ISF: Aktualität und Notwendigkeit des Kommunismus

[Und noch ein alter Text des ISF aus Freiburg. Weil halt! – liberadio]

Kommunismus ist der Traum allseitiger Emanzipation des Menschen, die Sehnsucht nach dem Ende aller Verhältnisse, in denen der Mensch ein unterdrücktes und beherrschtes, ein jämmerliches Wesen ist. Er ist der Traum von einer Sache, zu der nicht nur der Begriff, sondern die soziale Kraft, die ihn mittels revolutionärer Praxis ins Werk setzen könnte, abhanden gekommen ist. Aber die aktuelle Unmöglichkeit des Kommunismus ist nur dem Philister ein Beweis gegen seine Notwendigkeit.

Kommunismus bezeichnet die grundlegende Voraussetzung dafür, daß die Gesellschaft sich zum Besseren wendet und daß es mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse der Ausbeutung und des Unrechts aufzuheben, endlich ein Ende hat. Kommunismus ist zuallererst die Produktion der gesellschaftlichen Verkehrsform selber.

Eines der wesentlichen Prinzipien des Kommunismus, worin er sich von jedem Sozialdemokratismus oder ökologischen Reformismus unterscheidet, besteht darin, daß die Unterschiede des Kopfes und der intellektuellen Fähigkeiten keine Unterschiede der Bedürfnisse bedingen; daß also der falsche, auf unsere falschen Verhältnisse gegründete Satz: Jedem nach seiner Leistung, jedem nach seinen Fähigkeiten, sofern er sich auf die Berechtigung zum Genuß bezieht, umgewandelt werden muß in den Satz: Jedem nach seinem Bedürfnis. Es ist das zentrale Prinzip des Kommunismus, daß die Verschiedenheit in den Tätigkeiten und Fähigkeiten keine Ungleichheit, kein Vorrecht des Besitzes und Genusses begründen kann. Der Kommunismus setzt einem Zustand das gerechte Ende, dem Hunger kein Grund zur Produktion darstellt und das Bedürfnis keinen Anlaß, es anders als nach Maßgabe des Geldbeutels zu befriedigen. Kommunismus ist Gleichheit ohne Gleichschaltung, Freiheit ohne Gesetz, ohne despotische Unterscheidung von ,wahren’ und ‚falschen’ Bedürfnissen. Kapitalismus ist Diktatur über die Bedürfnisse, Kommunismus Diktatur der Bedürfnisse über die Produktion.

Der Kommunismus gründet diese Forderung in der Kritik des Kapitals und der Arbeit. Er fordert die Aufhebung des Kapitals und der individuellen Aneignung des gesellschaftlichen Reichtums, er ist die Forderung nach Abschaffung der Arbeit und nach Durchsetzung des Rechts auf Faulheit. Er ist nicht, wie die Volksmeinung im Verein mit der Praxis des realen Staatssozialismus glauben macht, die bessere Verwaltung der Arbeit und die Gerechtigkeit allein in der Verteilung der Produkte. Freiheit ist nicht kapitalistische oder realsozialistische Verwandlung der Gesellschaft in eine Fabrik. Arbeit ist Zwang, nicht erstes Bedürfnis. Der Kommunismus klagt nicht das Recht auf Arbeit ein, sondern die Abschaffung der Arbeit. Er führt nicht den Kampf für den allgemeinen Arbeitszwang, sondern für die Verallgemeinerung von Luxus und für die Befreiung von Arbeit und Ökonomie. Kommunismus ist nichts anderes als der durchgeführte gesellschaftliche Genuß.

Der Kommunismus erheischt sich nicht zu wissen, was ,dem Menschen’ gut tut. Was aus der eigentlichen Menschennatur’ das Rechte wäre, ist ihm gleichgültig. Ihm genügt das Wissen um die Praxis der Abschaffung der sozial organisierten Verhinderung des Glücks. Daher verfügt der Kommunismus nicht über ein Patentrezept zur Herstellung des guten, wahren, schönen Menschen’; er weiß nicht, was, der Mensch’ ist und was er sein sollte. Den ,Sinn des Lebens’ überläßt er gratis den Pfaffen und begnügt sich damit, die Unmenschlichkeit zu denunzieren. Der Mensch ist dem Kommunismus egal, weil es ihm um die Menschen geht.

Das kommunistische Prinzip, daß die Verschiedenheit der Tätigkeiten, ob in der Fabrik oder im Büro, ob als Müllmann oder als Professor, keinen Unterschied im Recht auf Genuß und Faulheit rechtfertigen kann, ist keine Anthropologie, sondern einfaches Resultat dessen, daß es Menschen sind, die arbeiten. Die Wahrheit des Kommunismus ist einfach: Das Schwierige ist nur, ihn zu verwirklichen.

Die Kritik der repressiven Gleichheit aller, wie sie hergestellt wird durch die Diktatur des Kapitals, gründet darin, daß nicht einzusehen ist, daß die Freiheit des Einzelnen nur so weit reichen soll wie er sein Bedürfnis in Nachfrage übersetzen kann. Die kapitalistische Freiheit ist nur eine höhere Form der Diktatur des Sortiments.

Die Ökonomie des Kommunismus ist die Ökonomie der Zeit, einer Zeit, deren Verausgabung nicht abstrakt in Geld und Wert, sondern konkret am Nutzen der erzeugten Gebrauchswerte gemessen wird.

Die Ökonomie der Zeit will nicht den Zwang zur Rationalisierung, sondern die Transparenz der Ökonomie für die Produzenten des gesellschaftlichen Reichtums. Die Einsparung dient nicht der Profitakkumulation, sondern der Befreiung zur konkreten Praxis. Es ist nicht einzusehen warum die Lebenszeit des einen mehr wert sein soll als die des anderen, wo doch das Leben selber, ‘wert’-los ist, sich nicht in Geld messen läßt, sondern einzig nach dem subjektiven und individuellen Bedürfnis. Ob es vernünftig ist, den ,Sinn des Lebens’ darin zu sehen, in der Badewanne Kriminalromane zu lesen, Skat zu spielen, zu saufen und zu vögeln – diese Frage ist selber sinnlos.

Der Kommunismus geht davon aus, daß die Menschen keinen Lebenssinn brauchen, sondern ein angenehmes Leben. Der Kommunismus kritisiert nicht das mühelose Einkommen ohne Arbeit, sondern fordert es für alle.

Der Kommunismus opponiert gegen die Fetische von Kapital und Staat, von Arbeit und Natur. Die Glaubenssätze des Liberalismus und der Sozialdemokratie, das Kruzifix der Konservativen oder der Ökologen interessiert ihn nur als Maßstab gesellschaftlicher Verblendung. Die kommunistische Gleichheit ist nicht die Gleichheit vor dem Geld, nicht die vor dem Gesetz, nicht die Gleichheit der Unterordnung unter den Zwang, das Leben zu verdienen oder es in stumpfer Harmonie mit der Natur zu fristen.

Im Unterschied zum sozialdemokratischen Staats- wie zum staatssozialistischen Arbeitsfetischismus ist der Kommunismus die Kritik der Verstaatsbürgerlichung wie der Proletarisierung der Menschheit. Nicht Befreiung durch den Staat, sondern Befreiung vom Staat als der Abschaffung des gesellschaftlichen Gewaltapparates ist sein Programm. Das sozialdemokratische Hobby, den Staat durch Legalität, Demokratisierung, Parlamentarismus zu dressieren, den Leviathan als Haustier zu halten, ist dem Kommunismus grober Unfug: Wem es nicht um die Aufhebung der Staatsform, sondern um die Verbesserung der Regierungsform geht, wer Reform oder Revolution im Austausch der Eliten enden läßt, erliegt der Illusion des Legalismus und produziert, wie in Chile 1973, seinen eigenen Untergang. Die blinde Hoffnung, eine Mehrheit im Parlament garantiere gesellschaftlichen Wandel, übersieht, daß Souveränität bedeutet, über den Ausnahmezustand zu entscheiden, nicht aber, diesen parlamentarisch zu verwalten.

In anderer Gestalt verstärkt der Staatsfetisch die liberalen oder konservativen Halluzinationen vom Markt als einem Ort ausgleichender Gerechtigkeit in der Politik. Aber, wie dem Staatsreformer die Doppelnatur des Staates, Rechts- oder Sozialstaat zu sein, ein Buch mit sieben Siegeln ist, so ist dem Bürger seine eigene Ökonomie ein Rätsel. Die Bewegungsgesetze seiner Ökonomie sind ihm ein größeres Mysterium als den Katholiken das Wunder der Blutverflüssigung, und astrologische Konjunkturberatung ist längst zuverlässiger als das Jahresgutachten des Sachverständigenrates und daher auch beim Finanzamt als normale Betriebsausgabe steuerlich absetzbar. Der Bürger fürchtet zwar die Plan-Wirtschaft wie der Teufel das Weihwasser – steht er aber vor der Pleite, dann schämt er sich nicht, umstandslos nach dem ,starken Staat’ zu rufen.

Im Unterschied zum ökologischen Naturfetischismus schließlich bezweckt der Kommunismus nicht die Verwandlung der Menschen in Asketen und Landschaftsschützer oder gar die Bekämpfung des Menschen als eines Schädlings und Parasiten im ökologischen Kreislauf, sondern er kritisiert das Denken von der Natur als einer Ware, als einer scheinbar kostenlosen Voraussetzung der Kapitalproduktion.

Kommunismus ist die Kritik der Herrschaft von Menschen über Menschen, Kritik der Unterordnung und Ausbeutung, die ihren Kern wie die Quelle ihrer ständigen Erneuerung und Reproduktion im Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital findet. Der Kapitalismus ist das Integral all jener Herrschaftsformen, all jener Methoden der Verwandlung des Menschen in einen leiblichen Behälter der Arbeitskraft, in einen mit der Fähigkeit zu arbeiten begabten lebenden Leichnam, die die bisherige Geschichte hervorgebracht hat. Das Kapital hat sich die überkommenen Formen der Ausbeutung angeeignet und – vom Patriarchat bis hin zur Sklaverei und Zwangsarbeit – in die Bedingungen seiner eigenen Existenz verwandelt. Die losgelassene Produktion um des – Profits willen, die end- und zwecklose Selbstverwertung des Kapitals reproduziert beständig alle vergangenen Formen von Herrschaft.

Jeder kapitalistische Fortschritt ist einer mehr in den Abgrund hinein. Die Dialektik der kapitalistischen Entwicklung hat erwiesen, daß der systemsprengende, mit der Befreiung der Arbeiterklasse das Ende aller Klassenherrschaft bewirkende Antagonismus von Lohnarbeit und Kapital auf einen einfachen, innersystematischen Gegensatz zurückgedreht wird – wenn der historische Moment proletarischer Revolution verpaßt ist. Der Klassenkampf wird zum Motor der kapitalistischen Akkumulation; er mutiert zum einfachen Element der Systemdynamik. Die Arbeiterklasse verwandelt sich in den Stand der zeitweilig mit produktiven Funktionen betrauten Staatsbürger, deren ökonomische oder politische Bewegungen dem Kapital die Existenzbedingungen aufzwingen. Denn das Kapital, das als eine mit eigenem Willen begabte Einheit gar nicht existiert und nur als die Summe privater, bornierter Einzelkapitale in der Konkurrenz sich bewegt, tendiert zur Ruinierung seiner Lebensquelle, der lebendigen Arbeit. Erst die kollektive Aktion der Lohnarbeiter für tariflichen oder gesetzlichen Schutz zwingt ihm die Bedingungen seiner Selbsterhaltung auf. So vielfältig die Aktionen – für Arbeitszeitbegrenzungen, für Existenzminimum, für soziale Sicherung usw. – sind, so einfältig ist ihr objektives Ergebnis: Ermächtigung des Staates, als Gesamtkapitalist die allgemeinen kapitalistischen Geschäftsbedingungen zu ratifizieren.

Das Kapital reproduziert sich über seinen nur vermeintlichen Widerspruch und es bestätigt sich darin traurig die Wahrheit der Marxschen Analyse, nach der die Interessen des Kapitals und der Lohnarbeit zwei Seiten eines und desselben Verhältnisses sind. „Die eine bedingt die andere, wie der Wucherer und der Verschwender sich gegenseitig bedingen,“ Der Klassenkampf ist die auf Grundlage der Monetarisierung und Verrechtlichung der Bedürfnisse funktionierende, innere Logik und Lebenskraft der Ausbeutungsverhältnisse. Seine offiziellen Verwalter, die Gewerkschaften, handeln mit der Arbeitskraft so, wie andere Monopolkonzerne mit Kühlschränken oder Kanonen.

Die eigentlich antagonistische Dialektik herrscht zwischen ,Natur’ als der Grundlage menschlicher Gesellschaft überhaupt und ihrer kapitalistisch ins Werk gesetzten profitablen Zerstörung. Das Kapital untergräbt so die mögliche Freiheit. Die Gesellschaft, zum Block formiert, konfrontiert sich mit der Natur und führt den Krieg der blinden Selbsterhaltung bis aufs Messer. An der Natur zerstört sie sich schließlich selbst; die Verwüstung des Planeten geht Hand in Hand mit der Verwüstung des Menschen und seiner Fähigkeit, den gesellschaftlichen Reichtum revolutionär sich anzueignen und vom Krieg zur Allianz mit der Natur überzugehen.

Die Wahrheit dieses Naturbegriffes ist das Maß der Unwahrheit ökologisch inspirierter Politik. Die Wahrheit, daß der Stoff allen gesellschaftlichen Reichtums Naturstoff und die menschliche Arbeit nicht den Urheber, sondern nur die Formung und Aneignung dieses Reichtums darstellt, die Wahrheit also, daß Natur die Bedingung von Gesellschaft überhaupt ist und Gesellschaft also Teil der Natur – diese Erkenntnis wird zu der ökologischen Lüge, die Unterjochung der Natur sei das Werk einer klassenlosen Gesellschaft von sechzig Millionen losgelassenen Egoisten, die bei sich selbst mit dem Naturschutz anzufangen hätten. Naturbeherrschung ist unmöglich ohne Menschenbeherrschung, die produktive Zerstörung der Natur hat die Beherrschung der menschlichen Natur zur Voraussetzung. Naturzerstörung setzt Menschenzerstörung, ihre Verwandlung in lebende Leichname voraus – und denen ist es auch folglich herzlich egal, ob sie nach der Mechanei am Fließband noch im sauren Regen nach Hause gehen müssen.

In der ökologisch inspirierten Politik wird das Leben zur Mystifizierung des Lebens, ihr wird das bloße Überleben zum Sinn des Lebens selber. Die Verschleierung beginnt mit der Illusion, der gesellschaftliche Krieg gegen die Natur sei ohne die Klassenspaltung der Gesellschaft, ohne die Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit, ohne Herrschaft und Ausbeutung wirklich möglich. Sie setzt an den Resultaten an, ohne je bis zu den Ursachen vorzustoßen.

Die Wahrheit der allgemeinen Bedrohung der Gattung Mensch wird der ökologisch inspirierten Politik zur Unwahrheit eines übergreifenden Interesses am Erhalt der Gattung. Darin wiederholt dieses Denken alle Fetische der bürgerlichen Gesellschaft. Ökologie, als politische Praxis betrachtet, ist eine Art negativer Liberalismus, der sich zur autonomen politischen Bewegung organisiert hat und im Appell zur Lebensreform, zur Geistrevolution ohne Klassenkampf, seinen natürlichen politischen Ausdruck findet: ,Gemeinnutz geht vor Eigennutz’.

Mit der Hegemonie der grünen Politik über die kümmerlichen Restbestände sozialrevolutionärer Opposition hat sich die Tyrannei des Ge-dächtnisverlusts und des notorisch guten, aber unbelehrbaren Willens -1968 für einen historischen Augenblick erschüttert – erneut etabliert. Reale Emanzipation durch Aufhebung der Klassengesellschaft ist ausgetauscht durch die halluzinierte Allgemeinheit eines Gattungsinteresses am Überleben. ,ÖkoPax’ – das Kartell der Oberstudienräte, frustrierten Gewerkschafter, Tierschützer, ,,wirklichen’ Sozialdemokraten, der abgehalfterten

Sozialisten, die „an Marx nicht mehr glauben“, aber nicht fragen, ob dieser Glaube jemals vernünftig war, der Menschen guten Willens also, die überhaupt nur irgendeinen Glauben glauben wollen und einen Sinn dazu – diese Einheitsfront der freundlichen Idealisten mit unverkennbar völkischem Einschlag hat die Aufhebung revolutionärer Politik in liebesduselige Caritas vollbracht.

Die fiktive Klassenlosigkeit des ökologischen Interesses spiegelt nur die negative Klassenlosigkeit der bürgerlichen Gesellschaft selber, die Aufhebung der Arbeiterklasse auf dem Boden und mit den Mitteln der bürgerlichen Gesellschaft. Dieser Zustand, der die Spitze der Entfremdung, die Veralltäglichung der Barbarei bezeichnet, ist der Ökologie Gelegenheit, die allgemeine Menschheitsverbrüderung zu feiern. Ökologie ist Liberalismus ohne das geheime Wissen um seine Hinfälligkeit: frisch, fromm, fröhlich, unfrei.

Fiktionierte Klassenlosigkeit ist das fraglose Fundament des ökologischen Neo-Liberalismus und bestimmt Denken wie Politik seiner Hauptfraktionen. An die Stelle der liberalen Gleichheit im Markt, der konservativen oder sozialdemokratischen vor Staat und Gesetz tritt die vor der Natur. Staatsbornierte Realpolitik, die dem fatalen Traum vom Parlament als Zentrum von Herrschaft anhängt, oder völkisch inspirierter, mit dem therapeutischen Okkultismus verschwisterter Fundamentalismus: Die Strömungen der „Grünen“ wiederholen die ältesten bürgerlichen Marotten, als seien sie originell und wahr. Die ,Neuen Sozialen Bewegungen’, die wähnen, sich quer zur Klassenlage zu formieren und das Allgemeine zu vertreten, d.h. die Lobby der ungeborenen Robbenbabies und des deutschen Waldes zu sein, sind ein Symptom der Stabilität von Herrschaft – nicht Therapie, sondern Teil des Übels, nicht Ende der Verwandlung der Menschen in Lohnarbeiter, sondern dessen Radikalisierung vom gesellschaftlichen zum natürlichen Charakter.

Demgegenüber ist die Aktualität des Kommunismus paradox. Die Notwendigkeit der Revolution befindet sich im umgekehrt proportionalen Verhältnis zu ihrer Möglichkeit. Der kategorische Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist, ist zum bloßen Traum einer Sache geworden, die niemand mehr begreifen mag. Die Aktualität der Forderung „Jedem nach seinem Bedürfnis“ – realisierbar nur durch die Aufhebung der Lohnarbeit, durch das Recht auf Faulheit – ist im offiziellen wie alternativen Bewußtsein der Gegenwart nur ein sympathischer Anachronismus. Die bürgerliche Gesellschaft hat den Kommunismus ins Museum gestellt; der Klassenkampf ist beendet, ohne ausgekämpft zu sein, und dieses negative Ende wirkt fort in der unendlichen Geschichte von Menschenbeherrschung und Naturzerstörung. Im blinden Wahn gegen das konkrete Leben wütet die bürgerliche Gesellschaft, die sich ihrer Macht sicher ist.

Aber die Aktualität des Kommunismus behauptet sich in der Wahrheit, daß es keine Ermächtigung ist, das Falsche zu tun, nur weil das Richtige nicht, noch nicht gehen mag. Der Kommunismus, daran gehindert, von der theoretischen in die praktische Kritik von Kapital und Staat umzuschlagen und die Waffe der Kritik mit der Kritik der Waffen zu vertauschen, findet seine unfreiwillige Praxis in der Denunziation des Falschen.

November 1985

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