{"id":1551,"date":"2015-09-10T16:21:19","date_gmt":"2015-09-10T14:21:19","guid":{"rendered":"http:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=1551"},"modified":"2018-11-04T16:49:11","modified_gmt":"2018-11-04T15:49:11","slug":"ein-wenig-warme-auf-dem-metall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=1551","title":{"rendered":"Simone Weil: \u201e&#8230;ein wenig W\u00e4rme auf dem Metall\u201c"},"content":{"rendered":"<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">aus <b>\u00abFabriktageb<\/b><b>uch<\/b><b> und andere Schriften zum Industriesystem\u00bb <\/b>von<b> Simone Weil<\/b>, edition suhrkamp, FfM, 1978<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\"><em>Simone Weil (3.2.1909 \u2013 24.8.1943) war franz\u00f6sische Philosophin, Syndikalistin, die 1935\/36 sich &#8220;unters Volk&#8221; gemischt hat, in den spanischen B\u00fcrgerkrieg gezogen ist, w\u00e4hrend des 2. Weltkrieges f\u00fcr die franz\u00f6sische Exil-Regierung gearbeitet hat. Dem breiten Publikum ist sie aber eher als christliche Mystikerin bekannt, was nicht f\u00fcr das breite Publikum spricht. &#8211; Anm. liberadio<\/em><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">(S. 25f) Offen gesagt, dieses Leben ist f\u00fcr mich ziemlich schwer. Um so mehr, als die Kopfschmerzen nicht die Freundlichkeit hatten, mich zu verlassen, um das Experiment zu erleichtern \u2013 und an Maschinen mit Kopfschmerzen zu arbeiten, ist qualvoll. Nur Samstagnachmittag und Sonntag atme ich auf, finde ich mich selbst wieder, erwerbe ich von neuem die F\u00e4higkeit, in meinem Geist Ideenst\u00fccke zu bewegen. Die schmerzliche Versuchung, der man in einem solchen Leben sich widersetzen muss, ist vor allem die, nicht mehr zu denken. Man f\u00fchlt, dass es das einzige Mittel ist, nicht mehr zu leiden. Zun\u00e4chst nicht mehr moralisch zu leiden. Denn diese Situation l\u00f6scht automatisch Revoltegef\u00fchle aus: seine Arbeit mit \u00c4rger tun hie\u00dfe, sie schlecht auszuf\u00fchren und sich zum Hungertod zu verurteilen; und au\u00dfer Arbeit gibt es niemanden, den man beschuldigen k\u00f6nnte. Chefs gegen\u00fcber kann man sich nicht erlauben, dreist zu sein, und \u00fcberdies geben sie dazu h\u00e4ufig nicht einmal Anlass. So bleibt vor dem eigenen Los kein anderes Gef\u00fchl als Trauer. Man ist versucht, ganz einfach aus dem Bewusstsein alles zu verbannen, was nicht zum vulg\u00e4ren und t\u00e4glichen Kleinkram geh\u00f6rt. Au\u00dferhalb der Arbeitsstunden auch physisch in einen Halbschlaf zu versinken, ist eine gro\u00dfe Verlockung. F\u00fcr die Arbeiter, denen es gelingt, Kultur zu erwerben, empfinde ich eminente Achtung. Oft sind sie stark, das ist richtig. Immerhin m\u00fcssen sie eine Menge auf dem Kasten haben. So wird es mit dem Voranschreiten der Rationalisierung immer seltener. Ich frage mich, ob man dies auch bei den Angelernten findet.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">Trotz allem halte ich aus. Und ich bedauere keine Minute, mich in dieses Experiment gest\u00fcrzt zu haben. Ganz im Gegenteil, ich bin unendlich gl\u00fccklich, wenn ich daran denke. Aber, komisch genug, ich denke nur selten daran. Ich habe eine fast unbegrenzte Anpassungsf\u00e4higkeit, die mir zu vergessen erlaubt, dass ich eine in der Arbeiterklasse herumreisende Studienr\u00e4tin bin, so dass ich mein jetziges Leben f\u00fchren kann, als w\u00e4re ich seit je daf\u00fcr bestimmt (und in einem gewissen Sinn trifft das sogar zu), als m\u00fcsste es immer dauern, als w\u00e4re es mir durch eine unmenschliche Notwendigkeit auferlegt und nicht durch meinen freien Entschluss. <!--more--><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">(S. 29ff) F\u00fcr mich pers\u00f6nlich bedeutete die Fabrikarbeit, dass alle \u00e4u\u00dferen gr\u00fcnde (vorher hatte ich sie als innere angesehen), auf denen das Gef\u00fchl meiner W\u00fcrde, die Achtung meiner selbst beruhten, in zwei oder drei Wochen radikal zerbrachen unter der Gewalt eines t\u00e4glichen brutalen Zwanges. Und ich glaube nicht, dass dies in mir Revoltegef\u00fchle hervorrief, nein, ganz im Gegenteil, was ich am allerwenigsten von mir erwartet h\u00e4tte \u2013 F\u00fcgsamkeit. Die F\u00fcgsamkeit eines ergebenen Lasttiers. Es schien mir, ich w\u00e4re geboren, um auf Befehle zu warten, sie zu empfangen und auszuf\u00fchren \u2013 ich h\u00e4tte nie etwas anderes getan und w\u00fcrde immer nur dies tun. Ich bin gewiss nicht stolz, dies einzugestehen. \u00dcber diese Art Leiden spricht kein Arbeiter: allein daran zu denken, ist \u00fcberaus schmerzlich. Als die Krankheit mich aufzuh\u00f6ren zwang, wurde mir die Erniedrigung bewusst, in die ich gest\u00fcrzt war; ich schwor mir, diese Existenz bis zu jenem Tage zu erdulden, an dem es mir, ihr zum Trotz, gelingen w\u00fcrde, wieder zu mir zu finden. Ich hielt das Versprechen. Langsam, qualvoll eroberte ich, quer durch die Sklaverei, das Gef\u00fchl meiner Menschenw\u00fcrde zur\u00fcck, ein Gef\u00fchl, das sich jetzt auf nichts \u00c4u\u00dferes mehr gr\u00fcndet und stets von dem Bewusstsein begleitet ist, dass mir nichts zusteht, dass jeder Augenblick ohne Leid und ohne Erniedrigung wie eine Gnade wahrgenommen werden muss, wie die Wirkung g\u00fcnstiger Zuf\u00e4lle.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">In dieser Sklaverei gibt es zwei Faktoren: Geschwindigkeit und Befehle. Geschwindigkeit: Um \u201ees zu schaffen\u201c, muss man jede Bewegung in einem Rhythmus wiederholen, der, rascher als das Denken, nicht nur das Denken, sondern auch das Tr\u00e4umen verbietet. Wenn man sich an seine Maschine stellt, muss man 8 Stunden t\u00e4glich seine Seele knebeln, sein Denken, seine Empfindungskraft, alles. Ist man ver\u00e4rgert, traurig oder angeekelt, muss man dies \u201eherunterschlucken\u201c, verdr\u00e4ngen: \u00c4rger, Trauer oder Ekel w\u00fcrden das Arbeitstempo verlangsamen. Und sogar die Freude. Befehle: Von der Stechuhr beim Hineingehen bis zum Hinausgehen an der Stechuhr vorbei kann man jeden Augenblick irgendeinen Befehl bekommen. Und immer muss man schweigen und gehorchen. Die Ausf\u00fchrung der Anweisung kann m\u00fchselig, gef\u00e4hrlich oder sogar unm\u00f6glich sein; auch k\u00f6nnen zwei Chefs einander widersprechende Anweisungen erteilen; es macht nichts: schweigen und gehorchen. Sich an seinen Chef wenden \u2013 selbst f\u00fcr etwas Notwendiges \u2013 hei\u00dft immer, auch wenn es sich um einen netten Typen handelt (auch nette Typen haben ihre Launen), sich einer m\u00f6glichen Zurechtweisung aussetzen; und wenn dies geschieht, muss man ebenfalls schweigen. Die Anwandlungen von Nervosit\u00e4t und schlechter Laune muss man niederhalten; die d\u00fcrfen sich weder in Worten noch in Gesten bekunden, denn die Gesten sind in jedem Augenblick durch die Arbeit bestimmt. Diese Situation hat zur Folge, dass das Denken verk\u00fcmmert, sich verkrampft wie das Fleisch vor dem Messer. Man kann nicht \u201ebewusst\u201c sein.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">All dies gilt nat\u00fcrlich f\u00fcr die ungelernte Arbeit. (Haupts\u00e4chlich die der Frauen).<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">Ein L\u00e4cheln, ein g\u00fctiges Wort, ein Augenblick menschlichen Kontaktes, die durch all dies hindurchscheinen, sind wertvoller als die ausgreifenden Freundschaften unter den gro\u00dfen oder kleinen Privilegierten. Dort allein wei\u00df man, was Br\u00fcderlichkeit bedeutet. Aber es gibt nur wenige, sehr wenige solcher Zeichen. Meist spiegeln selbst die Beziehungen zwischen Arbeitskollegen die H\u00e4rte, die dort drinnen alles beherrscht.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">(S. 33f) Sofern es sie gibt, ist besonders die G\u00fcte in einer Fabrik etwas Wirkliches; denn der geringste freundliche Akt, vom einfachen L\u00e4cheln bis zur Hilfeleistung, erfordert einen Sieg \u00fcber die M\u00fcdigkeit, \u00fcber die Lohnbesessenheit, \u00fcber alles, was bedr\u00fcckt und dazu verleitet, sich in sich selbst zur\u00fcckzuziehen. Desgleichen verlangt das Denken eine fast wunderbare Anstrengung, sich \u00fcber jene Bedingunge zu erheben, unter denen man lebt. Denn hier ist es anders als auf der Universit\u00e4t, wo man f\u00fcr das Denken oder wenigsten f\u00fcr den Schein desselben bezahlt wird; hier besteht eher die Tendenz, das Nichtdenken zu bezahlen; gewahrt man dann pl\u00f6tzlich das Licht einer Intelligenz, dann ist man gewiss, sich nicht zu t\u00e4uschen.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">(S. 62f) Die Ersch\u00f6pfung l\u00e4sst mich schlie\u00dflich die wahren Gr\u00fcnde meines Aufenthaltes in der Fabrik vergessen, macht die st\u00e4rkste Versuchung dieses Lebens fast un\u00fcberwindlich: nicht mehr denken, einziges Mittel, um nicht zu leiden. Nur am Samstagnachmittag und Sonntag kehren Erinnerungen zur\u00fcck, Ideenst\u00fccke, erinnere ich mich, auch ein denkendes Wesen zu sein. Entsetzen erfasst mich, als ich meine Abh\u00e4ngigkeit von \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nden feststelle: es gen\u00fcgte, dass sie mir eines Tages eine Arbeit ohne w\u00f6chentlichen Ruhetag aufzwingen \u2013 was schlie\u00dflich immer m\u00f6glich ist \u2013, und ich w\u00fcrde zu einem Lasttier, gehorsam und ergeben (wenigsten in meinen Augen). Allen das Gef\u00fchl der Br\u00fcderlichkeit, die Entr\u00fcstung angesichts des anderen zugef\u00fcgten Unrechts bleiben \u2013 aber bis zu welchem Punkt widerst\u00e4nde all dies auf die Dauer? Ich bin nicht weit davon entfernt zu denken, dass das Seelenheil eines Arbeiters zuerst von seiner physischen Veranlagung abh\u00e4ngt. Ich sehe nicht, wie k\u00f6rperlich schwache vermeiden k\u00f6nnen, der Verzweiflung anheimzufallen \u2013 Saufen oder Vagabundieren, Verbrechen oder Ausschweifungen oder ganz einfach und h\u00e4ufigsten Abstumpfung (und die Religion?).<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">Die Revolte ist unm\u00f6glich, ausgenommen einige Blitze (und ich meine sogar das blo\u00dfe Gef\u00fchl). Zun\u00e4chst: wogegen? Man ist allein mit seiner Arbeit, man k\u00f6nnte nur gegen sie rebellieren \u2013 oder mit \u00c4rger arbeiten, das hie\u00dfe, schlecht arbeiten, folglich hungern. Siehe die lungenkranke Arbeiterin, die entlassen wurde, weil sie einen Auftrag schlecht ausgef\u00fchrt hatte. Wir \u00e4hneln den Pferden, die sich selbst verwunden, sobald sie am Zaun zerren \u2013 und wir beugen uns. Man verliert sogar das Bewusstsein dieser Lage, man erleidet sie, das ist alles. Das Erwachen des Denkens ist schmerzhaft.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">(S. 120) Was gewann ich bei diesem Experiment? Das Gef\u00fchl, kein Recht zu besitzen, welches es auch immer sein und worauf es auch immer sich beziehen mag. Achtgeben, dieses Gef\u00fchl nicht zu verlieren. Die F\u00e4higkeit, mir moralisch zu gen\u00fcgen; im Zustand latenter st\u00e4ndiger Erniedrigung zu leben, ohne mich in meinen Augen erniedrigt zu f\u00fchlen; intensiv, jeden Augenblick von Freiheit und Freundschaft zu genie\u00dfen, als sollte er ewig dauern. Direkter Kontakt mit der Wirklichkeit.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">Ich h\u00e4tte daran zerbrechen k\u00f6nnen. Es kam beinahe so weit \u2013 mein Mut, meine W\u00fcrde wurden ersch\u00fcttert. Die Erinnerung k\u00f6nnte mich erniedrigen, h\u00e4tte ich nicht sozusagen jede Erinnerung eingeb\u00fc\u00dft. In Angst erhob ich mich morgens, mit Furcht ging ich in die Fabrik. Ich arbeitete wie eine Sklavin; die Mittagspause war ein zerrei\u00dfender Schmerz; nach Arbeitsschluss um 5.45 Uhr wieder zu Hause, war ich sofort damit besch\u00e4ftigt, gen\u00fcgend zu schlafen (was ich nicht tat) und fr\u00fch genug wach zu werden. Die Zeit war ein unertr\u00e4gliches Gewicht. Die Furcht \u2013 die Angst \u2013 lastete auf den Samstagnachmittagen und Sonntagvormittagen. Gegenstand der Furcht waren die Befehle.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">Das Gef\u00fchl pers\u00f6nlicher W\u00fcrde, so wie es die Gesellschaft hervorgebracht hat, wurde gebrochen. (\u2026) Endlich gibt man sich Rechenschaft \u00fcber seine eigene Bedeutung.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">Die Klasse derjenigen, die nicht z\u00e4hlen \u2013 in keiner Situation \u2013 in den Augen anderer \u2026 und die nicht z\u00e4hlen werden, niemals, was auch geschehen mag, trotz des letzen Verses der ersten Strophe der Internationale.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">(S. 127f) Die totale Unkenntnis dessen, was man tut, ist au\u00dferordentlich demoralisierend. Man hat nicht das Gef\u00fchl, dass aus den Anstrengungen ein Produkt hervorgeht. Man rechnet sich keineswegs zu den Produzenten. Auch hat man keinen Sinn f\u00fcr die Beziehung zwischen Arbeit und Lohn. Die T\u00e4tigkeit scheint willk\u00fcrlich auferlegt und willk\u00fcrlich verg\u00fctet. Man hat den Eindruck, ein wenig den Kindern zu \u00e4hneln, denen die Mutter, um sie ruhig zu halten, Perlen zum Aufreihen gibt und daf\u00fcr Bonbons verspricht.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">(S. 138) Herr und Diener. Heute sind die Knechte absolut geknechtet \u2013 ohne die Hegelsche Umkehrung. Aufgrund der Herrschaft \u00fcber die Naturkr\u00e4fte.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">In allen anderen Formen der Sklaverei steckt die Sklaverei in den Verh\u00e4ltnissen. Nur hier ist sie in die Arbeit selbst \u00fcbertragen.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">(S. 160f) Vom ganzen Herzen w\u00fcnsche ich eine m\u00f6glichst radikale Umwandlung des gegenw\u00e4rtigen Regimes im Sinne gr\u00f6\u00dferer Gleichheit des Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisses. Ich glaube ganz und gar nicht, dass das, was man heutzutage Revolution nennt, dahin f\u00fchren kann. Die Arbeiter von R. m\u00fcssten nach einer sogenannten Arbeiterrevolution genauso passiv gehorchen wie zuvor, so lange die Produktion auf passiven Gehorsam gegr\u00fcndet ist. Der Betriebsleiter von R. mag unter dem Kommando eines Aufsichtsrates stehen, der einige Kapitalisten vertritt, oder unter dem eines sogenannten sozialistischen \u201eStaats-Trusts\u201c: Der einzige Unterschied wird sein, dass im ersten Fall die Fabrik in einer Hand ist, w\u00e4hrend Polizei, Armee, Gef\u00e4ngnisse usw. in verschiedenen H\u00e4nden sind; im zweiten Fall befindet sich alles in derselben Hand. Die Ungleichheit des Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisses ist also nicht geringer, sondern noch gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">Dennoch l\u00e4sst diese Erw\u00e4gung mich nicht gegen die revolution\u00e4ren Parteien Stellung nehmen. Denn heute neigen alle wichtigen politischen Gruppen sowohl zur Versch\u00e4rfung der Unterdr\u00fcckung wie zur Staatskontrolle \u00fcber alle Machtinstrumente; die einen nennen es Arbeiterrevolution, die anderen Faschismus, noch andere sprechen von der Organisierung nationaler Verteidigung. Was auch immer das Etikett sein mag, es sind zwei Faktoren entscheidend: einerseits die durch moderne Formen der Technik und Wirtschaftsorganisation bewirkte Unterordnung sowie Abh\u00e4ngigkeit, andererseits der Krieg. Alle, die entweder eine wachsende \u201eRationalisierung\u201c oder die Kriegsvorbereitung propagieren, sind in meinen Augen einander gleich, und das gilt f\u00fcr alle ohne Ausnahme.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">(S. 165f) Noch ein Wort zu Ihrer Billigung der Arbeitsteilung, die den einen zur Bedienung des Hebels und den anderen zum Nachdenken \u00fcber die Organisation bestimmt. Ich vermute, das ist eine grunds\u00e4tzliche Frage und der einzige Punkt, der uns im wesentlichen trennt. Bei den einfachen Leuten, unter denen ich lebte, habe ich bemerkt (ich glaube, es gab nie eine Ausnahme), dass die Erhebung des Denkens (die F\u00e4higkeit, allgemeine Ideen zu verstehen und zu bilden) stets einherging mit einer Generosit\u00e4t der Gef\u00fchle. Mit anderen Worten: was die Intelligenz herabsetzt, erniedrigt den ganzen Menschen.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">(\u2026) Als Arbeiterin war ich in einer zweifach untergeordneten Stellung, denn ich f\u00fchlte meine W\u00fcrde nicht allein durch die Vorgesetzten verletzt, sondern auch durch die Arbeiter, weil ich eine Frau bin. (\u2026) Nicht so sehr in der Fabrik als vielmehr im Zusammenhang meiner Erfahrungen als Arbeitslose (\u2026), habe ich festgestellt, dass fast immer nur die Facharbeiter f\u00e4hig sind, mit einer Frau zu sprechen, ohne sie zu verletzen, w\u00e4hrend die Hilfsarbeiter dazu neigen, sie wie ein Spielzeug zu behandeln.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">(S. 168) Es ist nicht die Unterordnung an sich, die mich verletzt, doch gewisse Formen der Unterordnung haben moralisch unertr\u00e4gliche Konsequenzen. Das gilt zum Beispiel dann, wenn die Umst\u00e4nde so sind, dass die Unterordnung nicht allein die Notwendigkeit des Gehorsams impliziert, sondern auch die st\u00e4ndige Sorge, kein Missfallen zu erregen; das erscheint mir sehr schwer ertr\u00e4glich. &#8211; Andererseits kann ich nicht jene Formen der Unterordnung billigen, bei denen Intelligenz, Erfindungsgabe, Willen und berufliche Verantwortung nur an der Befolgung der Anordnungen der Vorgesetzten mitwirken, folglich die Ausf\u00fchrung lediglich passive Unterwerfung voraussetzt, an der weder Geist noch Gef\u00fchl teilhaben. Solcherart hat der Untergebene fast die Rolle eines von einer fremden Intelligenz beherrschten Dings. Genau dies war meine Situation als Arbeiterin.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-family: Nimbus Roman No9 L,serif\">(S. 186f) [W\u00e4hrend des Metalarbeiterstreiks <\/span><span style=\"font-family: Nimbus Roman No9 L,serif\">und Fabrikbesetzungen <\/span><span style=\"font-family: Nimbus Roman No9 L,serif\">Juni 1936 in Nordfrankreich] Ich besuchte Kumpels in einer Fabrik, in der ich vor einigen Monaten gearbeitet habe. Einige Stunden verbrachte ich mit ihnen. Freude, in die Fabrik hineinzugehen mit der l\u00e4chelnden Erlaubnis eines das Tor bewachenden Arbeiters. Freude, soviel L\u00e4cheln zu beobachten, so viele Worte br\u00fcderlicher Begr\u00fc\u00dfung zu vernehmen. Wie sehr man unter Genossen f\u00fchlt in diesen Werkhallen, wo sich jeder, als ich dort arbeitete, allein f\u00fchlte an seiner Maschine! Freude, durch diese Werkhallen, an deren Maschinen man geschmiedet war, frei zu gehen, Gruppen zu bilden, zu reden, zu essen. Freude, anstelle des h\u00f6llischen Maschinenl\u00e4rms \u2013 eindringliches Symbol des Zwanges, dem man sich beugte \u2013 Musik, Gesang, Lachen zu h\u00f6ren. Man spaziert zwischen diesen Maschinen, denen man in vielen Stunden seine Lebenssubstanz opferte \u2013 und sie schweigen, verletzen nicht mehr, verursachen keine Schmerzen mehr. Freude, an den Chefs mit erhobenem Kopf vor\u00fcberzugehen. Endlich bedarf es nicht mehr eines ununterbrochenen Kampfes, um die eigene W\u00fcrde zu wahren gegen eine fast unbezwingbare Neigung, sich mit K\u00f6rper zu Seele zu unterwerfen. Freude zu sehen, wie die Chefs vertraulich zu sein versuchen, H\u00e4nde sch\u00fctteln, darauf verzichten, Anweisungen zu erteilen. Freude zu sehen, wie jetzt sie gehorsam warten, um den vom Streikkomitee ausgestellten Passierschein in Empfang zu nehmen. Freude zu sagen, was man auf dem Herzen hat, jedem, den Vorgesetzten und Genossen, an diesem Ort, an dem zwei Arbeiter, Seite an Seite, monatelang arbeiten konnten, ohne dass einer der beiden erfahren h\u00e4tte, was der Nachbar dachte. Freude, unter stummen Maschinen zu leben, im Rhythmus des menschlichen Lebens \u2013 dieser Rhythmus folgt der Atmung, dem Herzschlag, den nat\u00fcrlichen Bewegungen des Organismus \u2013 und nicht im vom Zeitnehmer diktierten Rhythmus. <\/span><span style=\"font-family: Nimbus Roman No9 L,serif\">Sicher wird das harte Leben in einigen Tagen wieder beginnen. Aber man denkt nicht daran, \u00e4hnlich wie Soldaten auf Urlaub w\u00e4hrend des Kriegs. Und was auch immer in der Folge geschehen mag, man hat immerhin dies erlebt. Zum ersten Mal und unausl\u00f6schlich werden um diese Maschinen andere Erinnerungen kreisen als die der Stummheit, Zwang, Unterordnung; Erinnerungen, die das Herz mit ein wenig Stolz erf\u00fcllen und ein wenig W\u00e4rme auf dem Metall zur\u00fccklassen werden. <\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-family: Nimbus Roman No9 L,serif\">Vollkommene Entspannung. Man kennt hier nicht jene sprungbereite Energie, jene mit Angst gepaarte Entschlossenheit, die so h\u00e4ufig bei Streiks zu beobachten sind. Gewiss herrscht Entschlossenheit, aber sie ist frei von Furcht. Man ist gl\u00fccklich. Man singt, aber nicht die \u201eInternationale\u201c oder \u201eDie junge Garde\u201c; man singt ganz einfache Lieder, und das ist gut so. einige machen Sp\u00e4\u00dfe, \u00fcber die man lacht, aus Freude, sich und die anderen lachen zu h\u00f6ren. Es herrscht keine Bosheit. Nat\u00fcrlich ist man froh, die Vorgesetzten sp\u00fcren zu lassen, dass sie nicht die St\u00e4rkeren sind. Jetzt sind sie an der Reihe. Das ist lehrreich f\u00fcr sie. Aber man ist nicht grausam. Man ist fr\u00f6hlich. <\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-family: Nimbus Roman No9 L,serif\">(S. 188ff) Und was soll man von den Forderungen denken? Zun\u00e4chst ist auf eine sehr verst\u00e4ndliche, wenn auch sehr ernste Tatsache hinzuweisen. Die Arbeiter streiken, aber sie \u00fcberlassen es den Funktion\u00e4ren, die Forderungen zu formulieren. <\/span><span style=\"font-family: Nimbus Roman No9 L,serif\">Die Gewohnheit einer im Laufe vieler Jahre angenommenen Passivit\u00e4t verliert sich nicht in wenigen Tagen, m\u00f6gen sie auch so befl\u00fcgelnd wie diese jetzt sein. Sodann ist es unm\u00f6glich, im selben Augenblick, da man f\u00fcr wenige Tage der Sklaverei entrann, auch noch den Mut zu fassen, die Bedingungen des Zwanges zu untersuchen, dem man sich so viele Tage beugte und weiter beugen wird. Unm\u00f6glich, an all dies gleichzeitig zu denken. Die menschliche Kraft ist begrenzt. Jetzt begr\u00fcgt man sich damit, vollst\u00e4ndig und ohne Hintergedanken das Gef\u00fchl zu genie\u00dfen, endlich eine Wert zu besitzen, weniger zu leiden, bezahlten Urlaub zu bekommen \u2013 dar\u00fcber wird mit leuchtenden Augen gesprochen, diese Forderung wird niemand mehr der Arbeiterklasse entrei\u00dfen &#8211; , bessere L\u00f6hne und ein Mitspracherecht im Betrieb. Und dies alles wurde nicht nur durchgesetzt, sondern vielmehr erobert. Jetzt wiegen einen sanfte Gedanken; es ist jetzt nicht die Zeit, die Welt genauer anzusehen. (\u2026) <\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-family: Nimbus Roman No9 L,serif\">Dennoch liegt es mir fern, mit einer traurigen Note zu schlie\u00dfen. In diesen Tagen tragen die Funktion\u00e4re eine ungeheure Verantwortung. Niemand wei\u00df, wie sich die Dinge entwickeln werden. Katastrophen sind zu bef\u00fcrchten. Aber keine Furcht l\u00f6scht die Freude aus, dass jene, die das Haupt stets zu senken bestimmt sind, es einmal erhoben haben. Was immer man drau\u00dfen denken mag, sie haben keineswegs unbegrenzte Hoffnungen. Es w\u00e4re sogar falsch, allgemein von Hoffnungen zu sprechen. Sie wissen, dass trotz der erk\u00e4mpften Verbesserungen die ganze Last der kurzfristig aufgehobenen sozialen Unterdr\u00fcckung von neuem auf sie kommen wird. Sie wissen, dass sie sich bald unter einer harten, kalten und r\u00fccksichtslosen Herrschaft wiederfinden werden. Aber unbegrenzt ist das gegenw\u00e4rtigen Gl\u00fcck. Endlich haben sie sich ausgedr\u00fcckt. Endlich haben sie ihren Herren bekundet, dass sie existieren. Sich dem Zwang zu unterwerfen, ist hart; glauben zu lassen, man liebe die Unterwerfung, das ist zu viel. Heute kann niemand ignorieren, dass diejenigen, deren einzige Rolle auf dieser Erde es sein soll, sich zu beugen und zu schweigen, wie sie nicht anders k\u00f6nnen. Wird es noch entwas anderes geben? Werden wir endlich eine tats\u00e4chliche und dauerhafte Verbesserung der industriellen Arbeitsbedingungen erleben? Die Zukunft wird es erweisen; aber diese Zukunft darf man nicht erwarten, man muss die gestalten.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">(S. 232ff) Die Frage nach der in den Industrielunternehmen sinnvollen, also w\u00fcnschenswerten Ordnung ist eine der wichtigsten, vielleicht die wichtigste \u00fcberhaupt f\u00fcr die Arbeiterbewegung. Um so erstaunlicher ist es, dass sie nie er\u00f6rtert wurde. Soviel ich wei\u00df, ist sie von den Theoretikern der sozialistischen Bewegung nicht analysiert worden; weder Marx noch seine Sch\u00fcler habe ihr hinreichend Aufmerksamkeit gewidmet, und bei Proudhon findet man dazu lediglich einige Hinweise. Vielleicht sind die Theoretiker deshalb nicht auf dieses bedeutsame Thema gesto\u00dfen, weil sie das R\u00e4derwerk einer Fabrik nicht wirklich gekannt haben.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">Auch die Arbeiterbewegung \u2013 seien es nun die Gewerkschaften oder die ihnen vorausgegangenen Arbeiterorganisationen \u2013 hat die die verschiedenen Komponenten diese Problems nicht gen\u00fcgend bedacht. Daf\u00fcr gibt es wohl mehrere Gr\u00fcnde, z.B. die unmittelbaren, dringenden, allt\u00e4glichen Sorgen oder die Tatsache, dass sie der industriellen Disziplin unterworfenen Arbeiterfunktion\u00e4re weder die Gelegenheit noch die Kraft hatten, den t\u00e4glich erlebten Zwang zu analysieren.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">Die b\u00fcrgerliche Gesellschaft leidet an einer Momomanie: der Monomanie der Buchhaltung. F\u00fcr sie hat nur das einen Wert, was sich in einer Geldsumme ausdr\u00fccken l\u00e4sst. Niemals z\u00f6gert sie, Menschenleben den Zahlen zu opfern, Zahlen des Staatshaushalts oder den Unternehemnsbilanzen. Wir lassen uns von dieser fixen Idee anstecken, auch lassen wir uns von Ziffern hypnotisieren. Daher ist ist unter den Vorw\u00fcrfen, die wir gegen das Wirtschaftsregime erheben, der Vorwurf der Ausbeutung, des zur Mehrung des Profite erpressten Geldes, fast der einzigem der deutlich und unverbl\u00fcmt formuliert wird. Es ist zweifellos leichter, sich \u00fcber eine auf dem Lohnzettel stehende Zahl zu beschweren, als die im Laufe eine Arbeitstages ertragenen Leiden zu untersuchen. Daher l\u00e4sst die Lohnfrage oft genug andere lebenswichtige Forderungen vergessen. Eine Folge davon ist, dass man die Umwandlung des Regimes als Resultat der Abschaffung des kapitalistischen Eigentums und des kapitalistischen Profits beschreibt, als ob dies mit der Verwirklichung des Sozialismus identisch w\u00e4re. (\u2026)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">Verjagte man morgen die Unternehmer, vergesellschaftete man die Fabriken, so \u00e4nderte sich nichts an diesem grunds\u00e4tzlichen Problem: die Notwendigkeit, eine maximale Anzahl von Produkten \u201eauszusto\u00dfen\u201c, entspricht nicht den Lebensbed\u00fcrfnissen der in der Fabrik arbeitenden Menschen.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">Die Vers\u00f6hnung der Erfordernisse der Betriebe mit den W\u00fcnschen und Sehns\u00fcchten der produzierenden Menschen ist ein Problem, das die Kapitalisten l\u00f6sen, indem sie eine seiner beiden Komponenten ignorieren: sie verhalten sich so, als g\u00e4be es diese Menschen gar nicht. Ebenso ignorieren manch anarchistischen Auffassungen die andere Komponente; die Produktionsnotwendigkeiten. Die ideale L\u00f6sung w\u00e4re eine Arbeitsorganisation, die gew\u00e4hrleistete, dass jeden Abend die maximale Anzahl gutgefertigter Produkte und zufriedene Arbeiter die Fabriken verlassen.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">(S. 241) Arbeitsmonotonie ist das eine Kennzeichen dieses Systems, Disziplin, Zwang ist das andere. Im Verlauf einer in Amerika vorgenommenen Untersuchung \u00fcber das Taylorsystem antwortete ein von Hendrik de Man befragter Arbeiter: \u201eDie Unternehmer verstehen nicht, dass wir die Zeitmessung ablehnen. Aber was w\u00fcrden unsere Unternehmer sagen, wenn wir verlangten, uns ihre Buchf\u00fchrung zu zeigen, und wir ihnen erkl\u00e4rten: Von den realisierten Gewinnen geh\u00f6rt dieser Teil euch und jener andere Teil uns? Die Kenntnis der Arbeitszeiten ist f\u00fcr und das \u00c4quivalent dessen, was ihnen das Industrie- und Gesch\u00e4ftsgeheimnis bedeutet.\u201c Dieser Arbeiter hatte die Situation durchschaut. Der Unternehmer besitzt nicht allein den Betrieb, die Maschinen, das Monopol der Herstellungsverfahren sowie der Finanz- und Gesch\u00e4ftskenntnisse; er erhebt auch noch den Anspruch auf das Monopol der Arbeit und der Arbeitszeiten. Was verbleibt den Arbeitern? Es verbleibt ihnen die Energie, eine Bewegung auszuf\u00fchren, das \u00c4quivalent der elektrischen Kraft; und man benutzt sie ganz genau so, wie man Elektrizit\u00e4t benutzt. Und noch etwas kommt hinzu: Hat die Betriebsleitung das Monopol aller Kenntnisse in Bezug auf die Arbeit, so tr\u00e4gt sie doch nicht die Verantwortung f\u00fcr die von der Akkordarbeit und den Pr\u00e4mien hervorgerufenen sachlichen und menschlichen Sch\u00e4den.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">(S. 246ff) Der Arbeiter-Internationalismus m\u00fcsste wirksamer sein; leider t\u00e4uscht man sich nicht, wenn man ihn mit Rolands Stute vergleicht, die zwar alle w\u00fcnschbaren Qualit\u00e4ten hatte, aber nicht existierte. Die Sozialistische Internationale vor dem Weltkrieg war nichts als Fassade, der Krieg hat es deutlich erwiesen. In der Gewerkschaftsinternationale, heute grausam verst\u00fcmmelt durch diktatorische Staaten, bestand noch weniger ein gemeinsames Handlungskonzept oder auch nur eine st\u00e4ndige Verbindung zwischen den verschiedenen nationalen Bewegungen. Ganz gewiss dr\u00e4ngt in gro\u00dfen historischen Augenblicken die Begeisterung \u00fcber die Grenzen hinaus; man erlebte es wieder im Monat Juni, als Betriebsbesetzungen nicht allein in Belgien nachgeahmt wurden, sondern sogar in den Vereinigten Staaten. Dennoch fehlte eine gemeinsame Strategie, die Generalst\u00e4be vereinigten nicht ihre Waffen und stimmten ihre Forderungen nicht ab; h\u00e4ufig gewahrte man eine erstaunliche Unkenntnis der Ereignisse jenseits der Landesgrenzen. Der Arbeiter-Internationalismus existiert bislang mehr in Worten als in der Praxis. (\u2026)<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify\">Alle Betrachtungen vereinigen sich in der Suche nach einer Aktion, um so mehr, als die Juni 1936 durchgesetzten Reformen (wollte man einigen Aussagen glauben, so gef\u00e4hrdeten sie unsere \u00d6konomie) nur ein Bruchteil der w\u00fcnschenswerten Reformen sind. Denn Frankreich ist nicht lediglich eine Nation, es ist ein Empire. Die Masse der Elenden hatte solch gro\u00dfe Hoffnungen in die Volksfront-Regierung gesetzt, dass ein zu langes Warten, sollte es entt\u00e4uscht werden, uns demn\u00e4xt schwere und blutige Auseinandersetzungen bescheren wird. Es geht nicht darum, die Menschen entweder gef\u00fcgig oder gl\u00fccklich zu machen; es geht darum, niemanden zu zwingen, sich zu erniedrigen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>aus \u00abFabriktagebuch und andere Schriften zum Industriesystem\u00bb von Simone Weil, edition suhrkamp, FfM, 1978 Simone Weil (3.2.1909 \u2013 24.8.1943) war franz\u00f6sische Philosophin, Syndikalistin, die 1935\/36 sich &#8220;unters Volk&#8221; gemischt hat, in den spanischen B\u00fcrgerkrieg gezogen ist, w\u00e4hrend des 2. 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