Archive for March, 2017

Ӝ Ӝ Ӝ

von Ndejra

Liebe und Geduld, das ist das wahre Geschrei der Hyänen;

o, sie wissen so schrecklich zu winseln, wenn sie diese

Worte uns zurufen, sie wissen die ganze Tonleiter der

Wut dabei so geschickt zu durchlaufen, dass wir vor

diesem Widerspruch der Frechheit allen Respekt bekommen.

Bruno Bauer, „Theologische Schamlosigkeiten“

Der Gerichtswachhund, der bis dahin drei Stunden lang mit

trauriger, gequälter Schnauze neben unserem Käfig gesessen

hatte, spannte sich plötzlich an, krümmte sich leicht krampfend

und kotzte schließlich in einem großen Schwall auf das

Parkett des Gerichtssaals. (…) Den Rest des Prozesstages

beobachteten wir den Hund mitleidig. Das Erbrochene wurde

erst nach drei Stunden entfernt. Wer weiß, vielleicht hatte

man darin ein Zeichen Gottes gesehen.

Nadja Tolokonnikowa über den Prozess gegen Pussy Riot,

„Anleitung für eine Revolution“

Die ROK und ihre 1993 ins Leben gerufene „Weltversammlung des russischen Volkes“ (WdrV) – laut Selbstbezeichnung die mächtigste zivilgesellschaftliche Organisation in Russland – sind wohl die prominentesten Kehlen, die heute die Mixtur aus politischer Reaktion, ukrainischem, syrischem, tschetschenischem und nicht zuletzt russischem Schlamm und Blut lautstark gurgeln. Alle anderen, seien es Verschwörungstheoretiker vom Staatsfernsehen Dmitry Kisseljow, die letzten öffentlich wahrnehmbaren Untoten der untergegangenen Nationalbolschewistischen Partei, Sachar Prilepin und Eduard Limonow, oder der möchtegern-adelige Großgrundbesitzer und Filmemacher Nikita Michalkow retranslieren nur für jeweils ihre Publikumssegmente, was ihnen die Regimeideologen vorbeten. Selbst der nach zurückhaltender Kritik an der vorsichtigen Vorgehensweise Putins in Sachen Ukraine1 in Ungnade gefallene Alexander Dugin darf seine „Geopolitik“ beim privaten religiösen TV-Sender „Zargrad“ weiterhin predigen, gehört also immer noch zu diesem medialen Netzwerk. Doch in letzter Zeit fangen zunehmend Vertreter der Kirche selbst an, die Öffentlichkeit mit ihren kruden Ansichten zu konfrontieren. Neben den skandalösen Äußerungen, die im ersten Teil dargestellt wurden, sei an den relativ neuen Vorstoß erinnert, als der dagestanische Mufti die weibliche Genitalverstümmelung in muslimischen Gegenden Russland verteidigte und lautstarke Unterstützung seitens der ROK erfuhr2. So übernimmt wenn nicht die hohe Geistlichkeit selbst, dann wenigstens ihr Pressesprecher nach und nach die Rolle, die früher nur von faschistoiden Politclowns à la Wladimir Schirinowski gespielt wurde und mit der Strategie der AfD-Funktionäre vergleichbar ist, die den öffentlichen Diskurs danach ausloten, was momentan sagbar ist und was nicht. Im Nachhinein ist es ggf. „selbstverständlich nicht so gemeint“ gewesen. (more…)

Ӝ Ӝ

von Ndejra

Je älter die Ansichten und die sie predigenden Menschen

sind, desto näher liegen sie für ihn in der Zeit, wo die

Religion „geoffenbart“ wurde, desto zuverlässiger erscheinen

sie ihm also. Dazu kommt, dass der Mensch sich immer an etwas

Konkretes, Wahrnehmbares halten muss, weshalb er den

Respekt vor dem Göttlichen auch auf dessen Diener und

Stellvertreter aller Sorten ausdehnt. Da nun letztere

Seinesgleichen sind, so gerät er in den komischen Widerspruch,

seinesgleichen für gescheiter und vertrauenswerter zu

halten als sich selbst. So wuchert die Herrschaft des

Menschen über den Menschen, die Autorität in jeder Form

und damit die Grundbedingung aller Knechtschaft und

Vormundschaft empor! Aberglaube für die Ansichten der

Eltern, der Lehrer, der Pfaffen auf Kanzel und Katheder,

der Fürsten und der Beamten, das alles sind Früchte des

religiösen Giftbaumes! (…) Wie wäre es sonst möglich, dass

bei sogenannten Religionslosen noch Autoritätsglaube und

Staatskultus in Hülle und Fülle anzutreffen sind, obwohl solche

Narrheiten auf der Voraussetzung, dass es zwei Intelligenzen

in der belebten Welt gebe, beruhen, und daher nur im

religiösen Wahn ihre Existenzberechtigung suchen können?

Johann Most, „Früchte des Gottesglaubens“

Die Seele Russlands ist eine Christin,

das Volk aber ist Stalinist.

Alexander Prochanow1

 

Die orthodoxe Kirche, die weltweite christliche Orthodoxie ist eine Gemeinschaft von einzelnen Landeskirchen, die dem Glaubenssymbol von Nikäa anhängen und miteinander eucharistisch (d.h. Priester zweier verschiedener Kirchen können zusammen eine Messe abhalten) verkehren. Die christlichen Orthodoxen halten sich für die einzig wahren Nachfolgen der Kirche Jesu und somit für die einzig wahren Katholiken (und die Katholizität bedeutet nichts anderes, als dass die Kirche für sich eine räumliche und zeitliche Einheit beansprucht, d.h. es wird nicht nur eine weltweite Einheitlichkeit postuliert, sondern auch eine direkte Verbundenheit mit den historischen urchristlichen Gemeinden). Der größte und bedeutendste Verband der Kirchen, die sich um die Konstantinopeler Kirche gruppieren besteht z.Z aus 15 autokephalen Kirchen: (more…)