{"id":14,"date":"2010-06-14T01:11:00","date_gmt":"2010-06-13T23:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/liberadio.noblogs.autistici.org\/post\/2010\/06\/14\/anarchismus-in-russland-nach-dem-zerfall-der-sowjetunion\/"},"modified":"2018-09-06T22:34:41","modified_gmt":"2018-09-06T20:34:41","slug":"anarchismus-in-russland-nach-dem-zerfall-der-sowjetunion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=14","title":{"rendered":"Anarchismus in Russland nach dem Zerfall der Sowjetunion"},"content":{"rendered":"<p><em>[Wurde vor einem Jahr oder l\u00e4gner schon f\u00fcr Libertad Para Todos geschrieben. Ganz aktuell ist&#8217;s nicht mehr &#8211; inzwischen ist jede Menge passiert, aber immer noch ein \u00dcberblick. Also passt.] <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify\">Die Bedeutung solcher Namen wie Bakunin, Kropotkin, Makhno, sogar Goldman, Tscherkesow oder Berkman ist f\u00fcr die weltweite anarchistische Bewegung nicht zu untersch\u00e4tzen. All diese Leute kamen aus Russland, waren gepr\u00e4gt von der russischen Kultur, sie waren (Wahl)Exilanten und sind wahrscheinlich deswegen \u00abim Westen\u00bb so bekannt geworden. Aber um auf Namen wie Tschornyj, Borowoj, Figner, Serge zu sto\u00dfen, muss mensch sich st\u00e4rker und gezielter mit der Fachliteratur besch\u00e4ftigen, obwohl diese Denker auch heute noch Interessantes zu bieten h\u00e4tten. Nun, zum Aufbl\u00fchen und Vergehen des Anarchismus in Russland gibt es genug Werke und Zeugenberichte \u2013 mensch lese nur \u00abMy Desillusionment in Russia\u00bb und die Fortsetzung von Emma Goldman, Makhnos Erinnerungen und Arschinows Berichte, \u00abDer Aufstand von Kronstadt\u00bb von Volin, oder \u00abRussian Anarchists\u00bb von Paul Avrich (nur mit einem Augenzwinkern zu genie\u00dfen). Was Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts in Russland in Sachen Anarchismus los war, kann mensch schon mehr oder weniger sicher rekonstruieren. Was sich aber seit dem Zerfall der Sowjetunion getan hat, dar\u00fcber gibt es sehr, sehr wenig Information. Aus diesem Grund geht es im Folgenden nicht um den \u00abalten\u00bb Anarchismus, sondern um den jetzigen. Den \u00abj\u00fcngsten\u00bb, wenn mensch so sagen will.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify\">\u00a0 Ich kann keine Anspr\u00fcche auf Vollst\u00e4ndigkeit oder Objektivit\u00e4t erheben, es geht nur darum, was ich kenne, was ich aus Dokumenten und Diskussionen erschlie\u00dfen oder anders in Erfahrung bringen konnte. Zudem hat Vadim Damier in der April-Ausgabe der GWR (Nr. 338) so einiges als Veteran der russischen anarchistischen Bewegung erz\u00e4hlen k\u00f6nnen. Ich versuche aber eine andere Zugangsweise \u2013 die (Wieder)Entstehung in groben Z\u00fcgen zu skizzieren.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify\">\u00a0 Also, mensch kann mit Sicherheit sagen, dass auch nach Kronstadt und der Unterdr\u00fcckung von Bauernaufst\u00e4nden in der Ukraine und Sibirien der anarchistische Widerstand gegen die kommunistische Diktatur weiter ging. Im Untergrund, sogar in Arbeitslagern und Gef\u00e4ngnissen. Aber die Tradition wurde schlie\u00dflich unterbrochen. Die Zeit, wo der libert\u00e4re\u00a0 Gedanke wieder zu erwachen beginnt, war das so genannte \u00abTauwetter\u00bb in den 60er Jahren. Aber zur praktischen Umsetzung durfte es erst w\u00e4hrend der \u00abPerestrojka\u00bb kommen: 1986-1988. Im Jahre 1989 formierte sich die Konf\u00f6deration der Anarcho-Syndikalisten (KAS) aus Vertretern politisierter Subkulturen. Sie war f\u00fcr alle anarchistische<span style=\"color: #00ae00\">n<\/span> Str\u00f6mungen offen und bef\u00fcrwortete im Gro\u00dfen und Ganzen einen refo<span style=\"color: #00ae00\">r<\/span>mistischen Kurs in Richtung Sozialdemokratie und Markt-Sozialismus. An internen Widerspr\u00fcchen zersplitterte die KAS und wurde 1992 aufgel\u00f6st. Aber was sich 1990 abspaltete, lebt heute noch und ist eine der wichtigsten Anarcho-Organisationen: die Assoziation der Anarchistischen Bewegungen (ADA). Um zu zeigen, dass es mit der Sozialdemokratie ernst gemeint war: Einige Veteranen der KAS haben sich inzwischen in den Machtapparat integriert, wie Alexander Schubin (Gr\u00fcne Partei) oder Andrej Isajew (Partei Einiges Russland).<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify\">\u00a0 1989-94\/95 waren wohl in jeglicher Hinsicht die Jahre des Chaos. Nicht, dass es keine Bewegung in diesen Jahren gab, aber sie entsprach voll dem Zeitgeist: zahlreiche Gruppen formierten sich und l\u00f6sten sich wieder auf, eine Menge an genial-ulkigen DIY-Zeitschriften erschien ein oder zwei mal, um wieder einzugehen. Das Internet hat dieser Kunstform das Ende bereitet&#8230; In dieser Zeit (92-93) entstand so ein interessantes und einst bedeutendes Netzwerk wie die Regenbogenbesch\u00fctzer (Hraniteli radugi). Die Regenbodenbesch\u00fctzer waren eher ideologisch als organisatorisch verbunden, sie machten sommerliche \u00d6ko-Camps dort, wo Stast oder Konzerne die Umwelt verschmutzten.. RB haben Ideen von Murray Bookchin und Andre Gorz in Russland bekannt gemacht, \u00abDie Neugestaltung der Gesellschaft\u00bb Bookchins ins Russische \u00fcbersetzt. Sie beschr\u00e4nkten sich dementsprechend auf \u00d6ko-Aktivismus, Kommunitarismus und manchmal auf Lobby-Arbeit. Da das Netzwerk so lose war, kann mensch auch schlecht sagen, wann es als RB aufgeh\u00f6rt hat zu existieren. Die libert\u00e4ren \u00d6ko-Camps gibt es seit 2008 wieder, die RB sind anscheinend nach ein paar Jahren Pause wieder da.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify\">\u00a0 Aus den radikalen \u00dcberresten der KAS entstand 1990\/91 die Initiative Revolution\u00e4rer Anarchisten (IReAn), wei\u00dfrussische und ukrainische Genossen schlossen sich 1992 zur F\u00f6deration Revolution\u00e4rer Anarchisten (FRAn) zusammen. W\u00e4hrend es in der Ukraine um 1998 zur Gr\u00fcndung der Revolution\u00e4ren Konf\u00f6deration der Anarcho-Syndikalisten (RKAS) kam, entstand 1994 aus IReAn die Konf\u00f6deration Revolution\u00e4rer Anarcho-Syndikalisten, Mitglied der IAA (KRAS-MAT). KRAS ist im Unterschied zur KAS anarcho-kommunistisch und nun tats\u00e4chlich syndikalistisch. Die wichtigsten Presseorgane sind die mehr oder weniger regul\u00e4r erscheinenden \u00abDirekte Aktion\u00bb und \u00abDer libert\u00e4re Gedanke\u00bb. Die KRAS beschr\u00e4nkte sich Ende 90er eher auf Propaganda und Arbeitskampfmonitoring, jetzt, da die Arbeiterbewegung in Russland allm\u00e4hlich zu sich kommt, versucht KRAS aktiv mitzumischen. 2008 wurde wegen interner Widerspr\u00fcche die Gruppe Interberufliche Arbeiterunion (MPST) aus der KRAS ausgeschlossen. Mit der Sibirischen Konf\u00f6deration der Arbeit (SKT), die ebenfalls 1995 aus den KAS-\u00dcberresten hervor kam, bestehen z. Z. in Russland zwei anarcho-syndikalistische Organisationen. Wobei die SKT heute die gr\u00f6\u00dfte und erfolgreichste unabh\u00e4ngige Gewerkschaft ist.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify\">\u00a0 Eine erw\u00e4hnenswerte Episode ereignete sich 98\/99: eine mysteri\u00f6se Terrororganisation namens \u00abNeue Revolution\u00e4re Alternative\u00bb bekannte sich zur mehreren Explosionen (u. a. direkt vor dem Stabsquartier des FSB), darauf startete der FSB eine Repressionswelle und schickte mit einem fabrizierten Prozess 2003 drei junge Aktivistinnen in den Knast.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify\">\u00a0 Die Generation der Aktivisten aus Moskau, Nizhnij Novgorod und Krasnodar, die die KAS nicht gekannt hat, bildete 1999 die Autonome Aktion (AD). AD \u00fcbernahm die \u00c4sthetik des westlichen Anarchismus, des nicht-autorit\u00e4ren Marxismus, der Neuen Linken und sprach vor allem junge Leute an. Mittlerweile ist AD die wohl gr\u00f6\u00dfte in Russland anarcho-kommunistische Organisation, mit Schwesterorganisationen in Wei\u00dfrussland und anderen GUS-Staaten. Die Zeitschrift \u00abAvtonom\u00bb und Zeitung \u00abSituacija\u00bb geh\u00f6ren zu den wichtigsten in der Bewegung. Von Bedeutung sind auch Zeitungen regionaler AD-Gruppen aus St. Petersburg und Wladiwostok, \u00abPetrogrADec\u00bb und \u00abUdar\u00bb. Kritisierbar an der AD sind die Mehrheitsentscheidungen, manchmal der Hang zur Sektiererei und eine Tendenz zum Links-Kommunismus. 2003 spaltete sich aus diesen Gr\u00fcnden von der AD die F\u00f6deration der Anarcho-Kommunisten, die in den s\u00fcdlichen Regionen Russlands t\u00e4tig war. So weit mir bekannt ist, gibt es die FAK nicht mehr.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify\">\u00a0 Nun zur ADA. Sie entstand 1990 mit dem Anspruch anarchistische T\u00e4tigkeiten in Osteuropa und Sibirien zu koordinieren. Das gelang der ADA nicht, aber sie ist nach wie vor f\u00fcr alle Str\u00f6mungen offen: f\u00fcr Kommunisten, Syndikalisten und Individualisten, und im Gegensatz zur AD wendet sich ADA nicht so scharf gegen Religion. Sie vereinigte zeitweise Gruppen und Initiativen in bis zu 40 St\u00e4nden in Russland und in den Nachbarstaaten. Zur Zeit ist sie von den \u00abrechten Anarchisten\u00bb dominiert und ihr wird nachgesagt anarcho-kapitalistisch zu sein. Tja, wenn mensch P.-J. Proudhon und J. Warren f\u00fcr Kapitalisten h\u00e4lt&#8230; Die wichtigsten Presseorgane sind z. Z. \u00abVintovka\u00bb\u00a0 und die Zeitung der Jaroslawler Gruppe \u00abTNT\u00bb. Die\u00a0 Petersburger Zeitung \u00abNovij Swet\u00bb ist nach 17 Jahren Erscheinens 2006 eingestellt worden. Die Position der ADA zu den tschetschenischen Kriegen und nationaler Selbstbestimmung kleiner V\u00f6lker sorgte f\u00fcr heftige Kontroversen mit KRAS und AD. Die ADA einigte sich darauf, die nationalen Befreiungsbewegungen im Kampf gegen \u201edas russische Reich\u201c zu unterst\u00fctzen, w\u00e4hrend Anarcho-Kommunisten die Herausbildung neuer Staaten f\u00fcr keineswegs libert\u00e4r halten. Einer der Mitbegr\u00fcnder, Pjotr Rausch, musste wegen staatlichen Drohungen das Land verlassen und lebt seit 2007 im schwedischen Exil. In der ADA kriselt es momentan, mensch versucht Ziele und Organisationsprinzipien neu zu formulieren.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify\">\u00a0 Zu erw\u00e4hnen w\u00e4re auch eine Gruppe aus Voronezh, Kirche des gestohlenen Brotes, die unter dem starken Einfluss der Ideen Hakim Beys und der Situationisten steht und immer wieder f\u00fcr Kontroversen in der \u00abtraditionellen\u00bb Bewegung sorgt. Daneben gibt es auch informelle Punker-Organisationen, RASH, Food Not Bombs u.A. Au\u00dferdem hat die Ukraine etwas Interessantes vorzuweisen: eine anarchistische Partei, Union der Ukrainischen Anarchisten (SAU), die auf Mutualismus, Legalit\u00e4t und eine \u00dcbergangsperiode setzt. Aber die Ukraine so wie Wei\u00dfrussland w\u00fcrden getrennte Artikel verdienen.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify\">\u00a0 Die heutige Lage ist schwer einzusch\u00e4tzen: Anarchismus in Russland befindet sich in der Defensive. Staatliche Repressionen, Nazi-Terror sowie die eigene Unf\u00e4higkeit aus dem subkulturellen Ghetto herauszukommen und den ArbeiterInnen eine Alternative zum Trotzkismus anzubieten, machen es den AnarchistInnen schwer. Solche \u201emodischen\u201c Erscheinungen (Marx sei Dank \u2013 nur marginaler Natur) wie National-Anarchismus, Anarcho-Kapitalismus oder -Primitivismus sind f\u00fcr mich pers\u00f6nlich Anzeichen der Zersetzungsprozesse in der Bewegung. Andererseits mischen sich AnarchistInnen in der Umweltbewegung, in der Antifa und bei den Protesten gegen Gentrifizierung stark ein. Mit den Morden an Aktivisten, wird allm\u00e4hlich die \u00d6ffentlichkeit auf die Bewegung aufmerksam, anarchistische Stimmen werden in der linken Diskussion immer deutlicher. Zu hoffen ist, dass sie bald auch Anschluss an die Arbeiterbewegung finden, denn ohne diese k\u00f6nnen sie in Russland kaum Perspektive.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[Wurde vor einem Jahr oder l\u00e4gner schon f\u00fcr Libertad Para Todos geschrieben. Ganz aktuell ist&#8217;s nicht mehr &#8211; inzwischen ist jede Menge passiert, aber immer noch ein \u00dcberblick. 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