanskoj wojny. Leningrad<\/em><\/p>\n<p><em>Pomerantsev, Peter (2015): Nichts ist wahr und alles ist m\u00f6glich. Abenteuer in Putins Russland. M\u00fcnchen<\/em><\/p>\n<p><em>Ramm, Boris J. (1959): Papstwo i Rus&#8217; v X-XV wekah. Moskwa-Leningrad<\/em><\/p>\n<p><em>Sartorius, Bernard (1973): Die orthodoxe Kirche. Genf <\/em><\/p>\n<p><em>Thielen, Helmut (1994): Befreiung. Perspektiven jenseits der Moderne. W\u00fcrzburg<\/em><\/p>\n<p><em>Voline (1955): The unknown Revolution. (Kronstadt 1921, Ukraine 1918-21). London (dt.: Volin (2013): Die unbekannte Revolution. Berlin)<\/em><\/p>\n<p><em>Wajsskopf, Michail (2001): Pisatel&#8217; Stalin. Moskwa<\/em><\/p>\n<p><em>Wassiljew, M.A.(1999): Jasy\u010destwo wosto\u010dnyh slawjan na kanune kreschtschenija Rusi. Religiosno-mifologi\u010deskoe wsaimodejastwie s iranskim mirom. Jasy\u010deskaja reforma knjasja Wladimira. Moskwa<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u04dc \u04dc von Ndejra Je \u00e4lter die Ansichten und die sie predigenden Menschen sind, desto n\u00e4her liegen sie f\u00fcr ihn in der Zeit, wo die Religion \u201egeoffenbart\u201c wurde, desto zuverl\u00e4ssiger erscheinen sie ihm also. 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