{"id":1317,"date":"2014-01-22T00:26:32","date_gmt":"2014-01-21T23:26:32","guid":{"rendered":"http:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=1317"},"modified":"2023-09-10T14:44:33","modified_gmt":"2023-09-10T12:44:33","slug":"anarchismus-und-die-nationale-frage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=1317","title":{"rendered":"Anarchismus und die nationale Frage"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\" align=\"JUSTIFY\"><b>Herbert Maridze<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: 'Times New Roman', serif\"><span style=\"font-size: medium\"><i>[Wir dokumentieren weiterhin Bemerkenswertes aus den Diskussionen, die mensch in der anarchistischen Bewegung Russlands f\u00fchrte, besonders weil es wieder mal mit Tschetschenien zu tun hat. Viel kl\u00fcger wird mensch daraus nicht und, zugegeben, es k\u00f6nnte einem\/r angesichts der Tatsache gruseln, wie viel Verst\u00e4ndnis die ansonsten sehr individualistisch gepr\u00e4gte ADA f\u00fcr die <\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: 'Times New Roman', serif\"><span style=\"font-size: medium\"><i>\u00ab<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: 'Times New Roman', serif\"><span style=\"font-size: medium\"><i>V\u00f6lker<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: 'Times New Roman', serif\"><span style=\"font-size: medium\"><i>\u00bb aufbringen konnte. Desweiteren erinnern wir gerne an \u00e4hnliche Beitr\u00e4ge: \u00ab<a href=\"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=14\">Anarchismus in Russland nach dem Zerfall der Sojewtunion<\/a>\u00bb, \u00ab<a href=\"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=587\">Russland: Land unter F\u00fc\u00dfen<\/a>\u00bb und \u00ab<a href=\"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?p=593\">Den Krieg wollen nur Politiker<\/a>\u00bb &#8211; liberadio<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: 'Times New Roman', serif\"><span style=\"font-size: medium\"><i>]<\/i><\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/?attachment_id=2883\" rel=\"attachment wp-att-2883\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-2883\" src=\"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/files\/2014\/01\/nordkauk-300x169.jpg\" alt=\"\" width=\"421\" height=\"237\" srcset=\"https:\/\/liberadio.noblogs.org\/files\/2014\/01\/nordkauk-300x169.jpg 300w, https:\/\/liberadio.noblogs.org\/files\/2014\/01\/nordkauk-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/liberadio.noblogs.org\/files\/2014\/01\/nordkauk-768x432.jpg 768w, https:\/\/liberadio.noblogs.org\/files\/2014\/01\/nordkauk-1536x864.jpg 1536w, https:\/\/liberadio.noblogs.org\/files\/2014\/01\/nordkauk.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 421px) 100vw, 421px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\">W\u00e4hrend der gesamten Menschheitsgeschichte ging die Existenz des Staates mit der Unterdr\u00fcckung nicht nur des eigenen Volkes, sondern auch anderer V\u00f6lker einher und gr\u00fcndete \u00f6fters darauf auf. Kein Wunder also, dass sozial-revolution\u00e4re Bewegungen von den Ideen nationaler Befreiung nicht zu trennen sind. Das 20. Jahrhundert war in diesem Sinne keine Ausnahme. Es gen\u00fcgt, an die nicht zu widerlegende Tatsache zu erinnern, dass der Zusammenbruch der Zarenherrschaft in Russland und der Zerfall der UdSSR von einer Reihe von Aufst\u00e4nden gegen nationale Unterjochung begleitet waren. Es ist gut m\u00f6glich, dass das Regime der Russl\u00e4ndischen F\u00f6deration (RF) nach \u00e4hnlichem Muster vonstatten geht. Die Frage der Befreiung der versklavten V\u00f6lker ist traditionell eine \u00dcberlebensfrage f\u00fcr den russischen Staat und von daher von besonderer Aktualit\u00e4t f\u00fcr russische AnarchistInnen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\">Es scheint, die nationale Frage als theoretisches Problem w\u00fcrde sich der anarchistischen Bewegung nicht stellen. Der Anarchismus ist gem\u00e4\u00df der Definition eine international(istisch)e Lehre. Immer mit den Unterdr\u00fcckten gegen die Unterdr\u00fcckerInnen! \u2013 mit diesem Ausruf von Makhno legte der Anarchismus seine Position zum Problem der Nationalit\u00e4ten fest, sobald es zum Objekt theoretischer \u00dcberlegungen wurde. Umso aktueller stellt sich die Frage der praktischen Anwendung der internationalistischen Prinzipien in der allt\u00e4glicher Politik.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\">AnarchistInnen stehen nach wie vor an der vordersten Front im Kampf gegen Faschismus und Nationalismus. Es vergeht kaum eine Woche ohne neue Nachrichten \u00fcber Auseinandersetzungen mit Nazis, Verteidigung von Versammlungen und Konzerten, Graffiti-Attacken. Ob mensch solche Arbeit braucht, ist eine rhetorische Frage. Sie ist unabdingbar! JedeR AnarchistIn soll nach Kr\u00e4ften im Stra\u00dfenkampf gegen Neonazismus und mit allen Mitteln seine\/ihre GenossInnen unterst\u00fctzen, die diesen Kampf f\u00fchren. Ist solcher Kampf ausreichend? Nein! Wenn wir nicht zu einem militanten Fl\u00fcgel irgendeiner liberalen oder kommunistischen Partei werden wollen, m\u00fcssen wir unsere eigene nationale Politik betreiben, die auf anarchistischen Prinzipien basiert. Aber es gen\u00fcgt ein Blick, um zu sehen, wie langsam sich die anarchistische Bewegung an den \u201enationalen R\u00e4ndern\u201c entwickelt; dass bis jetzt fast keine Arbeit mit Minderheiten organisiert wurde; und schlie\u00dflich, dass die Einstellung vieler AnarchistInnen zum Krieg im Kaukasus sich g\u00e4nzlich auf Antimilitarismus beschr\u00e4nkt. Da sieht mensch, dass die nationale Frage nicht nur nicht gel\u00f6st ist, sondern von der modernen anarchistischen Bewegung nicht ein mal gestellt wurde.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><a name=\"more-1317\"><\/a><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\">Die Nationalit\u00e4tenfrage war nie eine \u201eHauptfrage\u201c f\u00fcr AnarchistInnen, und wird es auch nicht. Welche auch immer Formen die Herrschaft von Menschen \u00fcber Menschen annehmen m\u00f6ge \u2013 sei es die der nationalen Unterdr\u00fcckung oder der \u201ewirtschaftlichen Ausbeutung\u201c, am dringendsten und wichtigsten wird f\u00fcr uns das Problem der Herrschaft bleiben. So wird es auch bleiben solange es noch Herrschaft gibt. Aber jene nationalen, kulturellen, religi\u00f6sen Unterschiede, die es zwischen den Menschen gibt, d\u00fcrfen nicht ignoriert werden. Im Gegenteil, wir m\u00fcssen entschieden den Schritt weg von jener Tradition machen, die die Wahl eines religi\u00f6sen Glaubens und der nationalen Zugeh\u00f6rigkeit zu einer rein privater Angelegenheit erkl\u00e4rte, die mit dem politischen Kampf nicht zu tun h\u00e4tte. Die in abstrakten Vorstellungen von Bourgeoisie und Proletariat denkenden MarxistInnen k\u00f6nnen sich das noch erlauben. Die AnarchistInnen jedenfalls erinnern sich noch daran, dass sowohl Herrschaft als auch das Volk nur durch ihre konkreten Tr\u00e4gerInnen existieren, dass der Staat best\u00e4ndig jegliche nationalistische Konflikte herstellt, am Laufen h\u00e4lt und skrupellos ausnutzt; aber es w\u00e4re eine ungeheuerliche Ungerechtigkeit, aufgrund dessen Menschen des Rechtes zu berauben, auf politischem Wege ihre nationalen Interessen umzusetzen.<\/span><!--more--><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\">Die moderne Auffassung von der Nationalit\u00e4t ist f\u00fcr viele untrennbar mit der Existenz des Staates verbunden. Die meisten europ\u00e4ischen Nationen wurden \u2013 mittels Vereinheitlichung und Assimilierung \u2013 von zentralistischen Regierungen geschaffen und dieser Prozess ist l\u00e4ngst noch nicht abgeschlossen. Vielleicht eine der gef\u00e4hrlichsten Herausforderungen f\u00fcr die staatenlose Gesellschaft wird der Zerfall von solchen \u201estaatenbildenden\u201c Ethnien sein. Etwas \u00c4hnliches haben wir Ende 1980er Jahre in Karikaturform beobachten k\u00f6nnen, als sich herausstellte, dass das abstrakte \u201esowjetische Volk\u201c aus konkreten RussInnen, LettInnen, GeorgierInnen bestand und die monolithische Einheit verloren ging.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\">Die Existenz des Staates ist untrennbar von nationaler Unterdr\u00fcckung und Imperialismus. Die Politik der RF, die mittels V\u00f6lkermords den Staat um das russische Volk \u201ekonsolidiert\u201c und Konflikte im Kaukasus, in Baltikum, in der Ukraine und Moldawien sch\u00fcrt, liefert t\u00e4glich Beispiele daf\u00fcr. Aber trotz jahrhundertelanger Konsequenz der staatlichen nationalen Politik und anarchistischer Kritik daran sollte mensch eine Reihe bedeutender Umst\u00e4nde ber\u00fccksichtigen, die sich zum Teil ver\u00e4ndert haben und teilweise sich in den letzten 20 Jahren dieselben geblieben sind.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\">Das, wor\u00fcber unbedingt gesprochen wird, wenn mensch die nationale Frage in Russland des 21. Jahrhunderts meint, ist die ruckartige Abnahme der Geburtenzahlen. Die das russische Volk heimsuchende demographische Katastrophe wird stets von einer Reihe faschistischer und neonazistischer Ideologen instrumentalisiert, die heute im staatlichen Fernsehen besch\u00e4ftigt werden. Ihre besondere Wut gilt dem Umstand, dass fast alle nordkaukasischen V\u00f6lker, das tschetschenische inklusive, in den letzten Jahren einen steten Bev\u00f6lkerungszuwachs demonstrierten. Alle Ma\u00dfnahmen zur \u00dcberwindung der demographischen Krise staatlicherseits beschr\u00e4nkten sich auf die Unterst\u00fctzung von Eltern. Die Mutigsten sprechen vom R\u00fcckgang der Sterblichkeit, Reformen in der gesundheitlichen Vorsorge usw. Aber so oder so sehen sie einen Ausweg in einer noch gr\u00f6\u00dferen staatlichen Regulierung und Kontrolle. Mensch muss allerdings keinE AnarchistIn sein, um die am meisten ins Auge stechenden Bestandteile des von der Staatsraison diktierten Genozids am eigenen Volke zu sehen, der von der Regierung der RF durchgef\u00fchrt wird: der Krieg im Kaukasus, Ausbreitung des Alkoholismus, das penitentiare System. Man muss auch nicht \u00fcberklug sein, um den einzig m\u00f6glichen Schluss ziehen zu k\u00f6nnen: heutzutage, wie auch vor 300 oder 500 Jahren, der Hauptfeind des russischen Volkes ist der russische Staat. Eine ausbalancierte staatliche demographische Politik kann zweifellos kurzfristig zu positiven Resultaten f\u00fchren, wie sie es im Nazideutschland tat. Die Geschichte aber zeigt allzu deutlich, was f\u00fcr Konsequenzen blindes Vertrauen zu Diktatoren f\u00fcr gew\u00f6hnlich hat.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\">Heute, wie auch vor 300 oder 500 Jahren, lebt der russische Staat wirtschaftlich wie politisch vom kolonialen Raubbau an \u201enationalen R\u00e4ndern\u201c. Die Verwandlung der RF in eine Venezuela-\u00e4hnliche Erd\u00f6l-Republik verdeutlicht diese Tatsache nur. Die AnarchistInnen immer erkannten und erkennen den nat\u00fcrlichen Kampf eines jeglichen Volkes an, das vom russischen Imperium unterjocht wird. Unter diesen V\u00f6lkern gibt es solche, die, wie mensch sagt, \u201efreiwillig\u201c die Herrschaft des \u201ewei\u00dfen Zaren\u201c anerkannt haben, sowie solche, auf deren Boden die Ressourcen f\u00fcr den \u201eStabilisierungsfonds\u201c abgebaut werden \u2013 sprich, f\u00fcr den Fonds zur F\u00fchrung von Eroberungskriegen und zum Abwehr von Aufst\u00e4nden. Aber am h\u00e4ufigsten werden die Graswurzelbewegungen f\u00fcr nationale Selbstbestimmung von VertreterInnen so genannter lokaler \u201eEliten\u201c, die die Befreiung von der Zentralregierung nur in Form von Nationalstaaten unter eigenem unaufdringlichen Patronat denken k\u00f6nnen, f\u00fcr ihre eigenn\u00fctzigen Interessen ausgenutzt. Bergkarabach, Transnistrien, Abchasien, S\u00fcossetien, Tschetschenien\u2026 Zu einem Stolperstein f\u00fcr viele linke AnarchistInnen wurde, dass \u00fcberall in den Regionen der ehemaligen UdSSR, wo die V\u00f6lker versuchten, ihr Schicksal ohne die Empfehlungen von <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Belavezha_Accords\">Verschw\u00f6rern aus dem Bia<\/a><a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Belavezha_Accords\">\u0142owie\u017ea-Urwald<\/a> zu gestalten, diese Prozesse in Richtung des staatlichen Aufbaus gingen. Das diente sogar als Anlass dazu, jede nationale Befreiungsbewegung a priori f\u00fcr reaktion\u00e4r und sch\u00e4dlich f\u00fcr den Zweck der Weltrevolution. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\">F\u00fcr eine Situationsanalyse dieser L\u00e4nder w\u00e4ren umfassendere und genauere Informationen n\u00f6tig, als die, die uns zur Verf\u00fcgung stehen. F\u00fcr die erste Ann\u00e4herung aber m\u00fcssen wir prinzipiell einsehen, dass die nationale Selbstbestimmung, Separatismus und Gr\u00fcndung von neuen Staaten unter dem Deckmantel nationaler oder religi\u00f6ser Ideen drei unterschiedliche Problemfelder sind und nicht eines, wie mensch oft denkt.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\">1. Anarchisten erkennen bedingungslos das Recht eines jeden Volkes, einer jeden ethnischen oder welcher auch immer Gruppe an, nach ihren Sitten, Br\u00e4uchen und Vorstellungen zu leben, solange sie das Leben anderer Menschen nicht st\u00f6ren.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\">2. Wir glauben, dass das menschliche Verm\u00f6gen zur gesellschaftlichen Kreativit\u00e4t grenzenlos ist, und akzeptieren jegliches gewaltfreie Streben zur Assimilation, zum gemeinsamen oder getrennten Leben sowohl einer jeden Ethnie als Ganzes als auch ihres jeden einzelnen Mitglied.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\">3. Wir sind entschieden gegen jegliche Formen national-staatlicher Gr\u00fcndung, und weisen darauf hin, dass niemand so eifrig mit \u201enationalen Interessen\u201c handelte, so leicht T\u00fcr und Tor f\u00fcr Angreifer \u00f6ffnete, so zynisch seine Schulden mit dem Blut des eigenen Volkes zahlte als es \u201enationale Regierungen\u201c getan haben und immer noch tun. Wahrlich, wollt ihr den freiheitlichen Geist brechen und die Traditionen eines Volkes zerst\u00f6ren, gebt ihm seinen \u201eeigenen\u201c Staat.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\">Wie wollen wir diese Prinzipien anwenden? In erster Linie, muss mensch die \u00dcberreste des Eurozentrismus und Kolonialismus im eigenen Denken und Handeln beseitigen. Wollen wir InternationalistInnen sein, behaupten wir immer noch, dass der Drang zur Freiheit im Menschen unaustilgbar ist, geben wir automatisch zu, dass \u2013 unabh\u00e4ngig von Lebensumst\u00e4nden, vom Niveau wirtschaftlicher Entwicklung, Kultur und Religion \u2013 es keine \u201eunterentwickelten\u201c und \u201ef\u00fcr die Anarchie nicht reifen\u201c V\u00f6lker gibt. Viel mehr, nach 11 Jahren des kaukasischen Krieges ist die Wiedergabe nazistischer Propaganda-L\u00fcgen von der \u201etschetschenischen Barbarei\u201c und dem \u201eislamischen Fanatismus\u201c, die von staatlichen Massenmedien verbreitet wird, durch einige \u201elibert\u00e4re\u201c Theoretiker ist absolut unzul\u00e4ssig.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\">In der Politik gibt es keine einfachen Fragen. Das Separatismusproblem ist unter den kompliziertesten, haupts\u00e4chlich wegen der satanischen Schwierigkeit bei der praktischen Anwendung einer Synthese aus Anarchismus und Internationalismus bei der ungeheuren und immer weiter mit Hilfe der Regierung wachsenden Anzahl an internationalen Konflikten. Aber es besteht kein Zweifel daran, dass f\u00fcr uns, russischen internationalistischen Revolution\u00e4rInnen, ein ausdr\u00fccklicher Wunsch selbst eines Teils des einen oder anderen Volkes, die Moskauer Herrschaft los zu werden, sollte ein Signal zum vertieften Erlernen der Kultur und der Sprache dieses Volkes sein, um die Vielfalt seiner Traditionen f\u00fcr die vollst\u00e4ndige Befreiung aller V\u00f6lker, auch des russischen, die unter das Joch des Kremls geraten sind, zu nutzen. Heroischer Kampf solch au\u00dfergew\u00f6hnlicher Pers\u00f6nlichkeiten wie Schamil Bassajew oder Mowssar Barajew darf sich nicht vor die Volksbewegung stellen, damit Fehler oder Verbrechen einzelner Anf\u00fchrer keinen Schatten \u00fcber das ganze Volk werfen k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\">Eine bedingungslose Anerkennung durch AnarchistInnen des Rechts eines jeden Volkes, einer jeden Menschengruppe auf eigene Br\u00e4uche sollte uns als AnarchistInnen am Handeln nicht hindern. Bei all unseren Sympathien f\u00fcr K\u00e4mpferInnen gegen den Imperialismus m\u00fcssen jegliche Versuche, staatliche Strukturen zu schaffen und den Einflusses auf andere Territorien auszuweiten u.\u00c4., entsprechend anarchistisch beantwortet werden. Bei jeder passenden Gelegenheit, mittels unabl\u00e4ssiger Arbeit in Landsmannschaften, mit ethnischen Minderheiten, in den Regionen, wo Minderheiten dominieren, werden wir unsere Position klarmachen, und diese Position besteht u.A. darin, dass der kaukasische Krieg nicht zum allgemeinen Aufstand gegen die Kreml-Diktatur wurde, u.A. wegen der Versuche der Regierung der Tschetschenischen Republik Itschkeria (TRI), einen eigenen Nationalstaat aufzubauen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\">Die Ideologie des jungen russischen Staates wird unterschwellig durch jenes schreckliche Trauma bestimmt, das ihm bei der Geburt zugef\u00fcgt wurde. Die peinliche Niederlage im Weltkrieg, der katastrophale Zerfall des Imperiums, die Erniedrigung der zweitst\u00e4rksten Weltmacht zum Rohstoffliefernaten f\u00fcrs Europa (nicht einmal f\u00fcr die USA!) \u2013 das alles bestimmt das Selbstbewusstsein der Herrschenden und treibt sie letzten Endes zu den \u201eeinfachsten\u201c L\u00f6sungen: der Tyrannei der Geheimdienste im Landesinneren und der aggressiven Rhetorik im post-sowjetischen Raum. Einst begleitete das Zarenreich seine Eroberungen mit Erkl\u00e4rungen \u00fcber die Befreiung von \u201eslawischen Br\u00fcdern\u201c, Hilfe f\u00fcr Glaubensbr\u00fcder oder mit gar nichts. Danach rechtfertigte die Regierung der UdSSR ihre imperialistische Au\u00dfenpolitik mit dem Kampf gegen den Imperialismus. Die Dialektik der jetzigen Regierung besteht darin, dass das erkl\u00e4rte \u201eSch\u00fctzen\u201c der Rechte von so genannten \u201eImperialisten\u201c (der russischen Minderheiten in baltischen Staaten, in der Ukraine, in Transnistrien), einigen V\u00f6lkern im S\u00fcdkaukasus oder Serben f\u00fcrs Rauben oder Morden von kleineren und gr\u00f6\u00dferen V\u00f6lkern in Russland selbst genutzt wird.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\">Wenn wir aber gegen den Imperialismus der eigenen Regierung k\u00e4mpfen, d\u00fcrfen wir dem russischen oder ossetischen Volk das Recht auf Wiedervereinigung versagen, den Wunsch der Abchasier irgnorieren, Befehlen aus Tiflis nicht zu gehorchen? Gleichzeitig, g\u00e4nzlich auf der Seite der Unterdr\u00fcckten, d\u00fcrfen wir auch nur eine einzige Minute lang eine Erstarkung der Positionen der RF wo auch immer w\u00fcnschen?<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\">Mensch kann heute nicht sagen, wie genau die anarchistische Revolution vonstatten gehen wird: zerbrechen alle Staaten, was kaum wahrscheinlich ist, w\u00e4hrend einer vergleichsweise kurzer Periode zusammen oder, was noch weniger wahrscheinlich ist, wird es irgendeine Form feindlicher Koexistenz selbstverwalteter Gebiete und staatlicher Territorien sein? Jegliche Prognosen hier, besonders die globalen, laufen Gefahr, gleichzeitig dem Avantgardismus und der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_toten_Seelen\">Manilowtschina<\/a> zu verfallen. Jedoch ist jede konkrete direkte Aktion, jede Demonstration, jedes Flugblatt von allgemeiner Bedeutung. Wenn wir hier und jetzt den Staat zerst\u00f6ren, internationale revolution\u00e4re und alterglobalistische Solidarit\u00e4t herstellen und st\u00e4rken, arbeiten wir f\u00fcr die Befreiung der V\u00f6lker der baltischen Staaten, der Ukraine, Ost-Timors\u2026<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\">Eine der bedeutendsten Ver\u00e4nderungen, die in den letzten 30-50 Jahren stattgefunden haben, war die Umkehrung von Migrationsstr\u00f6men aus den Kolonien und abh\u00e4ngigen L\u00e4ndern in die Metropolen. In Russland wird dieser Prozess erleichtert und gleichzeitig erschwert, weil die \u201eDekolonisierung\u201c, wenn mensch darunter versteht, dass die unterjochten V\u00f6lker ihre \u201eeigenen\u201c Staaten bekommen, hier erst ansetzt. Erleichtert wird sie dadurch, dass f\u00fcr die B\u00fcrgerInnen eines Einheitsstaates weniger polizeiliche Hemmnisse und Verbote, Visenregimes und Passkontrollen gelten. Erschwert wird sie durch die von den Regierungen gesch\u00fcrten Nationalismus und Xenophobie. Aber f\u00fcr uns AnarchistInnen ist hier wichtig, dass viele V\u00f6lker, die in Russland lebten, keine \u201eeigenen\u201c Staaten oder sie nur in Rudimet\u00e4rform hatten. Das kann unsere Propaganda unter solchen V\u00f6lkern effektiver machen. Aber \u2013 und damit muss man rechnen \u2013 staatenlose Nationen haben keine ideologische Immunit\u00e4t gegen die Droge der Herrschaft.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\">Wenn Neonazis \u00fcber das Migrationsproblem reden, betonen sie vor allem eine multikulturelle Dissonanz, einen Unwillen der Angekommenen sich zu assimilieren, sinkende L\u00f6hne f\u00fcr die Einheimischen. Eine massenhafte Umsiedlung von Menschen mit einer anderen Mentalit\u00e4t, anderen Traditionen, Sprache und Religion hat freilich eine Reihe von Unannehmlichkeiten in verschiedenen Sph\u00e4ren und kann zu ethnischen Konflikten f\u00fchren. Umso mehr, dass viele MigrantInnen russische Kultur eben nicht mit Leo Tolstoj, sondern viel mehr mit brutalen S\u00e4uberungen assoziieren. Aber AnarchistInnen werden allen, die noch Vernunft und menschliche W\u00fcrde beibehalten haben, zu erkl\u00e4ren wissen, dass die Massenmigration aus gestrigen nationalen Provinzen, rasches Anwachsen multinationaler Metropolen mit ihren spezifischen Problemen, das Sinken der L\u00f6hne als Folge der Einwanderung \u201ebilliger\u201c Arbeitskrft \u2013 alles nur Teile eines globalen Prozesses sind, der nur mit dem Fortleben imperialistischer Staaten zu tun hat. Direkte Unterst\u00fctzung seitens des Kremls zentralasiatischer, s\u00fcdkaukasischer, belorussischer Despotien, unverbl\u00fcmtes Ausrauben ehemaliger \u201everbr\u00fcderter V\u00f6lker\u201c mittels \u00d6l- und Gaspreisen, Akzisen und Einfuhrz\u00f6lle stellen nur die ersten Glieder einer Kette dar. Darauf folgen V\u00f6lkermord und Ausrauben der eigenen Bev\u00f6lkerung durch die moskauer B\u00fcrokratie, Koppelung politischer und wirtschaftlicher Aktivit\u00e4t an eine einzige Stadt, Aussterben ganzer Regionen, Aufst\u00e4nde in den Provinzen, ungeheuerlicher Machtzuwachs des Repressionsapparates, Arbeitskr\u00e4ftemangel in der hei\u00dflaufenden Wirtschaft, Besiedelung von frei gewordenen Territorien mit Fl\u00fcchtlingen und MigrantInnen und schlie\u00dflich die neue Sklaverei unserer Zeit \u2013 das Gastarbeitertum.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\">Es kann einem\/r so vorkommen, dass das Geschw\u00fcr des staatlichen Nationalismus nur f\u00fcr die Staaten der Dritten Welt typisch w\u00e4re. Nach dem Motto, hoher Lebensstandard und Gleichheit der Rechte und der B\u00fcrger vor dem Gesetz im Westen beugten nationalistische Konflikte vor. Die neulich ganz Europa ersch\u00fctterten Aufst\u00e4nde in arabisch besiedelten Vororten stellten selbt die Existenz des breit beworbenen Schemas \u201eein Land, ein Volk, eine Sprache\u201c in Frage. Die ethnischen Konflikte in Australien, rassistische Unruhen in Birmingham und im vom Hurrikan verw\u00fcsteten New Orleans, die ins Leere laufenden Konflikte in Bosnien und Ulster \u2013 sind das nicht zu viele Ausnahmen? Die Regierungen der am weitesten entwickelten Demokratien k\u00f6nnen oder wollen nicht trotz vorhandener Ressourcen eine friedliche Koexistenz der V\u00f6lker innerhalb der Staaten herstellen. Und beim ersten Blick auf ihre Au\u00dfenpolitik wird jener Zynismus klar sichtbar, mit dem Ideale der Gleichheit und V\u00f6lkerselbstbestimmung f\u00fcr den Raub an der ganzen Welt genutzt werden.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\">Einer der wichtigsten Punkte der etatistischen Propaganda heute ist die Behauptung, nur das Gesetz k\u00f6nne dem Neonazismus Anhalt gebieten und nur eine starke Regierung eines zentralistischen Staates w\u00e4re imstande, internationale Konflikte zu regulieren. Den AnarchistInnen ist diese widerliche L\u00fcge nicht neu. Die Regierung kann mittels Schauprozesse gegen vereinzelte Rechtsradikalen ihre eigene faschistische Politik nicht verbergen. Friedenstruppen verheimlichen keine imperialistischen Absichten der \u201ePeacemaker\u201c mehr und unterst\u00fctzen die Konflikte zus\u00e4tzlich, indem sie diese in einen chronischen Zustand versetzten. Immer wieder sehen wir, dass die Staatsmacht ethnische Fehden nicht entsch\u00e4rfen und nicht regulieren kann. Im \u201eg\u00fcnstigsten\u201c Fall benutzt sie diese, im schlimmsten \u2013 erzeugt sie. Wenn der Staat die Rolle eines Vermittlers vereinnahmt, versucht er sich als die einzige Kraft darzustellen, die Gewalt stoppen und eine M\u00f6glichkeit f\u00fcr Verhandlungen schaffen kann. Aber in den Jahrtausenden seiner Existenz hat ausgerechnet der Staat alles daf\u00fcr getan, dass neue Konflikte gesch\u00fcrt und alte aufrechterhalten werden, und hat \u00fcberall, wo es nur ging, sie aus dem Stadium der Verhandlungen in das Kriegsstadium versetzt. Heute ist es nicht nur f\u00fcr AnarchistInnen, sondern auch f\u00fcr prinzipielle AntifaschistInnen und einfach f\u00fcr denkende Menschen offensichtlich, dass die Abschaffung des Neonazismus und Faschismus nur durch die v\u00f6llige Abschaffung des Staates m\u00f6glich wird.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\">Anarchismus und Antifaschismus k\u00f6nnen miteinander nur revolution\u00e4r verbunden werden, aber nicht allen werden Fr\u00fcchte dieser Verm\u00e4hlung schmecken. Anarchismus ist kein Allheilmittel gegen jedes gesellschaftliche \u00dcbel. Wir k\u00f6nnen nur r\u00e4tseln, mit was f\u00fcr Herausforderungen die k\u00fcnftige Gesellschaft konfrontiert wird, was f\u00fcr Probleme sie wird l\u00f6sen m\u00fcssen. Wir wissen, dass es ethnische Fehden noch lange vor dem Staat gab. Es wird sie auch nach seiner Abschaffung geben. Als Erbe der Staatenwelt bekommen wir solche Weltgegenden, wo mensch sich ein friedliches Zusammenleben von JudInnen und AraberInnen, ArmenierInnen und AserbaidschanerInnen, TschetschenierInnen und RussInnen nicht ein mal denken kann. Konzentrationslager, S\u00e4uberungen und \u201eSicherheitszonen\u201c \u2013 das sind die Methoden einer endg\u00fcltigen L\u00f6sung aller nationaler Fragen, \u00fcber die die Staaten verf\u00fcgen. Es gibt aber noch eine andere Methode. Sie besteht in der endg\u00fcltigen L\u00f6sung der Herrschaftsfrage mittels internationaler Solidarit\u00e4t, Selbstverwaltung und Selbstorganisierung auf allen Ebenen. Staatlicher V\u00f6lkermord oder Anarchie \u2013 die Frage stellt sich heute so. In der Vereinigung der antifaschistischen mit der anarchistischen Bewegung um die Prinzipien des Anarchismus herum liegt der Schl\u00fcssel zu unserem Sieg.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><i>Aus dem Russischen.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><i>Ver\u00f6ffentlicht in der Zeitschrift \u201eIgel\u201c, Dezember 2005<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/piter.anarhist.org\/herbert01.htm\">http:\/\/piter.anarhist.org\/herbert01.htm<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herbert Maridze [Wir dokumentieren weiterhin Bemerkenswertes aus den Diskussionen, die mensch in der anarchistischen Bewegung Russlands f\u00fchrte, besonders weil es wieder mal mit Tschetschenien zu tun hat. 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